Go Future statt no Future: Welchen
Jugendlichen ein Job verwehrt bleiben wird

Trotz Jugendarbeitslosigkeit besteht kein Grund zur Panik. Für die meisten Jungen wird es auch künftig Jobs geben. Was Berufseinsteiger erwarten und wie die Realität aussieht.

Von Ingrid Dengg und Peter Sempelmann

Eigentlich hätte bei Claus Lendovics gar nichts schiefgehen dürfen. Der junge Wiener besuchte zunächst das Gymnasium, dann zwei Jahre lang eine HTL und machte schließlich seinen Abschluss an der vierjährigen Fachschule für Fertigungstechnik und Maschinenbau. „In der Schule haben sie uns immer gesagt, dass wir mit unserer Ausbildung etwas ganz Sicheres in der Hand hätten.“

Doch dann kam die Ernüchterung. Rund die Hälfte der 26 Schüler seiner Klasse fanden keinen adäquaten Job, darunter Claus. Er schrieb damals 30 Bewerbungen. Oft erhielt er darauf nicht einmal eine Antwort. Und wenn er es einmal bis zum Vorstellungsgespräch schaffte, zeigte sich, dass die meisten Unternehmen Leute suchten, die bereits Berufserfahrung hatten.

Claus begrub schließlich seine Hoffnungen, als Facharbeiter unterzukommen, und verdingte sich beim Wiener Flughafen in der Sicherheitskontrolle. Mittlerweile hat der 24-Jährige bereits vier Jobs hinter sich, zuletzt als Versicherungsagent der Wiener Städtischen. Dann kam die Krise, und Claus befindet sich wieder einmal in Umschulung. „Ich hab eine Zeit lang nicht gewusst, wo ich hinwill“, sagt er, „das war ein wichtiger Erfahrungsprozess, aber heute weiß ich, dass ich mit Menschen arbeiten will, in Teamarbeit und bei der Organisation von Projekten.“

Claus hatte das Glück, dass ihn in dieser schwierigen Phase seines Lebens verständnisvolle Eltern und Freunde wieder aufbauten. Und er hat bereits eine harte Lektion im Leben gelernt – nämlich, dass es bei der Ausbildungs- und Jobwahl am allerwichtigsten ist, den eigenen Neigungen zu vertrauen.

Das Beispiel des Claus Lendovics offenbart die Bruchstellen, denen sich zunehmend mehr junge Leute am Übergang von der Schule zum Berufsleben gegenübersehen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist schon länger zu hoch. Die Krise hat das Problem noch dramatisch verschärft. 41.250 Jugendliche unter 25 Jahren waren im August ohne Job gemeldet, das sind um 29,5 Prozent mehr als im Jahr davor. Dabei sind diejenigen, die sich wie Claus gerade in einer Schulung des Arbeitsmarktservice (AMS) befinden, hier gar nicht mit eingerechnet. Es gilt: Je jünger jemand ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er keinen Job hat.

Parallel dazu steigt die Zahl der prekären und atypischen Dienstverhältnisse, von denen zwar nicht nur, aber in besonderem Maße Junge betroffen sind. Immer mehr Dienstnehmer werden ausgelagert und zur (un)freiwilligen Ich-AG ernannt. So hat die Zahl dieser so genannten neuen Selbstständigen seit 2003 um 27 Prozent zugenommen. Inklusive Teilzeitkräften gehen bereits deutlich über eine Million Menschen keiner geregelten Vollzeitarbeit mehr nach.

Viele unter 30-Jährige sind frustriert – auch weil sie das Gefühl haben, dass der Staat zu wenig in verbesserte Rahmenbedingungen investiert, weil er zu viel Geld für die Senioren ausgibt. Die Krise heizt den Generationenkonflikt noch an. Die Staatsschulden explodieren scheinbar unbekümmert auf Kosten der nächsten Generation(en). Der Spielraum des Staats, Geld für den Strukturwandel bereitzustellen, wird in den nächsten Jahren gegen null tendieren. Bedenklich: Die Bildungsausgaben sind geschrumpft. Wenn dann noch saftige Rentenerhöhungen verlangt werden, ist bei vielen Schluss mit lustig. Denn je mehr sich die Babyboomer der Nachkriegsjahre dem Pensionsalter nähern, desto prekärer wird die Lage sowieso. In dreißig Jahren wird jeder Erwerbstätige bereits mehr als einen Pensionisten zu erhalten haben.

