Kapitalismus 2.0: Wie die Finanzkrise die
Welt dramatisch verändern wird

Wie die schwerste globale Finanzkrise seit 1929 den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts grundlegend verändern wird.

Ach, war die Welt des Investmentbankings einmal schön. Im europäischen Mekka dieses bis vor Kurzem noch sehr coolen Metiers, in London, durften sich noch Anfang 2007 rund 3000 smarte Investmentbanker über einen Jahresbonus von je 1,5 Millionen Euro freuen. Zusätzlich zum normalen Gehalt natürlich. Bei Goldman Sachs lag der Durchschnittsbonus aller Londoner Mitarbeiter bei 510.000 Euro. Dem Tüchtigen winkt eben das Glück, und wer könnte nicht verstehen, dass die smarten Jungs privat solide in Schampus, Ferraris und viel Silikon auf zwei Beinen investierten. Natürlich waren das arme Würstchen im Vergleich zu deutschen Top-Bankern wie etwa dem stets freundlich lächelnden Schweizer Josef Ackermann von der Deutschen Bank, der im Vorjahr vierzehn Millionen Euro nach Hause tragen durfte, wovon nur 1,2 Millionen vom Grundgehalt kamen. Dem tüchtigen Investmentbanker Ackermann schlugen in Deutschland deswegen allerhand unschöne Neidgefühle entgegen, dabei war doch sein Salär nur ein Klacks im Vergleich zu den Entgelten in der Hedgefondsbranche. Deren Primus, der New Yorker John Paulson, genehmigte sich 2007 ein sicher ehrlich verdientes Gesamtgehalt von 3,7 Milliarden Dollar.

„Es wird nie wieder so, wie es einmal war“ , sagt Bernhard Ram­sauer von der Wiener Privatbank Sal. Oppenheim. „Aber es war auch nicht gut so, wie es war. Bankmanager werden in Zukunft mit dem Risiko viel bewusster umgehen, als sie das bisher getan haben. Die Finanzwelt wird nicht die Gleiche sein. Sie wird viel regulierter sein.“

Ein verheerender Finanz-Tsunami wirbelt um den Globus, der heftigste seit den dunklen Jahren zwischen 1929 und 1931, und er versetzt Millionen Anleger in Angst; er knickt milliardenschwere Bankhäuser wie dürre Äste, lässt Börsenkurse ins Bodenlose fallen und vernichtet Riesenvermögen, allein an der kleinen Wiener Börse über neunzig Milliarden Euro seit Jahresbeginn. Es ist eine zutiefst unheimliche Krise, es ist wie Gehen auf dünnem Eis, und niemand weiß, wo die nächsten Risse auftauchen. Und sie wird den Kapitalismus, wie wir ihn kannten, tief gehend verändern. Nicht nur die Bankenwelt, sondern auch den Alltag, die Wirtschafts- und Steuerpolitik, den Status von Managern genauso wie die Einkommen von Arbeitnehmern, das politische Gefüge und nicht zuletzt die Vorstellung, wie hoch Renditen eigentlich sein sollten.

„Diese Krise wird sehr tief gehende Spuren hinterlassen“ , sagt Willi Hemetsberger, ehemaliger Top-Investmentbanker, großteils auf der Handelsseite, teilweise auch in der Abteilung Mergers & Acquisitions. Hemetsberger trat vor zwanzig Jahren in die ­GiroCredit ein, war bei JPMorgan, bei der Creditanstalt und bis Juni Investmentbankchef der Bank Austria und Investmentbanking-Manager des UniCredit-Konzerns. „Mit dem Beginn der Deregulierung in den achtziger Jahren unter Reagan und Thatcher ist das politische Pendel von mehr oder weniger sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaaten in Amerika und in Europa in die andere Richtung geschwappt. Diese radikale Marktideologie ist bis in die letzten Absurditäten ausgetestet worden“, sagt der 49-jährige Privatier Hemetsberger. „Jetzt hat das Pendel auf der anderen Seite mit ziemlicher Wucht angeschlagen, und es geht wieder zurück. Natürlich sind die Managergehälter in dieser Zeit explodiert, aber viel wichtiger ist, dass die Lohnquote dramatisch gefallen ist im Vergleich zur Profitquote. Die Arbeitnehmer sind ärmer geworden. Das Pendel wird zurückschwingen, und wir werden zu einem ­vernünftigen Maß zurückkehren. Die Idee der Marktideologie wurde einfach überzogen.“

