„Jammern bringt uns nicht weiter, wir müssen für unseren Erfolg kämpfen!“

In seinem ersten Exklusivinterview seit drei Jahren sprach Alessandro Profumo, UniCredit-General und Aufsichtsrats­chef der Bank Austria, über Wirtschaftskrise, Bankensteuer, das Image der Branche und die Zukunft seiner Österreich-Tochter.

Interview: Stephan Klasmann

trend: Vor einem Jahr haben die Finanzmärkte im Zuge der Krise ihren Tiefpunkt erreicht. Mittlerweile haben sich zwar die Aktienkurse erholt, doch die Realwirtschaft hinkt weiter hinterher. Haben wir die Krise schon überwunden?
Profumo: Technisch gesprochen ist die Rezession vorbei, und die Wirtschaft wächst wieder. Aber die Konjunktur ist schwach und muss weiter unterstützt werden. Was mir große Sorgen bereitet, ist die hohe Arbeitslosigkeit. Das Wachstum ist zu gering, um Jobs zu kreieren. Außerdem stehen wir vor dem Problem, wie die stimulierenden Maßnahmen der Regierungen und der Notenbanken zurückgefahren werden sollen, ohne die Wirtschaft abzuwürgen.

trend: Es wurden weltweit hunderte Milliarden Euro über staatliche Konjunkturpakete in die Wirtschaft gepumpt. Haben diese Maßnahmen den gewünschten Effekt gebracht, oder war das bloß Geldverschwendung?
Profumo: Diese Maßnahmen waren wichtig. Man darf nicht vergessen, dass das eine wirklich schwere Krise war, die tatsächlich bedrohliche Dimensionen hatte. Aber immerhin: Die Welt ist nicht untergegangen. Ich will nicht wissen, was ohne diese Interventionen passiert wäre. Die Konjunkturpakete haben mitgeholfen, die Auswirkungen stark abzumildern. Das hat ganz gut funktioniert. Der Preis dafür sind allerdings hohe staatliche Defizite, die wir in den Griff bekommen müssen. Es hat einen Tausch von privaten Schulden zu öffentlichen Schulden gegeben.
trend: Die Krise hat die Defizite ausufern lassen. In manchen Ländern wie Griechenland bis an die Grenze des Bankrotts. Auch Spanien, Portugal und Italien gelten in dieser Hinsicht als Problemfälle.
Profumo: Die Lage ist sehr komplex, denn wir müssen einerseits die öffentlichen Haushalte sanieren, andererseits dürfen die Sparmaßnahmen den Aufschwung nicht gefährden, weil ein Rückfall in die Rezession durch sinkende Steuereinnahmen und höhere Arbeitslosigkeit wieder neue Kosten für den Staat bringt. Die zwei Fragen, die wir uns stellen müssen, sind: Erstens, wie können wir so eine Krise künftig verhindern, und, zweitens, was sind die Wachstumstreiber der Zukunft?
trend: Was könnten die Wachstumstreiber sein?
Profumo: Es gibt Bereiche der Infrastruktur, in die investiert werden sollte, und zum anderen ist es natürlich Innovation. Hier spielt die Demografie eine große Rolle. Europa ist relativ alt, daher kommt aus der demografischen Entwicklung – anders als in Asien oder den USA – kein Wachstum mehr. Wir müssen auf Innovation setzen, und die Basis dafür sind vor allem gut ausgebildete Menschen. Das aktuelle Wachstum hat zu stark auf Schulden basiert, und das kann so nicht aufrechterhalten werden.
trend: Könnte die Euro-Zone, wie das manche Experten vorhersagen, wegen der Defizitprobleme tatsächlich auseinanderbrechen?