Wächst also jetzt eine Generation ohne Zukunft heran, die sich mit hoher Arbeitslosigkeit abfinden muss? Werden – wie in den USA – mehrere schlecht bezahlte Nebenjobs nötig sein, um über die Runden zu kommen? Nicht wenige Einsteiger ins Berufsleben haben diese Angst – aus ihrer Sicht auch verständlich.

Doch der Eindruck täuscht zum Glück. Im Moment ist die Situation ohne Frage schwierig, der Arbeitsmarkt im Herbst 2009 ist für Leute mit wenig Praxis ziemlich zu. ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf rät jenen, die nicht zum Zug kommen, „die Zeit mit Weiterbildung zu überbrücken. Es wird wieder besser.“ Resignation ist nicht angebracht: Es wird für die Jungen in Zukunft sehr wahrscheinlich genügend Arbeit geben. Allerdings werden sie flexibler sein müssen als ihre Eltern, bereit, immer wieder umzulernen und zuweilen auch ohne Sicherheitsnetz zu arbeiten.

Für einen wie Martin Novak ist das kein Problem. Er war früher bei einer Filmfirma angestellt und machte sich dann selbstständig. Mittlerweile ist er 34 – und gewohnt, dass sich 18-Stunden-Tage mit Monaten ohne Auftrag abwechseln.

Zur Panik besteht kein Grund: Ein junger Mensch, der sich auf die neuen Herausforderungen einstellen kann, von sich aus nach Förder- und Bildungsangeboten sucht, der muss sich keine großen Sorgen machen. Viele der Youngster, mit denen der trend gesprochen hat, beweisen, dass es mit Eigeninitiative funktioniert. Boombranchen wie die Umwelt- und Medizintechnik oder der Pflege- und Bildungsbereich werden in den kommenden Jahren für viele neue Arbeitsplätze sorgen. „Österreich wird weiterhin wohlhabend sein“, prognostiziert IHS-Wirtschaftsforscher Andreas- Ulrich Schuh, „allerdings wird vor allem der Mittelstand seine Vorstellungen über Einkommensstabilität und Erwerbskarrieren ändern müssen.“ Mit anderen Worten: Die Schere zwischen Ungebildeten und Top-Qualifizierten wird sich immer mehr auftun. Wer im Österreich von morgen auf der Butterseite bleiben will, wird ein hohes Ausmaß an Lernbereitschaft an den Tag legen müssen. Das wissen die Jugendlichen auch. Eine von trend beim Linzer market-Institut in Auftrag gegebene Umfrage zeigt, dass die meisten von ihnen auf lebenslanges Lernen und häufigere Arbeitgeberwechsel vorbereitet sind. Immerhin 61 Prozent erkennen, dass Weiterbildung und das Verständnis für moderne Technologien in Zukunft „auf jeden Fall“ notwendig sein werden. Auch dass Fremdsprachen und Spezialausbildungen immer wichtiger werden und der Arbeitsdruck steigt, ist den Jungen bewusst.

Interessant ist, dass bei vielen aber ein traditionelles Angestelltenverhältnis Top-Priorität genießt. Errol Liem, ein 30-jähriger Softwareingenieur, meint: „Da hat man einfach mehr Sicherheiten, Urlaubsgeld, und die Steuern zahlt die Firma.“ Auch die 21-jährige Sandra Gotthartsleitner, die eine Kombination aus Lehr- und HTLAusbildung macht, findet „ein geregeltes Einkommen ganz, ganz wichtig“. Daneben gibt es aber doch einige, die wie der Filmcutter Novak, der Catering-Profi Philipp Wimmer oder die Restaurantbesitzerin Barbara Kunze ihren sicheren Job an den Nagel hängen, um sich als Selbstständige zu versuchen.

