Wie Sie richtig auf die neuen steuerlichen Bestimmungen für Anleihen reagieren

Mit dem Begriff „Steueroasen“ verbinden Konsumenten von Wirtschafts-Kriminalgeschichten meist romantische Inseln – etwa die Bahamas oder das liebenswert-skurrile Kanal-Paradies Jersey. Doch Steueroasen gibt es auch ganz nah. Zum Beispiel in Österreich – wenngleich nur auf einen ganz winzigen, wenig beachteten Bereich beschränkt:

Kursgewinne von Anleihen sind, sofern diese vor dem 1. Oktober dieses Jahres erworben werden und der Käufer das Papier mindestens ein Jahr behält, steuerfrei. Höchste Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Um dem Fiskus ein Schnippchen zu schlagen, bleiben Ihnen nur noch wenige Wochen.

Aber: Sind Anleihen derzeit überhaupt lukrativ? Normale Zinspapiere sind es sicherlich nicht. Bei Renditen um die zweieinhalb Prozent, wie sie derzeit deutsche und österreichische Staatspapiere einspielen, lässt sich nicht einmal die Inflation verdienen. Doch solche Papiere notieren auch nicht „unter pari“, also unter dem Ausgabepreis. Anleger müssen sich vielmehr auf die Suche nach Papieren machen, deren Kurs seit ihrer Emission nachgegeben hat. Solche Kursverluste betrafen lange Zeit fast nur Unternehmensanleihen, seit dem Ausbruch der Finanzkrise gerieten aber auch Staatspapiere unter die Räder.

Chancenreich

Vor allem Griechenland-Bonds notieren weit unter ihren Ausgabepreisen. Empfehlen will sie derzeit aber niemand – nur notorische Zocker sollten das Risiko eingehen, gegen den aus jetziger Sicht wahrscheinlichen „Haircut“ – einen Zwangsverzicht auf einen Teil der Rückzahlung oder des Kupons – zu spekulieren. „Es gibt derzeit aber auch abseits der Staatsanleihen interessante Veranlagungsmöglichkeiten“, erklärt Wolfgang Traindl, Chef des Private Banking und Asset Management der Erste Bank.

Dabei weist er auf einige interessante länderspezifische Verschiebungen der jüngsten Zeit. „Im Zuge der Diskussion über die Bonität Frankreichs haben die Renditen französischer Unternehmensanleihen zugelegt. Renault ist auf 5,4 Prozent gestiegen, Saint Gobain auf immerhin 4,4 Prozent“, so Traindl. Schuldverschreibungen des weltweit operierenden Glasriesen Saint Gobain bringen also, obwohl als Investment Grade mit guter Bonität ausgestattet, rund doppelt so viel wie deutsche Staatsanleihen. Traindl: „Grundsätzlich betrachten wir Unternehmensanleihen derzeit als attraktives Investment.“

Anleger, die sich auf ein solches einlassen, müssen allerdings zwei gefährliche Gegner im Auge behalten: die Bonität der Unternehmen und das Zinsenumfeld. Was die Bonität betrifft, so brachten die Börsenturbulenzen im August einige Unsicherheit in den Markt. Auslöser der massiven sommerlichen Kursverluste in den USA waren Sorgen über das ausufernde Defizit, in Europa wiederum meldete Deutschland ein schwaches zweites Quartal mit einem Wirtschaftswachstum von nur noch 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal.

In Frankreich, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone, stagnierte die Wirtschaft sogar. Dass ein solches Umfeld für Unternehmen Probleme mit sich bringt, ist evident, und dass solche Probleme rasch auf die von diesen begebenen Anleihen durchschlagen, ebenfalls. Doch Panik ist nicht angebracht. Zwar fiel das Wachstum im zweiten Quartal 2011 auf den niedrigsten Stand seit dem Beginn der Erholung 2009, dennoch rechnen die Volkswirte der deutschen Banken für das Gesamtjahr mit einem BIP-Plus zwischen drei und 3,5 Prozent – Krise sieht anders aus.

Niedrige Ausfallsraten

Das sehen auch die Experten der Schweizer Großbank UBS so. „High Yields (hoch rentierende Unternehmensanleihen schlechterer Bonität, Anm.) bieten Anlegern aktienähnliche Erträge und übertreffen damit deutlich andere Segmente wie Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen mit Investment Grade“, heißt es in einer Kurzanalyse der Bank. Und: „Die Zahl der Heraufstufungen bei den Unternehmens-Ratings übertrifft die Herabstufungen, die Ausfallsrate dürfte 2011 deutlich unter drei Prozent liegen.“

Dennoch gibt sich Traindl, speziell was die erwähnten High-Yield-Anleihen betrifft, vorsichtig. „Da kommt es auf eine breite Diversifikation an. Wer mehrere dieser Papiere besitzt, verkraftet einen Ausfall leichter. Wer sich mit dem Thema nicht beschäftigen will, ist besser bei Fonds aufgehoben.“

Zweiter Feind der Anleger: die Zinsen. Generell gilt: Wenn die Zinsen steigen, dann fallen die Kurse der „alten“ Anleihen, weil neu aufgelegte Papiere ja mit eben diesen höheren Zinsen locken. Im Frühjahr läutete die Europäische Zentralbank das Ende der Niedrigzinsphase ein, indem sie den Leitzins auf 1,50 Prozent anhob und weitere Zinserhöhungen in Aussicht stellte. Analysten erwarteten zunächst, dass der Euro-Leitzins binnen eines Jahres auf zwei Prozent klettern könnte. Doch davon ist längst keine Rede mehr. Die jüngsten Konjunkturdaten und die folgenden Kursverluste bei den Aktien werden, so meinen Analysten, zu einem Umdenken der Euro-Währungshüter führen.

Zinsenstopp

Muss die EZB die Zinsen angesichts der hohen Inflation – in Österreich zuletzt 3,8 Prozent – nicht dennoch anheben? „Davon gehe ich nicht aus“, meint Gottfried Steindl, Zins- und Währungsanalyst bei der Raiffeisen Bank International. „Ich glaube weder jetzt noch in Zukunft an ein Inflationsszenario.“ Ein Großteil der Teuerung sei importiert – vor allem über Rohstoff- und Energiepreise. „Hier kann man von den Zentralbanken aber nicht gegensteuern, da helfen höhere Zinsen nicht.“

Die Konjunkturabschwächung werde aber ohnedies zu einem Dämpfer bei den Rohstoffpreisen führen. „Bei Öl rechnen wir für das nächste Jahr mit stagnierenden Preisen“ (Steindl). Auch die gefürchteten Zweitrundeneffekte – die Beschleunigung der Inflation durch höhere Löhne, mit denen die Gewerkschaften die höheren Preise ausgleichen wollen – sieht der Analyst nicht. „Dazu reicht die Durchsetzungskraft der Arbeitnehmervertreter nicht“, meint Steindl mit Blickrichtung auf hohe Arbeitslosenzahlen in zahlreichen Volkswirtschaften.

„Wegen der steuerlichen Situation allein sollte man jetzt aber keine Anleihen kaufen“, warnt Martin Mayer vom Private Banking der Bank Austria. „Die Einstiegschancen sind derzeit sicher günstig, Anleger sollten aber auf jeden Fall auf eine entsprechende Bonität und vor allem bei Einzeltiteln auf die notwendige Streuung achten.“

Von Franz C. Bauer

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