Johann F. Graf ist der Mann des Jahres:
Vom Fleischermeister zum Milliardär

Die erstaunliche Geschichte des einstigen Fleischermeisters Johann Graf, der in 28 Jahren den erfolgreichsten Glücksspielkonzern der Welt aufbaute. Die Novomatic wird heuer rund zehnmal so viel Gewinn erwirtschaften wie die Casinos Austria AG. Grafs Unternehmen ist mindestens drei Milliarden Euro wert – krisenbedingt konservativ gerechnet.

Der Commander hat das Handgepäck gecheckt, Zeit zum Abheben, Abschied von Las Vegas. Wenn Johann Graf mit seinem Privatjet, einer siebensitzigen Hawker Beech­craft 400xp die Welt bereist, was er ein gutes Drittel eines Jahres tut, ist er nie allein. So wie Jules Vernes Reiseheld Nicolas Fogg hat auch Graf immer seinen Assistenten dabei, nur heißt er nicht Passepartout, sondern Commander eben, wie ihn sein Chef auch anspricht. Der Commander kennt alle Termine, fährt den Wagen vor und kümmert sich auch darum, dass die Zigarillo-Box, Marke Exquisitos, immer gefüllt bleibt.

Dies ist ein wenig die Geschichte von der Magie des Kapitalismus, der vielen Elend bereitet, vielen aber auch große Chancen bietet und für manche sogar Märchen wahr werden lässt. In den fünfziger Jahren ist der jetzt 61-jährige Graf in einer Zimmer-­Küche-Wohnung mit Klo am Gang aufgewachsen. Bei den Großeltern. Vater und Mutter hatten keine Zeit. Als der Onkel Wasser in die Wohnung leitete, war das eine Sensation. Jetzt sammelt der Bub von damals sündteure Autos. 120 davon hat er schon. In Las Vegas, sagt Johann Graf, möchte er niemals leben, nicht einmal sterben, aber wenn man aus dem Fenster blicke, könne man 300.000 Spielautomaten riechen. Dem Spielerparadies ist es schon besser gegangen. Die Umsätze brechen gerade um 30 Prozent ein. Früher warteten hier zwanzig Leute auf ein Taxi, lächelt Graf, jetzt warten zwanzig Taxis auf einen Fahrgast.

Das Glück ist eben ein Vogerl. Mit dem freundlichen Österreicher, der immer Anzug trägt, schon als jugendlicher Halbstarker auf dem Moped, hat es Fortuna sehr gut gemeint. Anders als für Las Vegas war für Grafs Novomatic-Gruppe mitsamt ihren mehr als hundert Tochterfirmen 2008 ein Glücksjahr: Mit 100.000 produzierten Spielautomaten ist das österreichische Unternehmen zum größten Hersteller der Welt aufgestiegen. Rund die Hälfte der produzierten Geräte wandert in die eigenen 750 Casinos weltweit, und auch dort liefen die Geschäfte prächtig. Der Mann, den die wenigsten Österreicher kennen, ist neben Dietrich Mateschitz (Red Bull) und Karl Wlaschek (Billa-Gründer) der erfolgreichste Selfmade-Milliardär Österreichs in den letzten Jahrzehnten. Drei Milliarden Euro ist Grafs Imperium mindestens wert: krisenbedingt konservativ geschätzt, vielleicht sind es auch vier oder fünf Milliarden.

Die Novomatic , zu der auch Admiral Sportwetten mit über 180 Wettcafés gehört, beschäftigt weltweit 14.000 Menschen, in Österreich 2500. Novomatic wird heuer über 2,2 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften und vierhundert Millionen Gewinn vor Steuern. In Deutschland, wo die Novomatic noch 2004 kaum fünf Prozent Marktanteil hatte, ist sie jetzt mit mehr als fünfzig Prozent Marktführer. Auch das langjährige Match zwischen den Casinos Austria und Novomatic ist klar entschieden. Novomatic wird heuer zehnmal so viel Gewinn machen wie das heimische Monopolunternehmen. Während die Casinos Austria sich im Vorjahr unter ihrem neuen Chef Karl Stoss von vierhundert Mitarbeitern mit Golden Handshakes trennten und eben jetzt aus dem noblen Palais Efrussi auszogen, wird Novomatic 2009 weitere 150 Mitarbeiter aufnehmen. Zudem baut Novomatic-Vorstandsvorsitzender Franz Wohlfahrt eine 90 Millionen Euro teure neue Firmenzentrale in Gumpoldskirchen und leistet sich außerdem noch mit dem ehemaligen Verkehrsbüro-Gebäude ein repräsentatives Flaggschiff am Wiener Naschmarkt. Wohlfahrt war einst der Anwalt von Graf und ist heute der kongeniale Umsetzer von dessen Ideen. Selten gab es so viele gute Gründe für eine Wahl zum Mann des Jahres. Und die Krise? Die kennt der Johann Graf nur aus den Medien. Aber vielleicht sollten wir die erstaunliche Geschichte des einstigen Fleischerlehrlings, der in 28 Jahren einen Weltkonzern schuf und firmenintern nur „der Professor“ heißt, ganz von Anfang an erzählen.

