Innenarchitektur: Raumveränderung

Wenn vorgefertigte Wohnraummodelle aus dem Möbelhaus nicht mehr glücklich machen, ist es Zeit für eine maßgeschneiderte Lösung. trend zeigt, welches Potenzial Architekten aus Räumen schöpfen.

Irgendwann geht es einfach nicht mehr. Die bunt durcheinandergewürfelten Regale spiegeln zwar jeden Umzug der letzten Jahre wider, aber passen sie überhaupt noch in die Wohnung? Die Wandfarbe schlägt sich mit dem Lieblingsteppich, und das knallige Sofa hat vielleicht den Geschmack vor zehn Jahren getroffen. Heute streift es ihn nicht einmal mehr. Dafür platzen die Schränke aus allen Nähten, weil’s an Stauraum fehlt. Das Auge ist überfordert, die eigene Wohnung macht gereizt, und spätestens der Blick in Lifestylezeitschriften mit all den gestylten Wohnungen lässt den Wunsch nach gutem Wohnen wachsen. Doch woher soll man angesichts der Fülle der Angebote wissen, was zu einem passt und mit welchem Wohnraum man auch in zehn Jahren noch glücklich sein kann?

Zu einem individuellen, durchdachten und einzigartigen Raumkonzept gehört weit mehr als der Gang zum Möbelschweden. Und auch der Tischler macht’s zwar persönlich, aber der Wohntraum besteht nun einmal nicht nur allein aus wunderbaren Möbeln. Auch Statik, Steigleitungen, bereits verwendete Baumaterialien und vor allem Lichtgestaltung müssen gekonnt mit einbezogen werden. Das erfordert Mut und überfordert mitunter Abendschulabsolventen mit Innengestalterdiplom. Doch wie kommt man zum Wohntraum, und wie sieht es aus, wenn Architekten Räume entstehen lassen? trend hat sich für Sie umgesehen.

Schräge Lösung. Susanne Wagner und Andreas Lichtblau (Architekturbüro licht-blau.wagner) beweisen nicht nur in ihren Planungen für andere Mut, sondern auch in ihren eigenen vier Wänden. Im von ihnen umgebauten Gründerzeithaus haben die Architekten ein Wohnkonzept der besonderen Art entwickelt: Je nach Lebensphase lassen sich die 50 Quadratmeter großen nebeneinanderliegenden Wohneinheiten einfach verbinden. Stellt sich etwa Nachwuchs ein, wird die trennende Wand zur Nachbarwohnung entfernt. Dahinter verbirgt sich ein weiteres Miniloft. Auch die Lichtblau-Wagners wohnen so im letzten Stock des Hauses, direkt unter dem Dach.

Der Dachaufbau war zwar neu, musste aber aus baurechtlichen Gründen der Konstruktion des vorher bestehenden Satteldachs folgen. Während die tief nach unten gezogenen Schrägen wohl von den meisten mit einem Schulterzucken als „unnutzbar“ abgetan werden, machten lichtblau.wagner das Beste draus: Lebensraum. Das bedeutete auch, dass es sich im Loft – einst Statussymbol für kinderlose Yuppies – auch mit drei Kindern leben lässt. Wände und Türen gibt es nicht, nur eine transparente Glasfläche trennt die nebeneinanderliegenden Bereiche Küche und Bad vom Rest der funktionellen Wohnung, die vom Materialmix aus rohem Beton, warmem Holz und großen Glasflächen lebt.

Selbst das Bad ist Teil des Wohnbereichs. Für Andreas Lichtblau waren vor allem ökonomische Gründe für die Integration des Bades in den Wohnbereich ausschlaggebend: „Aus Platzgründen haben wir die Bademöbel in die Wohnräume mit einbezogen. In einer Wohnung gehen rund zehn Prozent der Fläche durch dunkle Gänge und Badezimmer verloren. Das schien uns zu viel.“

