<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Die Stunde der Egoisten

Kopfarbeiter mit breitem Leistungsspektrum sollten sich selbst aus der Krise helfen. Zumal Hilfe von anderen kaum zu erwarten ist.

Romancier Philip Roth, berühmt geworden durch die sexuellen Hoppalas seiner Romanfigur Alexander Portnoy, schreibt von der Unmöglichkeit, die alten, eigenen Werke mit Freude wiederzulesen. Jeder, der dies versuche, erkranke an Cholera oder Pest.

Cholera: Man schäme sich für falschen Inhalt oder schlechten Stil. Pest: Man erkenne, dass man früher besser gewesen sei: „Ich hatte Muskeln an Stellen, wo ich heute nicht einmal Stellen habe.“ Diese Beobachtung trifft nicht nur auf hohe Schriftsteller zu. Sie gilt doppelt für bodennahe Journalisten. Die Richtigkeit ihrer früheren Aussagen ist leicht zu überprüfen. Sie arbeiten nicht in der fiktiven Traumwelt der Literaten, sondern in der messbaren Welt der Realität.

Ich kann nicht für Kollegen schreiben, aber authentisch von eigenen Erfahrungen berichten. Diese decken sich mit Roths Reflexionen, samt Cholera und Pest. Als ich kürzlich, im Zuge der Arbeit an einem Sachbuch, viele alte Storys las, fiel mir vor allem eine Fehleinschätzung des modernen Menschen in der trend-spezifischen Welt der Manager und Unternehmer auf. Im Großen und Ganzen habe ich mich der Überschätzung schuldig gemacht.

In den 35 Jahren meiner Arbeit für trend hatte ich zahllose klasse Führungspersönlichkeiten kennen gelernt. Ich bewunderte eine Fülle von Fähigkeiten, die es in dieser Kombination früher nicht gegeben hatte; ein Nebeneinander von Fleiß, Fortschrittsfreude, Einfallsreichtum, Genauigkeit, Mitmenschlichkeit, sozialer Verantwortung, emotionaler Intelligenz und Frustrationstoleranz. Die Beobachtung selbst war korrekt. Nur die zentrale Schlussfolgerung war, wie ich heute weiß, falsch. Nämlich diese: „Wenn die Manager selbst im Wohlstand, dem die Gefahr der Dekadenz innewohnt, so gute Figur machen, wie großartig müssen sie dann erst in schlechten Zeiten sein.“

Ich griff dabei eine Weisheit unserer Ahnen auf. Die Altvorderen (jene, die den letzten Weltkrieg oder gar beide Weltkriege erlebten) hatten uns ständig erzählt, dass Not und Existenzangst das Beste im Menschen wecken. Als Beispiel wurde der Zusammenhalt der Bevölkerung im Wege des Wiederaufbaus Österreichs angeführt, „mitten in Schutt und Trümmern und im strengen Hungerwinter 1946“, wie man sagte. Oder auch die Weisheit der Fernreisenden, die größte Gastfreundschaft gerade dort fanden, wo die Ärmsten zu Hause waren.

Nach diesem Motto müssten jetzt, da nur Narren keine echte Krise erkennen wollen, lauter Lichtgestalten herumlaufen, die mit höchster Ethik und Rücksicht auf ihre Mitmenschen darangehen, die Krise zu bekämpfen. Tatsächlich gibt es solche Ritter und hohen Burgfrauen. Sie sind aber Ausnahme, nicht Regel. Ein Blick in die Innenwelt der Wirtschaft ernüchtert. Grosso modo erleben wir die Stunde der Egoisten. Wobei ich nicht sicher bin, ob dies das korrekte Etikett ist. Im Wort Egoist schwingt zu viel Kälte und Selbstbewusstsein mit. Vielleicht sollte man „die Stunde der Ängstlichen“ schreiben, die nervenschwach um sich schlagen, um sich rechtzeitig selbst zu retten.

Zwei Fragen steigen auf: Warum reagiert man heute anders und enttäuschender als in der Elendskrise der Nachkriegszeit? Darf man die menschliche Enttäuschung verallgemeinern, oder hat sie eher mit Wirtschaftsstrukturen zu tun?

