Internationale Ausbildung: Go east, young man!

Die Märkte der Zukunft liegen im Osten – also sollte man lernen, sich dort zu bewegen. Die besten Trainee-Programme von Ungarn bis zur Ukraine.

Unbeirrt vom massiven Blech der Autos, den Ordnung gebietenden Linien auf dem großen Parkplatz des Supermarktes, lenkt der Bauer sein Pferdegespann zum Lieferanteneingang des Gebäudes. Er schiebt den Zigarettenstummel zwischen den Lippen auf die Seite, presst einen scharfen Ton hervor, und schon öffnen sich die Rollbalken. Eilig schaffen junge Burschen seine Lieferung ins Lager der westlichen Supermarktkette. Ein zwar nicht mehr alltägliches, aber immer noch zu sehendes Bild in Bukarest.

„In Rumänien werden teilweise Supermärkte noch mit Pferdekarren beliefert, das kann man sich hier gar nicht mehr vorstellen“, erzählt Philipp Pauly. Wenn der junge Manager von seinen Erlebnissen in osteuropäischen Ländern erzählt, dann kommt er ins Schwärmen: „Ganz speziell ist die große Gastfreundlichkeit. Die Kollegen in der Ukraine haben mich sofort in das Team integriert, ich war sogar mit ihnen auf Urlaub.“ Pauly war freilich nicht auf Abenteuerreise in Osteuropa. Er nahm an einem Management-Trainee-Programm des Handelskonzerns Rewe teil – und absolvierte dabei verschiedene Stationen im In- und Ausland. Vom Packerlschupfen und Kassieren in einer Filiale in Wien-Favoriten bis zum Verfassen einer Marktanalyse über Convenience-Produkte in der Ukraine.

„Das Trainee-Programm bietet die Möglichkeit, ein ganzheitliches Bild vom Unternehmen zu bekommen“, sagt Pauly. Heute arbeitet er bei Eurobilla, einem Tochterunternehmen von Rewe mit Sitz in Wiener Neudorf. Von dort aus werden die Zentral- und Osteuropa-Geschäfte der Lebensmittelkette gemanagt. Erneuter Einsatz im Ausland? Nicht ausgeschlossen. Denn die Märkte der Zukunft liegen im Osten – und Wien ist ein zentraler Dreh- und Angelpunkt für die Expansion internationaler Unternehmen nach Central and Eastern Europe, kurz CEE. Und auch heimische Unternehmen haben das Wachstumspotenzial dieser Regionen erkannt und expandieren kräftig. In Rumänien zum Beispiel ist Österreich derzeit der größte Investor. Grund genug für junge, in Ausbildung befindliche Menschen, sich mit den Besonderheiten dieser Märkte vertraut zu machen.

Dafür sind besonders flexible und mobile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefragt, die österreichisches Know-how in die neuen Märkte bringen und im Gegenzug alle landes-, kultur- und wirtschaftsspezifischen Faktoren kennen lernen. Immer mehr Konzerne bieten daher Trainee-Programme mit internationaler und speziell mit osteuropäischer Ausrichtung an (siehe Tabelle Seite 132). Universitäts- oder Fachhochschul-Absolventen durchlaufen dabei ein individuell gestaltetes Förderprogramm, das in der Regel ein bis zwei Jahre dauert. Als Alternative zum Direkteinstieg lernen sie zunächst verschiedenste Bereiche des Unternehmens im In- und Ausland kennen, bevor sie sich für einen bestimmten Karriereweg entscheiden.

„Das ist auch für jene jungen Menschen interessant, die zunächst einmal überall reinschnuppern wollen“, sagt Christian Eberherr, Bereichsleiter des zentralen Human-Resources-Managements bei Rewe. Das sei gerade für künftige Führungskräfte wichtig. „Wer in einem bestimmten Fachgebiet beginnt, weiß in der Regel sehr wenig über die anderen Bereiche. Wer aber in den ersten 14 Monaten seiner Karriere bei uns alles gesehen hat, vergisst das nicht, sondern ist dann für Generalisten-Jobs einsetzbar“, erklärt Eberherr. Außerdem können die neuen Mitarbeiter dadurch viele Kontakte knüpfen und Netzwerke aufbauen. Personalentwicklerin Dagmar Strolz vom Finanzdienstleister Generali meint: „Das vernetzte Denken ist immer wichtiger, vor allem weil wir bei vielen Projekten bereichsübergreifend arbeiten. Die jungen Trainees kennen oft mehr Leute im Unternehmen als manche Leute in den Abteilungen.“

Horizont erweitern. Wer sich auf ein internationales Trainee-Programm einlässt, sollte ohnehin keine Berührungsängste haben. Pauly hat beispielsweise im Rahmen eines Praktikums in der Ukraine in einem Supermarkt nahe der russischen Grenze gearbeitet. „Nur der Marktleiter hat Englisch gesprochen, alle anderen nur Russisch – und ich nicht. Ich musste mich mit Händen und Füßen verständigen“, erzählt er. „Man muss eben eine gewisse Offenheit mitbringen und sich auf neue Kulturen einlassen.“ Wenn man die richtige Einstellung mitbringe, seien solche Erlebnisse eine berufliche und persönliche Bereicherung. Auch Gerhard Hirczi, Personalchef von Siemens Österreich, ist überzeugt, dass Trainees ihre soziale Kompetenz erweitern: „In einem neuen sozialen, kulturellen und professionellen Umfeld zurechtzukommen ist eine besondere Herausforderung für den Trainee, und es macht stärker und krisensicherer, wenn man die Herausforderung meistert.“

