Günstige Medizin fürs Depot: Pharmaaktien
dank Obamas Gesundheitsreform billig

Befürchtungen, Obamas Gesundheitsreform könnte die Gewinne der Pharmakonzerne schmälern, haben deren Aktienkurse gedrückt. Pharmatitel sind so billig wie schon lang nicht mehr.

Von Franz C. Bauer

So wirklich haben die Europäer bis heute nicht verstanden, was vor wenigen Wochen via TV aus den USA geliefert wurde: Da müht sich ein Präsident redlich ab, 32 Millionen Menschen, die bisher ohne Krankenversicherung leben mussten, in das Gesundheitssystem einzubinden, aber vor dem Weißen Haus demonstrieren Menschen wie du und ich wütend gegen diesen ohnedies reichlich verspäteten Akt sozialer Vernunft. Ja spinnen denn die Amis?
Es war wohl die Angst vor Steuererhöhungen, die amerikanische Durchschnittsbürger dazu bewegte, mit Transparenten durch Washington zu ziehen. Doch schon Monate vor dem lautstarken Protest von der Straße gab es einen – diskreteren, aber umso nachhaltigeren – Protest aus den Chefetagen der Investmentbanken, den Büros der Fondsgesellschaften und den Depotverwaltungen der Geldinstitute: Pharmaaktien zählten wegen der Reform zu den Stiefkindern der Anleger. „Aus Sorge über das, was kommen könnte, sind die Bewertungen im Pharmasektor deutlich gefallen“, beschreibt Hilary Natoff, Managerin des Fidelity Healthcare Fund, die Reaktion des Markts auf die Gesundheitsreform. Aber müsste die Aussicht auf 32 Millionen potenzielle Kunden die Investoren nicht eher dazu bewegen, voll auf Pharmaaktien zu setzen?

Mehr Patienten, weniger Marge. Nicht unbedingt, meint Stefan Schneider, Pharmaanalyst der Schweizer Großbank UBS. Er beschreibt die für Anleger weniger erfreulichen Seiten der US-Gesundheitsreform: „Einen Teil der Finanzierung muss die Pharmaindustrie übernehmen. Den Sektor wird die Reform über die kommenden zehn Jahre rund 80 Milliarden Dollar kosten.“ Schon bisher kaufte das staatliche Gesundheitssystem Medicaid Medikamente mit einem Abschlag von 15,1 Prozent gegenüber dem durchschnittlichen US-Verkaufspreis ein. Die Gesundheitsreform hat diesen Zwangsrabatt auf 23,1 Prozent erhöht. Außerdem werden direkte Zuschüsse fällig, und die bisherigen teils zweistelligen jährlichen Preiserhöhungen dürften kaum mehr durchzusetzen sein.
Klingt schlimm, doch „verglichen damit, was manche Analysten gefürchtet haben, ist das keine besonders drückende Belastung“, sagt Fidelity-Fondsmanagerin Natoff. „Ich glaube, das Volumenswachstum wird durch den zunehmenden Druck auf die Preise ­etwas überkompensiert. Per saldo erwarte ich einen leicht negativen Effekt der US-Gesundheitsreform auf die Bilanzen der Pharma­unternehmen“, meint Norbert Janisch, Manager des Raiffeisen HealthCare-Aktienfonds. Hilary Natoff schätzt diesen negativen Effekt auf lediglich zwei bis vier Prozent, bezogen auf die ­Gewinne.
Mit Problemen sind die Pharmaunternehmen aber ohnedies vertraut. Seit rund zehn Jahren trocknen die „Pipelines“ (die Reihe neuer Produkte in den verschiedenen Entwicklungsstadien) kontinuierlich aus. Umsatzträger – darunter das Blockbuster-Potenzmittel Viagra – verlieren in den nächsten drei Jahren ihren Musterschutz und können als Generika (Nachahmemedikamente) von Billigbietern auf den Markt gebracht werden. Dies gilt sogar für das weltweit erfolgreichste Medikament, den von Pfizer produzierten Cholesterinsenker Lipitor, der heuer einen Umsatz von 10,8 Milliarden Dollar einspielen wird.
Auch die Wirtschaftskrise hinterließ ihre Spuren – die Konsumenten knausern sogar bei Gesundheitsausgaben. Besonders leiden darunter die OTC-Medikamente, also Pharmaprodukte, die ohne ärztliche Verschreibung einfach über das Pult („over the counter“) verkauft werden. Aber sogar bei lebenswichtiger Medizin wird gespart. Vor allem waren es US-Staatsbürger, die aufgrund des lückenhaften Versicherungssystems und der üblichen hohen Selbstbehalte auf das eine oder andere Medikament verzichten mussten. „Manche Bevölkerungsschichten in den USA hatten plötzlich nicht einmal mehr das Geld, um den Selbstbehalt bei benötigten Medikamenten wie etwa Blutdrucksenkern zu kaufen“, weiß David Kägi, Branchenanalyst der Schweizer Privatbank Sarasin. Für die Branche ist das besonders unangenehm – sind die USA doch der bei Weitem größte Pharmamarkt. Rund 450 bis 500 Milliarden Dollar beträgt der jährliche Umsatz mit Medikamenten in den USA – dies entspricht etwa 45 Prozent des Weltmarkts. Nicht nur das: Die Vereinigten Staaten locken auch mit den höchsten Spannen. In keiner anderen Industrienation sind Pharmazeutika so teuer, wodurch auch der Löwenanteil der Pharmaforschung finanziert wird. Dies alles führte zu der vergleichsweise schwachen Performance des Pharmasektors an der Börse.

