"Ich verstehe die Wut der Steuerzahler":
Großinvestor Ronny Pecik im Interview

Der Wiener Investor Ronny Pecik, der in wenigen Jahren ein Vermögen an den Finanzmärkten gemacht hat, geißelt die Gier und die Verantwortungslosigkeit von US-Bankern – und fordert neue Spielregeln für das kapitalistische System. Interview: Andreas Lampl

Am 10. Oktober 2008 sitzt Ronny Pecik in seinem Büro. Es ist der Tag, an dem viele Börsen weltweit den größten Verlust ihrer Geschichte machen. Pecik starrt – halb erschrocken, halb amüsiert – auf die vier Bildschirme mit Aktienkursen, die seinen Tisch dominieren. Während des trend-Interviews springt er immer wieder auf: „Ein Gemetzel!“ „Ein historischer schwarzer Tag!“ „Wien sperrt gar nicht auf, eh besser!“ Dazwischen gibt er seinen Mitarbeitern Anweisungen für ein paar Transaktionen.

trend: Sie scheinen immer noch zu gambeln, obwohl die Finanzwelt in Trümmern liegt. Sind Sie so cool, dass Sie an eine baldige Trendwende an den Börsen glauben?
Pecik: Kurzfristig werden die Kurse nicht raufgehen. Die Märkte sind so erschüttert, dass sie sich nicht schnell erholen werden. Aber auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten findet man jetzt hervorragende Kaufkurse vor. Die Stimmung ist viel extremer als die Realität.

trend: Das heißt, Sie decken sich jetzt mit Aktien ein?
Pecik: Ich baue bei ein paar ausgewählten österreichischen Aktien langsam Positionen auf. Da habe ich einen Veranlagungshorizont von ein bis zwei Jahren. Ich bin kein kurzfristiger Investor.

trend: Sie haben das Vertrauen in die österreichische Wirtschaft nicht verloren?
Pecik: Eine Voest oder eine OMV sind super Unternehmen, und das werden sie bleiben. Österreich ist eine Insel der Seligen, auch wenn die Zahlen im Moment etwas anderes sagen. Aber im Vergleich zu den USA, wo 100.000 Investmentbanker arbeitslos geworden sind und die Menschen ihre Häuser verlieren, sind wir gut dran. Die Panik um die Sparguthaben bei uns ist übertrieben.

trend: Haben Sie Ihr Geld bei österreichischen Banken liegen?
Pecik: Ja, das habe ich.

trend: Wer ist schuld an der Katastrophe? Die 100.000 Investmentbanker, die jetzt arbeitslos sind?
Pecik: Zehn bis 15 Investmentbanken haben das verursacht, auch Hedgefonds – und Alan Greenspan.

trend: Sie meinen die Niedrigzinspolitik des früheren Chefs der US-Zentralbank Fed, Alan Greenspan?
Pecik: Er ist einer der Hauptschuldigen. Seine Politik, die Leitzinsen in kurzer Zeit von über fünf auf 1,25 Prozent zu senken, war der größte Fehler. Er hat dadurch – getrieben von Lobbys – unglaubliche Geldmengen für den Konsum der Amerikaner geschaffen.

trend: Und die haben dankbar zugegriffen?
Pecik: Das liegt am dortigen Sozialverhalten. Der Europäer geht in seiner Freizeit bergsteigen oder Rad fahren, der Amerikaner geht shoppen. Wenn der sich Zeit für die Familie nimmt, dann wird in die Shopping-Mall gefahren. Und damit auch alle 280 Millionen US-Bürger den Konsum antreiben, auf dem die US-Wirtschaft aufbaut, hat Greenspan diese irrwitzige Liquidität zur Verfügung gestellt.

trend: Bis der Traum des Lebens auf Pump geplatzt ist?
Pecik: Klar. Jeder Kleinverdiener kaufte Häuser und dicke Autos und hat sich immens verschuldet. Die Investmentbanker haben das billige Geld am Markt aufgesammelt. Sie haben die Hypotheken von Freddie Mac oder Fannie Mae über Anleihen übernommen, sie neu verpackt – und an die Europäer verkauft, unterlegt mit dem Triple-A-Rating einer Immobilienanleihe. Die enorme Hebel­wirkung wurde den meisten erst bewusst, als die Immobilien­blase platzte.

