Klimawandel: Joberwärmung

Die globale Temperaturveränderung führt nicht nur zu vermehrten Naturkatastrophen und zum Anstieg des Meeresspiegels, sie verschafft auch zahlreichen Branchen kräftigen wirtschaftlichen Aufwind und heizt die Nachfrage nach speziellen Berufen an.

Anfang März und noch immer kein Winter in Sicht, Kyrill, Olli & Co pusten Bäume um und decken Dächer ab, US-Präsident George W. Bush reiht den Klimawandel in die Achse des Bösen ein, und die UNO sagt erstmals klar, dass das Umweltschlamassel allein vom Menschen verursacht ist.

Ein breiter Gesinnungswandel scheint einzusetzen, um die Erde und deren Bewohner zu retten. Grundtenor: Es gibt genug zu tun, wenn wir uns die Welt nicht in kürzester Zeit um die Ohren fegen lassen wollen. Positiver Nebeneffekt: Einige Branchen können davon saftig profitieren!

Messen und warnen. Lange Zeit waren es nur Öko-Aktivisten, die vor dem „Klimakollaps“ warnten. Inzwischen macht sich aber auch zunehmend in den Chefetagen der Unternehmen Unruhe breit. Laut einer Studie von PricewaterhouseCoopers sehen 40 Prozent der Topmanager die globale Erwärmung als eine Bedrohung für das Wachstum ihrer Unternehmen.

Im Mittelpunkt des Interesses stehen nun vor allem jene, die sich mit der intensiven Erforschung des Klimas auseinandersetzen und Wetterkapriolen und ihre Auswirkungen möglichst präzise und rechtzeitig vorhersagen können. Klimaforscher und Meteorologen sind die neuen Auguren, Sternwarten und Wetterstationen werden den Status des antiken Orakels von Delphi bekommen.

„Derzeit entstehen neue Berufsbilder vor allem im hoch und höchstqualifizierten Bereich“, weiß Stefan Humpl von der 3s Unternehmensberatung GmbH, „da es sich eher um zukunftsgerichtete Fragestellungen an die Klimatologie, Meteorologie und Technik handelt, die direkt mit der Klimawandeldiskussion verbunden sind.“

So liefert etwa das derzeit kleinste Departement der TU Wien die wichtigsten Daten zur Klimaforschung. „Wir haben nur 25 bis 30 Studenten im Jahr am Institut, dafür haben wir die meisten internationalen Kooperationen und Kontakte und bekommen pro Woche mindestens ein Jobangebot auf den Tisch, das wir meist nicht erfüllen können“, berichtet Harald Schuh, Vorstand des Instituts für Geodäsie und Geophysik. Geodäsie ist die Vermessung der Erde und der Erdoberfläche. Der Meeresspiegelanstieg kann beispielsweise ausschließlich mit geodätischen Werten gemessen werden. „Wir liefern die wichtigsten Daten zur Klimaforschung und sind auf internationaler Ebene eines der bestvernetzten Institute, arbeiten mit Weltraumorganisationen, Ozeanografen und vor Ort natürlich eng mit der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik zusammen“, sagt Schuh, der auch mit der NASA beste Kontakte pflegt. Er ist davon überzeugt, dass sich sowohl die Forschungsaktivitäten als auch die Einrichtung von Frühwarnsystemen noch massiv verstärken werden.

Aber nicht nur das Phänomen des Klimawandels an sich, sondern auch der Umgang damit schafft reiche Betätigungsfelder. „Es werden sich große politische, soziale und technische Veränderungen ergeben“, ist 3s Unternehmensberater Humpl überzeugt.

Ökonomen haben analysiert, wie die globale Klimaerwärmung die Weltwirtschaft und Kapitalmärkte beeinflussen wird. Wenn nicht sofort gehandelt werde, könnte die weltweite Wirtschaftskraft um 20 Prozent sinken, hat zum Beispiel der Brite Sir Nicolas Stern, früher Chefökonom der Weltbank, ausgerechnet. Um dies zu verhindern, müsste jährlich ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den Kampf gegen den Klimawandel investiert werden.

Dieses Geld könnte für eine neue „grüne Welle“ sorgen. Vor allem für Anbieter von erneuerbaren Energien und Energiespartechnologien sind die Zukunftsperspektiven viel versprechend.

Neue Kraft voraus. Eine Versechsfachung der Nutzung erneuerbarer Energie innerhalb von zwölf Jahren hat sich die Europäische Union zum Ziel gesetzt. „Wir haben in unserem Bereich in ganz Europa jährliche Zuwachsraten von über 20 Prozent. Damit liegt die Windenergie bereits Kopf an Kopf mit den Gaskraftwerken“, freut sich Stefan Hantsch, Geschäftsführer der IG Windkraft. In Österreich wurde allein bei Windkraft in den letzten Jahren ein Investitionsvolumen von 1,3 Milliarden Euro umgesetzt. Im Hinblick auf das derzeit seiner Meinung nach noch restriktive Ökostromgesetz meint Hantsch: „Wir hoffen nun auf bessere Rahmenbedingungen, dann könnten wir bis 2015 die Windenergie verdreifachen.“ Arbeitsplätze fallen dann bei der Errichtung – also in der Bauwirtschaft – an, beim Ausbau der Netzinfrastruktur und bei den Komponentenzulieferern.

Das Interesse an einer fundierten Ausbildung ist daher besonders im Sektor der erneuerbaren Energie zu spüren. „Das merkt man schon, wenn die Bewerber argumentieren, warum es für sie ein Ansporn ist, das zu studieren“, erzählt Martina Prechtl, Initiatorin des Universitätslehrgangs Erneuerbare Energie des Energieparks Bruck/Leitha. Der Lehrgang wird gemeinsam mit der TU Wien und Partneruniversitäten in Ungarn und der Slowakei angeboten. Der erste Kurs geht seinem Ende zu, der zweite ist schon ausgebucht. Interessiert sind – laut Prechtl – vor allem Energieversorger, Anlagenhersteller, aber auch die Regionalentwicklung und der Finanzbereich. „Wir haben immer wieder Anfragen aus der Wirtschaft, ob wir Stellenangebote an unsere Studenten weitergeben können.“

Gefragte Energieträger und Jobbringer sind aber nicht nur Wind und Sonne, sondern auch Biomasse. Eine kräftige Herausforderung für Land- und Forstwirtschaft. „Bei den alternativen Energieformen wird die Biomasse mit großem Abstand vorne liegen. Wir haben jetzt in jedem Forstbetrieb österreichweit eine eigene Fachkraft für Biomasse aufgenommen. Das ist eine große Ausnahme, denn an sich hat die Forstwirtschaft seit den fünfziger Jahren permanent Leute abgebaut“, berichtet Georg Erlacher, Vorstand der Österreichischen Bundesforste (ÖBf). Die Biomasse wird allerdings so einen Boom erleben, ist der ÖBf-Chef überzeugt, dass sie auch auf landwirtschaftlichen Flächen geerntet werden wird: „Für die so genannten Kurzumtriebsflächen werden rein rechtlich nur landwirtschaftliche Flächen herangezogen.“ Dort werden klassisch Pappel und Weiden ausgesetzt werden, die man schon nach fünf bis acht Jahren erntet. Das Erscheinungsbild der Landschaft wird sich dadurch total verändern.

Herbert Weingartmann, Professor an der Universität für Bodenkultur (BOKU) und Leiter des Departement für nachhaltige Agrarsysteme, registriert nicht nur den verstärkten Zulauf an der BOKU insgesamt und auch im agrarwissenschaftlichen Bereich, sondern auch das zunehmende Interesse der Studierenden an Nachhaltigkeit und Klimawandel. Rund 200 Erstsemestrige betreut er unter insgesamt 2500 Studierenden: „Ein großer Teil davon geht in Bildungseinrichtungen im ländlichen Raum, die Nachfrage ist viel größer, als die Agrarquote bei uns ist. Ein Teil der Studenten geht in den Bereich erneuerbare Energie, speziell Biomasse, oder engagiert sich nach dem Studium in Entwicklungsländern, weil sie klar erkennen, dass dort Ursachen des Klimawandels, aber auch dessen stärkste Auswirkungen zu finden sind.“

Bauen und helfen. Die klimatische Veränderung auf der Erde zieht Naturkatastrophen nach sich – mit Schä-den für Menschen und Umwelt, die auch finanziell gesehen verheerend sind. „Im Jahr 2002 betrug der weltweite volkswirtschaftliche Schaden durch Naturkatastrophen 55 Milliarden US-Dollar“, so Professor Wolfgang Seiler, Leiter des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen. „Doch Schätzungen zufolge könnte der Schaden im Jahr 2050 schon 2000 Milliarden US-Dollar betragen.“

Als Gewinnerbranchen des Klimawandels sieht Credit-Suisse-Investmentstratege Philipp Vorndran die Bauindustrie: „Die notwendige Verbesserung der Energieeffizienz, die Ergreifung von Schutzmaßnahmen und der Anstieg von Infrastrukturprojekten dürften die Baubranche begünstigen.“ Eine Sichtweise, die auch die ehemalige grüne Abgeordnete Monika Langthaler, geschäftsführende Gesellschafterin des Beratungsunternehmens brainbows, teilt: „Die Baubranche wird in jedem Fall profitieren, sei es durch den umfassenden Hochwasserschutz oder andere Schutzbauten, die viele Regionen brauchen, andererseits durch die weltweite Modernisierung des Kraftwerksparks. Die EU schätzt allein für Europa einen Investitionsbedarf für die nächsten 25 Jahre von 1000 Milliarden Euro.“

Anja Hartmann von McKinsey rechnet vor: „Europas Stromerzeuger werden bis 2020 rund eine halbe Billion Euro in neue Kraftwerke und Transportleitungen investieren.“ Damit haben auch Kraftwerksplaner und natürlich Technologieunternehmen Aufwind.

Anders denken. Für neue Technologien, zur Steigerung der Energieeffizienz, zur Vermittlung von Grundsätzen der Nachhaltigkeit und vor allem für den Nachweis des verantwortungsvollen Handelns gegenüber den Aktionären, zu all dem wird es nach wie vor Berater brauchen: Industrieberater, PR-Berater, Unternehmensberater, Finanzberater, Technologieberater – die Beraterbranche hat ein neues Betätigungsfeld gefunden.

Alexandra Eremia, Verantwortliche für das Prozessdesign von „Solution“, der heurigen Konferenz der Studentenorganisation AIESEC, meint: „Nachhaltigkeit meint nicht notwendigerweise, andere Dinge zu tun, nur, dass man die Dinge anders tut!“

Neben einem Umdenken bei der Nachhaltigkeit, im Umweltmanagement und der Umwelttechnik wird auch dem Katastrophenmanagement verstärkte Aufmerksamkeit gelten. Soldaten, Feuerwehr und Hilfsorganisationen aller Art bekommen neue anspruchsvolle Aufgaben.

„Auch die Automobilindustrie wird nicht umhinkönnen, sich nach neuen Technologien im Antriebsbereich umzusehen“, meint Langthaler, denn: „Die Menschen werden ihre Mobilität nicht einschränken.“ Apropos Mobilität: Auch der Tourismus wird nicht aufhören, sich aber verlagern. Die großen Tourismusmärkte wandern nach Asien, von dort kommen bald die Reiseweltmeister. Und wenn man grenzenloses Vertrauen in die Technik hat, dann kommt das Wetter auf Bestellung auch von dort.

In China plant das „Komitee für Wetterbeeinflussung“ einen olympisch-blauen Himmel für die Eröffnung der Spiele 2008. Soldaten sollen drohendes Gewölk mithilfe schwerer Artillerie weit vor dem Stadion zum Abregnen bringen. Wetterkontrolle könnte nach bestandener Tauglichkeitsprüfung ein chinesischer Exportschlager werden!

Klimapolitisch korrekter kann der Urlauber mithilfe von „atmosfair“ reisen. Bei der Non-Profit-Organisation zahlt er eine Art Ausgleich für die Treibhausgase, die sein Flug verursacht. Wie viel, das entscheidet ein Emissionsrechner. Der ermittelt die fällige Summe aus Entfernung, Flughöhe und Warteschleifen. Das Geld –beim Transatlantikflug etwas mehr als beim innereuropäischen – wird in Klimaschutzprojekte gesteckt: Solarküchen in Indien, eine Müllverwertungsanlage in Rio. Kompensation für Klimagase oder fürs schlechte Gewissen? Wenn die derzeit noch freiwillige Kohlendioxid-Abgabe Schule macht, könnten die Flugkosten empfindlich steigen.

Der Klimawandel wird das Bedürfnis nach fernen Ländern nicht stoppen, nur umlenken. Vielleicht entwickelt sich die Ostsee eines Tages zu einem Mittelmeer-Ersatz. Vielleicht wird aus der Sehnsucht nach dem Süden eine Sehnsucht nach dem Norden. Dann könnten Strandkorb-Vermieter und Rettungsschwimmer dort boomende Berufe werden, die Reise ans Mittelmeer eher etwas für Extremurlauber.

von Martina Forsthuber

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente