"Wir werden alle zu Cyborgs“

"Wir werden alle zu Cyborgs“

trend: Sie sind einer der wichtigsten High-Tech-Investoren in Großbritannien, haben über 100 Firmen mitfinanziert. Warum kennt jeder die Marke Rolls-Royce, aber kein Unternehmen aus dem Cambrigde-Cluster "Silicon Fen“?

Hermann Hauser: Bei uns in Großbritannien herrscht die Auffassung, warum soll man sich mit diesen Start-ups abgegeben, die stellen höchstens zehn oder zwanzig Leute ein, das zahlt sich nicht aus, das hat keinen Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt. Dabei übersieht man aber, dass die 1500 Firmen, die heute in Cambridge angesiedelt sind, zusammen mehr Umsatz machen als der heutige Luftfahrtkonzern Rolls-Royce und auch einen höheren Marktwert hätten, wenn sie an der Börse notieren würden. 50 Jahre nach der Gründung ist das Cluster damit eine ernst zu nehmende wirtschaftliche Größe in Großbritannien.

Verglichen mit dem Silicon Valley bleibt es aber ein Zwerg. Warum sind die USA so viel besser aufgestellt als wir Europäer?

Hauser: Das liegt insbesondere in der Kultur begründet; in den angelsächsischen Ländern ist der Unternehmergeist traditionell stärker ausgeprägt. Davon profitiert Großbritannien und insbesondere Cambridge, das als High-Tech-Standort zwar noch nicht so erfolgreich ist wie das Silicon Valley, aber wesentlich besser abschneidet als Kontinentaleuropa.

Woran genau hapert es in Kontinentaleuropa?

Hauser: Ein Problem ist das fehlende Risikokapital. Rund ein Drittel der VC-Finanzierungen fließt nach Großbritannien. Frankreich und Deutschland folgen abgeschlagen auf den Plätzen zwei und drei. Darüber hinaus spielt das Bildungssystem eine große Rolle. Wir haben vier Universitäten, die zu den Top 10 weltweit gehören. In manchen Rankings liegt Cambridge sogar an erster Stelle vor Harvard. Ein Eliteuniversitätssystem ist wichtig, weil es eine hohe Konzentration an weltweit angesehenen Wissenschaftlern garantiert. Darüber hinaus spielt die Verflechtung der Unternehmen in einem bestimmten Sektor eine wichtige Rolle. Cambridge hat einen hervorragenden Ruf im Bereich der Mikroprozessoren durch Unternehmen wie ARM, das einen Marktanteil von rund 99 Prozent bei Mobiltelefonen hat. Innerhalb des Clusters gibt es heute ein eigenes Silicon Cluster.

Und wie schneidet Österreich aus Ihrer Sicht ab?

Hauser: Leider ziemlich schlecht. Es ist ja nicht so, dass die Universitäten nichts taugen oder die Leute dumm wären. Aber erst jetzt, mit den Möglichkeiten, die das Internet bietet, beginnt hier eine Szene zu entstehen. Ich war bisher nicht in Österreich investiert, hoffe aber, in den nächsten Monaten mein erstes Investment im Internetbereich erfolgreich abschließen zu können.

Was sind für Sie als Kapitalgeber die wichtigsten Kriterien, nach denen Sie ein Unternehmen auswählen?

Hauser: Wir haben drei Kriterien, bei denen auch die Reihenfolge eine wichtige Rolle spielt. Kriterium Nummer eins ist die Größe und die Wachstumsrate des Marktes, denn schließlich geht es darum, irgendwann ein Geschäft zu machen. Nummer zwei ist die Qualität des Teams. Wir brauchen mindestens einen Star, weil sich ein Weltklasseteam dann wesentlich leichter aufbauen lässt. Das dritte Kriterium ist die Technologie. Hier prüfen wir, ob sie sich verteidigen lässt, also Patente vorhanden sind. Bei Internetunternehmen muss kein Patent vorhanden sein, hier geht es um den Vorsprung bei der Markteinführung.

Für Sie ist also der Markt wichtiger als die Technologie?

Hauser: Es gibt deutlich mehr Beispiele, wo ein A-Team mit einer C-Technologie einen großen Erfolg hingelegt hat als umgekehrt. Denken Sie nur an Microsoft!

