"Ich fürchte, das wird ein holpriger Weg“
Alois Wögerbauer im trendINVEST-Interview

Das Einfache, Transparente sei jetzt wieder gefragt, meint Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment GmbH. Und er erklärt, wer uns die Finanzkrise eingebrockt hat, warum klare Börsensignale ignoriert wurden und was sich in der Branche alles ändern muss. Von Reginald Benisch

trendinvest: Finanzkrise, Börsencrash, Zukunftsängste. Ich nehme an, Ihre Kunden stellen Ihnen eine Menge Fragen?

Alois Wögerbauer: Natürlich, die wollen einfach verstehen, was da global passiert. Es gibt Schulkollegen, die sich seit zehn Jahren nicht mehr gemeldet haben, die rufen jetzt an und bitten mich, ihnen zu erklären, was eigentlich läuft.

trendinvest: Und was sagen Sie den Freunden und Kunden? Wie konnte es denn so weit kommen, dass die Banken derart vorsichtig wurden, dass sie die Realwirtschaft nicht mehr ausreichend mit Geld versorgen wollen?

Wögerbauer: Die Hauptschuldigen waren meiner Meinung nach die internationalen Ratingagenturen, und es überrascht mich, dass man dieses Thema nicht härter diskutiert. Investoren haben nicht die Möglichkeit, alles selbst zu überprüfen. Sie vertrauen gewissen Grundregeln, sie vertrauen den Bilanzen, den Prüfern und natürlich auch den Ratingagenturen. Faktum ist, dass den Banken weltweit gewisse amerikanische Wertpapiere angeboten wurden, die mit AAA-Rating versehen waren und wesentlich höhere Erträge versprachen als vergleichbare Staatsanleihen. Kein einziger europäischer Investor hätte ein komplexes amerikanisches Kreditprodukt ohne ein tolles Rating gekauft.

trendinvest: Hat man diesen Widerspruch nicht hinterfragt?

Wögerbauer: Wahrscheinlich hätte man nicht den Hausverstand ausschalten sollen. Ich muss zugeben, dass ich mir bis zum Sommer 2008 überlegt habe, ob denn nun die Börse oder die Wirtschaft Recht hatte. Natürlich haben wir gesehen, dass die Börsen gedreht haben und dass es charttechnisch schlecht aussah. Aber wenn wir dann die Firmen besuchten, sagte der Vorstand, die Finanzkrise sei kein Problem. Aber die Börse hatte doch Recht gehabt. Wir hätten früher erkennen müssen, dass uns die Börse etwas anzeigt, was in der Realwirtschaft noch nicht sichtbar war. Erst im August und im September wurde klar: Hoppla, jetzt greift die Finanzkrise wirklich auf die Realwirtschaft über.

trendinvest: Abwärtsspiralen hat es schon früher gegeben. Aber wieso ist es diesmal gar so dramatisch?

Wögerbauer: Die Finanzmärkte waren durch Kredite aufgebläht. Wer hätte gedacht, dass der Reichtum vieler russischer Oligarchen auf Kredit aufgebaut war? Den Namen Deripaska kennt man ja, der hat infolge seiner Kreditfinanzierung seine Magna-Beteiligung verloren – aber es gab offenbar viele kleine Deripaskas. Ich habe gerade in letzter Zeit oft mit Aktienhändlern gesprochen. Sehr viele haben mir bestätigt, dass in Wien große Volumina verkauft wurden, weil Kredite nicht mehr verlängert wurden. Aktien wurden je nach Qualität zu 50 bis 60 Prozent belehnt. Wenn dann die Kurse stark fallen, werden Zwangsverkäufe ausgelöst, und das Spiel beginnt. Denn wenn ein Investor eine OMV bei 20 Euro bestens verkauft, also bei einem KGV von vier, bei einer Dividendenrendite von sechs Prozent und unter dem Buchwert, dann hat dieser Investor offenbar ein Problem. Wir haben nicht gewusst, dass so viele Aktien auf Kredit gekauft wurden, wir haben dieses Problem unterschätzt.

trendinvest: Und welche Rolle haben die Hedgefonds in diesem Drama gespielt?

Wögerbauer: Die sind jedenfalls stark für die Verwerfungen mitverantwortlich. Die haben stets mit viel Kredit gearbeitet, und dann kamen die Banken und haben nicht mehr verlängert. Also mussten sie Positionen auflösen und verkaufen. Das aktuelle Thema ist das so genannte De-Leveraging – die Auflösung der Kreditfinanzierung. Und das Ausmaß ist nicht vorhersehbar.

trendinvest: Und was lernt man als Manager einer Fondsgesellschaft aus diesem Debakel?

Wögerbauer: Dass wieder einfache Finanzprodukte Zukunft haben. Es wird nicht mehr möglich sein, dass Anleger – vom Privatmann bis zum Vorstand einer großen Versicherung oder Pensionskasse – künftig weiter in Dinge veranlagen, die sie nicht oder nur bedingt verstehen, weil sie die Chancen und Risken gar nicht durchrechnen können. Ich nehme an, es werden wieder einfache Aktienfonds mit 30 Titeln im Portfolio nachgefragt werden. Und nicht mehr komplex strukturierte Produkte, zu deren Verständnis man Mathematiker sein müsste. Investments mit Wettcharakter, also die meisten Zertifikate, werden verschwinden, glaube ich.

trendinvest: Und die Garantiezertifikate?

