Heimische Banken fürchten um den Osten:
Droht Verlust der wichtigsten Einnahmen?

Die Krise macht auch Osteuropa zum wirtschaftlichen Minenfeld. Droht Österreichs Banken damit der Verlust ihrer wichtigsten Einnahmequelle?

Antal Bakalovich hat sein Leben genau geplant. Er verdient als Reiseführer im Schnitt 500.000 Forint (rund 2000 Euro) im Monat. Die Raten für das kleine Häuschen in Gödöllö, der Ortschaft 30 Kilometer nordöstlich von Budapest, gehen sich aus. Da teilt ihm die österreichische Bank, bei der er den Fremdwährungskredit abgeschlossen hat, Ende Oktober in einem Schreiben mit, dass sich aufgrund der Abwertung des ungarischen Forints sein Darlehen zum aktuellen Zeitpunkt um 40 Prozent verteuert hat. Bakalovich hat zwar gelesen, dass der Internationale Währungsfonds Ungarn mit einem 20-Milliarden-­Euro-Kredit vor dem Staatsbankrott gerettet hat. Aber dass das auch auf seinen Kredit Auswirkungen hat? In der Budapester Filiale stuft die Sachbearbeiterin den Kredit als potenziellen Default ein. Sie weiß, dass sie mit einem Ausfall rechnen muss.

Zum gleichen Zeitpunkt verschlechtert die Ratingagentur Moody’s die Bonität der Raiffeisen Zentralbank in Österreich von A+ auf A–. Analysten der Deutschen Bank setzen die Aktie der Erste Bank aufgrund ihres hohen Engagements in Osteuropa in ihrer Empfehlungsliste von „Buy“ auf „Hold“, auch das Kursziel wird gesenkt. Und die UniCredit-Tochter Bank Austria gibt den Stopp des weiteren Filialausbaus im Osten bekannt. Die Krise hat Osteuropa erreicht – und damit den finanziellen Herzschrittmacher des heimischen Bankensektors getroffen. Österreichs Kreditinstitute haben in den vergangenen Jahren auf den Osten und sein Wirtschaftswachstum gesetzt. Sie erzielen dort gut die Hälfte ihrer Einnahmen. Sie haben, um diesen Geldfluss weiter und noch stärker strömen zu lassen, Milliarden in die Übernahme von regionalen Banken und in den Filialausbau viel investiert.

Und Erste Bank, Raiffeisen International (RI) und Bank Austria (BA) haben auch noch mehr Geld in die Region gepumpt: Von der Slowakei bis Russland schulden Kreditnehmer heimischen Banken 225 Milliarden Euro. Das heißt: Es geht um ein gewaltiges Ausfallsrisiko bei Krediten. Wenn das schlagend wird, haben nicht die Kreditnehmer, dann haben Österreichs Banken ein Problem. Dann werden ihre Ratings weiter hinabgestuft; es erhöhen sich die Refinanzierungskosten von Erste, Raiffeisen, Bank Austria und Co; wegen des hohen Ost­engagements müssen Österreichs Banken Anfang Dezember 0,6 Prozent (60 Basispunkte) mehr für Interbankenkredite zahlen als deutsche Banken.

Aber: Ist die Lage im Osten wirklich so schlimm? Droht Erste, RI und BA ein ähnliches Schicksal wie den amerikanischen Hypothekenfinanzierern, die nicht nur an Subprimes (also an Schuldner mit geringerer als guter Bonität) Geld verliehen haben, sondern die sogar so genannte Ninja(No income, no job, no asset)-Kredite vergeben haben? „Zentral- und Osteuropa wird einigermaßen hart durch die Krise getroffen. Und Österreichs Banken machen dort fast die Hälfte ihrer Gewinne. Das macht sie verletzlich“, warnt Moody’s-Analyst Alexander Kockerbeck, relativiert aber immerhin: „Sie sind nicht so stark in die Finanzierung von extrem schlecht besicherten Immobilien involviert wie andere Banken und haben eine durchwegs solide Basis.“ Professor Lúbos Pavelka von der Wirtschaftsuniversität in Bratislava sieht die Situation der Banken in Osteuropa nicht so dramatisch. Seine Begründung entbehrt nicht einer gewissen Ironie: „Die Banken hier hatten großes Glück, dass der Euro nicht schon vor vier, fünf Jahren eingeführt wurde. So haben sie aus Angst vor dem Wechselkursrisiko nicht in Lehman-Papiere, Island-Bonds oder CDOs (Collateralized Debt Obligations, sehr intransparente, auf Krediten aufbauende Wertpapiere, Anm.) investiert und stehen jetzt Gott sei Dank ganz solide da.“ Herbert Stepic, Generaldirektor von Raiffeisen International, in der Bankenszene wegen seiner Erfolge in der CEE-Region als Mr. Osteuropa bezeichnet, meint: „Natürlich ist auch der Osten von der Krise tangiert, Osteuropa wird jedoch weit schlechter dargestellt, als es ist. Diese Tendenz gibt es vor allem im angelsächsischen Raum. Man muss bedenken, dass Osteuropas Volkswirtschaften auch im Jahr 2009 laut einer Prognose des Internationalen Währungsfonds um rund 3,5 Prozent wachsen werden, während im Westen die Wirtschaft bestenfalls stagniert. Der Aufholprozess ist also noch lange nicht vorbei, er hat sich nur verlangsamt.“