Laut market-Umfrage ist über die Hälfte der Jungen überzeugt, einen fixen Job zu bekommen. Einige werden ihre Erwartungen wohl revidieren müssen. Auch die Politik hat Handlungsbedarf. „Wir sind mit Strukturverschiebungen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert“, sagt Wifo-Expertin Ulrike Mühlberger, „hinter denen das Ausbildungssystem in Österreich leider nachhinkt.“

Wo sind die Jobs der Zukunft zu finden? Der Strategieberater Roland Berger sagt voraus, dass sich die Umwelttechnik weltweit zu einer Leitindustrie mit jährlichen Umsätzen bis zu 3,1 Billionen Euro entwickeln wird. Durch umweltfreundliche Energien und Antriebe, Recycling oder den Bereich des effizienten Materialeinsatzes rechnet Roland Berger für Österreich mit 20.000 neuen Jobs bis zum Jahr 2020. Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts, welche die Umwelt-Definition offenbar breiter fasst, kommt im selben Zeitraum sogar auf 75.000 neue Stellen.

Für diese neuen Berufsbilder läuft etwa im Lebensministerium ein Ausbildungsversuch zum/r Biomasse-FacharbeiterIn. Und im burgenländischen Güssing hat sich vor ein paar Jahren eine Solarteur- Schule etabliert. Gelernte Elektriker oder Installateure erhalten dort eine Spezialschulung für Solartechniken. Nun überlegen auch Ober- und Niederösterreich, diesem Beispiel zu folgen. „Allerdings haben wir das Problem, dass uns die Wirtschaftskammer immer noch misstrauisch betrachtet und behindert“, klagt Werner Rauscher, Urheber des Solarteur-Projekts.

Ähnlich fulminant wird sich auch der Gesundheitsbereich entwickeln. Hier sind Prognosen allerdings noch schwieriger, weil sehr viele öffentliche Gelder fließen. Und die wiederum hängen stark von politischen Entscheidungen ab. Roland Berger rechnet jedenfalls damit, dass sich öffentliche und private Ausgaben in diesem Bereich bis 2020 verdoppeln werden.

Treibende Kräfte sind einerseits der medizinisch-technische Fortschritt, andererseits ein neues Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung und last, but not least der demografische Wandel. Wenn es immer mehr alte Menschen gibt, müssen diese betreut, gepflegt und medizinisch versorgt werden. Das reicht bis hin zu Einkaufsdiensten oder technischen Haushaltshilfen für jene, die den Lebensabend zu Hause verbringen.

Dementsprechend breit ist auch die Palette der Jobs, die hier entstehen. Wifo-Expertin Ulrike Huemer rechnet mittelfristig mit einem stark wachsenden Bedarf an diplomierten KrankenpflegerInnen und GeburtshelferInnen (4,4 Prozent Wachstum jährlich). Auch medizinische Fachberufe wie Physio- und Ergotherapie sowie pharmazeutische Assistenz sind im Kommen.

Hier zeigt sich eine Entwicklung, die sich quer durch die Branchen zieht – nämlich der Trend zur Höherqualifizierung. Huemer: „Generell gilt: Hilfskräfte werden zunehmend durch Fachkräfte ersetzt, Fachkräfte durch Maturanten und Maturanten durch Akademiker.“ Laut Wifo-Berufsprognose (Tabelle Seite 84) werden künftig vor allem akademische Top-Kräfte wie BiowissenschafterInnen und MedizinerInnen begehrt sein. Aber auch verwandte Bereiche wie Medizintechnik zeigen hohes Zukunftspotenzial. Gefragt sind vielseitige Talente und Allrounder. Michael Olensky zum Beispiel hat zunächst die HTL für Elektrotechnik und einen Fachhochschullehrgang für Elektronik besucht und qualifizierte sich dann bei Siemens für ein zweijähriges Traineeprogramm inklusive Auslandsaufenthalt in Rumänien. Dann wurde er im Medizintechnikvertrieb auf die Kunden losgelassen. Heute betreut der 31-Jährige halb Niederösterreich, besucht dort die öffentlichen Krankenhäuser, Radiologen und Institute. Im Portfolio führt er so gut wie alles, von medizinischen Großgeräten bis zum kleinen Ultraschallgerät, von der elektronischen Datenarchivierung bis zur Projektbetreuung bei Krankenhausneubauten. Technisches Fachwissen ist nicht die einzige Qualifikation, die gefordert wird. Olensky: „Ohne betriebswirtschaftliches Basiswissen und Know-how über Finanzierungsmodelle könnte ich diesen Job nicht ausüben. Denn ich muss den Kunden eine Rundumberatung anbieten können.“