Ob von links oder rechts , der Ruf nach mehr Staat, mehr Kontrolle und Regulierung von Banken und Hedgefonds, der politische Wille, die Exzesse der Märkte (Copyright: Angela Merkel) in die Schranken zu weisen, ist unüberhörbar geworden und wird den Kapitalismus 2.0 für viele Jahre prägen. Die Wucht der Finanzkrise hat die praktische Politik in einem Maß verändert, das man noch vor wenigen Monaten für unvorstellbar gehalten hätte. Oder hätte irgendjemand vermutet, dass die US-Regierung unter George Bush plötzlich Großbanken verstaatlicht?

Wen wundert es daher, dass etwa die ÖVP-Abgeordnete Karin Hakl, eine langjährige Vertraute von Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, für ein Verbot von Hedgefonds und die Einführung einer Finanztransaktionssteuer (Tobin-Tax) plädiert. Sogar für eine Beschränkung von Managergehältern macht sich die ÖVP-Abgeordnete stark. Hakl: „Das Bonussystem für Manager sollte auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein. Managerboni sollten daher grundsätzlich zehn Jahre rückgestellt und nur ausbezahlt werden, wenn das Unternehmen erfolgreich ist.“

Wie kann es sein, fragen sich tatsächlich viele, dass Top-Manager, egal ob in Unternehmen oder in Banken, für kurzfristige Erfolge schwindelerregend hohe Boni kassieren, die von willfährigen Aufsichtsräten häufig durchgewinkt werden, dass sie aber bei Verlusten der von ihnen gemanagten Unternehmen keinerlei unternehmerisches Risiko tragen? Mit 47 Milliarden Pfund stützte zum Beispiel die britische Regierung im Oktober die Royal Bank of Scotland, ­Lloyds TBS und die Halifax Bank of Scotland, um sie vor der Pleite zu bewahren. Wenige Tage vorher genehmigten sich die Vorstände derselben drei Banken Erfolgsprämien in Höhe von 21 Millionen Euro.

„Die Diskussion über Managergehälter läuft auf europäischer Ebene schon länger und war auch ein Thema beim EU-Gipfel“, sagt dazu Finanzminister Willi Molterer. „Die EU-Staaten sind sich einig, dass sich Managergehälter künftig am langfristigen Erfolg des Unternehmens zu orientieren haben. Österreich setzt in dieser Thematik auf Transparenz – Ausdruck dafür ist der bereits bestehende Corporate Governance Kodex, der die freiwillige Offen­legung von Managementgehältern ermöglicht.“

Es ist freilich eine Transparenz , die bislang auf Freiwilligkeit beruhte. Wesentlich härter geht Molterers deutscher Amtskollege Peer Steinbrück das Thema an. Manager jener Banken, die Staatshilfe in Anspruch nehmen, dürfen künftig generell nicht mehr als 500.000 Euro verdienen. Zudem sollen Bonuszahlungen gestoppt und Dividendenausschüttungen für die Zeit der Sanierung an andere Anteilseigner als den deutschen Bankenrettungsfonds ausgeschlossen werden. Differenzierter beurteilt diese Idee der BDO-Auxilia-Chef Karl Bruckner: „Die Begrenzung der Managergehälter ist eine kosmetische, öffentlichkeitswirksame Aktion. Das ist nur eine Begleitmusik, die aber nichts bringt.“

Auch das Thema Managerhaftung gewinnt zunehmend an Brisanz. Kaum ein Manager wird für teure Fehlentscheidungen zur Verantwortung gezogen. Eine persönliche Haftung mit dem Privatvermögen würde wahrscheinlich risikoärmere Entscheidungen nach sich ziehen. Bislang verhinderten Macht und Einfluss von Wirtschaftslobbyisten grundlegende Reformen. Als Deutschlands damaliger Finanzminister Hans Eichel 2004 einen fertigen Gesetzes­entwurf zur Verschärfung der Managerhaftung ausarbeiten ließ, kam der nicht einmal ins Parlament. Natürlich gibt es in Deutschland nach dem Aktienrecht so wie auch in Österreich eigentlich strenge Haftungsregeln, doch sie sind so genial konstruiert, dass sie in Wahrheit totes Recht bleiben. So ist beispielsweise nur das Unternehmen selbst klageberechtigt, nicht aber zum Beispiel geprellte Anleger. In der Realität aber wollen die meisten CEOs ihren Vorgänger nicht in die persönliche Haftung nehmen – es wäre vielleicht ein schlechtes Beispiel für später. Der ehemalige Kfz-Mechaniker und spätere DaimlerChrysler-Vorstand Jürgen Schrempp, der mit seinen Ideen das Unternehmen fast in die Katastrophe geführt hatte, kam zum Beispiel mit einem harmlosen Vergleich davon.

