Günstiger Befund bei Pharmaaktien

Marode Krankenkassen, auslaufende Patente, striktere Zulassungsbedingungen für Medikamente: Die gesamte Gesundheitsbranche steht unter Druck. Dennoch feiert auch sie ihre kleinen und großen Erfolge – was von Anlegern zu Unrecht kaum honoriert wird.

Von Caroline Millonig

Das Annus horribilis für die Pharmabranche ist eingeläutet: Allein in den USA werden heuer Patente von Medikamenten im Wert von rund 26 Milliarden US-Dollar ablaufen – 2,5-mal so viel wie 2010. Und 2012 geht das Patentsterben munter weiter: Arzneimittelformeln im Wert von rund 34 Milliarden Dollar stehen dann den Produzenten von Generika – also Nachbaupräparaten, die aufgrund der entfallenden Forschungs- und Entwicklungskosten wesentlich billiger auf den Markt gebracht werden können – zur Verfügung.

Für die Hersteller der teuer entwickelten Originalprodukte ist das fatal: Sie müssen Umsatzeinbußen von rund 80 Prozent hinnehmen – im Fall des weltweit meistverkauften Medikaments, des Cholesterinsenkers Lipitor des US-Pharmariesen Pfizer, das Ende 2011 seinen Patentschutz verliert, geht es um etwa 14 Prozent des Konzernumsatzes von zuletzt 68 Milliarden Dollar.

Kein Wunder, dass Anleger die gesamte Branche meiden wie der Teufel das Weihwasser – und der Sektor, so Harald Schwarz, Geschäftsführer des deutschen Healthcare-Invesment-Beraters Medical Strategy, von den zehn im S&P-500-Index vertretenen Branchen mit nur plus einem Prozent gegenüber dem Indexplus von 13 Prozent 2010 am schlechtesten abschnitt.
Doch diese Abneigung der Investoren hat mittlerweile zu äußerst attraktiven Bewertungen geführt: Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei zehn, die Dividendenrendite bei vier Prozent. Und auch fundamental ist es um viele Konzerne besser bestellt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Zum einen bemühen sich die Unternehmen seit Jahren, durch Übernahmen, Partnerschaften oder Kostensenkungsmaßnahmen die Patentklippe zu umschiffen. Zum anderen sind die Wachstumschancen der Branche global gesehen intakt, und neben den großkapitalisierten Pharmawerten etablieren sich zunehmend Firmen aus den Bereichen Generika, Biotechnologie und Medizintechnik an den Börsen.

Wie der Markt tickt.
Entscheidend ist die anhaltende Wachstumsdynamik des Weltgesundheitsmarkts (siehe Chart): Allein für die Periode von 2010 bis 2020 werde, so Schwarz, mit einer satten Steigerung um 66 Prozent von 5,8 auf 9,6 Billionen US-Dollar gerechnet. Sie wird vor allem von den aufstrebenden Entwicklungsländern getragen, deren Weltmarktanteil sich bis zum Ende des Jahrzehnts von rund 14 auf 28 Prozent verdoppeln dürfte.

Cyrill Zimmermann, CEO der Schweizer Research- und Portfoliomanagementfirma Adamant Biomedical Investments, sekundiert: „Die Treiber sind das Bevölkerungswachstum und die Überalterung: Von 2010 bis 2050 dürfte die Weltbevölkerung von 6,9 auf 9,1 Milliarden Menschen um 32 Prozent zunehmen. Der Anteil der über 60-Jährigen wird sich von 760 Millionen auf zwei Milliarden mehr als verdoppeln.“ Ein ergiebiges Spielfeld für Arzneimittelproduzenten, wie Eric Bernhardt von der auf Portfolioverwaltung unter anderem im Bereich Healthcare spezialisierten Luxemburger Bellevue Asset Management vorrechnet: „Die über 65-Jährigen benötigen dreimal mehr Medikamente als die 35- bis 44-Jährigen, daher steigen die Kosten mit zunehmendem Alter überproportional.“