Dunkle Ecken wird man hier vergeblich suchen. Selbst die großen Schrägfenster sind so geplant, dass jeder Winkel der Wohnung von Licht durchflutet wird. Mithilfe eines Vorhangs und je nach Stellung der Fenster nützt die Familie den Bereich als Wintergarten, Loggia oder Sonnenterrasse. Um trotz spärlicher Möblierung genügend Stauraum zu schaffen, nutzt das Architektenpaar jede Nische. „Regale mit Shampooflaschen, Waschmittelvorratspackungen und Putzmitteln sollten nicht unbedingt vom Wohnraum aus sichtbar sein, also haben wir die Badewanne in eine günstige Sperrholzkonstruktion eingelassen, die wir als Laden nützen können“, verrät Susanne Wagner. Und selbst unter den Dachschrägen, wo aufrechtes Stehen nicht mehr möglich ist, gibt es Stauraum, der sich über die gesamte Wohnungslänge erstreckt. Die Einbauten sind breit genug, um sie im Sommer bei hinaufgeschobenen Fenstern als Liegefläche zu nutzen, während darunter die Kinder in den Nischen für die eingelassenen Lüftungsklappen Verstecken spielen.

Minimalvariante. Auch auf 22 Quadratmetern lässt sich eine vollwertige Wohnung unterbringen, wie Christopher Aichinger, Thomas Breier und Martin Jurycz vom jungen Wiener Architekturbüro Space+ eindrucksvoll unter Beweis stellen. „Mit viel Geld in einer weitläufigen Wohnung gute Lösungen für den Bauherrn zu entwickeln ist einfach. Wirklich interessant wird das, was man auf knapp bemessenem Raum mit einem kleinen Budget auf die Beine stellen kann“, so Breier.

Der Auftraggeber des Projekts „Roof W“ hatte es satt, bei seinen Wien-Besuchen nach dem Theater im Hotel übernachten zu müssen. In einem Innenhof in Wien-Neubau fand er schließlich ein Häuschen, in dem früher der Hausmeister untergebracht war. Auf mageren 22 Quadratmetern fanden zwei Zimmerchen und ein Handwaschbecken Platz. Selbst für eine einzige Nacht pro Woche war die Unterkunft zu spartanisch.Um die dürftige Bleibe zu einem komfortablen Nest umzugestalten, waren einige Eingriffe nötig. Space+ bauten eine Heizung ein und rissen die alte Holzdecke heraus.

Aus der beengten Zweizimmerwohnung wurde eine luftige Garçonnière mit einem acht Meter hohen Raum als Kernstück. Darüber thront eine „Schlafgalerie“. Um das Miniaturhäuschen ökonomisch zu nutzen, entwarfen die Architekten ein multifunktionales Raummöbel, das gleichzeitig Stauraum, Bücherregal und Stiege ist und direkt auf die Schlafgalerie führt. Diese liegt über Badezimmer und Küchenzeile, die durch eine Schiebetür voneinander getrennt werden. Nach zwei Monaten Planungs- und ebenso langer Bauzeit war das mit 13.000 Euro wohlfeile Projekt fertig gestellt.

Mit welchen Kosten man für Planungen und Umbauten tatsächlich rechnen muss, ist allerdings schwer zu sagen und hängt ganz vom Projekt, dem planerischen Aufwand und den verwendeten Materialien ab. Thomas Breier: „Wenn das Budget des Kunden nicht allzu üppig ist, schrecken wir auch nicht davor zurück, Einrichtungsgegenstände aus dem Möbelhaus zu adaptieren und so die passende Lösung zu finden.“ Wirklich teuer wird ein Umbau dann, wenn große bauliche Veränderungen nötig sind. Pauschalpreise gibt es allerdings keine. Erst nach dem Vorentwurf lassen sich die Kosten abschätzen. Müssen an der bestehenden Bausubstanz Eingriffe vorgenommen werden, etwa um Fenster zu vergrößern, wird es teuer. „Allerdings übernehmen wir als Architekten auch die Bauaufsicht, verhandeln mit den Handwerkern und kümmern uns um baubehördliche Angelegenheiten“, rechtfertigt sich Martin Jurycz. Laut Bund der Österreichischen Innenarchitekten (BÖIA) liegen die Kosten dafür bei mindestens 90 Euro pro Stunde.

