Im grünen Bereich

Nach gut zwei Jahrzehnten ist die Umwelt wieder ein Thema. Doch dieses Mal ist einiges anders. Ganz anders. Von Christian Rainer

Al Gore und der Weltklimarat bekamen im Oktober 2007 den Friedensnobelpreis für ihr Umwelt­engagement. Das „Time“-Magazin ersetzte im April 2008 seinen heiligen roten Rahmen durch einen grünen ­(Titel-Thema: natürlich Umwelt). Umweltminister Josef Pröll stimmt die österreichische Bevölkerung darauf ein, dass die Republik im Ausland CO2-Zertifikate kaufen muss, weil die Umweltschutzmaßnahmen nicht an die gesteckten Ziele her­angekommen sind. Alles grün. Alle grün. Wir fühlen uns in den Dezember 1984 zurückversetzt. Damals erreichte das Umweltengagement in diesem Land mit der Besetzung der Stopfenreuther Au seinen Höhepunkt. Eine – aus der Sicht der Aubesetzer – erfolgreiche Aktion, das Kraftwerk Hainburg wurde nicht gebaut, die Frösche durften weiterleben. Und was geschah dazwischen? Dazwischen geschah nicht viel, außer dass Mülltrennung im Haushalt eine viel beachtete Freizeitbeschäftigung geworden ist.

Durchaus beachtenswert ist aber auch, was da inzwischen getrennt wird: erstens viel mehr, da die Müllmengen angewachsen sind, und zweitens so geniale Erfindungen wie die Plastikflasche für stilles Mineralwasser (das dem Leitungswasser täuschend ähnelt), Klarsichtfolien von der 1000-Meter-Rolle (die endgültig über die Dosenhaltung von Lebensmitteln gesiegt haben) oder zum Beispiel das Wegwerfhandy. (Immerhin ist die Wegwerfkamera zugunsten der Digitalkamera verschwunden, die allerdings auch halbjährlich durch ein neues Modell ersetzt wird, wodurch die alte – müllgetrennt – im Abfall endet.) Und das Straßenbild hat sich ein wenig geändert. Der Golf ist jetzt rund 20 Zentimeter länger und 50 Prozent schwerer als 1984. Was freilich sinnvoll erscheint, da er ansonsten von den epidemischen Geländewagen verdrängt würde (SUVs genannt, durchaus auch, weil sie so viel saufen), deren Besitzer regelmäßig Untersetzung nicht von Übersetzung unterscheiden können. Umweltbewusstsein? Ein sehr unrealistisches.

Und jetzt plötzlich Gore, „Time“, Pröll. Eine massive Welle an grünem Bewusstsein. Was ist geschehen? Dieses Mal ist alles anders. Denn nun revoltiert ja nicht die Basis. Vielmehr ist es das Establishment, das gegen sich selbst aufbegehrt. Der ehemalige Vizepräsident der Vereinigten Staaten macht Doku-Filmchen, um sein ehemaliges Volk wachzurütteln und ihm zu sagen, dass sie die schlimmsten Sünder der Erde sind. Die hochmögenden Damen und Herren in der New Yorker „Time“-Redaktion halten ihren Lesern den Spiegel vor. Und die internationale Staatengemeinschaft, die nicht zu 100 Prozent unbeeinflusst von den Industrielobbys sein dürfte, bestraft sich selbst mit Bußen für die Verfehlung von Klimazielen. Eine von oben oktroyierte Strategie mit sehr langfristigen Zielen, die kurzfristig nur Geld kostet und das Leben mühsamer macht? Verkehrte Welt. Aber was hat die Mächtigen dazu getrieben, sich sendungsbewusst zu gebärden wie eine Kreuzung aus Jesuiten-Jünglingen und bewaffneten Vegetariern? Der Ölpreis war es nicht. Die neugrüne Welle hatte schon vorher zu rollen begonnen. (Und beim Ölpreisschock der 1970er-Jahre begann die Industrie bloß massiv in die eigene Energieeffizienz zu investieren, ohne aber die Rettung der Welt ins Auge zu nehmen.) Möglicherweise war es die Wissenschaft. Sie hat nun übereinstimmend und von Zweifeln befreit festgestellt, dass der CO2-Ausstoß für die Erderwärmung verantwortlich ist, dass diese Temperaturerhöhung massiv vor etwa 20 Jahren eingesetzt hat (in Hainburg 1984 noch nicht) und dass eine weitere Erwärmung nicht einmal für ausgewählte Bewohner nördlicher Breiten vorteilhaft wäre, die dann zwar weniger frieren, aber leider auch wegen des gestiegenen Meeresspiegels ertrinken müssten. Vielleicht also haben einige Mitglieder der Weltelite verstanden, was die durchschnittliche Nichtelite nicht verstehen könnte: dass es ohne radikale Veränderungen nur mehr um die Frage geht, ob erst die fossilen Energien zu Ende und damit das Licht ausgeht oder ob die Erderwärmung gewinnt und den Globus solcherart in diverseste Kalamitäten stürzt. Und die Aubesetzer von 1984? Sind hoffentlich selbst Eliten geworden (und weinen jedem nicht gebauten Wasserkraftwerk nach).

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente