Moral für Manager

Moral für Manager

Interessante und gewinnbringende Themenstellungen, bessere Karrierechancen, mehr Gehalt und ein tragfähiges internationales Netzwerk sind die Beweggründe, eine Business School zu besuchen.

Ein halbes Jahr arbeitete er mit Kollegen auf drei verschiedenen Kontinenten virtuell zusammen. Das entstandene Produkt ist mittlerweile so erfolgreich auf dem Markt, dass es bereits mehrere Preise gewonnen hat. Außerdem konnte er den hohen Ressourcenverbrauch seiner Firma in einer Gruppenarbeit thematisieren; durch die Umsetzung der erarbeiteten Lösung spart er mittlerweile Kosten im sechsstelligen Bereich. Harald Trautsch, CEO Dolphin Technologies, profitierte uneingeschränkt von der Teilnahme am Executive MBA Global, den er an der WU Wien 2012 mit Auszeichnung abschloss: "Ich habe dort alles gelernt, was ich als global agierender Manager brauche.“

Interessante und gewinnbringende Themenstellungen, bessere Karrierechancen, mehr Gehalt und ein tragfähiges internationales Netzwerk sind die Beweggründe, eine Business School zu besuchen. Doch der Master of Business Administration (MBA) stürzte gemeinsam mit Wirtschaft und Finanz in die Krise. Denn Manager, die den Titel MBA tragen, wurden als Schuldige an der Wirtschaftsmisere ausgemacht. Man wirft ihnen Inkompetenz und fehlendes Verantwortungsbewusstsein vor. "Gierige Absolventen ohne moralischen Kompass“, ortet Michael Czinkota, Professor der Graduate School of Business der Georgetown-Universität, als Verursacher der Finanzkrise.

Im Zentrum der Kritik stehen die Ausbildungsstätten, in denen ebendiese Manager ihr Handwerkszeug gelernt haben. Die renommierten Business Schools produzieren zunehmend "Sozialautisten“, sagt beispielsweise Birger Priggat, Professor für politische Ökonomie in der Wirtschaftsfakultät an der privaten Universität Witten/Herdecke. Bodo Schlegelmilch, Dean der WU Wien Executive Academy, schlägt in dieselbe Kerbe: "Business Schools befassen sich viel zu sehr mit der technischen Ausbildung, Portfolioanalysen und Cash-Flow-Berechnungen und vergessen dabei die gesellschaftliche Verantwortung von Führungskräften und Unternehmen.“ Sie sollten sich mehr auf Soft Skills als Schlüsselkategorie konzentrieren, durch sie würden erfolgreiche Manager hervorstechen, fordert Schlegelmilch und prophezeit, Hard Skills wie Finance oder Accounting würden zunehmend zu Hygienefächern.

Die Forderungen nach mehr Ethik, Verantwortung und Moral in der Managerausbildung werden erhoben, seit die Business Schools als scheinbar wichtigster geistiger Katalysator der Finanzkrise und ideologisches Transportvehikel des Finanzkapitalismus ausgemacht wurden. Sie seien einseitig ausgerichtet auf die ökonomische Theorie effizienter, sich selbst steuernder Märkte. Dieser Irrglaube, gemischt mit Habgier, habe zu den Exzessen mit Schrotthypotheken, zu der Modellierung toxischer Produkte, aber auch zu Maßlosigkeit in der Vergütungspolitik geführt.

Zwar wurde insbesondere den US-amerikanischen Kaderschmieden vorgeworfen, ein falsches Ausbildungskonzept zu haben, aber auch die Business Schools in Österreich, Europa und der ganzen Welt standen auf dem Prüfstand und mussten reagieren - einige taten das auch. Pläne für einen Manager-Eid, Ethikseminare und soziale Projekte wurden diskutiert. Aber was ist von diesen Plänen geblieben? Was hat sich seitdem bei der Managerausbildung wirklich verändert?

Ethik im Lehrplan

Die Harvard Business School gab zum Beispiel bekannt, sie wolle in Zukunft mit ihrem Lehrplan weg von den Fallstudien gehen, die die Schule zwar bekannt und beliebt gemacht hatten, aber gerade infolge der Krise angegriffen worden waren. "Die Öffentlichkeit hat das Vertrauen in die Wirtschaft verloren, und einige unserer Absolventen scheinen dafür verantwortlich zu sein“, sagt Harvard-Dekan Nitin Nohria. Die Reform solle die Ausbildung den aktuellen Entwicklungen anpassen.