trend: Amerikanische Banker haben die Schulden in derivative Produkte gepackt und um den Globus gejagt. Gehören solche Praktiken verboten?
Pecik: Der Derivativ-Markt hat sich in den letzten Jahren in eine extreme Richtung entwickelt. Es wurden – ganz legal – immer neue Dinge erfunden, um den maximalen Profit herauszuholen.

trend: Und um den maximalen Bonus herauszuholen …
Pecik: Richtig. Ich halte diese Bonuszahlungen, die jenseits jeglicher Vorstellung liegen, für absolut falsch. Alleine in London wurden 2007 rund 13 Milliarden Euro an Banker ausbezahlt. Ich verstehe die Wut der Steuerzahler und Politiker. Irgendein US-Manager, der das Desaster mitverschuldete, hat noch schnell 400 Millionen Dollar bekommen – und steht jetzt wahrscheinlich gerade am Golfplatz beim vierten Loch.

trend: Auch der General der Investmentbank Merrill Lynch hat zum Abschied 140 Millionen eingesackt. Danach musste die Bank verkauft werden.
Pecik: Mir kann niemand erklären, warum jemand mehr als 100 Millionen wert ist, der mit fremdem Geld spekuliert. Das Problem ist, dass diese Manager kein persönliches Risiko haben und deswegen im Geschäft zu viel Risiko eingehen. Läuft es gut, kriegt er 500 Millionen, läuft es schlecht, kriegt er 200 Millionen. Auch ein ­Trader kann maximal seinen Job verlieren. Warum sollte er sich also viele Gedanken machen? Ich glaube aber, dass diese Zustände bald ein Ende haben. Diese Regulierung wird stattfinden.

trend: Wie kann ich Banker konkret dazu bewegen, keine unkalkulierbaren ­Risken einzugehen?
Pecik: Solange gilt, je mehr Risiko ich nehme, desto mehr kann ich verdienen, so lange werde ich das Risiko nehmen. Dieses System muss man ändern. Und das funktioniert nur, wenn die Leute für Fehler auch mit ihrem Privatvermögen haften. Und zwar mit ihrem ­gesamten Besitz.
Herr Pecik, Sie selbst sind auch in kurzer Zeit sehr reich geworden. Sie zählen zu den bekanntesten Finanzjongleuren Österreichs. Sind Sie nicht genau der Typ des Spekulanten, der jetzt weltweit am Pranger steht?
Vom Typ her ist das vielleicht korrekt. Aber es gibt da gravierende Unterschiede. Erstens arbeite ich mit eigenem Geld und auf eigenes Risiko. Zweitens investiere ich nur in Qualität. Eines meiner Vorbilder ist Warren Buffett, dessen Grundsatz lautet: Greife nie eine Aktie an, die du nicht mindestens zehn Jahre halten würdest. So denke ich auch. Ich bin kein Trader, kein Jäger im Dschungel, für den nur die Beute zählt.

trend: Aber Sie haben bei Ihren Übernahmen auch mit wenig Eigenkapital agiert. Sie haben Derivate benutzt, Optionen mit großer Hebel­wirkung. Das war bei der VA Tech so und bei Oerlikon. Sie gelten ­geradezu als der König der Optionen in Österreich.
Pecik: Ich habe Derivate eingesetzt, um meine Ziele zu erreichen. Das ist nicht verkehrt. Es war trotzdem mein Geld und mein Risiko – und nicht das von irgendeiner Bank. Optionen sind an sich nicht problematisch. Ich habe Optionen immer nur benutzt, um Aktien eines Unternehmens später tatsächlich zu beziehen. Shortselling habe ich nie betrieben …

trend: … die zweifelhafte Praxis, geliehene Aktien zu verkaufen, um sie nach dem provozierten Kursverfall günstiger zurückkaufen zu können.
Pecik: Diese Art der Aktienleihe muss extremst reguliert oder verboten werden. Shortselling ist erst seit ein paar Jahren für institutionelle Investoren erlaubt. Ein Fehler.

trend: Wenn über Spekulanten oder Heuschrecken geschimpft wird, fühlen Sie sich nicht angesprochen?
Pecik: Nein, ich bin kein Kurzfrist-Spekulant. Als Heuschrecken werden meist Hedgefonds bezeichnet. Unter diesen gibt es schwarze Schafe, zum Beispiel jene, die derzeit skrupellos die Banken zu Tode prügeln. Hedgefonds sind aber auch Marktregulatoren. Denn nur unfähige Manager rufen solche Fonds auf den Plan. Gute Manager heben die Werte eines Unternehmens selbst. Da ist für so genannte Heuschrecken nichts zu holen.