Also alles halb so schlimm? Tatsache ist, dass sich im Osten erstmals die Spreu vom Weizen trennt. Ungarn, Rumänien und die Ukraine gelten als die am schwersten betroffenen Länder. Bank-Austria-Generaldirektor Erich Hampel: „Die generelle Lage in der CEE-Region ist schwer abzuschätzen. Aber in der Ukraine und in Rumänien gibt es eine sehr ernste Situation.“ Die Bank Austria, für das Ostgeschäft zuständige Tochter der italienischen UniCredit, hat ihre Expansion in diesen Ländern jedenfalls gestoppt. Auch Stefan Maxian, Osteuropa-Chefanalyst bei der Raiffeisen Centro Bank, beurteilt Rumänien und Bulgarien „wegen des hohen Leistungsbilanzdefizits und des starken Wegfalls von Direktinvestitionen kritischer als andere Länder der Region“. Eine Sichtweise, die wiederum Erste-Chef Andreas Treichl nicht teilt.

Die große Frage, die derzeit alle Banken beherrscht – wie groß wird der Abschreibungsbedarf in der CEE-Region sein –, kann derzeit niemand beantworten. Die Prognose über die Auswirkung der Krise ist nicht leicht. Günter Hohberger, Bankenanalyst bei der Erste Bank, stöhnt: „Wir revidieren unsere Prognosemodelle im Dreitagerhythmus.“ Einig ist man sich nur in zwei Punkten: „Die Lage hat sich dramatischer verschlechtert, als wir es noch im Juli prognostiziert haben. Und die Verschlechterung der globalen Rahmenbedingungen hinterlässt deutliche Spuren – markante Wachstumsverschlechterungen bis 2010 – aber keine Rezession“, so der Befund des stellvertretenden Chefs des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), Peter Havlik.

Das Wachstum der einzelnen Volkswirtschaften im osteuropäischen Raum war hauptsächlich durch ausländische Investitionen getrieben – und die fallen jetzt weg. „Zum einen“, erklärt Debora Revoltella, CEE-Chefanalystin bei der Bank Austria, „weil die Unternehmen in Europa selber mit den Auswirkungen der Krise zu kämpfen haben; zum anderen, weil sie Investitionen in die risikobehaftete Region stoppen.“ Die voest­alpine verschiebt die Entscheidung über das Milliarden-Projekt eines neuen Stahlwerks in Osteuropa. Die zum Benetton-Konzern gehörende Autobahngesellschaft Atlantia (Autogrill-Raststätten in Österreich) zieht das Projekt des Ausbaus der Autobahn von Moskau nach Minsk zurück. Renault stoppt die Produktion von Billigautos der Marke Logan in Moskau. Aber es gibt trotz Krisenstimmung auch immer noch Investitionsbereitschaft: Magna hält am Bau seines neuen ­Produktionswerks bei St. Petersburg fest. Außerdem soll ein zweites Werk in Kaluga, 200 Kilometer südlich von Moskau, entstehen. Und Strabag-Boss Hans Peter Haselsteiner sieht bei den gewaltigen Bauvorhaben in Sotschi alles im Plan. Rainer Münz, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung bei der Erste Bank, prognostiziert ein geringeres Wachstum in Zentral- und Osteuropa, aber daraus ergeben sich auch Chancen: „Es gibt auch Gewinner der Krise. Und die sitzen am ehesten in der CEE-Region. Dort können zum Beispiel mit wieder sinkenden Lohnkos­ten preiswerter Autos produziert werden.“

Auch für Antal Bakalovich entspannt sich die Lage. Und für all jene Ungarn die mit insgesamt 16 Milliarden Euro in Fremdwährungskrediten verschuldet sind. Da bereits 600.000 davon zahlungsunfähig sind, hat die Regierung ein Rettungspaket geschnürt. Sie fördert längere Rückzahlungsfristen und das kostenlose Konvertieren in den Forint. Österreichs Banken helfen mit – sonst hätten sie ein Problem.

Von Thomas Martinek

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