Heterogen ist die Entwicklung auch in einem dritten Wachstumsbereich: der Aus- und Weiterbildung. Gerade die traditionellen Lehrberufe in Volks-, Haupt- und Mittelschulen werden davon allerdings wenig profitieren. Sehr gefragt sind dafür HochschullehrerInnen – immerhin hat Österreich nach wie vor viel zu wenig Akademiker. Und es werden immer mehr Ausbildner im außerschulischen Bereich gebraucht. Das fängt bei den KindergärtnerInnen an und reicht bis hin zu Spezialisten aus der Praxis, die sich ein zweites Standbein als Lehrkräfte in berufsbildenden Schulen oder in der Erwachsenenbildung schaffen.

So träumt etwa Physiotherapeutin Patricia Bauer davon, das Bachelor-Studium zu absolvieren und sich damit als Lehrkraft an der Akademie für Physiotherapie qualifizieren zu können. „Ich möchte mich einfach vom Mainstream abheben“, sagt sie, „außerdem stehen mir dann mehr Türen offen.“

Insgesamt gilt, dass die Arbeitsplätze in der Sachgüterproduktion tendenziell abnehmen, im Dienstleistungsbereich dafür deutlich zunehmen werden. Vor allem im Bereich der unternehmensnahen Dienstleistungen wie Rechts- oder Steuerberatung oder bei EDV-Dienstleistungen ortet IHS-Experte Andreas-Ulrich Schuh noch großes Potenzial. Ähnlich sieht das Wolfgang Tritremmel, Arbeitsmarktexperte der Industriellenvereinigung (IV): „Wir leiden österreichweit an einem echten Mangel an Unternehmensberatern. Und damit meine ich nicht kleine Ein- oder Zweimannfirmen, sondern große Unternehmensberater wie KPMG oder Booz Allen, die Investoren bei der Ansiedlung im Ausland mit Rat und Tat zur Seite stehen.“

Die größten absoluten Beschäftigungsverluste erwartet das Wifo mittelfristig bei den Textil- und Bekleidungsberufen (minus 7,5 Prozent jährlich) sowie in der Nahrungsmittelverarbeitung, bei Druckern, Schriftsetzern und Buchbindern. Heißt das, dass die traditionelle Lehre ausgedient hat und das duale Bildungssystem, auf das Österreich so stolz ist, eine Sackgasse ist? Nicht unbedingt. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner verweist darauf, dass die regionalen Gewerbe-, Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe weniger abhängig von der internationalen Wirtschaftslage sind und einen gewissen Grundbedarf bedienen, der kaum unterschritten werden kann. „Tüchtige kleine und mittlere Unternehmen bieten auch in schwierigen Zeiten eine gewisse Jobsicherheit.“

Interessanterweise bildet neuerdings auch die Industrie wieder mehr Lehrlinge aus. Laut Statistik der Wirtschaftskammer gab es im Juni in der Sachgüterproduktion um 5,8 Prozent mehr manchen Bereichen immer schwieriger wird, ausreichend qualifizierte Leute zu finden. Laut Industriellenvereinigung haben trotz Krise 42 Prozent der Unternehmen Probleme, genügend Fachkräfte im Bereich Technik und Produktion zu finden. 54 Prozent suchen verzweifelt nach akademisch gebildeten Naturwissenschaftern und Technikern. „Leider haben wir die Lehrlings- und Fachkräfteausbildung in der Zeit der Hochkonjunktur etwas hintangestellt“, räumt Industriellen-Präsident Veit Sorger ein, „aber wir haben aus unseren Fehlern gelernt.“

Manche Unternehmer zeigen sich dabei sogar äußerst innovativ und spendabel. Als vor sechs Jahren der Facharbeitermangel in der Region Kirchdorf in Oberösterreich immer gravierender wurde, schlossen sich dreißig betroffene Unternehmen aus der Region zusammen und gründeten kurzerhand die Kremstaler Technische Lehrakademie (KTLA), eine Art Mischform zwischen Abend-HTL und Lehre. Die Absolventen machten die Externistenmatura allerdings nicht in Oberösterreich, sondern in der benachbarten Steiermark, weil das Projekt vom oberösterreichischen Landesschulrat als Konkurrenz angesehen wurde. „Von den zwei Maturaklassen, die wir bis jetzt gehabt haben“, erzählt Projektinitiator Boris Greiner stolz, „sind alle Schüler durchgekommen.“

Der Vorteil dieses Modells: Die Lehrlinge, darunter auch Sandra Gotthartsleitner, erhalten eine wirklich praxisnahe Ausbildung, aber gleichzeitig eine breite Allgemeinbildung, und dank Matura steht ihnen nun auch das Hochschulstudium offen. „Das Modell Lehre mit Matura bietet eine echte Zukunftschance und wird von uns seit vorigem Herbst forciert“, sagt Gerhard Riemer, Bildungsexperte der Industriellenvereinigung. Neben der KTLA Kirchdorf, die im Vorjahr endlich das Öffentlichkeitsrecht bekommen hat, bietet unter anderem das Evangelische Gymnasium Wien diese Kombination an.

Maturanten, die sich nach der schulischen Ausbildung zu einer Lehre entschließen, sind in vielen Unternehmen sowieso hochwillkommen – etwa bei der Salzburger Porsche Holding. Roman Cervenka ist so ein Fall. Er macht derzeit die Ausbildung zum Kfz- Techniker bei Porsche Wien Nord und durfte nach Intervention des Betriebs bereits im dritten Lehrjahr mit der Meisterschule beginnen. Sonst beginnt diese erst zwei oder drei Jahre nach der Gesellenprüfung. Firmensprecher Hermann Becker betont, dass es Lehrlinge in der Porsche Holding vielfach zum Betriebsleiter gebracht hätten und einer – nämlich Gustav Kos – sogar Chef der Einzelhandelsorganisation Porsche Inter Auto geworden sei.

Bis dahin hat Patrick Ulz, 18, der frischgebackene Sieger des steirischen Kfz-Lehrlingswettbewerbs, noch einen weiten Weg. Stolz auf seinen Ausbildungsplatz bei Porsche Graz-Liebenau ist er aber schon jetzt.

Gut geschulte Arbeitskräfte werden von den Firmen zunehmend wieder geschätzt und gehätschelt werden. Die durch die niedrige Geburtenrate ausgelöste demografische Entwicklung wird die Jungen zwar in Bezug auf das Pensionssystem belasten, spielt ihnen aber bei den Jobchancen mittelfristig in die Hände. Und wirft ihre Schatten zumindest in den Köpfen der Personalchefs schon voraus. „Deshalb haben die meisten Unternehmen trotz Krise die Stammbelegschaft gehalten, so gut es ging“, sagt IV-Mann Riemer, „im Wissen, dass es bei qualifizierten Leuten einen Engpass gibt.“ Martin Ohneberg, Vertreter der Jungen Industrie, ergänzt: „Wir sind in Europa mit einer massiven Überalterung der Gesellschaft konfrontiert, und das wird den Kampf um die besten Köpfe verschärfen.“ Es sei deshalb durchaus zu erwarten, dass sich die Personalchefs künftig einige Zuckerln einfallen lassen werden, um gute Kräfte zu halten. Nicht mit Treueprämien und Jubiläumsgeld wie früher, sondern mit innovativen Modellen, zum Beispiel um Job und Familie unter einen Hut bringen zu können.