Mit Amadeus Capital übernehmen Sie eine wichtige Finanzierungsfunktion in Europa. Ist es seit der Finanzkrise schwieriger geworden, interessante Investments zu finden?

Hauser: Nein, derzeit ist der Deal Flow besser, als ich ihn jemals in Erinnerung hatte. Das liegt unter anderem am Reifeprozess, den Europa in den vergangenen zwanzig Jahren auf diesem Gebiet gemacht hat. Früher gab es nicht viele Unternehmer, die die Qualifikation oder Erfahrung hatten, ein High-Tech-Unternehmen aufzubauen. Das hat sich deutlich verbessert. Bei unserem ersten Fonds Amadeus One haben wir 17 Prozent unserer Investitionen mit so genannten Serial Entrepreneurs gemacht, also Personen, die bereits mehrere Start-ups aufgebaut haben. Deren Anteil ist heute bei uns auf 70 Prozent gestiegen. Verglichen mit den USA hinkt Europa zwar immer noch hinter her, aber der Abstand wird kleiner.

Und können Sie alle Chancen, die sich aktuell auftun, auch finanzieren?

Hauser: Wir haben das Problem, dass die Investitionen in Venture Capital seit der Finanzkrise dramatisch zurückgegangen sind. Das Volumen ist in Europa auf den Stand von 1997 gesunken. Das führt dazu, dass nicht alle guten Ideen mit ausreichend Kapital versorgt werden können. Den konjunkturlahmen EU-Ländern entgehen dadurch Wachstumschancen, die sie dringend benötigen würden.

Der Engpass bei Risikokapital führt dazu, dass US-Investoren sehr früh an Board geholt werden. Droht uns ein Ausverkauf?

Hauser: Es kommt immer wieder vor, dass zu früh verkauft wird, weil in Europa nicht genug Geld vorhanden ist. Ich glaube jedoch, dass sich das Problem in den nächsten Jahren abmildern wird. Früher war es so, dass man nur globalen Erfolg haben konnte, wenn man in den USA präsent war. Heute reicht das nicht mehr aus, man muss in den USA, Europa und Asien mit seinem Geschäftsmodell überzeugen. Die Dominanz der USA schwindet - zumindest in einigen Sektoren.

Sie selbst haben Ihre Genom-Sequenzierungsfirma Solexa für 640 Millionen Dollar an den US-Konzern Illumina verkauft.

Hauser: Ja, Solexa war eine Cambridge Firma, die Zugang zu den USA haben musste, um wachsen zu können. Von den weltweit acht großen Genom-Forschungszentren befinden sich sechs in den USA. Illumina hat darüber hinaus Zugang zu allen relevanten Märkten.

Welche Rolle spielen die Life Sciences als Investitionsthema und künftige Schlüsseltechnologie?

Hauser: Eine sehr wichtige. In Cambridge haben die Life Sciences bereits den lange Zeit stärksten Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie überholt. Für besonders zukunftsträchtig halte ich sie in Verbindung mit Mobiltelefonen. Über medizinische Sensoren lassen sich Blutdruck, Puls oder Blutzucker messen und zwar kontinuierlich über den Tag verteilt. Das wird großen Einfluss auf die Medizin haben, weil wir bessere Vergleichsmöglichkeiten bekommen, etwa in Bezug auf den Durchschnitt der Bevölkerung.

Können wir also davon ausgehen, dass Technologie und menschlicher Körper immer mehr zusammenwachsen?

Hauser: In jedem Fall. Im Moment ist ja viel von der Google-Uhr die Rede. Hier würde es mich schon sehr wundern, wenn diese Uhren nicht zahlreiche medizinische Sensoren beinhalten würden. Und nicht zu vergessen die Google-Brille. Ich bin Teil einer Gruppe, die sich jeden Februar mit Larry Page und Sergey Brin im Silicon Valley trifft. Beide sind dort heuer den ganzen Tag mit den Google-Glass-Headsets rumgelaufen und haben über sie mit Gegenständen der realen Welt interagiert. Für mich ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann wir zum Cyborg werden.

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