Heiliges Experiment aus dem hohen Norden:
Exklusive Einblick in Norwegens Staatsfonds

Norwegen hat einen wundersamen Finanzkoloss geschaffen, der das nordische Ölland auf ewig reich machen und Unternehmen weltweit zu ethischem Handeln animieren soll. Ein exklusiver Einblick in den zweitgrößten Staatsfonds der Welt, der Europas größter Aktieninvestor ist.

Von Karl Riffert

Das Gebäude mit der Aufschrift Norges Bank ist ein unscheinbarer Bürobau an einem idyllischen Plätzchen in der Osloer Altstadt. Es gibt keine pompösen Tore, nichts glänzt golden, kein Protz weit und breit, nur kühles skandinavisches Understatement. Und doch residiert hier am Bankplassen 2 so etwas wie ein gigantischer Dagobert-Duck’scher Geldspeicher, der das Zeug hat, in nicht allzu ferner Zukunft das größte Einzel-Finanzvermögen der Welt, ja der Menschheitsgeschichte, zu werden. Schon jetzt verfügt der Norwegische Pensionsfonds Global, der eigentlich gar kein Pensionsfonds ist, über die sagenhafte Summe von 348 Milliarden Euro. Im Vergleich dazu sehen die größten Hedgefonds wie etwa JP Morgan mit einem Volumen von 44 Milliarden Euro oder die Vermögen der reichsten Männer der Welt – Carlos Slim und Bill Gates nennen beide zwischen 40 und 45 Milliarden Euro ihr Eigen – geradezu mickrig aus. Nur der Staatsfonds Abu Dhabis wird auf mehr, nämlich auf 515 Milliarden Euro, geschätzt; Genaues weiß man in diesem Fall allerdings nicht, denn die Scheichs publizieren weder den Kontostand noch die Performance, während der norwegische Finanzkoloss vollkommen transparent ist und sogar alle Beteiligungen publiziert: Insgesamt sind es 8500 weltweit; in Österreich hat der Fonds 755 Millionen Euro auf 33 österreichische Aktieninvestments verteilt und weitere 1,9 Milliarden Euro auf 17 Anleihen.
Norwegen, das viermal so groß wie Österreich ist, aber nur 4,6 Millionen Einwohner zählt, ist der weltweit drittgrößte Ölexporteur und der viertgrößte Erdgasexporteur. Das schwarze Gold, das 1969 im Ekofisk-Ölfeld entdeckt wurde, machte das zwar fisch- und waldreiche, ansonsten aber eher arme Norwegen fast über Nacht zu einem der reichsten Länder der Welt. Doch keine mit natürlichen Ressourcen üppig bedachte Nation geht mit ihrem Glück so klug um wie die Nachfolger der Wikinger. Um den enormen Reichtum auch für zukünftige Generationen zu bewahren, wurde 1990 per Parlamentsbeschluss der Oljefondet, der so genannte Petroleum Fonds, gegründet. Seit 1996 fließen fast die gesamten staatlichen Erlöse aus Öl und Gas in den Fonds, und zwar einerseits als Dividenden der halbstaatlichen Förderfirmen wie Statoil, andererseits als Steuereinnahmen und Lizenzgebühren. 2006 wurde der Petroleum Fonds in „statens pensionsfond utland“ umbenannt, obwohl er mit Pensionszahlungen nichts zu tun hat. Nach den gesetzlichen Vorgaben, den so genannten „Handlingsregelen“, dürfen nur maximal vier Prozent Zinsen dem Fonds für das Staatsbudget entnommen werden. „Norwegen kann dafür, dass es so klug ist, Naturressourcen so anzulegen, dass sie mehreren Generationen zugutekommen, bewundert werden“, lobte der amerikanische Starökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz.
In der Tat ist es fast ein heiliges Experiment, das die kühlen Norweger vorexerzieren. Zumal der gigantische Finanzkoloss, der nach jüngsten Prognosen 2020 bereits 719 Milliarden Euro schwer sein soll und schon jetzt mit einem Anteil von 1,8 Prozent Europas größter Einzel-Aktieninvestor ist, auch noch einen Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten will und dabei beinhart vorgeht. Der Fonds hat bislang 46 Unternehmen als Schmuddelkinder aus seinem 8500 Beteiligungen zählenden Portfolio geschmissen, darunter erst vor zwei Monaten 17 Tabakfirmen. Wal-Mart wurde wegen Missachtung von Arbeitnehmerrechten auf die Paria-Liste gesetzt, so wie die gesamte Rüstungs- und Glücksspielindustrie. Der Fonds handelt dabei nach den Leitlinien eines Ethikrats, der vom norwegischen Finanzminis­terium bestellt wird. Da der Fonds bei vielen börsennotierten Unternehmen inzwischen größter Einzelaktionär ist, ist sein Einfluss nicht zu unterschätzen.

Expertenhochburg
Wer die mächtige Geldmaschine in Oslo, die unsoziales Unternehmertum ächtet, betreten will, muss sich strengen Sicherheitsmaßnahmen unterziehen. Jeder Besucher erhält einen persönlichen Code, mit dem sich die schusssicheren Sicherheitsschleusen passieren lassen. Gemanagt wird der Fonds von 250 Mitarbeitern der Norwegischen Nationalbank, wovon 200 im Osloer Headquarter arbeiten und fünfzig in London, New York, Schanghai und Singapur. Anders als an der Wall Street herrscht in den Trading-Räumen des Fonds skandinavische Gelassenheit und Ruhe. Rund achtzig Portfolio-Manager, die in sieben Teams eingeteilt sind, treffen die Investmententscheidungen. Rund 13 Prozent des Fonds werden von Externen gemanagt.
In der Krise nützte alles Expertentum nichts, der Fonds verlor 2008 siebzig Milliarden Euro, am 16. November 2008 sogar fünfzehn Milliarden Euro an einem Tag. Ein Schock für die Norweger. Vom norwegischen Parlament wurden daraufhin Finanzexperten der Universitäten Yale, Columbia und London mit einer Expertise über die Künste der Fondsmanager beauftragt. Die Professoren kamen zum Schluss, die Fondschefs hätten ihre Anleihen und Aktien auch per Los ziehen können und empfahlen ein passives Management. Doch 2009 legte der Fonds eine Traumperformance von über 25 Prozent hin und konnte damit die Verluste mehr als wettmachen. Und so dürfen die Herren des ganz, ganz großen Geldes in Oslo bleiben.
Ob die Idee der Geldmaschine, die Norwegen auf ewig reich machen soll, funktionieren wird, wird die Zukunft zeigen. Sicher ist, dass die üppigen Einnahmen aus Norwegens Öl- und Gasschätzen noch mindestens fünfzig Jahre lang sprudeln werden. Bislang sind erst vierzig Prozent der Vorkommen gefördert worden. Deshalb und weil der Ölpreis wohl steigen und die Erträge der Investments wegen des Zinseszinseffekts kräftig wachsen werden, wird Norwegens erstaunlicher Staatsfonds wohl so etwas wie ein unfassbar großer Tyrannosaurus Rex der Finanztierwelt werden, wenn auch ein wohlmeinender.

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