Antwort 1: Die Jahre 1945 ff. und die Jahre 2008 ff. sind nicht vergleichbar. 1945 konnte es nur aufwärtsgehen, auch gab das Ende einer siebenjährigen Todesangst neue Kräfte. 2008 hingegen ging es nach ewiger Zeit erstmals seitwärts und abwärts. Das Ende eines ewig scheinenden Aufflugs begünstigte wie jedes Ende einer Verwöhnung zunächst dekadenten Trotz. Dazu kommt eine merkwürdige finanzielle Schieflage.
Die 1945er-Armen hatten nichts, also auch keine Schulden, die 2008er-Reichen schon. Viele gut Verdienende haben die um eine Spur zu üppige Villa, das um eine Spur zu große Auto, weil sie, befeuert durch die Zuversicht guter Jahrzehnte, erwarten durften hineinzuwachsen.

Bewundert von ihren Nachbarn, droht ihnen im Falle des Jobverlusts die Schande der Verkleinerung, in schlimmen Fällen Schlimmeres.
Die Betroffenen werden ihre Familien davor schützen wollen, mit allen Mitteln, notfalls auf dem Rücken von Mitmenschen, Mitarbeitern, Kollegen und selbst Freunden. Dieses Szenario betrifft vor allem die Managerklasse, vom Trainee über Jungmanager und Manager bis zu namhaften Vorstandsmitgliedern. Die Gefahr der zukunftsorientierten, überhöhten Privatinvestition auf Kredit gilt für alle Gehaltsklassen. Manche mögen heute seufzend an eine Weisheit des legendären Opernführers Marcel Prawy denken: „Das Beste ist: viel verdienen und wenig besitzen.“

Antwort 2: Auf Vortragsreisen durch die Bundesländer erkenne ich Oberösterreich weiterhin als Wirtschaftswunderbundesland. Spürbar weniger Krisenangst, höhere Zuversicht, Reste an Heiterkeit. Liegt es daran, dass dort mentalitär das Beste aus Ostösterreich und Westösterreich zum Kristall schießt? Oder dass dort viele Nischen-Maschinenbauer sitzen, die unabhängig von Hausse und Baisse weltweit gesucht sind? Oder dass es dort noch unüblich viele Privatunternehmer gibt? Diese kennen ihre Mitarbeiter noch persönlich. Sie bekämpfen die Rezession mit innigerer Ethik als ausländische AG-Headquarters, die ihre Landes-Manager mit oft unmenschlichen Auflagen belasten, um selbst zu überleben.

Trotz der erwähnten Falsch-Einschätzung kann ich meinen Optimismus nicht abstreifen wie eine Schlangenhaut. Österreich wird schneller als andere Länder aus der Krise kommen, sofern die geschockten Banker die notwendige Dünnflüssigkeit des Kapitalbluts schaffen. Unsere Mischung aus genialen Handwerks-Zwergen, Dienstleistungs-Avantgardisten, grandiosen KMUs, einer ins Beste verdichteten Industriellen-Szene (und erfolgreicher Privatisierung staatlicher Blei-Wale) bietet die beste Voraussetzung.

Nur: Es wird länger dauern als bisher, bis wir wieder voll ins Licht schauen. Die Regierung wird, aus der Vogelschau gesehen, bestenfalls den einfachsten Handarbeitern helfen können. Den so genannten Geistes- oder Kopfarbeitern empfehle ich, auf nichts anderes zu vertrauen als auf die Substanz ihrer schulischen Ausbildung, ihre eigene Kraft und auf die hohe Kreativität, die ÖsterreicherInnen weltweit zugebilligt wird. Wer früher noch auf die Hilfe von Vorgesetzten, Kollegen und Freunden vertraute, sollte dieses Vertrauen ablegen. Wir leben in der Stunde der Egoisten – oder besser: in der Stunde der Ängstlichen. Wer diese Einstellung pflegt, schützt sich vor schmerzlichen Überraschungen. Im umgekehrten Fall der Treue sollte man aus der glücklichen Überraschung eine übermütige Kraft ziehen und gleich wieder Neues versuchen und Freunde beschäftigen, die gerade verzweifelt „auf der Straße“ stehen.

Leicht ist das nicht. Es erfordert eine Innenwelt wie jene von Carl Lewis. Mister Lewis war der eleganteste unter den schnellsten Läufern. Er warf beim Start den Oberkörper so weit nach vorn, sodass er wie eine Wildsau laufen musste, um nicht auf den Rüssel zu fallen. Wir müssen jetzt sein wie Carl.

gansterer.helmut@trend.at

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