Steuerattacke

Steuerattacke

Wenn die Berechnungen der Capital Bank stimmen, darf sich Finanzministerin Maria Fekter zum Jahreswechsel über ein saftiges Trinkgeld freuen.

"Private Anleger werden bei verzinslichen Wertpapieren bis zu 270 Millionen Euro verschenken“, prophezeit Vorstand Constantin Veyder-Malberg. Konkret gehe es dabei um versäumte Chancen, Kursgewinne im Portfolio zeitgerecht mit Verlusten gegenzurechnen und damit die Steuerlast aus der neuen Kapitalzuwachssteuer zu reduzieren.

Offenbar waren sich bisher nur wenige Anleger bewusst, dass die Abgaberegelung für Vermögenszuwächse nicht nur Negatives, sondern auch Chancen bietet. "Für unsere Kunden war die neue Steuer bisher ein Null-Event“, berichtet Christian Ohswald, Leiter des Private Banking der Raiffeisenlandesbank Wien. Immerhin haben etliche Privatbanken begonnen, ihre Klientel wachzurütteln.

Ihre Argumentation: Da die Zinsen sicherer Anlagen deutlich unter der Inflationsrate liegen, ist jedes Prozent an verbessertem Nettoertrag bereits ein Riesenerfolg im Kampf um den Erhalt der persönlichen Kaufkraft. Deshalb gilt es, die Möglichkeiten des neuen Gesetzes optimal auszunützen, wozu es aber der Mithilfe von Steuerexperten bedarf, die von den Privatbanken zunehmend bei Beratung und Portfolioanalyse mit einbezogen werden.

Verlustausgleich

Dabei klingen die neuen Vorschriften im ersten Moment gar nicht so kompliziert. Während die "Früchte der Veranlagung“ - also Zinsen und Dividenden - schon bisher per Kest besteuert wurden, werden nun auch Wertzuwächse von Aktien, Anleihen, Fonds, Derivaten und Zertifikaten mit einer 25-prozentigen Pauschalabgabe belegt - und zwar unabhängig von der Behaltedauer. Allerdings dürfen Gewinne und Verluste ausgeglichen werden - und zwar kreuz und quer, also Verluste von Anleihen gegen Gewinne von Aktien und so weiter. Besteuert wird letztlich nur der Gewinnüberhang.

Wie so oft sitzt der Teufel aber in den Details - und davon gibt es eine Menge. So darf man zum Beispiel Kursverluste gegen Erträge aus Dividenden und Anleihenzinsen verrechnen, nicht aber gegen Sparbuchzinsen. Außerdem ist der Verlustausgleich generell nur innerhalb eines Kalenderjahrs erlaubt. Und zu allem Überdruss sind Aufwendungen (wie Spesen, Depotgebühren oder Aufschläge) bei der Ermittlung der Steuer nicht abzugsfähig. Was nicht ganz logisch erscheint, zumal sich der Fiskus keineswegs geniert, diese Nebenkosten mit 20 Prozent Umsatzsteuer zu belegen.

Und damit es noch ein wenig komplizierter wird, muss man bei den Wertpapieren im Portfolio künftig zwischen Alt- und Neubestand 1) unterscheiden. Wobei sich aus dieser Unterscheidung immerhin einige wohltuende Erleichterungen ergeben.

Erzielt man nämlich beim Verkauf von Wertpapieren aus dem Altbestand einen Überschuss (gegenüber dem Einstandspreis), so zahlt man dafür keine Steuer. Kommt es zu einem Verlust, dann darf man den Fehlbetrag auch nicht mit anderen Gewinnen gegenrechnen und damit die Kest reduzieren.

Und damit ist zumindest eines klar: Von erfolgreichen "alten“ Aktien sollte man sich künftig besser nicht vorschnell trennen. Ganz anders sieht es dagegen mit Anleihen aus dem Altbestand aus.

"Prinzipiell sollte man ältere Anliehen, die über dem Tilgungskurs notieren, verkaufen“, rät Veyder-Malberg. Das klingt im ersten Moment unlogisch, denn alte Anleihen notieren ja vor allem deshalb weit über 100, weil sie noch mit einem viel höheren Zinskupon ausgestattet wurden als jene, die in letzter Zeit begeben wurden (bezogen auf ihren hohen heutigen Kurs liefern sie übrigens die gleiche magere Rendite wie die jüngsten Niedrigzinsanleihen).

Warum man ausgerechnet diese Anleihen abstoßen sollte, die man um 100 gekauft hat und die noch jahrelang vier, fünf oder sechs Prozent Zinsen (vor Kest) abwerfen, erklärt sich folgendermaßen: Man realisiert noch heuer einen Kursgewinn - und zwar einen steuerfreien (weil Altbestand). Dann investiert man den Erlös in eine Anleihe mit ähnlicher Ausstattung und nutzt den Verlust bei deren Tilgung (heutiger Kaufkurs minus niedrigerem Tilgungskurs), um so die Steuer auf andere Gewinne und laufende Erträge zu reduzieren - was nun erlaubt ist, weil es sich um eine Anleihe im Neubestand handelt (siehe " Steueroptimierung “).