In großem Maßstab. Die Angst vieler Bauherren vor dem Gang zum Architekten ist für die Kritzendorfer Architekten Michaela und Andreas Dreer, die gemeinsam unter dreer2 firmieren, nicht nachvollziehbar. Denn als Dienstleister verwirklichen sich Innenarchitekten auf Kosten ihrer Auftraggeber weder selbst, noch dürfen sie in den Planungen festgelegte Budgets überschreiten. Selbst Kunden, von denen man meint, Geld spiele keine Rolle, achten aufs Budget.

Für den Umbau und die Innenraumgestaltung einer Industriellenvilla aus dem Jahr 1870 gab es beispielsweise für dreer2 klare Vorgaben. Über die Umbaukosten wird vornehm der Mantel des Schweigens gebreitet. Die höchsten Kosten dürfte allerdings die Mauertrockenlegung des vormals als Lager- und Wirtschaftsraum genützten düsteren Erdgeschoßes verursacht haben. Um mehr Licht ins Haus zu holen, waren gröbere Umbauarbeiten vonnöten. Die Fenster mussten vergrößert werden, ohne die Fassade des Hauses zu beeinträchtigen. Die Dreers entschieden sich dafür, die Fenster bis zum Gebäudesockel zu verlängern und die beiden Türen voll zu verglasen. Es entstanden lichtdurchflutete Räume, die in eine offene Küche, Wohnsalon, Esszimmer, einen Bereich für Gäste und eine Speis unterteilt wurden.

Herzstück ist der Wohnsalon, der von einem offenen Kamin dominiert wird, auf den Andreas Dreer besonders stolz ist: „Insgeheim wünschte sich der Bauherr schon lange offenes Feuer im Wohnraum, das kam erst nach Gesprächen heraus. Wir hätten es nicht vorgeschlagen, wenn es sich aus Bausubstanz und Anlage des Raums heraus nicht so ergeben hätte. Für die Kaminbrüstung haben wir ein altes Kapellenportal verwendet.“

Auf das Erraten verborgener Wünsche sollten sich Auftraggeber allerdings nicht verlassen. Die Planer sind darauf angewiesen, dass Wünsche ans zukünftige Wohnen, Vorstellungen und Abneigungen artikuliert werden, um ein Endergebnis zu kreieren, mit dem sich beide Seiten identifizieren können.

Mut tut gut. Die Auftraggeber müssen mit ihrem Architekten auf einer Wellenlänge liegen und ihm viel Vertrauen entgegenbringen, befindet der Wiener Architekt Johannes Will vom Büro Willl: „Immerhin kennt man den Tagesablauf seiner Kunden bis ins Detail. Ich weiß, welches Licht er beim Zähneputzen bevorzugt und auf welcher Bettseite die Dame des Hauses bevorzugt schläft. Wichtiger, als zu erklären, wie ein Raum aussehen soll, ist aber die Vorstellung des Kunden, wie er wohnen und leben will.“ All das muss in vielen Gesprächen preisgegeben werden, bis es dann tatsächlich zu einer Umsetzung der Pläne kommt. Allerdings: Der Architekt kann zwar alles planen und vermessen, entscheiden muss aber letztendlich der Bauherr.

Ein wenig Mut schadet allerdings ganz und gar nicht, wenn man mithilfe eines Architekten seine Innenräume von einer 08/15-Gestaltung abheben und etwas Unerwartetes schaffen möchte. Für ein Paar plante Johannes Will auf 150 Quadratmetern eine Citylounge in einem klassischen Altbau in Wien. Wer Stilmöbel und Flügeltüren erwartet, erlebt eine Überraschung. Türen mussten Durchgängen weichen, die schief, ausgezackt oder beides zugleich sind. Aus gutem Grund: Die Raumübergänge wirken fließender, als das mit Türen möglich gewesen wäre. Gleichzeitig spielte der Architekt mit dem einfallenden Sonnenlicht, das dank der unkonventionellen Übergänge schöne Schattierungen auf den Holzboden zeichnet.

