Kindheit im Palais

Lesen Sie in dieser Coverstory, wie die Erste Bank in den letzten Jahren zu dem wurde, was sie heute ist, aber auch die erstaunliche Geschichte des Andreas Treichl. Von Anfang an. Wenn es etwas gibt, was der Vorstandsvorsitzende der Erste Bank AG hasst wie die Pest, dann ist das der Vergleich mit dem Vater. Sobald man nur antippt, kommen Sätze raus wie:
„Es geht einem auf die Nerven, wenn man immer mit dem Vater verglichen wird. Es geht mir jetzt auch auf die Nerven.“
„Ich bestehe darauf, dass wir eine stinknormale Familie sind. Aber es gibt Familienmitglieder, die das anders sehen.“
„Ich bin in erster Linie Banker geworden, um aus Österreich wegzukommen.“

Stinknormal ist der familiäre Hintergrund freilich nicht, egal, ob man an Gene oder an Prägung durchs Milieu glaubt. Im Treichl-Stammbaum der letzten zwei Jahrhunderte finden sich der Architekt Heinrich Ferstel, der Gründer des Ullstein Verlages und jede Menge Banker: ein Nationalbankpräsident, ein erfolgreicher Privatbankier im 19. Jahrhundert, Treichls Großvater, sein Bruder, vor allem aber der Vater, Heinrich Treichl, von 1970 bis 1981 eiserner Vorstandsvorsitzender der Creditanstalt.

Andreas Treichl und sein vier Jahre älterer Bruder Michael wachsen in einem Palais mit Park in der Salmgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk auf. Mutter Helga, eine Tochter aus der Verlegerdynastie Ullstein, ist Übersetzerin und überträgt 25 Bücher ins Deutsche, darunter Autoren wie Françoise Sagan. Die Söhne werden vor allem von ihr und dem Kindermädchen Tetta großgezogen, der Vater ist, wie damals üblich, selten da. Mal auf der Gamsjagd, meist in der Bank. „Mein Vater hat vielleicht zehn bis 15 Prozent seiner Zeit in der Bank verbracht“, meint heute Andreas Treichl. „Den Rest für Aufsichtsräte, Beteiligungen, Bankenverband, Gschaftlhubereien da und dort, hin und her.“

Die Erziehung ist durchaus streng. „Wir waren ein konservatives Ehepaar, haben die Kinder zur Leistung als Verpflichtung erzogen“, erinnert sich Heinrich Treichl, heute 91. „Sie sind privilegiert aufgewachsen und hatten ja nichts für die Zugehörigkeit zu dieser privilegierten Schicht getan.“
Michael ist ein miserabler Schüler, aber Liebling des Vaters, Andreas ein guter Schottengymnasiast und Mutterbub.
Wenn man die Wurzeln für den Ehrgeiz des Bankmanagers Andreas Treichl sucht, findet man sie wahrscheinlich in einer doppelten Konkurrenzsituation mit dem Vater und dem Bruder.

„Es ist für jeden Sohn schwierig, einen starken Vater zu haben, der nicht nur nett war. Die Fantasie ist, dass man die Liebe des Vaters nur gewinnen kann, wenn man Gleichwertiges leistet“, sagt Kommunikationschef Ikrath. „Andreas war doppelt gefordert, er musste sich auch gegen den Bruder durchsetzen.“

Bloß keine Schwäche zeigen. Als ein Sprössling aus der Wiener Aida-Konditorfamilie dem jungen Andreas Treichl ins Auto reinfährt, geht der nach Hause und legt sich mit gebrochenem Arm ins Bett, ohne dem Vater ein Wort zu sagen.

Beide Brüder schlagen die Bankkarriere ein. Michael Treichl, als Gymnasiast stets vom Durchfallen bedroht, absolviert die elitäre Harvard Business School und hat es mittlerweile zu einem beträchtlich größeren Vermögen als Andreas Treichl gebracht. Michael Treichl, der erst mit 51 geheiratet hat, lebt mit Frau Emma und den Kindern Charlotte und Maximilian auf Parnham House, einem repräsentativen Schloss im englischen Dorset. Er ist einer der Trust-Verwalter des riesigen Vermögens der amerikanischen Stahlindustriellen-Familie Bessemer. „Wir haben versucht, beide Kinder zur Bescheidenheit zu erziehen“, urteilt Vater Heinrich Treichl. „Bei Andreas ist das gelungen, bei Michael nicht.“
Amerika und bunte Vögel. Wir schreiben 1975. Andreas Treichl hat sein Volkswirtschaftsstudium an der Uni Wien absolviert und will weg aus dem Schatten des Vaters, aber anders als der Bruder nicht auf eine Business School. Die nächsten zehn Jahre lebt er mit kurzer Unterbrechung im Ausland: vier Jahre in Amerika, sechs in Belgien und Griechenland.

