<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Comeback der Industrie?

Eigentlich nicht, denn sie war ja nie weg. Sie wurde nur nicht mehr wahrgenommen. Erst jetzt besinnt man sich wieder ihrer Wucht und Würde. Von Helmut A. Gansterer

Man kann nicht direkt sagen, dass es fad geworden sei, weil kein Gespräch mehr ohne das Thema „Wirtschaftskrise“ auskomme. Dazu ist das Thema existenziell zu wichtig. Für die heute Dreißigjährigen ist es überhaupt die erste Angst-Zeit, die sie wahrnehmen. Sie haben die Endzeitstimmung der 1970er-Jahre nicht miterlebt. Ich bin trotzdem froh, wenn ich zeitweise mit Unternehmern, Managern und Interessensvertretern zusammentreffe, die der Krise wenigstens einen spannenden Aspekt abgewinnen. Dies war der Fall, als ich mit Veit Sorger und Markus Beyrer, Präsident und Generalsekretär der Industriellenvereinigung, plauderte.

Es ging unter anderem darum, warum die Industrie für viele, vor allem junge Mitbürger unsichtbar wurde. Und warum es für die meisten Mitbürger so schwierig ist, der manufactoring world, den produzierenden Betrieben, also den einschlägigen KMU und Industriekonzernen, die gebotene Achtung zu schenken, wenn nicht gar Sympathie.

Die erste Frage ist meines Erachtens leicht zu beantworten. Die Industrie gehört zu den wuchtigsten Erscheinungen der dreidimensionalen, realen Welt. Sie verlor an Gewicht, seit die Digitaltechnik ab 1980 ihren Siegeszug antrat. Dies führte nicht nur zu dramatischen Änderungen in den Arbeitsabläufen, sondern auch in den Kreativprozessen und generell im Denken. Das „Virtuelle“ und „Phantastische“ wurde wichtiger. Das Reale und Alltägliche verlor an Faszination.

Dazu kam parallel eine krankhafte Entwicklung an den Wertpapierbörsen. Die Papiere wogen schwerer als die Fabriken. Die Kurse entfernten sich von der fundamentalen Substanz der Aktiengesellschaften. Wie alle viel-reisenden Wirtschaftsjournalisten wunderte mich dies schon lange nicht mehr. Wer mit den oft blutjungen, stets fiebrig-aufgeregten Investmentbankern in Wien, London, Frankfurt und New York sprach, entdeckte eine gespenstische Parallelwelt. Die Fantasie der Money-Twens entzündete sich in erster Linie an Gerüchten über freiwillige Fusionen oder „unfriendly takeovers.“ Oder an der grafischen Gestalt der Kursverläufe, für die ich den Begriff „Chart-Art“ erfand – eine meine schlimmsten Niederlagen: was als Spott und Ironie gedacht war, wurde von den Money-Twens geliebt, sie fühlten sich nun auch als Kunsthändler. Wirklich witzig war das aber nicht. Ihr perfektes Desinteresse an den schwieriger zu ermittelnden, fundamentalen Daten der AGs weckte Besorgnis.

Zwei von drei Investment-Beratern hatten nicht einmal die Jahresberichte genau studiert. Da sie sich in der Regel bei viel zu vielen Aktien wichtig machten, reichte die Zeit gerade, die Prognosen der nächsten Vierteljahresergebnisse zu studieren, vielleicht noch die damit verbundenen „Gewinnwarnungen.“ Das wirklich Fundamentale hat die jungen Damen und Herren fühlbar nicht interessiert. Ich zähle eine Reihe von Fragen auf, die sie mir nie beantworten konnten: Welche Produkte erzeugt die AG? Wie gut verkaufen sich diese Produkte im Verhältnis zur Konkurrenz? Ist die AG irgendwo Weltmarkführer, Europaführer, Landesführer? Wie sehen die Produktlebenszyklen aus – kurz oder lang? Was weiß man über R & D (Forschung und Entwicklung) dieser Firma? Wie sieht die Patent-Lage aus? Oder (bei Familienbetrieben): Ist die Erbfolge geregelt? Gibt es Verwandtschaftsstreit, beispielsweise böse, eingeheiratete Gesellschafter-Ehefrauen, die ausnahmslos der Meinung sind, ihre Männer würden mehr arbeiten und weniger verdienen als die anderen Gesellschafter? Sowas belastet Industriebetriebe oft mehr als steigende Rohstoffpreise und Tiefkonjunkturen, die ja auch für Konkurrenten gelten. Auch in wichtigen politischen Fragen wie dem Management-Verhältnis zu Betriebsräten und Landespolitikern (illustrierbar am Beispiel VW) bekam man keine Antwort, weil entweder das Interesse oder das Wissen oder beides fehlte. Manchmal wohl auch die betriebswirtschaftliche Intelligenz, dergleichen für wichtig zu halten.