Wögerbauer: Die lassen sich wenigstens besser berechnen. Aber am Ende des Tages kommt es hier auf die Verlässlichkeit des Emittenten an. Aus diesem Grund glaube ich auch, dass die Fondsindustrie letztendlich von der Krise profitieren wird. Wir müssen in unserem Marketing künftig stärker betonen, dass Fondsvermögen Sonder-vermögen ist. Wenn die KAG oder die Bank pleitegehen, ist der Fonds noch immer da. Der zweite Pluspunkt ist die Transparenz der Kosten. Die Fondsindustrie ist eben extrem reguliert.

trendinvest: Gegen den Börsencrash haben die meisten Fonds aber auch nichts ausrichten können. Hätte man nicht rechtzeitig größere Cash-Positionen zulassen sollen?

Wögerbauer: Nein, das hätte ich mir nicht gewünscht. Wir haben seit Jahren kommuniziert, dass ein Österreich-Aktienfonds eben ein Österreich-Aktienfonds ist. Wir haben für uns definiert, dass wir niemals mehr als zehn Prozent Cash halten.

trendinvest: Dann muss der Kunde aber den Fonds trotz hoher Einstiegsgebühren verkaufen, wenn er sicherheitshalber mehr Cash wünscht – und die Fondsgesellschaft hat das Problem, vermehrt Anteile zurückzunehmen und dementsprechend Aktien in einen fallenden Markt zu verkaufen, oder?

Wögerbauer: Es gibt zwei Welten im Fondsbereich, und wir bieten beides an. Es gibt normale Aktienfonds, und es gibt Asset Management mit Aktienquoten zwischen null und 100 Prozent. Man muss dem Kunden nur vorher sagen, was man ihm anbietet. Aber wenn Sie heute zu uns kommen und für 10.000 Euro einen Aktienfonds kaufen wollen, weil Sie überzeugt sind, dass die Börsen heute drehen, dann haben Sie das Recht, um 10.000 Euro Aktien zu bekommen und nicht bloß um 2000, weil der Fondsmanager gerade zu 80 Prozent in Cash investiert ist. Die Kunden haben ein Recht darauf, dass drinnen ist, was außen draufsteht.

trendinvest: Und mit den Rücklösungen Ihrer Kunden können Sie leben?

Wögerbauer: Ich kann nicht wirklich gut damit leben, nur ist das „part of the game“.

trendinvest: Und wie geht es Ihrer Meinung nach weiter mit der Börse und mit der Konjunktur?

Wögerbauer: Ich glaube, an der Börse haben wir die Krise zu drei Viertel hinter uns, in der Realwirtschaft fängt sie erst an. 2009 wird von einem extrem schlechten News Flow aus der Realwirtschaft geprägt sein. An der Wiener Börse haben wir beim Kurs-Gewinn-Verhältnis einen historischen Durchschnittswert von zwölf, heute liegt das KGV – auf Basis der Gewinne 2008 – bei sechs. Das heißt, die Börse hat eine Halbierung der Unternehmensgewinne 2009 eingepreist. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir in der Konjunktur ein ordentliches Minus sehen werden, also wirklich eine Rezession. Dementsprechend sehe ich auch keine Jahresende-Rally. Wer soll sie denn auslösen? Die Banken haben genug eigene Probleme, die Versicherungen detto, den Pensionskassen fehlt das Risikobudget, die Fondsindustrie verzeichnet Rückflüsse, Privatanleger bevorzugen Sparbücher und Gold. Aber man sollte eines nicht übersehen: Im Jänner beginnt ein neues Spiel. Etliche Investoren haben wieder ein Risikobudget, die EZB wird die Zinsen massiv weiter senken, da werden wir einen Zweier vor dem Komma sehen. Und wenn der Euribor nicht mehr bei 4,6 Prozent, sondern zwischen zwei und drei liegt, wird eine Fondsrendite von sechs Prozent rasch wieder attraktiv.

trendinvest: Eine neue Hausse in Sicht?

Wögerbauer: Einen stabilen Aufwärtstrend sehe ich für die nächsten zwei, drei Jahre nicht. Ich fürchte, das wird ein holpriger Weg, weil es für die Wirtschaft und den Finanzsektor weniger Kredit geben wird und weil die Hedgefonds mit einem kleineren Hebel arbeiten müssen. Ich erwarte eine deutlich höhere Staatsverschuldung, weil nach den Banken auch andere Branchen Hilfe verlangen werden, und ich rechne mit steigender Inflation nach 2009. Deshalb werden Gold und Rohstoffe auf Sicht ein ordentliches Comeback feiern.

trendinvest: Und wie sollte man sich da als Privatanleger aufstellen?

Wögerbauer: Obwohl wir heuer im Oktober erlebt haben, wie die breiten Konzepte der Portfoliotheorie gescheitert sind, weil einfach alle Assetklassen gefallen sind, glaube ich grundsätzlich an Diversifikation: Zwei- bis fünfjährige Bundesanleihen, ein bisserl Aktien, ein bisserl Rohstoffe, ein bisserl Gold. Und man sollte bei der Zusammensetzung flexibel bleiben. Ich erwarte mir in nächster Zeit keinen klaren Trend, sondern Wellen, auf die man sich einstellen muss.

trendinvest: Und wie werden kleinere, regionale Banken und Fondsgesellschaften mit der Krise fertig?

Wögerbauer: Die Krise ist für uns eine Chance. In Wahrheit sind die Großen gescheitert, die Brand Names dieser Welt, die globalen Player wie UBS, die nicht greifbar sind. Bisher hat man gedacht, jemand sei gut, weil er groß ist, und die Kleinen könnten eben vieles nicht. Das scheint jetzt zu drehen, die alte Strategie ist überholt – und Regionalbankkonzepte haben durchaus Zukunft.

Von Reginald Benisch

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