Gott schütze Amerika

Man sollte das Denken nicht den Börsianern überlassen.

Die Aktienkurse purzeln, die Erde bebt, und alles fürchtet sich. Die Börsen tun, als stünde das Ende der Welt bevor – oder der Bankrott der Vereinigten Staaten von Amerika.
Zugegeben – in den vergangenen Monaten ist ein neues, furchterregendes Phänomen aufgetaucht: Als die Blase der Immobilienspekulation in den USA platzte, gerieten zahlreiche Finanzinstitute weltweit in Schwierigkeiten. Sie bleiben auf einem Berg fauler oder zumindest zweifelhafter Kreditforderungen sitzen und sind oft zu massiven, gewinnmindernden Abschreibungen gezwungen. Das hat die Kurse der Bankaktien erwartungsgemäß abstürzen lassen. Das Vertrauen in das Bankensystem, ein kritisches Element in der Statik des ökonomischen Überbaus, ist beschädigt, aber auch innerhalb der Branche regiert Misstrauen: Die Banken wollen einander plötzlich nicht mehr Geld borgen. Der Vertrauensschwund ist nicht weiter verwunderlich, denn die Banken hatten in den letzten Jahren immer sorgloser Kredit gegeben (vor allem amerikanischen Hausbesitzern) und die Forderungen möglichst rasch an Mittelsmänner verkauft. Diese Forderungen wurden dann in Wertpapiere verpackt, mehrmals umgepackt, von Rating-Agenturen wohlwollend bewertet und schließlich an blauäugige Investoren verhökert.
Klar, dass die Banken jetzt plötzlich bei der Vergabe von Darlehen vorsichtiger agieren und dass Kredit nicht nur knapper, sondern auch teurer wird. Der Schwund billiger Liquidität, des wichtigen Schmiermittels der Wirtschaft, ist zweifelsohne gefährlich.

Die Frage ist, ob Amerika nun in eine Rezession schlittert und womöglich die ganze Welt mit in den Abgrund reißt. Manche klammern sich an die Hoffnung, dass die USA die Rolle der Konjunkturlokomotive der Welt verloren haben und die Welt nicht mehr anstecken können. Ich bezweifle das. Obendrein ist das Liquiditätsproblem nicht bloß ein amerikanisches. Schließlich haben ja auch viele europäische und asiatische Banken beim Spiel mit den umverpackten Krediten mitgemischt. Trotzdem glaube ich, dass wir möglicherweise mit einem blauen Auge davonkommen.
Immerhin stehen die meisten Unternehmen so gesund da wie schon seit vielen Jahren nicht: Die Bilanzen sind großteils gesund, die Auftragsbücher übervoll, und die Gewinne steigen. Vor diesem Hintergrund waren Aktien selbst vor dem großen Kurssturz alles andere als überteuert. Ohne Bankenkrise gab es also keinen Anlass für Rezessionsängste. Und die Bankenkrise ließe sich durch kluge Schritte der Regierungen und der Notenbanken durchaus entschärfen. Skeptiker befürchten freilich, dass es dafür in Amerika zu spät sei.
Aber möglicherweise sind gerade die USA stärker, als man denkt. Europäische Ökonomen, Analysten und Wirtschaftsjournalisten warnen gerne vor der maßlosen Überschuldung der amerikanischen Konsumenten: Sie sei das Krebsübel, das die Entwicklung des transatlantischen Giganten lähme. Ich halte das schlicht und einfach für ein Schauermärchen.

Dass der Privatschuldenstand in den USA mit 120 Prozent der verfügbaren Einkommen höher ist als in Deutschland (104 Prozent) oder in der Eurozone (94 Prozent), mag schon stimmen, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Nimmt man nämlich die privaten Nettofinanzvermögen (also Finanzvermögen ohne Immobilienbesitz minus Schulden), dann stehen die Amis nicht schlechter, sondern deutlich besser da als die Europäer: In Relation zum Einkommen sind sie zum Beispiel um 50 Prozent reicher als die Deutschen.
Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich die USA keineswegs abschreibe. Erfahrungsgemäß entwickeln die Amerikaner ungeheure Kräfte, wenn’s eng wird. Und wie es aussieht, ist die Fähigkeit zur Selbstheilung nicht abhandengekommen. Das scheinen die Börsen in letzter Zeit glatt vergessen zu haben, aber das ist kein Wunder: Wenn die Gier oder (wie jetzt) die Angst regiert, hat die Vernunft auf den Finanzmärkten keine Chance. Denken müssen Sie selbst, lieber Leser. Lassen Sie sich bloß nicht von Panik anstecken – sie ist der schlechteste Ratgeber, den es gibt.

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