Das Gros der Gesundheitskosten entfällt jedoch weder auf die klassischen Arzneien, die lediglich etwa zwölf Prozent ausmachen, noch auf Generika oder Biotech-Produkte, die jeweils nur zwei Prozent der Gesamtausgaben verschlingen. Auch für medizintechnische Artikel werden nur rund sechs Prozent der Kosten aufgewendet. Die Hauptlast mit rund 78 Prozent verursachen die – kaum börsennotierten – Dienstleister wie Krankenkassen, Krankenhäuser oder der Arzneimittelhandel. Daher wird die Bedeutung der Gesundheitsreformen in den USA und in Europa für die Pharmabranche zum Teil krass überzeichnet. Selbst wenn nun die Pharmafirmen die auslaufenden Blockbuster nicht ausreichend durch neue lukrative Präparate ersetzen können, so ermöglichen es die hohen Cash-Positionen der Konzerne, sich durch Akquisitionen oder Partnerschaften mit Biotech- oder Generikafirmen neu aufzustellen. Zudem genießen die etablierten Unternehmen durch hohe finanzielle und personelle Eintrittsbarrieren sowie solide Gewinnmargen eine gewisse Immunität gegen allzu zahlreiche Konkurrenz, wie Luke Stellini, Product Director der Fondsgesellschaft Invesco, betont.

Wo die Musik spielt.
Die zum Teil schlecht gefüllte Pipeline und die anstehenden Patent­abläufe führen dazu, dass für den Pharmasektor ein bescheidenes Wachstum von 1,5 bis 2,5 Prozent per annum bis 2014 prognostiziert wird, während Medizintechnik über acht und Biotechnologie über elf Prozent zulegen sollten.

Dass auch die Aktien der beiden letzten Sektoren nahe ihren Tiefstständen notieren und daher wiederum für Investoren attraktiv sein könnten, ist im Übrigen leicht erklärt: Der Konjunktureinbruch 2008/09 hat einerseits dazu geführt, dass viele Privatpersonen aus Angst vor Arbeitsplatz- oder Einkommensverlusten Eingriffe wie orthopädische Behandlungen oder Zahnimplantate verschoben haben. Daher sollten Medtech-Firmen vom nächsten Wirtschaftsaufschwung wieder profitieren. Andererseits stehen biotechnologisch hergestellte Präparate in puncto Patentabläufe weitgehend vor dem gleichen Dilemma wie klassische Arzneien. Allerdings haben sie den Vorteil, dass sie dank der einmaligen Rezeptur mit lebenden Organismen nicht so leicht replizierbar sind und sich der Preissturz bei den Originalprodukten durch die so genannten „Biosimilars“ auf 40 bis 50 Prozent beschränken sollte.

Worauf zu achten ist. Anleger, die das aktuell schlechte Börsenimage der Pharmapapiere für antizyklische Investments nutzen wollen, sollten vor allem einen Punkt beachten, wie Sparinvest-Fondsmanager Harald Kober, erklärt: „Wie gut ist die Firma in den Wachstumsmärkten Indien, China & Co etabliert? Dort ist die Nachfrage nach medizinischen Leistungen aufgrund der wachsenden Mittelschicht und des Nachholbedarfs schon jetzt wesentlich größer als in etablierten Märkten.“ Connie Schuemann, Aktienanalystin der Raiffeisen Capital Management, ergänzt: „Das Potenzial liegt darin, dass 15 Prozent der Bevölkerung in den traditionellen Märkten 75 Prozent des Pharmaumsatzes generieren, während 50 Prozent der Einwohner in den Schwellenländern nur zehn Prozent beisteuern.“ Am besten ist in dieser Hinsicht Sanofi-Aventis etabliert, die dort bereits 25 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet und laut Analysten bis 2015 noch ein Wachstumspotenzial von 37,5 Prozent hat. Nachholbedarf hat da Novartis, der mit 48,7 Prozent noch mehr Wachstumspotenzial zugebilligt wird.

Relevant ist freilich auch die Originalität des Produkts, so Schwarz – also etwa, dass ein Wirkstoff, der bislang injiziert werden musste, oral eingenommen werden kann oder dass sich Einnahmeintervalle vergrößern und Nebenwirkungen reduzieren lassen.

Auch wenn der große Katalysator für eine Outperformance des Sektors noch fehlt, wie Bernhardt meint, so steht trotz Kostendrucks eines fest: „Die Branche wird weiterwachsen.“ Und gutes Geld verdienen.

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