Lebenslange Dienstverhältnisse werden dennoch seltener. Die Arbeitswelt wird den jungen Menschen künftig immer mehr Flexibilität abverlangen. In einzelnen Branchen wie dem Handel werden bereits jetzt fast nur noch Teilzeitkräfte oder geringfügig Beschäftigte eingestellt, die man bei Bedarf beliebig „hochfahren“ kann. Die Industrie hält ihre Workforce über Leiharbeiter flexibel. Die 72.778 Dienstverhältnisse mit Leiharbeitern, die es noch 2008 gab, wurden aufgrund der Krise deutlich reduziert. Daneben gibt es vor allem bei den neuen Selbstständigen (Werkverträge) und den geringfügig Beschäftigten Zuwächse. IV-Arbeitsmarktexperte Tritremmel glaubt, dass dieser Trend schwächer wird: „Die atypischen Dienstverhältnisse werden nicht mehr so stark zunehmen wie in der Vergangenheit, weil sie vom Gesetzgeber in den letzten Jahren legistisch so eingefangen wurden, dass sie kaum noch günstiger sind.“

Maria Hofstätter, Leiterin der Arbeitsmarktforschung im AMS, hingegen meint: „Der lückenlose Lebenslauf wird immer seltener, aber wenn man für die Lücken Weiterbildung nachweisen kann, ist das okay.“ Hofstätter rechnet damit, dass die Jungen von heute im Lauf ihres Arbeitslebens drei- bis zwölfmal den Job wechseln und nicht länger als drei bis vier Jahre im selben Unternehmen bleiben werden. Zwischen den Anstellungen wird es immer wieder Phasen freiberuflicher Tätigkeit geben. Auch das Umsatteln auf völlig neue Berufe wird ganz normal sein.

Ähnlich sieht das IHS-Experte Schuh: „Stabile Beschäftigungsverhältnisse werden abnehmen, weil sich auch die Unternehmen ständig an technologische Neuerungen anpassen müssen.“ Und Sozialwissenschafter Bernd Marin prophezeit überhaupt die „Rund-um-die-Uhr-Dienstleistungswirtschaft“, in der variabler Arbeitseinsatz, Arbeitszeitkonten statt Überstunden und individuelle Wahlarbeitszeit zur Regel werden: „Dabei wird es sehr viele Gewinner, aber auch viele dramatische Verlierer geben. Die Extreme nehmen zu, und die Mitte bricht weg.“

Enttäuschungen bei den betroffenen Jugendlichen sind also vorprogrammiert. „Die jungen Leute müssen lernen, zu verlieren und trotzdem zielstrebig an den Dingen dranzubleiben“, empfiehlt Martin Ohneberg und liefert auch gleich eine Analyse dazu, warum diese Eigenschaften bei Österreichs Jugend zu wenig ausgeprägt seien: „Westeuropa ist ein bissel saturiert geworden. In Osteuropa gibt es viel mehr Aufbruchsstimmung. Die Leute sind dort psychisch gesehen viel weniger von der Krise betroffen, weil sie schon wieder den Aufbruch dahinter sehen.“

Nicht alle Jungen sind in der Lage, der Realität optimistisch ins Auge zu sehen. Der 17-jährige Mario D. steht in einer langen Schlange vor dem Arbeitsamt für Jugendliche in der Wiener Neubaugasse. Viele, die bei Nachprüfungen durchgefallen sind oder die Lehre geschmissen haben, finden sich hier. „Ich habe keine Zukunft“, sagt Mario, der seine Installateurslehre abgebrochen hat. Auch Sabine, die Friseurin werden wollte, weiß nicht, „was jetzt passieren soll“. Im Schnitt raufen 500 Jugendliche mit solchen Karrieren um eine offene Stelle – und das wird noch länger so bleiben. Josef Lucyshyn, Direktor des Instituts für Bildungsforschung (bife), sieht ein Versagen des Bildungssystems: „Die Jungen sind mit sehr vielen Änderungen im Bereich der Kommunikationstechnologien, der Umwelt und der Wissenschaft konfrontiert und damit weitgehend überfordert.“ So seien etwa viele Jugendliche nicht imstande, die Bedeutung und die Auswirkungen der gegenwärtigen Finanzkrise zu begreifen. Lucyshyn: „Damit sie die Änderungen verstehen, müssen wir höhere Bildungsniveaus erreichen, und zwar auf allen Levels – und die Bildungswege verlängern.“

