Große Brocken für Wienerberger-General:
Vielleicht kommen auch neue Eigentümer

Heimo Scheuch übernimmt bei Wienerberger den Stab von Wolfgang Reithofer. Auf den neuen Konzernchef kommen stürmische Zeiten zu: Die Krise rüttelt kräftig an den Mauern des weltgrößten Ziegelproduzenten. Das könnte Konkurrenten zum Take-over verlocken.

Von Thomas Martinek

Die Gerüchte machten schon seit einiger Zeit die Runde. Aber nur leise und hinter vorgehaltener Hand. Wolfgang Reithofer, der langjährige Generaldirektor von Wienerberger, dem weltgrößten Ziegelhersteller, könnte seine Tätigkeit vor Ablauf seines Vertrags im Mai 2011 beenden. Trotzdem meinte er vor Ostern noch: „Mir macht es Spaß. Ich bin nicht amtsmüde.“ Am 20. April gab er dann plötzlich doch sein Ausscheiden mit Ende Juli bekannt. Seine Erkrankung an multipler Sklerose, die ihn an den Rollstuhl bindet, machte die Arbeit für ihn zunehmend schwieriger. Und das in Zeiten, in denen das Unternehmen auf das wahrscheinlich härteste Jahr seiner Firmengeschichte zugeht. Aber Reithofer schonte sich nicht. Noch vor Ostern tourte er auf Roadshows zu Investoren in die USA. Ihm zur Seite sein Stellvertreter im Vorstand des heimischen Vorzeigeunternehmens, Heimo Scheuch. Der wahre Hintergrund der Besuchstour: Die Aktionäre sollten über den Chefwechsel im Vorfeld persönlich informiert werden. „Ich habe dem Aufsichtsrat schon bei meinem Sechziger meinen Rücktritt angeboten“, sagt Reithofer, „aber die haben gesagt, ich soll weitermachen.“ Warum dann aber doch jetzt der plötzliche Wechsel? „Diese Krise wird länger dauern. Aber wenn sie vorbei ist, soll ein Vorstand das Unternehmen führen, der schon jetzt seine eigenen Strukturen schafft.“

Heimo Scheuch wird ab 1. August neuer Vorstandsvorsitzender von Wienerberger und weiß, was auf ihn zukommt. Er kam 1996 unter dem damaligen Chef Erhard Schaschl als Assistent des Vorstands zum Baustoffkonzern und wurde 1997 mit der Integration der belgischen Terca Bricks in die Wienerberger-Grupppe beauftragt. Scheuch: „Meine ganze Karriere ist geprägt von Umstrukturierungen.“ Damit kann er jetzt nahtlos weitermachen. 100 Millionen Euro Kosten müssen in Zukunft jährlich eingespart werden. Denn der Einbruch der Bautätigkeit hat auch die Wienerberger-Bilanz einbrechen lassen: Das Ergebnis nach Steuern bröckelte um 65 Prozent auf 103 Millionen Euro ab. Wienerberger sitzt auf einem Schuldenberg und braucht dringend Geld. Um die Liquidität des Unternehmens nicht zu gefährden, hat das Management beschlossen, für 2008 keine Dividende auszuschütten. Eine nicht gerade investorenfreundliche Maßnahme. Dennoch hält sie sogar der im Kampf gegen Meinl bekannt gewordene Anlegerschützer Alexander Proschofsky für eine „angesichts der mehr als angespannten Situation des Unternehmens sinnvolle Entscheidung“. Nicht zuletzt hat auch der Vorstand selbst auf Bonuszahlungen und Aktienoptionen verzichtet. Und nach dem Abgang Reithofers begnügt man sich im Vorstand mit drei statt bisher vier Mitgliedern. Schon im Vorjahr begonnene Einsparungsmaßnahmen sollen heuer 90 Millionen Euro bringen. „Aber“, meint Reithofer ehrlich, „man wird das in der Bilanz kaum sehen.“ Für 2009 werden auch Verluste nicht ausgeschlossen.

Hinter dem überraschenden Chefwechsel in der Führungsetage von Wienerberger dürfte aber noch ein anderer Grund stehen. Wienerberger hat ein gewaltiges Umschuldungspaket mit einem Bankenkonsortium, bestehend aus UniCredit/Bank Austria, ­BayernLB, Deutscher Bank, Erste Group, Fortis, RZB und Royal Bank of Scotland, ausverhandelt. Rückzahlungen für Kredite im Ausmaß von 223 Millionen Euro, die bereits heuer oder 2010 fällig gewesen wären, wurden auf einen Zeitraum bis 2013 verschoben. Die Aktion wurde erst durch die Bereitschaft der Oesterreichischen Kontrollbank, Geld fließen zu lassen, möglich. Aber, so erzählt ein Insider, man wollte auch, dass im Management klare Verhältnisse geschaffen werden. Die vor Kurzem erfolgte Bestellung Scheuchs zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden war einigen Bankern zu wenig. Sie wollten mehr Sicherheit in der Führung des Unternehmens für die Zukunft. Und so wurde der Wechsel beschleunigt. Reithofer: „Meine Beweglichkeit ist eingeschränkt und wird nicht besser. Das ist in den Zeiten, die auf den Konzern zukommen, halt ein doppeltes Handicap.“

Der neue Wienerberger-Boss ist eine Mischung aus Naturbursch und Weltenbummler. Er ist in einem kleinen Dorf in Oberkärnten aufgewachsen, hatte keinen Fernseher und war deshalb ständig in Wald und Bergen unterwegs. Doch sein Studium absolvierte er unter anderem in London und Paris, in Mailand hat er als Rechtsanwalt gearbeitet. Mit dem Kärntner BZÖ-Obmann Uwe Scheuch ist er verwandt, versichert aber, seine politische Einstellung nicht zu teilen: „Meine Partei heißt Wienerberger.“ Für den Ziegelkonzern war er bereits in Belgien, Frankreich und den Niederlanden tätig. Er spricht fünf Sprachen und bezeichnet sich selbst „als modernen Zigeuner“. Der jetzt in Wien sesshaft wird. Scheuch ist ein Manager internationalen Zuschnitts – eine nicht unwichtige Voraussetzung für ein weltweit agierendes Unternehmen in schwierigen Zeiten.