Es gab simple Fragen dieser Art auch vor der Subprime-Krise und nationalökonomisch bezüglich der unbekümmerten Konsum-auf-Kredit-Mentalität der Amerikaner. Doch selbst die Warnungen hoch angesehener Wissenschafter wie Paul Krugman wurden in den Wind geschlagen. Die USA seien unsinkbar – ungefähr so wie die Titanic. Es ist noch ein Glück, dass die Blase jetzt platzte, nicht noch später. Aber wie Friedrich Torberg in der „Tante Jolesch“ schrieb: „Gott schütze uns vor allem, was noch ein Glück ist.“ Jetzt haben wir den Scherm auf. Und wenn der innere Geist des Investment-Bankings nicht dramatisch reformiert wird, bleibt er uns als ewiger Hut.

Komplexer ist die zweite Frage, die ich mit Veit Sorger und Markus Beyrer diskutierte: Wie man Achtung und Sympathie für die „Industriellen“ wieder wecken könnte, diese tatsächlich klassen Universalisten, die von Forschung, Verwirklichungs-Idee, Design, Prototyp, Kleinserie und Serien-Produktion bis zu Vertrieb, Marketing und Werbung alles in einer Hand komplex vereinigen und, in Österreichs Fall, überdurchschnittlich oft in einen Welterfolg führen. Ich sehe dafür drei Möglichkeiten. Erstens: Auch die Sozialdemokraten sollten den Lehrern erlauben (sie vielleicht sogar ermutigen), die Erfolge der Unternehmer als Wohlstands-Voraussetzung und wesentliche Garantie für den inneren, sozialen Frieden dazustellen. Die fiebrigen Linksaußen unter den Pädagogen, die selbst in Gemeinde-Unternehmen wie der Wien-Energie frühkapitalistische Ausbeuter sehen, sind gottlob selten geworden. Manches Schulische wurde besser, ist aber noch lange nicht gut.

Zweitens ein Tipp: Die von IV-Mitarbeiter Clemens Wallner (c.wallner@iv-net.at) glänzend verdichteten, statistischen Daten zum wieder gestiegenen Beitrag der Industrie (als Exportlokomotive, Ausbildner und Arbeitgeber) sind korrekt und sollten als Flächenbrand wärmend alle denkfähigen Bürger erreichen. Besonders gefielen mir zwei Konzentrate mit den Titeln „Die Industrie als Motor des Erfolgs“ und „Das zweite österreichische Wirtschaftswunder“. Drittens: Man kann von den Massen-Medien wahrscheinlich nicht verlangen, die heimischen Wirtschafts-Medien begeistert zu zitieren. Man ist ja immer auch Konkurrent. Aber wie wär´s mit den ausländischen? Zwei Darstellungen der jüngeren Zeit waren grandios, fair, beinahe überschwänglich. Sie stellten Österreichs Industrie, Mittelstand, Handel und Dienstleistung in ein Sonnenlicht, als unbefangene Zeugen von außen. Das deutsche manager-magazin schrieb die Titelgeschichte „Österreich – das bessere Deutschland“ als Würdigung des Wirtschafts-Standortes. Der englische Economist veröffentliche 2007 das Supplement „The sound of success“. Ich empfehle, diese Werke via Internet zu bestellen und genau zu studieren. Sie tragen unvermeidlich zu einer Stimmungs-Aufhellung bei, die uns im Schatten der Gegenwart stärker macht.

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