Auch einige österreichische und deutsche Business Schools haben ihre Lehrpläne um Ethikkurse erweitert oder sogar eigene Programme geschaffen. "Corporate Responsibility and Business Ethics“ heißt der Titel des MBA-Programms an der Donau-Universität Krems, das drei Semester Vollzeit oder vier Semester berufsbegleitend dauert. Behandelt werden ethische Aspekte auf der Unternehmensebene, aus dem makroökonomischen Blickwinkel sowie aus der Sicht des Managers als Führungskraft. Als Zielgruppe definiert die Donau-Uni Manager in Unternehmen und im öffentlichen Dienst, Berater und Finanzverantwortliche, die verstehen und lernen wollen, wie sich ethische Bekenntnisse von Organisationen in die Praxis implementieren lassen - ganz im Sinne jener Experten, die in Managern mit sattelfester ethischer Kompetenz eine krisenresistentere Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft sehen.

Sozial kompetente Absolventen

Neu sei das allerdings nicht, meint Personalmanagerin Manuela Lindlbauer, die ihren MBA an der Donau-Uni bereits 2006, also lange vor Ausbruch der Finanzkrise, abgeschlossen hat: "Soziale Kompetenz und gesellschaftliche Verantwortung waren während der gesamten zwei Jahre Thema meines MBAs.“ Der einzige Unterschied bestehe möglicherweise darin, dass Persönlichkeitsförderung und Ethikseminare in den Programmen der meisten Business Schools nun nicht mehr optional, sondern verpflichtend sind.

Aber auch das scheint für viele noch nicht die tiefgreifende Reform zu sein, die sie in der Managerausbildung fordern. "Dekorative Teilaspekte“ nennt der Politökonom Priggat solche Entwicklungen und spricht von einer "grausamen Mode“, hinter der nicht viel Wirkung stecke. Die Perspektive bleibe noch immer allzu sehr eine ökonomische mit moralischem Geplänkel am Rande.

Absolventen sehen das anders

Dolphin-Technologies-CEO Trautsch findet es mehr als befremdlich, den MBA-Programmen mangelnde ethische Ausrichtung vorzuwerfen: "Wir haben uns mit Diversity und CSR auseinandergesetzt und unzählige Fallstudien unter diesen Aspekten bearbeitet. In Indien waren wir in einer Armenschule. Angebotsseitig ist hier definitiv sehr viel in die richtige Richtung passiert.“ Und nicht nur an der WU, wo Trautsch seinen MBA absolvierte, sondern auch bei anderen Anbietern von Postgraduate-Programmen haben Teilnehmer das Gefühl, es seien ausreichend ethische Aspekte ins Curriculum eingeflossen. "Es ging in einem ausgewogenen Verhältnis um Hard Skills, wie Finance, Controlling und Internationales Wirtschaftsrecht, und um Soft Skills, wie Leadership und interkulturelles Management - in erster Linie aber darum, wie man ein Unternehmen erfolgreich führt“, erzählt Almdudler Area Managerin Maria Schwarz von ihrem Executive MBA General Management am IFM Salzburg.

Und genau darum sollte es auch gehen - nämlich einen Master in erfolgreicher Unternehmensführung, Business Administration, wie der Name schon sagt. Insofern hat Schwarz aber auch nicht den Eindruck, das Rüstzeug für eine gierige Absolventin ohne moralischen Kompass erhalten zu haben. Denn Soft Skills mögen für einen erfolgreichen Manager entscheidend sein, aber nur dann, wenn er auch die Hard Skills beherrscht. "Gerade die Finanzkrise hat doch gezeigt, dass wir voller selbst ernannter Experten sind, die ihre eigenen Finanzprodukte nicht mehr verstanden haben.“ Solche Fälle gibt es bis heute, und auch in so mancher Landesregierung könnte, so gesehen, ein MBA nicht schaden.