„Wir haben zwar die Kinderzeit in Döbling verbracht, kommen aber ganz von unten. Durchs Küchenfenster konnten wir die wohlhabenden Industriellensöhne und die Adeligen Tennis spielen sehen, für uns damals eine andere Welt“, sagt Alfred Liebich, Johann Grafs Cousin, der heute als Financial Adviser der Novomatic AG fungiert und die Geschäfte in Deutschland führt. Der Installateurssohn Liebich wurde übrigens später Investmentbanker und Ruefa-Chef, seine Mutter heiratete den verstorbenen Sozialminister Alfred Dallinger.

Grafs Eltern machten sich 1955 mit einer Fleischerei, zu der auch ein Wirtshaus und ein paar Fremdenzimmer gehörten, selbstständig. Der einzige Sohn wächst bei den Großeltern auf, der Vater zwingt den Hauptschüler zu einer Metzgerlehre, die er im Rekordtempo absolviert. Grafs Schicksal scheint besiegelt, er soll den elterlichen Betrieb in Perchtoldsdorf übernehmen. Nach der Handelsschule arbeitet er tatsächlich drei Jahre lang dort und wird mit 23 jüngster Fleischhauermeister Österreichs. „Wir hatten einen Großhandel mit Wurstwaren“, erzählt Graf. „Ich bin mit einem Bus zu den Greißlern gefahren und konnte den Umsatz bald verfünffachen. Ich habe dafür kein Gehalt bekommen, und die Eltern haben auch nie Danke gesagt. Von Anfang an wusste ich jedoch, dass ich das nicht ewig machen werde. Der Vater hat es wohl auch geahnt.“

Alfred Liebich erinnert sich: „Mich hat beeindruckt, wie er sich freigespielt hat. Aber er war immer um eine Spur besser als die anderen, beim Laufen, beim Schwimmen. Wir machten einmal Urlaub in Jugoslawien, und er schwamm ganz weit raus, dorthin, wo es auch Haie gab. Die Großeltern wollten schon die Polizei verständigen, aber Neugier und das Austesten von Grenzen sind für ihn ganz typische Eigenschaften.“

Zwei Menschen prägen den jungen Mann. Sein Onkel, Alfred Liebich, der mit zwanzig nach Australien ausgewandert war und sich nach seiner Rückkehr mit dem ersparten Geld eine Existenz aufbaute. Und sein Großvater Vinzenz Jandera, ein Automechaniker, der einen glänzenden Opel Kapitän fährt und seinem Enkel die Liebe zur Technik vermacht. „Er war meine wichtigste Bezugsperson“, sagt Graf. „Ich gehe im Schnitt zweimal im Monat zu seinem Grab. Das gibt mir eine innere Ruhe, und ich kann abschalten.“ Auch Grafs zweiter Sohn heißt Patrick Vinzenz. „Seine Mutter wollte den Namen Vinzenz nicht, aber er nennt sich heute so. Da habe ich mich wieder durchgesetzt.“

Neben einem Hang zur Technik macht sich bei dem jungen Fleischer auch sein kaufmännisches Talent bemerkbar. Schon mit zwanzig fährt er seinen ersten, auf Pump gekauften Jaguar, den er bald wieder in der Zeitung inseriert und mit Gewinn weiterverkauft. Graf wechselt Autos wie Hemden und verdient Geld damit. So kommt er auch mit einem jungen Elektrohändler namens Gerhard Brodnik in Kontakt. Es wird der Beginn einer langen Freundschaft und einer großen Unternehmerkarriere. Zum Entsetzen der Eltern verlässt Graf das Wurst- und Fleischgewerbe und gründet 1974 die Brodnik & Graf GmbH mit einem wenig vertrauenserweckenden Geschäftszweck: dem Import von belgischen Flipper-Automaten. „Ich hatte in Wirklichkeit keine Ahnung von Spielautomaten und war über Fußball-Wuzler nicht hinausgekommen“, gesteht der heutige Novomatic-Chef, „aber wir hatten Glück und bekamen bald die Vertretung einer englischen Firma namens JPM. Ein zweiter Glücksfall war, dass genau damals bei Spielautomaten ein technologischer Sprung passierte, der Umstieg von Elektromechanik auf Elektronik. Die Herstellerfabriken bekamen mächtige Probleme, weil ihre Leute von Elektronik keine Ahnung hatten. Das war für uns die große Chance. Ich stellte Elektronik-Spezialisten ein und bot unsere Dienste an.“