Profumo: Das glaube ich wirklich nicht. Im Gegenteil: Die positive Seite der Krise ist doch, dass wir erkennen, dass wir mehr Europa brauchen und nicht weniger. Die Probleme können nur gemeinsam und durch konzertiertes Vorgehen gelöst werden. Ich bin da wirklich optimistisch. Kommissionspräsident Barroso hat ja sofort nach Ausbruch der Krise begonnen, mit den Mitgliedstaaten an einheitlichen Regularien und aufeinander abgestimmten Maßnahmen zu arbeiten. Ich kann nicht beurteilen, ob wir einen Europäischen Währungsfonds brauchen. Aber wir sehen, dass wir eine gemeinsame europäische Lösung brauchen, egal, wie sie aussieht, weil einzelstaatliche Maßnahmen im globalisierten Finanzmarkt nicht funktionieren. Das ist sehr gut so. Alleine die Debatte per se ist gut.
trend: Die Banken gelten als Hauptschuldige für die Krise. Derzeit wird daran gearbeitet, wie Finanzmärkte und Geldinstitute besser reguliert werden können, um so einen spekulativen Kollaps in Zukunft zu verhindern. Wenn Sie es sich aussuchen könnten, wie würde denn so ein neues Regelwerk aussehen?
Profumo: Das Wichtigste im Bankgeschäft sind die Reputation und das Vertrauen der Kunden. Die haben durch die Krise massiv gelitten. Jetzt muss als Erstes, durch eine bessere und glaubwürdige Aufsicht, die Reputation der Banken wiederhergestellt werden. Die Idee einer gemeinsamen europäischen Bankenaufsicht ist daher richtig. Es ist auch gut, dass dieses Thema auf der G20-Ebene behandelt wird, denn das neue Regelwerk muss global gelten. Alle Banken brauchen international gleiche Wettbewerbsbedingungen – ein ebenes Spielfeld. Das ist mein größtes Anliegen.
trend: Es gibt Befürchtungen, dass die neuen Spielregeln viel stärker auf US-Bedürfnisse als auf europäische Wünsche zugeschnitten werden. Sie sind ja auch Vorsitzender des Europäischen Bankenverbands, teilen Sie diese Sorgen?
Profumo: Unterschiede zwischen den USA und Europa betreffen vor allem die Rechnungslegung. So können US-Banken durch so genannte Netting-Effekte spekulative Positionen kleiner rechnen, als sie sind. Diese Dinge müssen natürlich berücksichtigt werden, weil es sonst eben keine Waffengleichheit gibt. Dar­auf muss auch bei der Implementierung von Basel 3 geachtet werden.
trend: Apropos Basel 3: In den Verhandlungen des Regelwerks gibt es zahlreiche Ideen, die auf ein höheres Eigenkapitalerfordernis der Banken hinauslaufen. Nun bedeutet eine um einen Prozentpunkt höhere Eigenkapitalquote europaweit über 100 Milliarden Euro frisches Geld. Wo soll diese Eigenkapitalstärkung herkommen?
Profumo: Das ist ein Punkt, bei dem man wirklich sehr vorsichtig sein muss. Die Eigenkapitalquoten der Banken sind in den vergangenen Jahren bereits deutlich angestiegen. Ich glaube, wir brauchen nicht mehr Kapital, wir brauchen eine bessere Aufsicht. Nur weil ein Flugzeug in einen Berg fliegen kann, heißt das nicht, dass man das Fliegen verbietet, sondern dass die Luftraumüberwachung besser organisiert werden muss. Man kann etwa sagen, du darfst nicht mehr auf 8000 Metern fliegen, sondern du musst auf 12.000 Meter gehen. Dafür brauche ich aber, auf die Banken übertragen, nicht unbedingt mehr Kapital. Eines ist klar: Wenn die Eigenkapitalerfordernisse zu stark steigen, dann schwächt das die Fähigkeit der Banken, Kredite zu vergeben. Und das ist wiederum schlecht für die Wirtschaft. Das muss man sich gut überlegen.
trend: Um die horrenden Defizite abzubauen, überlegen viele europäische Staaten, eine Bankensteuer einzuführen, wobei verschiedene Modelle diskutiert werden. Was würde aus Ihrer Sicht Sinn machen?
Profumo: Am besten wäre es, wenn eine solche Abgabe in einen europäischen Rettungsfonds fließen würde, aus dem künftig Rettungsmaßnahmen für in Schieflage geratene Institute bezahlt werden. Voraussetzung dafür ist aber eine starke koordinierte Bankenaufsicht, denn es geht nicht, dass sich Länder mit schlechter Aufsicht dann auf diesen Rettungsfonds verlassen. Das Modell einer pauschalen Besteuerung der Bilanzsumme ist dagegen unsinnig und unfair.
trend: Genau das wird in Österreich diskutiert. Kanzler Faymann hat so eine Abgabe vorgeschlagen.
Profumo: Da muss man schon bedenken, dass Wien unsere Zentrale für Zentral- und Osteuropa ist. Wenn man hier unsere Assets für die CEE-Region besteuert, wäre das ausgesprochen unfair. Dazu kommt, dass die Bank Austria als einzige österreichische Großbank überhaupt keine Staatshilfe in Anspruch genommen hat. Wir sind aber sicher, dass die österreichische Regierung eine faire Regelung finden wird.
trend: Sie könnten ja, wenn die Steuer doch so kommt, Ihre Zentrale 40 Kilometer weiter nach Bratislava verlegen. Wäre das denkbar?
Profumo: Noch einmal: Eine Besteuerung der Bilanzsumme wäre unfair. Und ich glaube nicht, dass die österreichische Regierung etwas Unfaires beschließen wird.
trend: Die Rolle der Bank Austria als operatives Zentrum für das CEE-Geschäft ist im Bank-der-Regionen-Vertrag (BRV) festgelegt, der 2016 ausläuft.
Finanzminister Pröll wünscht sich eine Verlängerung dieses Vertrags. Ist das für Sie vorstellbar?
Profumo: Der BRV ist nichts, worüber ich überhaupt nachdenke. Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal genau, wann er ausläuft. Wir sind nicht hier in Wien wegen eines Vertrags oder einer Verpflichtung, sondern wegen der ausgezeichneten Mitarbeiter und der hervorragenden Strukturen. Glauben Sie mir, das ist ganz einfach kein Thema für uns.
trend: Ab 2011 können Sie laut einer Vereinbarung mit dem Betriebsrat das Österreich-Geschäft in eine eigene Gesellschaft ausgliedern. Werden Sie dafür ein Holding-Modell wählen wie beispielsweise die Erste Bank?
Profumo: Das sehe ich nicht. Was uns interessiert, sind die Zahlen des Österreich-Geschäfts. Da geht es uns um Transparenz. Aber dafür brauchen wir ja keine eigene Gesellschaft. Wir haben ohnehin schon zu viele Rechtspersönlichkeiten im Konzern. Wir wollen das eher reduzieren und nicht noch eine weitere hinzufügen. So eine Ausgliederung macht keinen Sinn.
trend: Wie sind Sie mit dem Geschäftsgang der Bank Austria zufrieden, und wie schätzen Sie die Lage in der CEE-Region ein?
Profumo: Ich bin sehr zufrieden. Natürlich gibt es immer Raum für Verbesserungen, aber die Bank Austria ist sowohl in Österreich als auch in Osteuropa ausgezeichnet positioniert. Vor allem die CEE-Region ist wirklich eine Stütze für unsere Gruppe. Vor einem Jahr hat es ja viele gegeben, die den Kollaps Osteuropas vorhergesagt haben, und was ist jetzt? Osteuropa gibt es immer noch. Das freut mich schon: Wir haben immer gesagt, dass das ein wichtiger Wachstumstreiber für uns ist, und wir haben Recht behalten. Für die nächsten Jahre wird für die CEE-Region mit vier Prozent ein doppelt so hohes Wachstum prognostiziert wie für Westeuropa. Davon werden wir natürlich profitieren.
trend: Planen Sie in der Region weitere Akquisitionen?
Profumo: Nein, wir wollen in erster Linie organisch wachsen.
trend: Haben Sie konkrete Schwerpunkte und Vorhaben?