Mangelt es in Österreich also an der Haftung von Managern für ihr Tun? „Aber nein“, meint dazu Rechtsanwalt Thomas in der Maur. „Ein Vorstand haftet nach sehr strengen Maßstäben. Das Problem ist eher, dass wir in Österreich eine traurige Aufsichtsratskultur haben. Wer fragt denn die Manager wirklich, wenn sie etwas verbockt haben? Es gibt eine Wirtschaftselite in unserem Land, die sich die Aufsichtsratsposten aufteilt und ihre Aufgaben nicht ernst nimmt.“

„Man muss unterscheiden , welchen Fehler ein Manager gemacht hat“, meint hingegen Ralf Peschek, Partner der Kanzlei Wolf Theiss. „Zwischen echten Malversationen und schlechten Geschäftsergebnissen liegt ein großer Bereich.“ Die neuen Zeiten werden freilich nicht nur für Top-Manager gravierende Änderungen bringen. Das gesamte Weltfinanzsystem steht vor einem radikalen Umbau. Eine Serie von Wirtschaftsgipfeln nach dem Vorbild von Bretton Woods soll die Spielregeln neu formulieren. In dem kleinen Städtchen im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire hatten im Juli 1944 insgesamt 44 Länder neue Fundamente für das Weltwirtschaftssystem gelegt, von denen manche bis in die siebziger Jahre (der US-Dollar als goldhinterlegte Leitwährung), andere bis heute hielten, wie die damals gegründete Weltbank und der Internationale Währungsfonds.

Die nun von den USA und der Europäischen Union initiierte Konferenzserie soll die Spielregeln des sich stets wandelnden Kapitalismus im 21. Jahrhundert neu festlegen, in einer Welt im Übrigen, in der der US-Dollar seine Rolle als Leitwährung zusehends verliert. „Unternehmen und Banken lassen sich von Ratingagenturen ­bewerten, in die sie selbst investieren. So können wir nicht weitermachen“, erklärte der derzeitige EU-Ratsvorsitzende Nicolas Sarkozy jüngst. „Der Gedanke, dass der Markt immer Recht hat, ist verrückt. Jahrzehntelang sind Risken vertuscht worden, und der Staat hat Spekulanten statt Unternehmer finanziert.“ Es geht um mehr Regulierung, um mehr Staat, zum Teil auch um eine Abnabelung von Amerika.

Neue Bilanzierungsregeln etwa könnten das derzeitige von den Amerikanern durchgesetzte IFRS-System ablösen (International Financial Reporting Standards), ein Regelwerk von 2300 Standards, das zu aktueller Vermögensbewertung führt und so in Krisenzeiten die Eigenkapitalbasis von Unternehmen erodieren lässt. Zudem erlauben die IFRS-Regeln die Auslagerung von Sonderfinanzierungsgesellschaften und riskanten Spekulationsgeschäften aus der Bilanz. Ein Trick, der die korrekte Einschätzung von Unternehmen erschwert und auch in Österreich gerne angewendet wird. So betrug das Verhältnis der besonderen außerbilanziellen Finanzgeschäfte heimischer Banken Ende 2007 das 2,3-Fache der Gesamtbilanzsumme aller österreichischen Kreditinstitute.
Für schärfere Regeln zu der beliebt gewordenen Auslagerung riskanter Positionen tritt Wiener-Städtische-General Günter Geyer ein: „Wir brauchen mehr Regulierungen, die die so genannten Off-Balance-Sheets betreffen.“ Anders sieht das Erste-Chef Andreas Treichl: „Was wir brauchen, ist Stabilität. Jetzt große Änderungen umzusetzen, halte ich nicht für sehr sinnvoll.“