Die Küche hat zwar keine Fenster, dafür fällt durch die ausgezackten Durchgänge mehr Licht in den hinteren Bereich der Wohnung. Gegenüber der Küche befindet sich das Bad, nur durch eine transparente Glaswand vom Rest der Wohnung getrennt. Um auch die Nasszelle in den Wohnraum zu integrieren, verzichtete Johannes Will auf Fliesen und wählte stattdessen dunkle Phenolholzplatten, die dem Raum Wohncharakter verleihen. Mit verschiedenen Beleuchtungssystemen lässt sich die Architektur des Raums von der Küche aus als Gesamtkunstwerk genießen.

Schiefe Flächen finden sich auch im Möbeldesign wieder. Die Einrichtung, wie zum Beispiel das Glasregal im Wohnzimmer, stammt aus Wills eigener Manufaktur. Die Regalbretter sind am Glas befestigt, durch das Möbel hindurch sieht man in den nächsten Raum. Das verleiht dem Wohnzimmer Leichtigkeit und Eleganz, die auch nicht durch schnöde Einbauschränke zum Verstauen notwendiger Alltagsgegenstände gestört werden. Die gibt es zwar, allerdings ziehen sich die

Kästen wie eine zweite Wand unauffällig durch die Räume. Besonders clever: Um den Eindruck zu erwecken, es handle sich tatsächlich nur um Wände, wurde auf Knäufe und Griffe gänzlich verzichtet. Durch leichten Fingerdruck öffnen sich dank Gaspumpen Schränke wie durch Geisterhand. Geld spielte dabei keine Rolle.

Luftigkeit. Das ist allerdings eher die Ausnahme, wie auch die Artec Architekten Bettina Götz und Richard Manahl bestätigen: „Oft kommen die Auftraggeber und sagen klar, wie viel Geld sie in Planung und Umsetzung stecken wollen und können. Wir versuchen dann das Beste daraus zu machen.“ Das ist Götz und Manahl auch beim Umbau einer pittoresken Villa in Tullnerbach im Wienerwald gelungen. Der Bau, der im späten 19. Jahrhundert entstand, war halb verfallen, entzückte seine Käufer jedoch ob seines efeu- und rosenüberwucherten Gartens, der altmodischen Holzveranda und der Türmchen und Erker.

Trotz kleinen Budgets gelang der Umbau. Die ehemals verwinkelten Raumstrukturen wurden aufgebrochen, indem Mauern entfernt und durch kostengünstige Holzplatten in Eschenfurnieroptik ersetzt wurden. Da sie nur 2,20 Meter hoch sind, teilen sie zwar als multifunktionale Möbel die Räume weiterhin, aber ohne sie nach oben hin abzuschließen.

Exzentrisch. Auch wenn klare Formen und Purismus den Innenausbau dominieren: Dass es nicht immer nur praktisch sein muss und in der Innenarchitektur durchaus auch in Opulenz geschwelgt werden darf, zeigt ein Projekt von Christian L. Einwaller Architects. Für sein Penthouse am Millstätter See wünschte sich ein Kunde den Nachbau der „Bounty“, jenes Schiffes, auf dem die berühmte Meuterei stattfand, und bekam ihn auch prompt. So wurde etwa das Badezimmer für den Hausherrn zur „Lagune“. Die Badewanne hat die Form eines Piratenschiffs, man schreitet über hölzerne Schiffsplanken, und in meerblaues Hypoxidharz wurden Seesterne eingegossen.

In der Architektur ist alles möglich, solange es dem Kunden gefällt. Katrin Fialik, Architektin aus dem Büro Einwaller, ist allerdings dann am zufriedensten, wenn sie Auftraggeber von antiquierten Vorstellungen abbringen und von den Vorteilen zeitgemäßer Planung und Materialien überzeugen kann. So wie im Fall einer älteren Dame, der ein Bad aus rosa Marmor mit verschnörkelten Wasserhähnen vorschwebte. Die ist jetzt glücklich mit einer Badewanne in der Mitte des Raumes, und statt Schwänen als Wasserspendern versüßt ihr modernes Design das Badevergnügen. Fialik: „Im Prinzip arbeiten wir wie Maßschneider. Wir passen Kunden den perfekten Anzug an, in dem sie sich auch wirklich wohlfühlen. Nur vor Modetorheiten müssen wir sie bewahren.“

Von Ulrike Moser

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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