Osteuropa – Holprige Überholspur

Osteuropa – Holprige Überholspur

Mit der Himmelsrichtung Süden verbinden Österreicher meist ungeteilt Positives: Sonne, Entspannung, Urlaub. Für Anleger sieht die Sache etwas anders aus: Das steht der Süden für Schulden, Eurokrise, Unberechenbarkeit. Von Italien, Portugal, Griechenland und Spanien aus hat das Krisenvirus jüngst aber auch die zentral-, süd-und osteuropäischen Hoffnungsstaaten erreicht.

Nach Österreichs südöstlichem Nachbarn Ungarn dürfte die Krise nun das südliche Nachbarland Slowenien, einst Vorzeigeregion des alten Jugoslawien und EU-Muster-Beitrittsland, befallen haben. Überraschend unbefangen dachte Sloweniens Regierungschef Janez Jansa ja erst vor wenigen Tagen laut über die mögliche Zahlungsunfähigkeit seines Landes nach. Droht jetzt das Ende der "Ostfantasie“? Immerhin profitierte Österreich in den vergangenen Jahren von den guten Beziehungen und engen wirtschaftlichen Verflechtungen mit dem ehemaligen "Ostblock“. Schlägt die Krise nun auch in Zentral- und Osteuropa (CEE) voll zu, dann müssten darunter nicht nur österreichische Anleger, die in der Region investiert haben, leiden, sondern auch zahlreiche an der Wiener Börse notierte Unternehmen.

"Was Slowenien betrifft, sind das schon starke Worte des Regierungschefs“, meint Peter Svoboda, Senior Portfolio Manager und verantwortlich für den Bereich CEE Bonds bei der Erste Sparinvest: "Tatsache ist, dass Slowenien kurzfristig rund zweieinhalb Milliarden Euro für seinen Bankensektor braucht. Das Land wird wahrscheinlich unter den europäischen Rettungsschirm ESM schlüpfen müssen. Aber eine Pleite sehe ich nicht.“ Auch was die gesamte Region betrifft, sieht Svoboda keineswegs schwarz. "An der Konvergenzsituation hat auch die Krise nichts geändert.“ Das Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West existiert nach wie vor, und die Chancen, die sich aus dem Aufholprozess ergeben, sind intakt - nur läuft er derzeit eben auf Sparflamme. "Natürlich leiden die exportlastigen Volkswirtschaften im CEE-Raum, aber vor allem die größeren Länder können einen Teil der Exportausfälle mit stärkerer Binnennachfrage kompensieren“, meint Svoboda.

Polen-Bonus

Besonders gut gelingt dies Polen. Die polnische Wirtschaft wird heuer voraussichtlich um rund zweieinhalb Prozent wachsen. Damit setzt sich das Land an die Spitze aller EU-Mitglieder. Doch es kommt noch besser: "Polen ist das einzige Land, dessen Wirtschaftsleistung jetzt bereits höher ist als vor Ausbruch der Krise“, schwärmt Ronald Schneider, verantwortlich für den Bereich CEE-Anleihen bei Raiffeisen Capital Management. Davon können auch die Anleger profitieren. Polnische Aktien bringen eine Rendite von rund 4,5 Prozent, die Rendite der auf Zloty lautenden polnischen Staatsanleihen liegt in ähnlichen Dimensionen. "Derzeit erweist es sich für Polen als Vorteil, nicht zum Euroraum zu gehören“, resümiert Schneider.

Im Gegensatz zu den meisten "alten“ EU-Mitgliedsstaaten verfügt Polen noch über einen bequemen Budgetspielraum, um seine Wirtschaft weiter anzukurbeln. Doch das Parlament hat der Regierung eine Schuldenbremse verordnet. Um das solide Budget zu erhalten, darf Warschau keine neuen Schulden aufnehmen. Ähnliches gilt auch für Tschechien.

Aufwertungspotenzial billigen Analysten längerfristig beiden Währungen zu. "Die Ostwährungen sind in Summe unterbewertet“, konstatiert Peter Svoboda. Im Besonderen gilt dies für polnische Zloty und tschechische Kronen. Allerdings sind beide Länder an einer Aufwertung nicht interessiert - darunter würden nämlich die Exporte leiden, die durch die Krise in den Euroländern ohnedies unter Druck sind. Dennoch waren die Renditen sowohl in Polen als auch der Tschechischen Republik bereits deutlich höher. Das heurige Jahr brachte allerdings einen Nachfrageschub nach Ostanleihen, was kräftige Kursanstiege auslöste. "Die Anleger suchen derzeit vornehmlich Sicherheit und nicht so sehr Rendite“, begründet Alexandre Dimitrov, Leiter des Osteuropa-Aktienteams der Erste Sparinvest, den Run auf die Ostbonds.

Ungarn-Malus

Eine Sonderstellung nimmt Ungarn ein. "Anleger brauchen für Ungarn gute Nerven, aber eine Rendite von mehr als sieben Prozent ist schon interessant“, meint Schneider. Ungarns Premierminister Viktor Orban gilt allerdings als sprunghaft und unberechenbar. Das Land ist auf das Wohlwollen internationaler Financiers angewiesen, doch erst kürzlich ließ Orban aufhorchen, als er via Facebook die Bedingungen von EU und Währungsfonds heftig kritisierte. Die Finanzmärkte sehen Orbans fast schon zur Routine gewordenen Ausfälle indes gelassen: Der Forint wurde heuer gegenüber dem Euro stärker.

Dass der Euro kein Hemmschuh für eine positive Entwicklung ist, zeigt das Beispiel Slowakei. Im Juli legte die Industrieproduktion des Eurolands gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahrs um 18,5 Prozent zu. Den größten Anteil daran hatte die Fahrzeugindustrie, die gleich um 84 Prozent anziehen konnte. Allein Volkswagen steigerte seine Produktion im Werk Bratislava in den ersten sechs Monaten des Jahrs um 122 Prozent.

Anleger können von der soliden Entwicklung im Osten mehrfach profitieren. Aktienfonds federn das Risiko von Einzelengagements durch ihre Streuung ab. Die Performance kann sich sehen lassen: So legte der Erste Sparinvest Stock Europe Emerging seit dem Frühsommer um rund ein Viertel zu. Ähnlich positiv entwickelte sich der Eastern Europe Stock von Pioneer Austria. Im Spitzenfeld findet sich auch der Espa Stock Danubius. Doch auch wer auf Ostanleihen setzte, lag richtig. Der PIA CEE Bond Fonds schaffte seit Jahresbeginn einen Wertzuwachs um nahezu ein Fünftel. Mit einer ähnlich guten Performance wartet der Raiffeisen-Osteuropa-Rent-Fonds von Raiffeisen Capital Management auf.

Und die Zukunft? Die Spitzenrenditen, die Osteuropafonds im bisherigen Jahresverlauf erzielen konnten, werden sich nach übereinstimmenden Aussagen der Fondsmanager im letzten Quartal kaum darstellen lassen. Doch dass 2012 eines der erfreulichsten Jahre für Ostanleger sein wird, bezweifeln nur wenige. Zumindest was das Wachstum betrifft, wird der Osten die "reichen“ EU-Länder auch 2013 deutlich übertreffen. Zwar bleibt die Überholspur holprig, doch die Krise kommt dort milder an.

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