Aber nicht nur möglichen Bilanztricks soll es an den Kragen gehen. Hält der fast revolutionäre Umbruch im Zuge der Finanzkrise an, werden bald auch Hedgefonds ungewohnte Fesseln angelegt. Hedgefonds, fordert Frankreichs umtriebiger Staatspräsident ­Nicolas Sarkozy, sollen mit einer EU-weiten Steuer auf Spekulationsgewinne bedacht werden, die ihnen den Appetit auf das Übernehmen und Zerteilen von Unternehmen nimmt. Der Vorschlag, der auch vom deutschen Finanzminister Peer Steinbrück unterstützt wird, hat jetzt bessere Karten denn je. Tatsächlich hatten Hedgefonds und Private-Equity-Firmen mit willig kooperierenden Banken immer irrwitzigere Geschäfte gemacht. Ein Beispiel aus dem nahen Bayern: Die Private-Equity-Gesellschaft Bain Capital kaufte den bayerischen Bootsbauer ­Bavaria Yachtbau für 1,3 Milliarden Euro. Dann verschuldete der neue Eigentümer das solide, fast schuldenfreie Unternehmen mit 875 Millionen Euro Fremdkapital, das die Investmentbanken Goldman Sachs und Dresdner Kleinwort bereitwillig finanzierten. So wurden üppige Gewinnausschüttungen für die Übernehmer möglich, während das vorher kerngesunde Unternehmen unter der Last der Verschuldung fast zusammenbrach. Der Kredit betrug im Übrigen das Zehnfache des Gewinns vor Steuern und Abschreibungen.

Ein wahrscheinliches Ergebnis der kommenden Weltfinanzgipfel wird daher – nicht ganz unlogisch – eine gesetzliche Beschränkung jener enorm hohen Kredithebel sein, die es Banken, Hedgefonds und anderen Spekulanten bislang ermöglichten, mit einem Vielfachen ihres eigenen Kapitals zu spekulieren. „Warum das alles so gekommen ist, ist leicht erklärt“, sagt Christian Baha, Gründer des mittlerweile in 18 Ländern agierenden österreichischen Hedgefondshauses Superfund, das derzeit in 25 Fonds über 1,6 Milliarden Dollar managt. „Weil alles auf Kredit finanziert war, und zwar massiv auf Kredit. Banken haben dreißig-, vierzigfache Leverages genützt. Alle großen Investmentbanken haben es gemacht, und jeder CEO hat sich gefühlt wie der Sonnengott persönlich. Die ganzen Bankgeschäfte, die da abgingen, waren völlig unbeaufsichtigt. Die konnten machen, was sie wollten. Und natürlich verführt es, wenn man hunderte Millionen Dollar an Boni verdienen kann. Der Mensch lässt sich ja leicht verführen durch viel Geld. Deswegen haben viele Bank-CEOs die langfristige Perspektive verloren, sie sind zu viele Risiken eingegangen, und das System hat dies auch erlaubt. Diese ganzen CEOs der Investmentbanken haben alle ihre Lobbying-Leute, egal ob in Brüssel oder in Washington. Deswegen sind die Gesetze so, wie sie sind. Das ganze System ist krank gewesen und hat Bedarf nach einer Korrektur gehabt, und die passiert jetzt einfach.“

Geht es nach der jetzigen Stimmungslage , wird auf den künftigen Weltfinanzgipfeln ein ganzes Trommelfeuer an Regulierungsmaßnahmen realisiert, ein Bündel rigider Maßnahmen, die bislang schwer durchsetzbar schienen und insbesondere am Widerstand der Briten und Amerikaner scheiterten. Mit Barack Obama als neuem US-Präsidenten und dem britischen Premier Gordon Brown könnte sich dies ändern. Auf der Agenda der Dompteure des wilden Finanzkapitalismus stehen:
> Die weltweite Austrocknung von Steueroasen, die es nicht nur betuchten Privatpersonen, sondern auch großen Unternehmen und Hedgefonds erlauben, dem Fiskus zu entwischen. Hier sind wohl heftige Widerstände, etwa aus der Schweiz, zu erwarten.