trend: Ihr Geschäftsprinzip ist ähnlich wie das von Hedgefonds?
Pecik: Ich wäre nie auf die Idee gekommen, feindlich bei Oerlikon einzusteigen, wenn der Konzern gut geführt gewesen wäre. Aber wir haben gesehen, dass dort viele Werte brachliegen. Und wir haben einen Beitrag geleistet, dass Oerlikon heute viel besser dasteht und tausende Arbeitsplätze geschaffen wurden. Bei der VA Tech war es ähnlich. Die war mit 4,7 Milliarden Euro Umsatz an der Börse nur 170 Millionen wert. Das haben wir geändert. Ich habe immer vorhandene Werte gehoben, aber nicht wie die Investmentbanken künstliche Werte kreiert und aufgeblasen.

trend: Also sind Sie einfach besser als die Bosse vieler großer Konzerne?
Pecik: So kann man das nicht sagen. Finanzleute sind zielgerichteter und aggressiver, weil sie viel mehr verdienen können als der CEO eines Industriekonzerns. Der kommt im Normalfall auf höchstens zwei Millionen Euro im Jahr und ist deswegen oft weniger motiviert. Dann muss der Druck von außen kommen – von Leuten wie mir. Das ist vielleicht ein Systemfehler, aber es ist so.

trend: Ihr Antrieb in dem Spiel ist, viel Geld zu verdienen?
Pecik: Ich bin in Wien-Brigittenau aufgewachsen. Mit 17 Jahren bin ich von zu Hause weg, mit zwei Jeans und 80 Schilling. Ich habe mich als Kellner und Tankwart über Wasser gehalten und wollte meinem Vater beweisen, dass ich es schaffe. Dieser Antrieb, Geld zu verdienen, hat schon eine gewisse Aggressivität erzeugt. Am Anfang habe ich Geld bei der Bank geliehen und bei Investoren gesammelt. Wäre die A-Tec schiefgegangen, hätte ich bei null anfangen müssen.

trend: Sie haben gesagt, dass Sie langfristig denken. Aber Ihre Partnerschaften mit Mirko Kovats bei der A-Tec und mit Georg Stumpf bei Oerlikon sind zerbrochen, weil Sie die Unternehmen nicht mehr managen wollten – weil Sie das Interesse verlieren, wenn ein Deal erfolgreich gemacht ist?
Pecik: Ich maße mir nicht an, industrielle Führungskompetenz zu haben. Das ist nicht mein Ding. Aber ich habe Zugang zu exzellenten Managern und bin gerne Kernaktionär. Bei der A-Tec war ich sechs Jahre dabei, bei der Oerlikon bin ich seit vier Jahren dabei.

trend: Ihr Vorbild Warren Buffett hält Unternehmen über Jahrzehnte.
Pecik: Da habe ich noch Zeit.

trend: Nach dem Teilverkauf der Oerlikon an den Russen Viktor Vekselberg verfügen Sie über ein paar hundert Millionen Cash. Werden Sie damit wieder in Firmen einsteigen?
Pecik: Ich habe mir ein paar österreichische Aktien herausgepickt, wo ich begonnen habe zu kaufen und im Laufe der Zeit als Investor größere Pakete aufbauen will. Ich möchte auch wieder Kernaktionär werden, warte aber noch, welche Möglichkeiten sich bieten. Es werden günstige Gelegenheiten kommen.

trend: Haben Sie auch Geld in Hedgefonds angelegt? In Zeiten wie diesen kann das je recht lukrativ sein.
Pecik: Nein, ich habe kein Geld in Hedgefonds.

trend: Wir haben schon über Gier geredet. In den letzten Jahren war kein Inves­tor mit weniger als 20 Prozent Rendite per annum zufrieden. Hat nicht diese Maßlosigkeit das System zu Fall gebracht?
Pecik: Absolut. Ich bin mit sechs bis zehn Prozent Rendite pro Jahr mehr als zufrieden. Anleger, Investoren und Fondsmanager sollten die letzten drei Jahre aus ihren Köpfen streichen. Der Renditedruck in dieser Zeit war Teufelszeug und führte zu einer völlig irrealen Entwicklung. Ich hoffe, dass so etwas nie wieder passiert. 20 Prozent sind auf Dauer schlicht und einfach nicht drinnen.