Nach kurzen Lehrzeiten bei Morgan Stanley, Citibank und der damals größten US-Bank in Familienbesitz, Brown Brothers Harryman, absolviert Treichl ein zwölfmonatiges „credit training“ bei der Chase Manhattan Bank. Chairman ist David Rockefeller, ein guter Freund des Vaters.

Die Chase wird für lange Jahre der Arbeitgeber Andreas Treichls, der erst in der Kreditabteilung der Bank in New York werkt, dann in Belgien Großkunden wie Goodyear oder Esso betreut und schließlich für zwei Jahre zur Chase-Dependance in Athen wechselt.

Ungewöhnlich war, dass Treichl seine Jungbankerkarriere für neun Monate unterbrach, was durchaus karrierehemmend hätte sein können, sich aber im Nachhinein als extrem nützlich erwies.

Mit 26 wird Treichl Wahlkampfmanager für Erhard Busek im Kampf ums Wiener Bürgermeisteramt. Einer der Gründe für das Wiener Engagement war auch, dass sich Treichl interessanterweise in Amerika nie recht wohl fühlte. Die Heimat des Neoliberalismus war für den neoliberalen Treichl nie ein Platz zum Wohlfühlen. Treichl: „In den USA hatte ich immer das Gefühl der absoluten Anonymität. Es ist eine Gesellschaft, wo man durch seine berufliche Tätigkeit in eine Kategorie hineingerät, aus der man nicht mehr rauskommt, und wo alles so groß ist, dass man nicht mehr das Gefühl hat, irgendwie mitgestalten zu können. Was mir in Amerika auf die Nerven gegangen ist und meine politischen Instinkte geweckt hat, ist die unglaubliche Konformität der Amerikaner.“
„Wenn man dort als Banker arbeitet“, führt Treichl weiter aus, dann wohnt man in einer bestimmten Gegend, alle kaufen sich die Anzüge im selben Geschäft, alle tragen dieselbe Hornbrille, sogar die Ehefrauen schauen gleich aus. Alle fahren mit denselben Autos, unglaublich. Die Selbstverwirklichung besteht in Amerika vor allem darin, Geld zu verdienen und erfolgreich zu sein. Das alleine ist für mich keine Triebfeder. Ich verdiene auch gerne Geld, aber es begeistert mich viel mehr, etwas gestalten zu können.“
Zu Erhard Buseks „Bunte Vögel“-Wahlkampftruppe zählen auch Ferry Maier, Alf Kraulitz und Michael Ikrath: „Ich war damals ES-Vorsitzender und habe den Andreas in einem Beisel als Busek-Mann kennen gelernt. Er bestellte einen besonders teuren Rotwein, um uns armen Studenten zu imponieren. Wir hatten damals das Gefühl, wir können der Welt einen Haxen ausreißen. Er würde heute wohl sagen, das war eine megageile Sache.“

Das Gastspiel in der Politik blieb nur ein erstes Zwischenspiel. Nach Jahren bei der Chase Manhattan Bank landet Andreas Treichl schließlich zum ersten Mal bei der Erste, wo er von 1983 bis 1986 von ÖVP-Mann und Erste-General Vinzenz Haumer als Bereichsleiter für Großkunden geholt wird.
„Als mein Vater 1981 in Pension gegangen ist, habe ich mir gedacht, jetzt würde ich gerne wieder nach Wien zurück. Ich wollte in Österreich nicht im Bankgeschäft arbeiten, solange mein Vater aktiv war. Es ist auch nachher noch oft genug passiert, dass irgendwer gesagt hat, ja das hat wohl der Vater für den Sohn gerichtet.“

Den Großkundenbereich teilt Treichl damals mit einer jungen Bankmanagerin, der Tochter des bekannten ÖVP-Politikers und Nationalbankpräsidenten Stephan Koren: Elisabeth Bleyleben-Koren, damals 34. Bei Treichls Rückkehr in die Erste, knapp zehn Jahre später, wird sie seine Stellvertreterin werden. Heute leitet Bleyleben-Koren, zuständig für das Inlandsgeschäft, wegen Treichls Abwesenheit fast die halbe Zeit die Bank. Intern wird das Duo auch als Eisprinzessin und Sonnenkönig tituliert. „Sie findet ihn oft total chaotisch und ärgert sich“, weiß Ikrath. „Er ärgert sich, dass sie zu unkreativ und fantasielos sei. So arbeiten sie gut zusammen.“

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