IOC und ÖOC lassen die Muskeln spielen

Wirtschaft, Politik und die mächtigen Olympischen Komitees lassen rund um die Spiele in Peking die Muskeln spielen – schließlich geht es um sehr viel Geld.

Einmal Olympiasieger sein, auf der Siegertreppe ganz oben stehen und die Bundeshymne hören, „das war schon immer mein Traum“, sprach der Skistar Hermann Maier aus, worum alle Sportler insgeheim beten. Olympiagold ist die absolute Krönung einer jeden Sportlerkarriere, und im August kämpfen in Peking wieder 10.500 Athleten aus aller Welt um das Edelmetall. Mit dabei ist eine gut 70-köpfige österreichische Delegation, und die Hoffnung, dass einige davon eine der heiß begehrten Medaillen mit nach Hause bringen, ist nicht unberechtigt. Vor allem bei den Schwimm- und Segelbewerben und im Tischtennis zählen die Österreicher zur Weltspitze. Selbst die Medaillen sind für Sportler nicht mehr der alleinige Ansporn, sich jahrelanges hartes Training und Verletzungen anzutun. Es geht um Geld, sehr viel Geld. Olympiasiegern winken lukrative Sponsor- und Werbeverträge, und ein bei Olympia aufgestellter Weltrekord kommt einem Lotto-Jackpot gleich.

Auch wenn das veranstaltende Internationale Olympische Komitee (IOC) und die nationalen Olympischen Komitees es immer noch gerne anders darstellen, der Amateurstatus der Olympiateilnehmer und die Werbefreiheit der Spiele sind längst Geschichte. „Das ist eine Farce“, sagt der frühere Skirennläufer Marc Girardelli, der 1992 bei den Olympischen Spielen in Albertville zwei Silbermedaillen errang. „Bei den Interviews nach den Rennen musste ich schon damals das Logo meines Sponsors Diners Club abkleben. Aber nicht, weil die Spiele werbefrei gewesen wären, sondern weil MasterCard als Top-Sponsor des IOC exklusive Werberechte innehatte.“ Sechzehn Jahre später sind die Olympischen Spiele ein vom IOC und seinen Sponsoren rundum kontrollierter Top-Event und das IOC selbst die mächtigste Sportorganisation.

Bei den Spielen in China mischt auch die Staatsführung kräftig mit, um eine heile Welt zu suggerieren. Tibet-Frage hin, Menschenrechtsverletzungen her – der Einfluss der chinesischen Staatsmacht geht sogar so weit, dass zwischen dem 15. Juli und dem 30. September der Turbokapitalismus Pause macht: Im Raum Peking müssen 1100 Fabriken ihre Produktion einstellen, damit während der Spiele die Luft sauber ist. Dem IOC ist dieses Vorgehen nur recht. Während der 17 Tage dauernden Veranstaltung sollen nur Bilder einer heilen Sportwelt über die Fernsehschirme der Welt flimmern. Bilder, die Milliarden wert sind: Für die kombinierten Übertragungsrechte der Olympischen Winterspiele in Turin 2006 und der Sommerspiele in Peking 2008 hat das IOC alleine in Europa und in Nord­amerika 2,1 Milliarden Dollar kassiert, für das Paket aus den Winterspielen in Vancouver 2010 und den Sommerspielen 2012 in London gar 2,84 Milliarden.

Noch höhere Einnahmen lukriert das IOC über seine Sponsoren, denen es alleine gestattet ist, mit den olympischen Ringen, dem offiziellen Logo und dem Maskottchen zu werben. Zwölf globale Top-Partner, Konzerne wie Coca-Cola, McDonald’s, Samsung oder Visa, haben jeweils bis zu 100 Millionen Dollar für die Rechte bezahlt, die Spiele exklusiv in ihren Kampagnen nutzen zu können. Die insgesamt über 60 Unternehmen, die mit den offiziellen Olympiainsignien werben dürfen, bescheren dem IOC in der Periode von 2005 bis 2008 Einnahmen von 4,5 Milliarden Dollar. Ähnlich wie bei der von der UEFA kontrollierten Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz, wo Fußballfans mit T-Shirts, auf denen das Logo eines Nichtsponsors abgebildet war, nicht einmal ins Stadion eingelassen wurden, gilt der markenrechtliche Schutz auch für Bezeichnungen wie „Olympic Games“, „Olympiade“ oder „Olympic“ und den offiziellen Namen der Spiele „Beijing 2008“. Verstöße werden ebenso konsequent geklagt wie jene gegen die der nationalen Olympischen Komitees, die ihrerseits Verträge mit Sponsoren, die mit denen des IOC nicht in Konkurrenz stehen, abschließen dürfen.