Einer der damals schon dabei war, ist der heutige Auslandschef der Novomatic Ryszard Presch. „Wir haben damals in einer Art Garage in der Gierstergasse die importierten Flipper geprüft und repariert. Wir waren bald zwölf Techniker, aber keiner von uns konnte sich auch nur im Entferntesten vorstellen, dass daraus einmal ein großes Unternehmen werden könnte.“
Brodnik und Graf versuchen ihr Glück außer mit Pinball-Flippern mit Warenautomaten. „Ein Desaster, da blieb immer etwas stecken“ (Graf). Ende der siebziger Jahre beginnen sie, von einem oberösterreichischen Tischler eigene Billardtische produzieren zu lassen. Der Jungunternehmer beackert für seine Spielgeräte emsig zahllose Lokale in Wien, in Niederösterreich und der Steiermark. Der Erste, der sich erbarmt, ist ein Cafetier im 16. Wiener ­Gemeindebezirk. Mit der Zeit finden sich die importierten Automaten von Brodnik & Graf bei immer mehr Wirten, in ­Cafés, selbst in Bordellen. „Es war anfangs mühsam und schwierig. Wir mussten jeden Schilling fünfmal umdrehen“, erinnert sich Graf, der sein gesamtes Erspartes als Startkapital einbrachte: 50.000 Schilling. Nach einem Zwischenspiel namens Intermatic gründet Graf mit 33 den jetzigen Konzern und ändert den Firmennamen. Graf: „Ich bin immer von Wiener Neustadt, wo die Intermatic ihren Sitz hatte, nach Wien gefahren. Da fiel mir bei der Shopping-City die blaue Leuchtreklame für ein Novotel auf. Ich dachte mir: Novo klingt gut, warum nicht Novomatic?“

Flipper und Billardtische waren ein guter Anfang , das wirkliche Geschäft war aber mit Geldspielautomaten und mit Casinos zu machen. Doch in Österreich gab es schon einen mächtigen Player: die Casinos Austria AG. Sie hält bis heute alle zwölf Casino-Konzessionen, und Leo Wallner, der das Unternehmen von 1968 an vierzig Jahre lang führte, verfügte über exzellente Kontakte zur Politik. Ein langer und beinharter Kampf um das Spielmonopol begann. Novomatic ließ etwa durch den Verfassungsexperten Heinz Mayer das Monopol der Casinos Austria für rechtswidrig erklären, die Casinos hielten mit einer Expertise des IHS dagegen. Graf holte sich einflussreiche Politiker, um seinerseits Druck auf Gesetzgebungsprozesse ausüben zu können. Von 1997 bis 2003 war der heutige ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn General der Novomatic. Seit 2001, seinem Ausscheiden als Innenminister, sitzt SPÖ-Mann Karl Schlögl im Aufsichtsrat. Graf schaffte es so schrittweise, seine Firma salonfähig zu machen.

Schon 1982 entschloss er sich außerdem, auf einen anderen Markt auszuweichen: die Schweiz. Mit seiner neugegründeten Schweizer Vertriebsfirma eroberte er schnell einen Marktanteil von siebzig Prozent – mit einem simplen Schmäh. Graf: „Wir waren einfach die Ersten, die Spielautomaten in Kursäle stellten.“ Auch Großbritannien und immer mehr andere Länder beackert Graf unermüdlich und reist um die halbe Welt, um sich einschlägige Fabriken anzuschauen. Für Spielautomaten fliegt er sogar nach Australien. „Er war ständig weg und hatte nicht so viel Zeit wie andere Väter“, erinnert sich Thomas Graf, 41, der älteste der drei Söhne des Firmengründers, der inzwischen die wichtigste Abteilung des Konzerns leitet: die wie ein Hochsicherheitstrakt geschützte, 400 Mitarbeiter zählende Forschungs- und Entwicklungsabteilung. „Manchmal nahm er mich als Kind mit zu Billard- und Automatenfabriken in Spanien, Italien und Griechenland.“