Missbrauch

Solche Tricks sind den Finanzern natürlich ein Dorn im Auge. Deshalb sollten Anleger aufpassen, damit sie nicht bei einer "missbräuchlichen Wiederbeschaffung derselben Finanzanlage“ ertappt werden, weil sie eine Anleihe, die sie eben mit steuerfreiem Gewinn verkauft haben, am nächsten Tag wieder bei ihrer Bank zukaufen, um damit spätere Steuervorteile zu genießen. Man sollte daher am besten einige Zeit verstreichen lassen - oder statt der gleichen eben eine ähnlich ausgestattete Anleihe anschaffen.

All das klingt nicht nur kompliziert, es handelt sich tatsächlich um eine schrecklich komplexe Materie. Doch statt frustriert den Kopf in den Sand zu stecken, sollte man sich lieber bei der Bank einen Termin ausmachen, um das Portfolio zeitgerecht von Spezialisten durchleuchten zu lassen.

Wobei es vorweg durchaus um ein paar simple Aufgaben geht: etwa um die Zusammenlegung von Depots bei verschiedenen Banken (zwecks Vereinfachung des sonst aufwändigen Verlustausgleichs) oder - so Bank-Austria-Vorstand Robert Zadrazil - um die großzügige Umschichtung von Bankeinlagen in Forderungspapiere, denn "Zinsen aus Geldeinlagen bei den Banken dürfen ja nicht für den Verlustausgleich herangezogen werden“. Außerdem sollte man Zadrazils Meinung nach überlegen, einzelne Positionen lieber pauschal mithilfe von Fonds abzubilden.

Auch Veyder-Malberg rät, unter dem neuen Steuerregime lieber auf einen bunten Strauß einzelner Aktien und Anleihen zu verzichten: "Das dauernde Herumrechnen ist für viele zu mühsam.“ Seine Bank bietet eine originelle Konstruktion an, bei der den Kunden nicht nur das Portfoliomanagement abgenommen wird: Über die drei Standard-Vermögensverwaltungen der Capital Bank werden Indexzertifikate gestülpt, was noch ganz andere Vorteile bringt: Kest fällt hier nur bei Ausschüttungen oder beim endgültigen Verkauf des Zertifikats an. Das ist aber noch nicht alles: Alle Nebenkosten des Portfolios - inklusive Umsatzsteuer - können von der Steuerbasis abgezogen werden. Und obendrein können Verlustüberhänge eines Jahres bei dieser Konstruktion mit Gewinnen der Folgejahre ausgeglichen werden.

Steuerstundung

Während die Steuer bei diesem Zertifikat zu 100 Prozent bis zum Ende der Behaltedauer gestundet wird, ist das bei einem Fonds nur teilweise der Fall (40 Prozent der Steuer ab 2014). Verluste können aber auch bei einem Fonds über das Jahresende hinaus weitergewälzt werden, und die Nebenkosten sind ebenfalls abzugsfähig.

Eine dritte steuerschonende Variante ist die Fondspolizze, eine Lebensversicherung auf Fondsbasis, bei der vorweg bloß vier Prozent Versicherungssteuer anfallen, danach aber nichts mehr. Die Capital Bank bietet Fondspolizzen als Portfoliomantel alternativ zu Zertifikaten an, weil damit noch höhere Renditen erzielbar sind. Aber die Sache hat einen Haken. "Fondspolizzen sind mit Vorsicht zu genießen“, warnt Werner Zenz, Vorstand der Salzburger Spängler-Bank, denn der Steuervorteil erzwinge eine Behaltezeit von 15 Jahren, "und das schränkt die Liquidität stark ein“. Deshalb werden bei Spängler simple Fondslösungen bevorzugt.

Wer auf solche Mantellösungen (und die damit verbundene Möglichkeit des Verlustübertrags auf Folgejahre) verzichten und seine Wertpapiere doch lieber selbst verwalten will, muss höllisch aufpassen - speziell heftige Marktturbulenzen wie 2008 und 2009 können da ziemlich teuer kommen (siehe " Steuerfalle “).

Steuerrechner

Einige Privatbanken haben in letzter Zeit für die individuellen Portfolios ihrer Kunden aktuelle Steuerstatusrechner eingerichtet, die "auf Knopfdruck jederzeit einen Überblick bieten“ (Zenz). Zadrazil von der Bank Austria warnt freilich, das Kind mit dem Bade auszuschütten und in Steuerhysterie zu verfallen: Die Optimierung eines Portfolios habe sich auch in Zukunft in erster Linie an der Qualität der einzelnen Anlagen zu orientieren, "vorschnelle Änderungen allein aufgrund steuerlicher Aspekte sollte man jedenfalls vermeiden“. Friedrich Strasser, Vorstandsmitglied im Bankhaus Gutmann, sieht das nicht anders: "Kurzfristige Steuervorteile auszunützen darf nicht zu einer Abkehr von der langfristigen strategischen und taktischen Ausrichtung der Vermögensveranlagung führen.“

Dass die steuerliche Optimierung bei einem Zinsniveau nahe der Inflation unverzichtbar ist, weil damit höchst willkommene Prozentpunkte dazugewonnen werden können, liegt auf der Hand. Und weil die Anleger zu diesem komplexen Thema individuell beraten werden müssen, wittern Privatbanken neue Geschäftschancen. Spängler-Bank-Vorstand Zenz glaubt jedenfalls zu wissen, worauf es künftig ankommt: "Wer einen deutlichen Mehrwert in der Beratung anbieten kann und über den entsprechenden Software-Support verfügt, wird sich signifikant von jenen abheben, die das nur halbherzig abdecken.“ Vor allem dann, wenn damit unterm Strich regelmäßig eine bessere Nettoperformance herauskommt.

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