Das Österreichische Olympische Comité (ÖOC) lukriert jährlich zirka drei Millionen Euro an nationalen Sponsoreinnahmen, und die Sponsoren unterstützen das ÖOC natürlich nicht nur unter dem Motto „Dabei sein ist alles“. So ist es kein Zufall, dass die olympische Modekollektion der österreichischen Sportler medienwirksam vor einem AUA-Jet präsentiert wurde. Die Airline gehört mit der Raiffeisen-Bankengruppe, den Casinos Austria, den Österreichischen Lotterien und der Generali Versicherung zu den nationalen Partnern des Österreichischen Olympischen Comités.
„Uns bleiben eigentlich fast nur Flug­linien, Banken und Telekom-Ausrüster“, klagt Heinz Jungwirth, Generalsekretär des ÖOC, und ergänzt: „Das ÖOC hat eigentlich keine Macht. Es ist nur ein Verein, der für die Beschickung der Olympischen Spiele mit Athleten zuständig ist und die Kosten dafür übernimmt.“

Ganz so gering, wie Jungwirth es darstellt , ist der Einfluss des ÖOC aber sicher nicht. Das zeigt schon ein Blick auf die Mitgliederliste des ÖOC-Vorstands. Neben dem Präsidenten, Casinos-Austria-Aufsichtsrat Leo Wallner, sind dort unter anderem Lotterien-Geschäftsführer Friedrich Stickler und – als kooptierte Mitglieder – WKO-Präsident Christoph Leitl und Verteidigungsminister Norbert Darabos vertreten. „Das Olympische Comité hat natürlich Einfluss“, gibt Wallner zu, „als Präsident ist es meine Aufgabe, die Kontakte und Beziehungen zu den Repräsentanten der Sponsorfirmen sowie in die Politik, zum Sportminister und zum Staatssekretär für Sport, zu pflegen.“ Seit 1990 ist Wallner Präsident des ÖOC und seit 1998 auch Mitglied des IOC. Während seiner Präsidentschaft hat sich das ÖOC ­
enorm gewandelt und der Wirtschaft geöffnet. Spekulationen, wer Wallner als ÖOC-Präsident nachfolgen könnte – prädestiniert dafür wäre der Casinos-Austria- und Lotterien-Chef Karl Stoss –, erteilt dieser derzeit noch eine Abfuhr. „Ich werde sicher noch für eine Periode kandidieren“, erklärt Wallner, der damit bis 2012 ÖOC-Präsident ­bleiben dürfte.

Dass ihm selbst die Doping-Affäre rund um österreichische Biathleten in Turin 2006 nichts anhaben konnte, zeigte im Übrigen nicht nur, wie unumstritten Wallner ist, sondern auch, wie einflussreich das ÖOC ist. Der mächtige ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, der auch schon als Wallners Nachfolger gehandelt wurde, musste sich aus dem ÖOC zurückziehen, und im Interesse des ÖOC beschloss der Nationalrat flugs ein neues Anti-Doping-Gesetz, mit dem Blut- und Gendoping als illegal erklärt wurden. Doping wird man jedoch weder mit Gesetzen noch mit dem Ablegen des olympischen Eids ausschließen können, und schon vor den Olympischen Spielen gehen die Spekulationen hoch, wen die Kontrolleure diesmal überführen werden.

Warum die Athleten beim Doping mitmachen , liegt auf der Hand. Die zu erbringenden Limits des IOC und der nationalen Verbände sowie die Sponsorverträge setzen die Sportler enorm unter Druck, lassen auch manche, die sonst strikte Gegner des Dopings sind, leistungssteigernde Substanzen verwenden. Das Risiko bleibt bei den Sportlern, die lebenslange Sperren und das Karriereende riskieren. Felix Gottwald, österreichischer Langläufer, der nach der Affäre in Turin seine Karriere beendet hat: „Ich bin froh, dass ich als Sportler nicht wusste, was sich hinter den Kulissen wirklich abspielt. Die Sportler sind zwar die Hauptdarsteller bei den Olympiaden, aber im Grunde nicht mehr als Marionetten.“

Von Peter Sempelmann

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente