<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Callcenter 888

Über die Idee einer effizienten Krisenangst-Zentrale, die weltweites Vorbild sein könnte.

Seit vierzig Jahren lese ich trend. Die so genannte Nullnummer erschien im September 1969. Seit siebenunddreißig Jahren schreibe ich trend-Texte, darunter 30 Titelgeschichten. Ich sage das nur, um dem folgenden Satz Gewicht zu verleihen: Die Coverstory in trend 4/2009 war meines Erachtens die beste und schönste und wichtigste und nützlichste, die jemals produziert wurde. Ich gratuliere den Autoren Martina Forsthuber und Franz C. Bauer. Ihr Meisterwerk trug den Titel „Die Angst besiegen – Ihr persönlicher Weg aus der Krise“. trend gewinnt auch dank der Krise viele neue LeserInnen dazu. Jene, die im März/April noch nicht zur trend-Familie zählten, sollten sich die April-Titelgeschichte besorgen.

Die folgenden drei Krisentipps haben im Gegensatz zu jenen in trend Nr. 4 keinen wissenschaftlichen Charakter. Sie sind spekulativ, zum Teil vielleicht wunderlich. Ihre Wirkung ist nicht abgesichert, schon gar nicht bewiesen. Über die Nebenwirkungen fragen Sie bitte, wen Sie wollen. Ich verdanke sie Diskutanten aus einem Pool von zirka 10.000 Österreichern, die ich jährlich als Vortragsreisender und trend-Botschafter erreiche. Die heitere Note der Ratschläge hat damit zu tun, dass sie ausschließlich aus Westösterreich stammen, von Oberösterreich bis Vorarlberg. Die Ost-Süd-Österreicher inklusive der Wiener sind zwar genauso kreativ, haben aber einen entschiedenen Hang zu Schwermut und Pessimismus.

Mein wichtigster Tipp ist nicht an den Einzelnen, sondern im Interesse aller an die Regierungsspitzen Faymann & Pröll gerichtet. In der genannten trend-Coverstory werden präzise die wichtigsten Hilfe-Institutionen (mit Telefon, e-Mail, Websites) für alle Arten von Krisen­ängsten, Job- und Geldsorgen angeführt, in grafisch sauber getrennten Kästen. Das beste Hilfsservice, das es bisher gab. Noch besser wäre nur ein nationales Krisensorgen-Callcenter mit der Telefonnummer 888. Die Nummer müsste leicht zu merken sein und jedem Bürger werblich bekannt gemacht werden, vergleichbar der Alarmnummer 911 in New York. Sie müsste Anrufende mit Experten aller Sorten von Krisenhelfern verbinden. Jeder Kümmerer müsste blitzschnell dort landen, wo er hingehört.

Beispiel: Ein überraschend gefeuerter Manager (um ein trend-affines Beispiel zu nennen) ist in allen wichtigen Lebensfunktionen schwer verletzt. Halbblind ist er außerstande, die besten Helfer für eine bessere Zukunft zu finden. Die Nummer 888 als idealen Wegweiser aus dem Tal wird er sich aber merken. Ich wählte 888 als Zahl, weil sie in Asien als Glückssymbol gilt. Montblanc macht mit limitierten 888-Füllfeder-Serien viel Kohle. Für das neue Callcenter wäre der bisherige Eigner dieser Telefonnummer grausam zu enteignen.

Es müsste ein perfektes Callcenter werden. An der ­Schnittstelle zum „Kunden“ dürften keine nägelfeilenden Tussis sitzen, sondern gut ausgebildete Wissende beider Geschlechter, die das Richtige sagen und tun. Es würde in Tag-und-Nacht-Arbeit zirka drei Monate dauern, ein Callcenter 888 aufzustellen. Als hoch dotierte Chef-Designer empfehle ich die trend-Autoren Bauer und Forsthuber. Wie teuer immer dieses Center käme, böte es die höchste Verzinsung. Auch für die Politiker, die es für das geliebte Stimmvolk installieren und sich an die Werbung anhängen dürfen, die notwendig ist, die Nummer 888 bekannt zu machen. Das Callcenter 888 ist der wichtigste Punkt dieses Essays. Die exotischen Ratschläge zur persönlichen Bewältigung der Krise sind nicht so wichtig. Aber versprochen ist versprochen, also nenne ich zwei davon.

Ratschlag 1 resultiert aus vier aufeinanderfolgenden Vorträgen und Diskussionen in Oberösterreich: Fachhochschule Wels, Hartlauer-Headquarter in Steyr, Fabasoft-Headquarter und art-Park in Linz. Grundtenor der Dispute: Viele, denen es gut geht, sind gleichwohl unzufrieden. Sie fühlen ihr Leben, so wie Bloor Schleppey es einst beschrieb, „als ein verdammtes Ding nach dem anderen“. Obwohl sie nie in der Wurzel der Kindheit verkühlt wurden und keine Traumata mitschleppen (was die Hilfe von Psychiatern bräuchte), sind sie unglücklich. Das bisherige Leben scheint ihnen langweilig, das künftige Leben verheißungslos. Fazit einer Therapie: weniger fernsehen. Wer Blöd-Sendungen wie „Reich & Schön“ sieht, verliert die Maßstäbe. Wer hingegen ein Wochenende opfert, um die großen Momente seines Lebens in einem nachgeholten Tagebuch zu erfassen, sieht erstmals das Einzigartige seiner Existenz und blickt freudig in die Zukunft.

Ratschlag 2 resultiert aus Diskussionen mit Vorarlbergern vulgo „Gsibergern“. Diese sind einerseits so wirtschaftskun­dig und anderseits viel witziger, als man glaubt. Nach zahllosen Streitgesprächen mit Russ, Rhomberg, Amann, Köhlmeier, Oberhauser, Swoboda, Glatter-Götz, Huber und Micheluzzi schafften wir ein gemeinsames Resümee: Manager jammern zu viel, in guten wie in schlechten Zeiten. Eine Reformidee des Medienunternehmers Eugen Russ: „Wer als Manager dreimal über seinen Unternehmer schimpft, muss selber einer werden.“ Das gefiel mir damals wie heute. Es wäre der Idealweg, um Österreich zu helfen, endlich die Schweiz zu schlagen. Krisen sind ein guter Zeitpunkt, Marktanteile zu gewinnen. In guten Zeiten kann das Geschäft ein jeder.

gansterer.helmut@trend.at

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