Christian Eberherr, der selbst im Rahmen eines Trainee-Programms bei Rewe in fünf mittel- und osteuropäischen Staaten tätig war, warnt aber vor klischeehaften Vorstellungen: „Die wichtigste Erfahrung war für mich, dass es bei Weitem nicht so exotisch ist, wie wir in Österreich oft glauben. Die Wende ist schon so lange her, dass es heute eine ganze Generation gibt, die keine wesentliche Erinnerung mehr an den Kommunismus hat.“ Dass sich wegen Vorurteilen immer noch viele junge Österreicher nicht vorstellen können, nach Osteuropa zu gehen, hat auch Dorothea Sztopko beobachtet. Aufgrund ihrer familiären Wurzeln in Polen und Ungarn hat sie sich jedoch für ein internationales Trainee-Programm bei Generali entschieden. Und sie ist überzeugt: „Im Osten geht mehr als im Westen.“ Dort seien die Zukunftsmärkte, und viele Osteuropäer würden diese Chance auch nützen: „Die Kollegen in meinem Alter sind zum Beispiel in Ungarn viel dynamischer und zielstrebiger.“

Diese Erfahrung hat auch Edin Karabeg gemacht. Er hat in der Bank Austria Creditanstalt ein Trainee-Programm für internationales Risikomanagement absolviert und war danach in einer kroatischen Tochterbank tätig. „Man darf nicht erwarten, dass dort alles geregelt ist wie bei uns. Man muss deshalb auch den Willen mitbringen, selbst mit anzupacken“, sagt er. Dagmar Strolz von Generali erklärt sich dadurch den speziellen Reiz solcher Programme: „In Osteuropa ist sehr vieles im Aufbau, es ist dynamischer, die Märkte sind – anders als in Österreich – noch nicht gesättigt. Das zieht besonders junge Leute an, die das Gefühl haben, sie können etwas bewegen.“

Frische Ideen. Der Nutzen des Austauschs schlägt sich dann im heimischen Unternehmen nieder. „Wir nutzen die Trainees für eine Art von unerwartetem Know-how-Transfer, nämlich den von Osteuropa wieder zurück nach Österreich. Leute, die dort in den jüngeren Organisationen Personalmanagement für 500 Mitarbeiter machen, haben oft viel frischere Ideen als wir“, meint Eberherr. „Das Unternehmen hier gibt es seit fünfzig Jahren, da ist vieles schon Routine.“

Der Ziegelproduzent Wienerberger beispielsweise bietet Trainee-Programme mit internationaler Ausrichtung an, um junge Mitarbeiter für Expansionsgebiete zu rekrutieren. „Es ist die Strategie von Wienerberger, neue Märkte zu erschließen, und da ist Osteuropa im Moment sehr attraktiv“, sagt Personalleiterin Sonja Eitler. Sie sucht gezielt Universitätsabsolventen, die aus den Ländern kommen oder ein Naheverhältnis zu den Ländern haben, in die Wienerberger expandieren will. „Der Trainee sollte auch längerfristig dortbleiben wollen“, erklärt Eitler. „Er bildet dann immer eine Schnittstelle zum Unternehmen, da beim Trainee-Programm sowohl ein Einsatz in der Holding als auch operativ vorgesehen ist.“

Andere Unternehmen wiederum sind froh, wenn die Trainees mit ihren Auslandserfahrungen wieder zurück nach Österreich kommen. „Es ist Teil unserer Unternehmensphilosophie, dass wir Führungskräfte suchen, die eine internationale Sichtweise haben und diese auch zeigen“, meint Gerhard Hirczi von Siemens Österreich. „Das interkulturelle Know-how kann sich in der Karriere im Unternehmen positiv auswirken.“ Das Trainee-Programm bei Siemens setzt daher auf vier Stationen, von denen die dritte im osteuropäischen Ausland ist. Die vierte Station führt zurück nach Österreich.

Kein Jetset. „Es ist unglaublich, wie viele Bewerber sich auf das Schlagwort ‚international‘ bewerben – und es gibt unglaublich wenige, die dann nach zwei Gesprächen immer noch bereit sind, das zu tun“, erzählt Rewe-Manager Eberherr von falschen Vorstellungen. Man fliege eben nicht nur ab und zu auf Kurzbesuche in die osteuropäischen Metropolen – diese Art von Jobs würden immer weniger.

Trainees müssen mit einem etwas niedrigeren Einstiegsgehalt als bei einem Direkteinstieg rechnen. Im Gegenzug investiert der Arbeitgeber in eine Ausbildung, die fit für den Start einer steilen Manager-Karriere machen soll. Als Absolvent eines Trainee-Programms stehen einem viele Möglichkeiten offen. „Bei allen Stationen lernt man Leute kennen und kann sich empfehlen. Das ist das Kapital, das man am Ende nutzen muss“, sagt Pauly. Ob der Karriereweg dann weiter Richtung Osten führt oder in Österreich fortgesetzt wird, kommt ganz auf den Trainee und den Bedarf des Unternehmens an.

Edin Karabeg ist die Rückkehr von Kroatien nach Österreich schwergefallen: „Man ist das Arbeitsumfeld zu Hause nicht mehr gewohnt. Im Ausland hatte ich mehr gestalterische Freiheiten.“ Daher ist es auch für das Unternehmen keine kleine Herausforderung, die international geschulten Mitarbeiter wieder einzuordnen. Obwohl Karabeg mit seinem jetzigen Job als Aktienanalyst bei der Investmentbanking-Tochter der Bank Austria, der CA-IB, sehr zufrieden ist, zieht es ihn wieder ins Ausland: „Schon wenn ich darüber rede, packt mich wieder das Fernweh.“

Von Regula Troxler

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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