Nicht immer lief alles nach Plan. Immer wieder kam es zu kritischen Situationen. Thomas Graf: „Wir produzierten zum Beispiel sehr viel für den schnell wachsenden italienischen Markt, dann kam eine Gesetzesänderung, und wir blieben auf unseren Automaten sitzen. Das Unternehmen war damals an der Kippe.“ Um die Unwägbarkeiten des Automatenabsatzes auszugleichen, setzt Graf von Anfang an auf eine Doppelstrategie. Neben der Produktion betreibt die Novomatic-Gruppe, die sich deswegen als „integrierter“ Glücksspielkonzern bezeichnet, auch eigene Automatensäle und mittlerweile noch 36 Spielbanken mit richtigen Croupiers. Die eigenen Casinos sind verlässliche Abnehmer. Zudem setzt der Konzern seit 2006 zunehmend auf die Vermietung seiner Spielautomaten statt auf den Verkauf. Die Betreiber müssen eine Einstiegsgebühr von 7500 Euro und eine monatliche Miete von 200 Euro entrichten. Das sorgt für regelmäßige und stabile Erträge und macht den Finanzchef des Unternehmens, Peter Stein, glücklich: „Gerade in einer globalen Krisensituation wie jetzt bewährt es sich besonders, auf zwei Beinen zu stehen. Das Vermietungsmodell, das wir dank unserer Marktmacht teilweise durchsetzen konnten, sorgt für stabile Einkünfte.“

Im ersten Halbjahr 2008 stammten 75 Prozent des Gewinns aus Verkauf und Vermietung und nur 25 Prozent aus dem Casinogeschäft. Ein drittes Standbein sind seit dem Kauf des früheren Konkurrenten Admiral die Sportwetten. 2008 genehmigte sich Graf aus den üppigen Profiten 20 Millionen Euro Dividende, die er nach eigenen Angaben in rumänische Immobilien investierte.

Peter Stein ist derjenige, der das rasche Expansionstempo des Konzerns finanziell absichern muss. Das aktuelle Investitionsvolumen beträgt stattliche 400 Millionen Euro, zum Teil aus dem ­eigenen Cash Flow und zum Teil fremdfinanziert: etwa mit einer 150-Millionen-Euro-Anleihe und 106 Millionen Privatplatzierung. Mit der Öffnung Osteuropas 1989, die Graf sofort zur Expansion nutzte, wuchs die Novomatic AG rasant. Eine Entwicklung, die Grafs Rivale, der ehemalige Casinos-Austria-Chef Leo Wallner, mit Skepsis sah. „Graf ist ein exzellenter Unternehmer, wir haben aber halt unterschiedliche Geschäftsphilosophien. Herr Graf ist rein auf die Gewinnoptimierung ausgerichtet. Wir sind zum Beispiel nicht so in den Osten reingegangen. Die Gesetzmäßigkeiten sind dort sehr eigene. Über die organisierte Kriminalität dort will ich mich nicht äußern“, lässt Wallner unterschwellig Zweifel an Grafs Seriosität anklingen. Aber dieser hat eben keine Furcht vor Haien und auch sonst wenig Berührungsängste. Freunde der Familie erzählen von lukrativen Beteiligungen an brasilianischen Porno-Produktionen, was aber unbestätigt ist.

Grafs Unternehmen wächst und wächst jedenfalls. Allein in den letzten fünf Jahren wurden an die vierzig Unternehmen gekauft. 2004 übernahm Novomatic die damals völlig überschuldete NSM Löwen Entertainment im deutschen Bingen für einen symbolischen Euro samt vierzehn Millionen Euro Schulden. Mit völlig neuen Geräten namens Novoline und Novostar wurde die Tochter, als deren Aufsichtsratspräsident der deutsche Ex-Finanzminister Theo Waigel fungiert, ein Paradeunternehmen. Von den 100.000 Geldspielautomaten, die 2007 in Deutschland verkauft wurden, stammten 40.000 von NSM Löwen.