Wienerberger zählte noch vor einem Jahr zu den absoluten Perlen der österreichischen börsennotierten Gesellschaften. Doch die Aktie notiert heute nur mehr bei einem Zehntel ihres einstigen Werts. Selbst der Kurs der voestalpine-Aktie, auch ein im Zuge der Krise hart gebeuteltes Industrieunternehmen, hat nicht in diesem Ausmaß verloren. Das schafft Begehrlichkeiten. Wienerberger, jenes Unternehmen, das in guten Zeiten fast jede Woche mit dem Kauf eines Ziegelwerks aufhorchen ließ, ist aufgrund seiner niedrigen Bewertung nun selbst zum Übernahmekandidaten geworden. Wienerberger-Aufsichtsrat Wilhelm Rasinger meint dazu nur lapidar: „Jedes Unternehmen, das 90 Prozent seines Kurses einbüßt, ist interessant.“

Doch bei Wienerberger könnte das doch etwas mehr zutreffen. Bereits vor dem allgemeinen Anstieg des Börsenindex ATX Mitte April begann der Kurs der Ziegel-Aktie zu steigen (siehe Chart Seite 43). Was Klaus Ofner, Analyst der Raiffeisen Centrobank, schlussfolgern lässt: „Neben einer unerwarteten Belebung der Wohnbauaktivitäten ist ein Übernahmeszenario die einzige Begründung, die wir aktuell für den Aufwärtstrend sehen.“ Der scheidende Wienerberger-Boss steht den Gerüchten über einen möglichen Take-over gelassen gegenüber: „Bei einem Free-Float-Unternehmen hat immer jemand die Möglichkeit, ein Übernahmeangebot zu legen. Wir haben keine Furcht davor. Schließlich haben wir mit jeder Art von Aktionär das Unternehmen vernünftig entwickeln können.“ Sein Nachfolger Scheuch sieht das ähnlich: „Ein reines Streubesitzunternehmen ist zwar der Traum für jeden CEO, aber Abwehrmaßnahmen gegen Übernahmen werden wir nicht setzen.“

Wienerberger ist das einzige bedeutende Unternehmen an der Wiener Börse, das ausschließlich von Kleinaktionären besessen wird. Die größten Einzelaktionäre sind der Investmentfonds Dodge & Cox mit Sitz in den USA (neun Prozent) ­sowie die kanadische Invesco Trimark Ltd, die erst vor Kurzem ihre Beteiligung auf unter fünf Prozent reduziert hat. Einem Take-over wäre Wienerberger also hilflos ausgeliefert. Und Experten erwarten bei den ersten Anzeichen auf Erholung der Weltwirtschaft eine Übernahmewelle. So billig wie jetzt werden Unternehmen lange nicht mehr zu haben sein. Wienerberger schon gar nicht. Der Börsenwert des Konzerns beträgt derzeit nur mehr rund 550 Millionen Euro. Dazu müsste man neben einem üblichen Aufschlag für die Aktionäre noch die 500 Millionen Euro schwere Hybridanleihe und die Nettoverschuldung von Wienerberger in Höhe von 900 Millionen Euro addieren. In Summe würde der Konzern damit etwas mehr als zwei Milliarden Euro kosten – nicht viel für einen Weltmarktführer in einer unter normalen Umständen profitablen Branche.

Doch die beiden Konkurrenten im europäischen Raum, La­farge und Saint-Gobain, sind derzeit ebenfalls vom Einbruch im Bausektor betroffen und verfügen kaum über das finanzielle Potenzial, ein Übernahmeangebot zu legen. Anders sieht es bei einem irischen Unternehmen aus, das 1970 durch den Zusammenschluss der beiden irischen Zement- und Baustoffunternehmen Cement Limited und Roadstone Limited entstanden ist: CRH. Der Konzern hat seit seiner Fusion eine kontinuierliche Wachstumspolitik verfolgt – genauso wie Wienerberger. Er ist mittlerweile mit Zement- und Asphaltwerken nicht nur in Mitteleuropa, sondern auch in der Türkei, China, Kanada und den USA vertreten. CRH hat die Krise verhältnismäßig gut verkraftet und verfügt über eine mit 1,7 Milliarden Euro gefüllte Kriegskasse. „CRH wäre der einzige passende Kandidat“, sagt ein Analyst, der anonym bleiben möchte. Die Iren selbst wollten die Gerüchte nicht kommentieren.

Der scheidende Wienerberger-Chef Reithofer sagt dazu betont ernst: „Zu CRH gebe ich keinen Kommentar ab. Außer – ohne dass das missverstanden werden soll – dass ich eine sehr hohe Meinung von CRH habe.“ Neo-Wienerberger-Boss Scheuch teilt diese hohe Meinung nicht so ganz: „So gut geht es denen auch nicht mehr. Keine Angst. Wienerberger ist kein fetter Hase.“

Fotos: Philipp Horak

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