Profumo: Durchaus. Wir wollen 60 Filialen in der Türkei eröffnen und auch unsere Position im Retail-Markt in Tschechien stärken. In Russland sind wir sehr expansiv und werden neue Standorte eröffnen. Da zählen wir schon über eine Million Kunden. Aber generell gilt: Wir wollen in der ganzen Region wachsen.
trend: Wie sieht es mit dem Österreich-Geschäft aus? Unser Land gilt als „overbanked“ mit zu vielen Filialen und zu hohen Kosten. Planen Sie eine Reduktion von Filialen oder Mitarbeitern?
Profumo: Wir sind in Österreich gut unterwegs. Wir planen nichts Derartiges. Natürlich muss man da und dort auf die Ausgaben schauen und das Verhältnis von Kosten zu Einnahmen verbessern. Aber das ist das tägliche Brot, das ist nichts Besonderes.
trend: Die österreichische Bankenlandschaft ist im Umbruch. Es gibt Fusionspläne von RZB und RI, andererseits suchen die Volksbanken offensiv einen Partner. Welche Rolle wird Ihre Gruppe in dieser Neuordnung spielen?
Profumo: Die eines Beobachters. Wir haben kein Inter­esse an irgendwelchen Beteiligungen oder dem Kauf von Töchtern. Wir sehen uns das an, behalten aber den Fokus auf unseren ­eigenen Stärken.
trend: Hat der internationale Ruf der österreichischen Bankenlandschaft durch die Schwierigkeiten bei einigen Gruppen beziehungsweise durch den ­Hypo-Alpe-Adria-Skandal gelitten?
Profumo: Nein, das glaube ich nicht. Im Gegenteil: ­Österreich hat als Land ein ausgezeichnetes Image, und davon profitiert auch die Reputation der Banken. Der Ruf des österreichischen Bankensystems ist da sogar eher besser als der von anderen Staaten.
trend: Wenn Sie fünf oder zehn Jahre vorausblicken: Wie wird sich die Bankenlandschaft durch die Finanzkrise verändern?
Profumo: Vielleicht ist da der Wunsch Vater des Gedankens, aber ich denke, es wird mehr Europa geben. Die Aufsicht wird stärker und EU-weit einheitlich sein. Das ganze System wird stabiler sein. Was die Institute selbst betrifft, so werden wir eine Polarisierung sehen, zwischen sehr starken lokalen Banken und ­großen international agierenden Konzernen. Die lokalen Banken haben dabei eine Schlüsselrolle, weil sie mit den Kunden, den Gemeinden und Regionen in engem Kontakt stehen. Die Global Player können dagegen aufgrund ihrer Größe internationale Konzerne bei ihren Aktivitäten begleiten. Unsere Gruppe, die beides ist, also global und lokal, wird eine umso stärkere Stellung haben.
trend: Wird sich das Bankgeschäft selber ändern?
Profumo: Im Vergleich zu der Ära vor der Krise, die sehr am kurzfristigen Profit orientiert war, schon. Ich glaube, es gibt vier Schlüsselwörter für das Bankgeschäft der Zukunft: Kundenzentrierung, Einfachheit, Transparenz und Integrität. Denn erst die Integrität schafft das Vertrauen, auf dem jede Bankbeziehung langfristig basiert.
trend: Abschließend: Wie wird sich das Kräfteverhältnis zwischen den Blöcken Asien, USA und Europa in den kommenden Jahrzehnten verschieben?
Profumo: Ich glaube, Europa wird größere Schwierigkeiten haben als die USA oder Asien. Die USA sind ein gemeinsamer Markt, Europa ist das bislang nicht. Das ist ganz wesentlich. Dazu kommt, dass die Bevölkerung in den USA noch immer wächst. Die Demografie ist für mich ein Schlüsselfaktor. Die Konsum- und Sparbereitschaft ist je nach demografischer Situation einer Gesellschaft ganz verschieden. Und da hat Europa Nachteile. Wir müssen uns daher mehr anstrengen. Es hat keinen Sinn, dauernd bei anderen die Schuld zu suchen. Jammern bringt uns nicht weiter. Wir müssen um unseren Erfolg kämpfen.

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