Trotz des Erfolgsruns bleibt die Finanzierung – Hausbank ist übrigens die Bank Austria – zuweilen problematisch. „Glücksspiel ist nach außen hin eine spezielle Branche“, weiß Stein. „Man hat bei den Investoren oft zusätzlichen Erklärungsbedarf. Besonders in Nordeuropa, wo der protestantische Einfluss größer ist, herrschen andere soziale Standards. Da sagen einem halt Banken, wir wollen kein Unternehmen aus der Glücksspielbranche finanzieren.“ Zu den Usancen der Branche zählen auch beinharte Durchleuchtungen des Managements durch Aufsichtsbehörden. Selbst das amerikanische FBI fand schon den Weg nach Gumpoldskirchen. „Da muss man sich dann virtuell ausziehen und alles offenlegen, Freunde, private Bankkonten, alles“, seufzt Finanzvorstand Stein. Und Auslandschef Presch scherzt: „Dank dieser peniblen Überprüfungen kenne ich mich selbst auch schon besser.“

Das Spiel mit dem großen und kleinen Glück ist nicht unumstritten. Regelmäßig tauchen unschöne Vorwürfe auf, die Novomatic manipuliere ihre Automaten. Ebenso rasch verschwinden die Vorhaltungen (meist von anderen Automatenbetreibern) aber auch immer wieder, weil nie ein Beweis erbracht wurde. Das beinharte Glücksspielbusiness ist auch nicht immer ganz ungefährlich. Jens Halle, Novomatic-Vertriebschef, der selbst schon an die einhunderttausend Spielautomaten in seinem Leben verkauft hat, erinnert sich an unliebsame Begegnungen mit der polnischen Mafia. Auslandschef Presch formuliert als Leitlinie: „Dort, wo man bedroht werden könnte, gehen wir erst gar nicht operativ rein, sondern höchstens unser Vertrieb. Aus Moldawien haben wir uns wieder zurückgezogen. Wir wählen unsere Partner sehr sorgfältig. Wir waren lange nicht in der Ukraine, erst nach 2000.“

1993 etwa eröffnete die Novomatic einen Spielbetrieb in St. Petersburg mit der Stadt als Partner. Der Vizebürgermeister war damals Wladimir Putin. „Ich war öfter mit ihm essen“, erinnert sich Graf. „Wir haben uns gesagt, wenn wir in diese Länder gehen, muss man ganz oben ansetzen. Gefährlich war es nie. Wenn ich gekommen bin, gab es Blaulicht vorn und hinten. Natürlich saßen dann lauter Geheimdienstler drinnen.“

In den meisten Ländern, in denen die Novomatic-Gruppe Casinos betreibt, droht die größte Gefahr vom Fiskus. Die Besteuerung reicht dabei von fünf Prozent (in Bosnien) bis zu neunzig Prozent (in Deutschland). Und auch die gesetzlichen Auflagen variieren gewaltig. „Wir haben es im Verkauf mit 62 Jurisdiktionen zu tun und im operativen Bereich mit 32“, seufzt Vorstandsvorsitzender Franz Wohlfahrt. Der Sohn eines Zollbeamten war zwanzig Jahre lang Anwalt der Novomatic AG, ehe er 2003 von Johann Graf bewogen wurde, an die Konzernspitze zu wechseln. „So ein Angebot, vom Berater zum Gestalter zu werden, bekommt man nur einmal im Leben“, sagt Wohlfahrt. „Mein Motto war immer: Nicht ich stelle die Fragen, sondern das Leben stellt die Fragen an mich.“ Wohlfahrts Ziele für die nächs­ten Jahre: „Wir wollen Weltmarktführer werden, und wir wollen unsere Spiele für Internetanbieter lizenzieren.“

Sein Vorgänger Johannes Hahn galt zuvor als treuer Lobbyist der Novomatic in Wien, was sich offenbar auszahlte. Für bescheidene 10.000 Euro im Monat durfte die Novomatic beispielsweise ein Casino im Prater pachten, eine Okkasion. Hahn erzählt: „Als ich von der ÖVP zur Novomatic ging, fragten mich meine Parteifreunde, ob ich denn einen kompletten Vogel hätte. Als ich sechs Jahre später in die Politik zurückkehrte, fragten sie mich wieder, ob ich einen Vogel habe. Das spricht doch sehr für das Unternehmen. Johann Graf ist ein unglaublich charismatischer Mensch. Sein Beruf ist sein Hobby, was für Mitarbeiter anstrengend sein kann. Am Wochenende liest er zum Beispiel alle möglichen Fachzeitschriften. Der Montag war gefürchtet, weil er immer mit so vielen Ideen kam. Wir haben deshalb unsere Konferenz auf Mittwoch verlegt.“ Und was macht Johann Graf gerade in seinem geräumigen Büro mit angeschlossener Spielautomatensammlung? Er raucht eine dicke Cohiba-Zigarre, die sein guter Geist, der Commander, für den Professor erstanden hat, und liest. Der umtriebige Konzernchef, der nie vor zehn Uhr morgens in die Firma kommt und nie vor Mitternacht schlafen geht, hat schon wieder neue Ideen.

Von Karl Riffert

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