Ansetzen würden die Bildungsexperten bereits im Vorschulalter. Wifo-Expertin Ulrike Mühlberger: „Die internationale Forschung zeigt, dass es wichtig ist, Kinder möglichst bald zu fördern.“ Lucyshyn fordert sogar, die besten Lehrer des Landes in die Vorschulen zu schicken, so wie in Skandinavien. Auch bei der Begabtenförderung besteht akuter Handlungsbedarf. Beim Akademikeranteil hinkt Österreich mit 18 Prozent gegenüber dem OECD-Mittel von 27 Prozent hoffnungslos hintennach.

Für ÖH-Vorsitzende Sigrid Maurer beginnen die Missstände bereits bei der Inskription: „Die meisten Studienanfänger denken nur an Jus, Medizin oder Wirtschaft und haben keine Ahnung, was eine Universität sonst noch alles bieten kann.“ Sie schlägt vor, eine einjährige Orientierungsphase an den Universitäten einzuführen. Während dieser sollten die Studenten Einblick in möglichst viele Studien bekommen. Obwohl zurzeit auf dem Arbeitsmarkt vor allem Naturwissenschafter und Techniker gefragt sind, rät Maurer, bei der Studienwahl lieber den persönlichen Interessen zu folgen. Auch Quereinsteiger können große Karriere machen. Ein Beispiel ist Telekom-Austria-Chef Hannes Ametsreiter, der Publizistik und Sportwissenschaften studiert hat: „Ich wurde natürlich schon öfter gefragt, ob diese Studien der beste Weg sind, um CEO eines Telekommunikationskonzerns zu werden. Für mich: ja. Durch die Geisteswissenschaft habe ich gelernt, das große Bild zu sehen und ein Verständnis für Zusammenhänge zu entwickeln. Der Sport hat mir zu Ausdauer und Energie verholfen.“ Mit Managementfragen hat sich Ametsreiter erst später im Rahmen eines MBA-Programms auseinandergesetzt.

Der Trend geht generell in Richtung Mehrfachqualifikation und breite Ausbildung, ergänzt IV-Bildungsexperte Riemer: „Denn es wird immer weniger absehbar, welche Qualifikationen in sieben bis acht Jahren wirklich benötigt werden.“ Wichtig sind jedenfalls Fremdsprachen und ein oder zwei Semester Auslandserfahrung.

Österreich sollte sich radikale Reformen im Bildungsbereich durchaus einiges kosten lassen. Ein internationaler Vergleich der OECD zeigt, dass Vorzeigeländer wie Dänemark stolze acht Prozent des BIP für die Bildung ausgeben. In Österreich schrumpften die Bildungsausgaben von 5,4 Prozent 2006 auf 5,14 Prozent des BIP (2007). Das ist weniger, als der Bund für die Pensionen zuschießt. Es ist sicherlich problematisch, Leistungen für die Jungen und für die Alten gegeneinander aufzurechnen. Aber die Frage stellt sich, ob die Ressourcen hier nicht ungleich verteilt sind. „Die ältere Generation ist einfach gut organisiert und kann ihre Wünsche und Vorstellungen besser formulieren als die Jungen“, kritisiert IV-Präsident Sorger, „hier müssen wir auf die Balance achten.“

