Geschäfte – wie geschmiert: Wirtschafts-
delikte von Mitarbeitern und Managern

Das Gros der Wirtschaftsdelikte wird in Unternehmen begangen – von Mitarbeitern und Managern. Die Zahl der Anzeigen steigt.

Von Martina Forsthuber

Das ist aber bei Weitem nicht der Billigstbieter“, merkt der Konzernboss an. „Nein, aber der Bestbieter, er wird unser Unternehmen mit absoluten Top-Produkten ausstatten“, kontert der Abteilungsleiter. Der Auftrag über Software um sechs Millionen Euro wird vergeben. Und in gewisser Weise ist der Ausschreibungsgewinner auch tatsächlich Bestbieter. Hat er doch dem Abteilungsleiter zuvor 200.000 Euro geboten, wenn er dafür Sorge trägt, dass der Auftrag an seine Firma geht. Natürlich ist das Anbot ein bisschen teurer als das der Mitbieter: nämlich um rund 200.000 Euro.

Fälle wie dieser zählen zum typischen Betätigungsfeld der Wirtschaftspolizei. Und deren Arbeit wird derzeit deutlich mehr. Die Wirtschaftskriminalität, das zeigt die jüngste Statistik des Bundeskriminalamts, steigt. Veruntreuung, Betrug und Geldfälschung haben gegenüber dem vergangenen Jahr rasant zugenommen (siehe Grafiken). Die Zahl der angezeigten Fälle stieg bei Betrug um 79 Prozent, bei schwerem Betrug um 60 Prozent und bei Geldfälschung um 52 Prozent. Dass die Menschen tatsächlich so viel böser geworden sind, lässt sich daraus nicht wirklich ablesen. „Zurzeit gibt es auch vermehrt Anzeigen, weil die Sensibilität steigt“, stellt Rudolf Unterköfler, Leiter des Büros für Wirtschafts- und Finanzermittlungen im Bundeskriminalamt fest. Wurde es früher für unmöglich gehalten, dass im eigenen Unternehmen etwas nicht mit rechten Dingen zugehen könnte, ist mit der Krise offenbar auch die Gutgläubigkeit gegenüber wirtschaftskriminellen Handlungen dem Mut zu einem klareren Blick gewichen.

„Wer meint, in seinem Unternehmen gäbe es niemanden, der bereit sei, in die eigene Tasche zu wirtschaften, geht blauäugig durch die Welt“, ist Matthias Kopetzky, Sachverständiger für Wirtschaftskriminalität, überzeugt.
Nach einer im Zweijahresrhythmus durchgeführten Studie von PricewaterhouseCoopers passieren die meisten Wirtschaftsdelikte in Unternehmen. Vermögensdelikte stehen mit Abstand an erster Stelle, gefolgt von Korruption. Die Fälschung von Finanzdaten ist zwar selten, aber umso gravierender, und vom Schadensrisiko her betrachtet, kann die Reihenfolge glatt umgedreht werden. So gesehen sind Vermögensdelikte zwar ärgerlich, aber selten letal für das Unternehmen. Umgekehrt geht es der betroffenen Firma bei der Fälschung von Finanzdaten fast immer an die Lebensadern.

Während ein gemeiner Raub sofort gemerkt wird, ist bei Wirtschaftskriminalität alleine schon die Diagnose weit schwieriger. Zudem sind die Täter keine sinistren Gestalten, sondern anerkannte Mitglieder der Gesellschaft, „deren Namen Ehrfurcht verströmen“ (Kopetzky): erfolgsgewohnte Wirtschaftskapitäne und Stammgäste der Society-Seiten, die genug Geld haben, um die besten Anwälte zu beschäftigen.
Skrupel vor einer Anzeige und dezente Vorgangsweise bei der Aufklärung verstehen sich von selbst. Der Anteil bekannt gewordener Wirtschaftsdelikte an allen erfassten Straftaten liegt daher gerade einmal bei 1,3 Prozent – der Schadensanteil erreicht dagegen 57 Prozent des polizeilich registrierten Schadens durch Straftaten insgesamt. Dabei sind die angezeigten Delikte, da sind sich alle Experten einig, nur die winzige sichtbare Spitze des Eisbergs. Das Gros der Fälle gelangt nie zur Anzeige, sondern wird intern geregelt.

Ein weiteres Charakteristikum: Werden Fälle von Wirtschaftskriminalität in Unternehmen aufgedeckt, so ist dafür in Österreich nur in den seltensten Fällen die interne Revision verantwortlich. „Laut unserem Crime Survey werden in Österreich über 50 Prozent der Fälle durch Hinweise oder Zufälle aufgedeckt, und nur vier Prozent darf sich die interne Revision an die Kappe heften“, weiß Dorotea Rebmann, Partnerin und Leiterin Dispute Analysis & Investigations bei PricewaterhouseCoopers. Der typische Wirtschaftskriminelle ist – laut Statistik – Ersttäter, zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, lange im Unternehmen, sitzt in Top-Position, steht aber auf der Karriere­leiter an. Je höher in der Hierarchie des Unternehmens ein Wirtschaftskrimineller angesiedelt ist, desto effizienter kann er vorgehen und desto schwerer ist er aufzudecken – „sämtliche Kontrollmechanismen sind zum Scheitern verurteilt, wenn der Täter in der obersten Unternehmensebene, im Vorstand sitzt“, analysiert der Wirtschaftssachverständige Kopetzky.
Das größte Problem in der österreichischen Wirtschaft ist – nach Ansicht des Experten – jenes der Korruption, weil es hierzulande nur ein sehr geringes Unrechtsempfinden für Bestechung und Freunderlwirtschaft gibt. Den Tatbestand kennt das Strafgesetzbuch auch nicht explizit. Die meisten Fälle sind unter dem Begriff des Betrugs subsumiert. Der wirtschaftliche Schaden ist jedoch enorm und das Täterprofil „on top“ angesiedelt. Während nur 34 Prozent aller Wirtschaftsdelikte von Managern begangen werden, sind bei Korruptionsfällen 50 Prozent der Täter im Top-Management und Eigentümerbereich zu finden.

Allerdings glauben die Experten bei allen Wirtschaftsdelikten, dass ein Mehr an angezeigten Fällen noch nicht heißt, dass es mehr Tathandlungen gibt, sondern nur, dass die Aufmerksamkeit gestiegen ist. Im Gegenteil führe eine Krise tendenziell zum Abflauen von schwerwiegenden Wirtschaftsdelikten. „Die wenigsten werden aus simpler Not wirtschaftskriminell“, weiß Kopetzky. „Die Gier spielt da eine viel größere Rolle, und die ist im Boom noch viel präsenter. Nehmen Sie nur die Anlagebetrugsmodelle und versuchen Sie, so etwas momentan an den Mann zu bringen, da sind Sie arm dran.“ Zurzeit werden daher mehr Wirtschaftsdelikte aus der jüngsten Vergangenheit aufgedeckt, aber tendenziell weniger begangen. Offenbar werden wir durch die Krise ehrlicher.l

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