<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Fad, fies, feig

Der wichtigste Stern ist die Jugend. Auf Dauer kannst du weder als Manager noch als Unternehmer erfolgreich sein, ohne die Kreisbahnen der nächsten Generationen zu den deinen zu machen. Andernfalls stehst du bald ohne Kunden da, und die besten jungen Gehirne arbeiten beim Konkurrenten.

Dieser Einstieg riecht nach Banalität. Leider weiß ich seit einigen Tagen, dass davon keine Rede sein kann. Was banal, also selbstverständlich wirkt, wird von jenen Generationen, die jetzt an der Macht sind, mit Füßen getreten. Dies ist jedenfalls die Auffassung der Jugend. Und zwar derart innig und heftig, dass ich kein Meinungsforschungsinstitut brauche, um es bestätigt zu finden.

Selbst die – an sich vernünftige – Frage wäre sinnlos, ob sich die Jugend nicht eines Justizirrtums schuldig mache. Ob ihr Urteil nicht drastisch ungerecht sei. Es ist ein natürlicher Reflex, jeden Kritiker für einen Irrenden zu halten, wenn nicht gar für umnachtet. Doch selbst wenn dies im vorliegenden Fall zuträfe, würde es de facto nichts ändern. Es gibt, wie unser kluger Verfassungsautor Professor Hans Kelsen schrieb, die „normative Kraft des Faktischen“. Wenn die Jugend glaubt, die Vorgenerationen seien letztklassig, hat man dies zunächst zu akzeptieren. Und muss sich wohl Gedanken darüber machen, wie man die Sache (a) entweder richtigstellen oder (b) schleunigst verbessern kann.

Wenn ich schildere, wie mir der Zustand der Jugend bekannt wurde, komme ich peinlicherweise nicht ohne Eigenlob aus. Wie sage ich das halbwegs sympathisch? Vielleicht so: Ich war ausnahmsweise echt gut drauf, geistig unüblich frisch, stark bei Stimme und aus nichtigem Grund absolut übermütig (so was kommt vor, so wie man zuweilen auch umgekehrt grundlos von Melancholie überfallen wird wie von einem Blitz aus dem Sommerhimmel). In dieser Verfassung erledigte ich zwei angenehme Pflichten: Diskussionen mit und Vorträge vor jungen Leuten, einmal in Tirol im Alpbacher Alphof, einmal in Vorarlberg im Bregenzer Kongresshaus.

Im Alphof ging’s um eine Vogelschau der allgemeinen Lage, ein bissl Volkswirtschaft, ein bissl Politik und Krise und in welche Zukunft die heutige Studentengeneration ginge. Die Sache fand im Rahmen der seit Jahrzehnten fantastischen Alpbacher Hochschulwochen statt (sie waren früher nur wilder und schlossen grundsätzlich die Nächte mit ein; die heutige Jugend ist verblüffend brav). Ich hatte gottlob den denkbar besten Partner, Christoph Leitl, mit dem ich im Lauf der Jahre viele Auftritte hatte, zum Teil im Wege von Doppelkonferenzen. Dass wir einander häkelten, gefiel den jungen Leuten; auch die routinierte Art, mit Kritik im Wege der Judo-Technik umzugehen, also sie eher zu verstärken als zurückzuweisen (Judo: den Gegner mit seinem eigenen Schwung zu Fall bringen), und vor allem jeder Wortmeldung geduldig zuzuhören, auch wenn sie ungeschickt vorgetragen, zuweilen gar unverständlich war. Im Prinzip nichts Besonderes, eigentlich Routine, nur an diesem Tag fröhlicher als sonst.

Der Schrecken kam in der Diskussion mit einem kleinen Studenten-Rudel danach, in der geräumigen Bar des Hotels, von Leitl allein gelassen, der zu einem Kongress im Böglerhof eilte. So blieb ihm einiges erspart. Man lobte zwar uns beide als „schwer in Ordnung“, aber es fehlte nicht viel zum Vorwurf, wir seien falsche Hunde, in der Art von Schaustellern („La Strada“!) auf der Wanderschaft, um unsere Generation besser darzustellen, als sie ist. Alles an uns sei ein Zerrbild der Wirklichkeit: viel zu gut gestimmt, angeblich gar witzig, spürbar an der Jugend interessiert, selbstkritisch, sogar selbstironisch und frei sprechend, „nicht vom Papier lallend wie eure schlecht gelaunten, desinteressierten, egoistischen, schwatzhaften, nicht zuhören könnenden, letztklassigen Altersgenossen“, wie einer ihrer Sprecher unter lebhaftem Beifall sagte.

Ein Schock in der Abendstunde. Und wenige Tage später in Bregenz grosso modo was Ähnliches, beinahe Gleiches. Dort ging es darum, in 45 Minuten darzustellen, was ich in 35 Jahren Wirtschaftsjournalismus in Japan, Amerika und Europa über Erfolgspsychologie lernte, mit zehn konkreten Erfolgstipps. Echo: Zustimmung und Verstörung: Es sei unüblich, dass einer meiner Egoistengeneration echte Tipps weitergebe. Eigentlich war es schlimmer als Alpbach, denn in Bregenz war die „Junge Wirtschaft“ anwesend, also ambitionierte junge Manager und Jungunternehmer, die teilweise selbst schon in der Kritik der Jugend stehen.

Damit war eine kritische Masse überschritten. Mir war bewiesen: Die jungen Generationen mögen die Vorgenerationen wirklich nicht, diese Profiteure einer langen, tollen Nachkriegszeit, diese Glücksritter und Geldraffer, ausschließlich mit ihrer Nabelschau beschäftigt, wie Diven ohne jede Liebe zu anderen und schon gar nicht zu Jüngeren.

Ich fürchte: kein Justizirrtum, keine Umnachtung, kein Fehlurteil. Selbst der Vorwurf der Misanthropie, der wie ein grauer Schleier über der Szene der Machtgenerationen liegt, wird wohl richtig sein. Er wäre psychologisch auch begründbar: Es ist lustiger, wenn es einem zuerst schlecht und am Ende gut geht und nicht, so wie heute, zuerst jahrzehntelang gut und grad dann, wenn man sich mit der Ernte zurückziehen will, plötzlich viel schlechter, als man’s gewöhnt war. Darf ich mit einer Allegorie dienen? Es wäre uns ja auch lieber, die Schöpfung wäre anders angelegt: dass wir als Greise auf die Welt kommen, dann mit jedem Tag jünger, gesünder, schöner und schneller werden, um schließlich in einem sensationellen Orgasmus zugrunde zu gehen. Das spielt es aber nicht.

Im Versuch, etwas Nützliches daraus zu machen: Kopieren Sie diesen Essay. Legen Sie ihn Ihren Kindern daheim und den jungen Mitarbeitern in der Firma vor, und diskutieren Sie darüber. Man wird die Initiative verblüffend finden und schätzen. Mag sein, dass Sie in der Folge ein wenig Kohle verlieren. Der Gedanke an eine resche Umverteilung unter den Generationen gefällt den Kindern nicht übel. Anderseits könnte es auch zu einem guten Geschäft werden, auf dem Umweg über mehr Zuneigung und höhere Leistungen.

gansterer.helmut@trend.at

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