Beunruhigend ist, dass die Zahl der Pensionisten jene der unselbstständig Erwerbstätigen im Jahr 2040 überflügeln wird. Und dass die staatlichen Zuschüsse zu den Pensionen immer höher steigen. Alarmierend ist auch, dass die Jugendlichen selbst ein tiefes Misstrauen gegenüber dem staatlichen Pensionssystem entwickelt haben. „Wenn ich reif bin für die Pension, gibt es kaum noch jemand, der einzahlt“, meint die Physiotherapeutin Patricia Bauer, 26. Und die Mathematikerin Barbara Spangl-Kavsek, 32, fügt hinzu: „Ich wage zu bezweifeln, dass das staatliche System funktioniert.“ Sogar der 18-jährige Kfz-Lehrling Patrick Ulz plant bereits, nach Abschluss der Lehre sicherheitshalber privat vorzusorgen.

„Das Vertrauen der Bevölkerung nimmt rapide ab, was traurig ist, weil es nicht sein müsste“, meint Pensionsexperte Bernd Marin. „Das liegt daran, dass die Politiker zu viel versprechen und dann ständig im Nachhinein kürzen müssen.“ Marin plädiert für den Erhalt des solidarischen Umlageverfahrens. „Allerdings kann das nur funktionieren, wenn die Balance zwischen Aktiven und Ruhenden ausgewogen ist.“

Das bedeutet, dass mehr Menschen im erwerbsfähigen Alter arbeiten müssen – und das deutlich länger. Denn Österreich weist mit einer Erwerbsquote von 72,1 Prozent der Personen im erwerbsfähigen Alter deutlich niedrigere Werte auf als Deutschland, die Schweiz oder die skandinavischen Länder, die auf Erwerbsquoten über 80 Prozent kommen. Das bedeutet auch, dass die Zahl der Frühpensionen nachhaltig eingedämmt werden muss. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Run auf die vorzeitige Alterspension („Hacklerregelung“) ist ungebrochen. Im ersten Halbjahr 2009 wurden 15.000 Anträge auf eine Hacklerpension gestellt, das sind fast so viele wie im gesamten Vorjahr. 40 Beitragsjahre zur Sozialversicherung genügen hier, um abschlagsfrei in den Ruhegenuss zu kommen. Und für die ebenfalls begehrte Altersteilzeit gibt der Staat heuer 288 Millionen Euro aus, das ist immerhin ein Fünftel der gesamten Mittel für die aktive Arbeitsmarktpolitik.

Bei beiden Maßnahmen soll es nun Änderungen geben. Sozialminister Rudolf Hundstorfer will das faktische Pensionsantrittsalter heben, indem Modelle wie Kombi-Lohn für ältere Arbeitnehmer, Rehabilitation und kontinuierliche Altersteilzeit gefördert werden. Hundstorfer: „Die eigentliche Herausforderung wird sein, die Pensionszuschüsse des Bundes in den kommenden Jahrzehnten relativ gleich zu halten.“ Die Chancen dafür, meint er, stünden gar nicht so schlecht. Laut Langzeitberechnungen des Ministeriums werden die Zuschüsse des Bundes zu den Pensionen in den kommenden zwei Jahrzehnten zwar von 5,2 auf rund sechs Prozent des BIP steigen. Ab Mitte des Jahrhunderts ist allerdings leichte Entspannung angesagt. Hundstorfer: „Der Grund liegt darin, dass die Beamten billiger werden.“ Wenn diese Berechnungen stimmen, könnte das Pensionsproblem zu lösen sein. Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist aber unvermeidlich.

Auf dem Arbeitsmarkt dürfte die demografische Entwicklung viel früher für Entspannung sorgen. Dazu passt der Optimismus, mit dem immer noch die meisten Jungen zwischen 15 und 25 Jahren ungeachtet aller Probleme in die nahe Zukunft blicken. Laut einer Studie des Linzer market-Instituts gaben 71 Prozent der Befragten im Juli 2009 an, sehr zuversichtlich zu sein. Trotz Wirtschaftskrise und Jugendarbeitslosigkeit. Und obwohl der Österreicher ja bekanntlich zum Jammern neigt.

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