Das große Fressen. Doch die Branche hat reagiert. Zum Beispiel mit spektakulären Akquisitionen, die Synergieeffekte bringen und Kräfte bündeln sollen: So übernahm der US-Marktführer Pfizer den Konkurrenten Wyeth, Merck schluckte Schering-Plough, und der Schweizer Pharmariese Novartis setzte die spektakuläre Summe von fast 50 Milliarden Dollar in Bewegung, um sich den US-Kontaktlinsenspezialisten Alcon einzuverleiben. Umsatz- und Gewinnwachstum sollen aber nicht nur Übernahmen bringen, sondern auch die Erschließung neuer Märkte. Wie zahlreiche andere Branchen setzen auch die Pharmakonzerne auf das überdurchschnittliche Wachstum in den Schwellenländern. Der Aufbau staatlicher Gesundheitssysteme wird dort zu einer deutlich stärkeren Nachfrage nach Medikamenten führen. Schließlich kommt auch die Innovation wieder in Schwung. „Wir rechnen mit einer deutlichen Belebung bei der Einführung neuer Produkte“, meint Analyst Schneider. Die Anleger hätten das aber noch nicht zur Kenntnis genommen. „Aktuell bewerten sie die Produkt-Pipelines praktisch mit null.“
An den Aktienkennzahlen des Sektors lässt sich das deutlich ablesen. Noch vor zehn Jahren waren Pharmapapiere mit mehr als dem Zwanzigfachen des Jahresgewinns taxiert, derzeit beträgt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis rund 13,5. Damit handeln Pharmaaktien im Vergleich zum Weltaktienindex mit einem Bewertungsabschlag von rund zehn Prozent.
Wer eine ähnliche Situation finden will, muss in der Geschichte schon relativ weit zurückgehen – bis in die Ära Clinton. Da Hillary Clinton ihr Dasein als Präsidentengattin offenbar zu wenig war, setzte sie 1992/93 eine Diskussion über die Einführung einer staatlichen Pflichtversicherung in Gang, was Pharmaaktien zu einem Tauchgang verhalf. Wer damals den Einstieg wagte, konnte in den Jahren danach satte Profite einfahren. Und jetzt? „Wir denken, die Bewertungen sind derzeit zu tief“, konstatiert Analyst Schneider. Die Frage sei nur, ob die Branche schon in einem Monat anspringe oder erst in drei oder sechs Monaten. „Das Timing ist ein Unsicherheitsfaktor, aber jetzt einzusteigen ist sicher nicht falsch.“

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