Der Derivatehandel soll eingeschränkt und bestimmte Finanzgeschäfte wie etwa Leerverkäufe könnten sogar ganz verboten ­werden. Das Volumen von Kreditderivaten hat sich in den letzten fünf Jahren verdreißigfacht auf rund 55 Billionen Dollar. Die EU-Kommission plante schon vor dem Sommer eine Regelung, nach der die Banken mindestens fünf Prozent ihrer Derivate in den Büchern behalten sollen. Es wäre dies eine Art Selbstbehalt der Banken. Möglicherweise wird dieser geplante Gesetzesentwurf noch verschärft. Leerverkäufe wiederum, mit denen man auf fallende Kurse spekulieren und so den Abwärtstrend noch verstärken kann, sind derzeit in zahlreichen Ländern temporär verboten, in Österreich zum Beispiel bis Ende des Jahres. Eine Maßnahme, die etwa Aktionärsschützer Wilhelm Rasinger nur begrenzt gut findet: „Leerverkäufe gehören als Spekulationsmöglichkeit zum ganz normalen Börsengeschäft. In turbulenten Zeiten wie diesen unterstütze ich aber alle nur erdenklichen Maßnahmen, die zu einem Ende dieses Wahnsinns führen können.“

Eine seit Jahren von Kritikern des Finanzsystems geforderte Steuer auf Finanztransaktionen hat jetzt so gute Chancen auf Rea­lisierung wie nie zuvor. Die Idee der Spekulationssteuer wurde bereits 1972 von dem amerikanischen Ökonomen und Nobelpreisträger James Tobin vorgeschlagen. Gedacht ist an eine sehr kleine prozentuale Abgabe, die Gewinne durch das Ausnutzen von kleinsten Kursunterschieden mit großem Geldeinsatz erschweren, wenn nicht sogar verhindern soll. Zu den Unterstützern zählt der jetzige EU-Ratspräsident Sarkozy genauso wie Finanzminister Molterer. Wolfgang Schüssel machte sich schon einmal, wenn auch vergeblich, für ein entsprechendes EU-Gesetz stark. In Europa könnte es jetzt vielleicht zu der bislang politisch stets gescheiterten gemeinsamen Finanzmarktaufsicht kommen und zur Gründung einer unabhängigen europäischen Ratingagentur. Die EU-Kommission plant zudem eine „Gruppenaufsicht“ für international tätige europäische Großbanken. Derzeit sind das 44 Banken. Kommt die Gruppenaufsicht, dann wird künftig nicht nur die Finanzbehörde im Heimatland gründlich kontrollieren dürfen.

Sogar die Banken selbst verlangen angesichts des Krisenwahnsinns strengere Spielregeln. „Die Krise hat sehr deutlich vor Augen geführt, wie wichtig Kontrolle ist“, meint etwa RZB-Generaldirektor Walter Rothensteiner. „Das Ziel einer Kontrolle muss es sein, systemische Risken zu verhindern. In dieser Hinsicht hat zum Beispiel Basel II (ein von den USA initiiertes, aber selbst nicht angewendetes Regelwerk, das zu strengeren Richtlinien für die Kreditvergabe führen sollte; Anm.) völlig versagt. Zum einen unterstanden der Regelung nur Vollbanken, nicht aber Investmentbanken, die explizit ausgenommen waren. Und zweitens waren die Regeln für das kommerzielle Kreditgeschäft, dessen Risken im Vergleich zum Derivatgeschäft gering sind, sehr rigide, während die Regeln für riskante, komplexe Produkte sehr locker waren. Ein neues Basel III wird schneller kommen, als wir gehofft haben.“

Auch die Versicherungswirtschaft wünscht sich mehr Regulierung. So meint Günter Geyer, Vorstandsvorsitzender der Wiener Städtischen: „Wir brauchen mehr Regulierungen bei Finanzderivaten und ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen realwirtschaftlichen Größenordnungen und Derivatmärkten. Es wird zu einer Abkehr vom unbeschränkten Neoliberalismus kommen. Und für die Europäische Union werden länderübergreifende Instanzen gefordert werden, europäische Ressorts für Wirtschaft, Finanzen, eine europaweite Finanzaufsicht.“

Wieder einmal erfindet sich der Kapitalismus neu , vielleicht weil er zu übermütig geworden ist. „Der Kapitalismus ist ein Hexenmeister“, notierte Karl Marx, „der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor.“ Dass ausgerechnet hochbezahlte Banker den Turbokapitalismus ins Wanken brachten, ist wohl eine Ironie der Geschichte. Eine wichtige Folge dieser globalen Krise wird auch mehr Bescheidenheit bei Anlegern sein müssen. Die langfristige Renditeerwartung bei Aktieninvestments muss sich zwangsläufig den Realitäten anpassen, nämlich realen Renditen von sieben bis acht Prozent, von denen noch Steuern und Spesen abgezogen werden müssen. So meint etwa Investor Ronny Pecik: „Investoren sollten die letzten drei Jahre aus ihrem Kopf streichen“. Die Gier nach extrem hohen Renditen, wie sie etwa der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, schürte („25 Prozent pro Jahr sind zu wenig“), war mit Sicherheit einer der Treibsätze für die größte Finanzkrise seit 1931. Die Banken wiederum agierten als Täter und Getriebene gleichermaßen. So meint der Ex-Investmentbankchef der Bank Austria, Willi Hemetsberger: „Natürlich tragen die Banken eine Mitschuld. Aber es ist nicht so einfach. Wenn man ein Bank-CEO ist, steht man alle drei Monate, in Wirklichkeit sogar noch öfter, vor den Analysten. Wenn dann Konkurrenzbanken verkünden, 25 Prozent seien nicht genug, und Sie treten vor die Analysten und sagen: Sorry, wir wollen nur 15 Prozent machen, dann sind Sie nicht mehr lange Vorstandsvorsitzender. Und die Bank kriegt nicht mehr genug Kapital und ist schon tot, noch bevor die Blase platzt. Weil die Investoren sagen: Wieso bringen die keine 25 Prozent zusammen? Man kann sich diesem Renditedruck nicht entziehen.“
Zumindest für eine Weile werden die Anleger jetzt wohl genügsamer, die Banker konservativer und die Politik strenger sein. Wie lange dieser neue Kapitalismus 2.0 halten wird, wird sich weisen.

Die Geldkrise wird jetzt jedenfalls einmal mit Geld kuriert. Aus einem scheinbar unerschöpflichen Füllhorn ergießen sich geradezu unvorstellbare Summen über die Finanzwelt, um eine Kernschmelze des Gesamtsystems zu verhindern. Weltweit gaben Regierungen in den letzten Wochen die unvorstellbare Summe von 3100 Milliarden Euro aus.1) Doch der wundersame Geldsegen stammt nicht aus irgendwelchen Geldpaketen, die in großen Staatstresoren unbeachtet herumlagen, er wird teuer erkauft über höhere Staatsschulden – von Ausnahmefällen wie Russland abgesehen. Aktuell liegt diese Quote in Österreich dank der zuletzt guten Konjunktur bei 59,1 Prozent, was in Zahlen bedeutet, die Republik Österreich ist mit 164,3 Milliarden Euro verschuldet, jeder Erwerbstätige somit mit etwas mehr als 40.000 Euro. Würden die von der Bundesregierung jetzt in Form von Bankgarantien und Eigenkapital­sicherungen in die Finanzschlacht geworfenen hundert Milliarden Euro tatsächlich schlagend, würde dies einer Explosion der Staatsverschuldung gleichkommen und die Pro-Kopf-Verschuldung um 12.000 Euro erhöhen. Allein die Einlagen der Sparer bei österreichischen Banken, für die die Bundesregierung jetzt in unumschränkter Höhe ­garantiert hat, machen in Summe sechzig Prozent des Jahresbrutto­inlandsprodukts aus. In letzter Konsequenz werden wir alle für die Krise bezahlen: mit Steuern, mit sinkenden Real­einkommen, mit höherer Arbeitslosigkeit.

„Es ist eine veritable Krise , eine Krise, die sich gewaschen hat. Und keiner weiß, wie lange sie dauern wird“, sagt Andreas Treichl, Chef der Erste Bank. „Das Wichtigste ist jetzt, das Vertrauen zwischen allen Marktteilnehmern wieder herzustellen, und dazu sind alle Mittel recht und wichtig.“ Wie lange die große Angst an den Börsen noch andauern wird, weiß niemand. Aber wie meinte doch Amerikas Investment­legende Warren Buffett: „Man sollte gierig sein, wenn alle ängstlich sind. Und man sollte ängstlich sein, wenn alle gierig sind.“

Von Karl Riffert, Zusatzrecherchen: Thomas Martinek, Franz C. Bauer

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