Strengere Aufnahmekriterien

Dass die Ausbildung insgesamt verantwortungsvolle Manager hervorbringen muss, die über das Quartalsergebnis hinaus denken, darüber sind sich alle Kritiker einig. Doch erreicht man das mit ein paar Wochenstunden Unterricht in Moral? Mit einem Manager-Eid oder einem an das Curriculum angedockten Ethikkurs? "Wenn es hart auf hart geht, ist das bisschen Ethik schnell wieder weg“, vermutet Ökonom Priggat. Komme ein Manager ohne gesteigertes gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein an eine Business School, werde er auch während des MBA-Programms nicht zum Heiligen mutieren. Mit dem pädagogischen Auftrag, einen solchen Sinneswandel unter den Teilnehmern herbeizuführen, würde man in einer Postgraduate-Ausbildung auch etwas spät ansetzen. Hier sollten reife Führungskräfte mit mehrjähriger Berufserfahrung zusammenkommen, die ihren moralischen Eid bereits vor geraumer Zeit bei ihrer Sponsion abgelegt haben. In der Business School sollten sie dann das noch fehlende Rüstzeug für die erfolgreiche Unternehmensführung erhalten, und die ließe sich mittlerweile kaum noch ohne soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit bewerkstelligen. Mit Fug und Recht kann aber von den Anbietern eine verbesserte Selektion bei der Aufnahme der Teilnehmer in ein Programm erwartet werden. Hierin liegt für die Kritiker bereits der ethische Zugang. "Ich allein entscheide, ob ich jemanden zulasse, der ohne Rücksicht auf Verluste arbeitet, oder jemanden mit Sozialbewusstsein“, sagt Jürgen Weigand von der Otto Beisheim School of Management in Berlin, Partnerin der Donau-Uni Krems.

Eine solche Selektion muss man sich als Business School aber erst einmal leisten können, denn immerhin zahlen die Teilnehmer durchschnittlich 25.000 Euro für die begehrten drei Buchstaben. Wenn ein Manager den MBA-Titel also haben will, bekommt er ihn auch. Denn lehnt ihn tatsächlich eine Business School ab, geht er zur nächsten. Es gibt mittlerweile rund 12.000 MBA-Anbieter, allerdings von sehr unterschiedlicher Qualität und Reputation. "Da sind auch Wochenend-MBAs dabei, die in Wahrheit natürlich Seminare sind. Aber der MBA-Titel ist nicht geschützt, und so wird viel Schindluder damit getrieben“, bedauert Schlegelmilch.

Angeboten wird beispielsweise ein "MBA Eventmanagement“ oder einer für "Internationales Immobilienmanagement“. Siebzig Prozent der angebotenen MBAs fallen mittlerweile in die Kategorie Professional MBA. Ihre Lehrpläne haben meist nicht mehr viel mit einem Studium der Unternehmensführung zu tun, wie es der Master of Business Administration eigentlich sein sollte. Denn Ziel ist es, Akademikern mit Berufserfahrung, aber ohne wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund, umfassende Managementkenntnisse zu vermitteln. Ein spezialisierter MBA ist dieser Definition zufolge ein Widerspruch in sich. Doch manche Hochschulen bieten sogar einen "MBA für Wirtschaftler“ oder einen "MBA in Business Administration“ an, da lässt der weiße Schimmel grüßen!

Nichtsdestoweniger erfreuen sich die drei Buchstaben in der Wirtschaft großer Beliebtheit. Gefragt ist aber nicht mehr allein der Titel, immer wichtiger wird, woher er stammt. Denn stimmt die Business School, gilt der MBA als Garant für eine höhere Problemlösungskompetenz seines Trägers.

Schlegelmilch fordert sogar, dass ihn jeder besitzen soll, der ein Unternehmen führen will - eine Art Führerschein, der erst zum Lenken des Unternehmens berechtigt. Denn keiner könne Arzt sein, der nicht Medizin studiert hat, und es gebe auch keinen Richter ohne Jusstudium. Nur ein Unternehmen mitsamt Verantwortung für alle Mitarbeiter sollte jeder führen dürfen, ohne entsprechende Ausbildung? Schlegelmilch: "Top-Manager sollten daher als Berufsbefähigungsnachweis einen MBA-Titel haben.“

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