trend: Wo liegt nach Ihrer Ansicht eine gesunde Rendite?
Pecik: Sechs bis zehn Prozent kann das System verkraften. Größere Steigerungen können Unternehmen nicht rechtfertigen. Wir müssen alle unsere Erwartungen beschränken.

trend: Was muss jetzt passieren, damit sich die Geschichte nicht wiederholt?
Pecik: Die US-Börsenaufsicht SEC hat nie die von den Investmentbanken erfundenen Produkte überwacht, sondern nur das ordentliche Vorgehen im Handel. Aber die Ära der Investmentbanken ist vorbei – und damit dieser Sonderstatus.

trend: Muss die Aufsicht generell strenger werden, insbesondere in den USA?
Pecik: Das wird sicher passieren. Wichtig wird vor allem sein, dass die Aufseher das gleiche Know-how haben wie die andere Seite. Das ist nicht ganz leicht, weil sie im Vergleich zu Bankern und Tradern nur einen Bruchteil verdienen.

trend: Wird sich der Kapitalismus erneuern, oder steuern wir auf eine existenzbedrohende Krise des Kapitalismus zu?
Pecik: Ich glaube an die Selbstreinigungskraft. Aber wir müssen wieder Demut lernen. Wir schreiben gerade im negativen Sinn Wirtschaftsgeschichte und sind verpflichtet, die Systeme zu überdenken.

trend: Was konkret muss sich – abgesehen von der Aufsicht – ändern, damit das Finanzsystem berechenbarer und vertrauenswürdiger wird?
Pecik: Die Änderungen bei den Bonussystemen und starke Restriktionen für Aktienleihen bzw. Leerverkäufe habe ich erwähnt. Außerdem müssen die Hebelungen massiv eingeschränkt werden. Mir selbst ist passiert, dass eine Bank, die mich als Kunden gewinnen wollte, gesagt hat: Zahlen Sie 100 Millionen ein, und Sie spielen mit 500 Millionen mit – dann können Sie fünffach gewinnen. Ich weiß aber, dass man dabei auch fünffach verlieren kann. Auch Hebel von 25 und mehr waren bei Banken und Fonds keine Seltenheit. Was jetzt stattfindet, ist das Verdauen dieser Verluste. Wir entgiften. Und alle zusammen zahlen die Rechnung für die Amerikaner.

trend: Halten Sie die Maßnahmen in der EU und in Österreich für ausreichend, um die Krise in den Griff zu kriegen?
Pecik: Nein. Wir haben es diesmal nicht mit einer Blinddarmoperation zu tun. Es hat zuerst so ausgesehen. Aber während der Operation kam es zum Herzstillstand. Dagegen hilft nur ein Elektroschock.

trend: Der wie aussehen müsste?
Pecik: Weltweit müssen die Leitzinsen massiv gesenkt werden, am besten gleich um 1,5 Prozentpunkte. Was Greenspan weit übertrieben hat, wäre jetzt nötig. Die Inflation ist jetzt nebensächlich. Es ist ja löblich, dass die EZB die Inflation bekämpft, aber davon werden wir nicht satt. Der Geldfluss muss wieder in Gang kommen. Dafür können nur Staaten sorgen. Ich halte deswegen auch die Verstaatlichung von Banken für ganz richtig.

Zur Person. Ronny Pecik, 46, ist einer der bekanntesten Finanzjongleure Österreichs. Der Sohn von Einwanderern aus Kroatien wuchs im 20. Wiener Bezirk auf und zog mit 17 Jahren zu Hause aus. Nach Jahren als Kellner oder Tankwart gelang ihm eine Bank-Karriere. Er wurde mit dem Aufbau der Wiener Optionen-Börse ÖTOB betraut und machte sich später als Investor selbstständig. Mit Partnern wie Mirko Kovats (A-Tec) oder dem Multimillionär Georg Stumpf übernahm Pecik – oft feindlich – Anteile an großen Konzernen, die er mit hohem Gewinn wieder abstieß. Das brachte ihm den Ruf eines aggressiven Spekulanten ein. Von null weg erarbeitete sich Pecik ein Vermögen von aktuell einer halben Milliarde Euro.

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