"Obama sollte mit dem Klassenkampf aufhören"

"Obama sollte mit dem Klassenkampf aufhören"

trend : Seit zwei Jahren sorgt sich die Welt um die Zukunft Europas und des Euro. Jetzt reden alle über die Amerikaner, die zum Jahreswechsel über eine Finanzklippe stürzen könnten. Wie schlimm steht es denn nun wirklich um die USA?

Heiko Thieme : Wir wissen seit 18 Monaten, dass sich in Amerika ein Problem zusammenbraut und dass sich Demokraten und Republikaner nicht über Maßnahmen einigen können, weil im Kongress eine Pattsituation besteht. Aber es ist den Amerikanern bisher gelungen, geschickt von ihren eigenen Problemen abzulenken. Inzwischen steht die Staatsverschuldung bei über 16 Billionen Dollar. Damit ist Amerika absoluter Weltmeister.

Bisher hat sich die amerikanische Notenbank immer wieder als Retter in der Not bewährt, wird sie auch diesmal zu Hilfe eilen?

Thieme : Die Fed kann da nichts mehr tun, Ben Bernanke hat sein Pulver längst verschossen. Jetzt sind die Politiker dran. Und eine Lösung gibt es nur, wenn sie sich einigen. Aber was die in 18 Monaten nicht geschafft haben, wird wohl in vier Wochen erst recht nicht gelingen. Obama hat zwar die Präsidentenwahl gewonnen, aber die Republikaner haben im Kongress den Proporz bewahrt und auf Bundesstaaten-Ebene sogar etwas dazugewonnen.

Und wenn man sich nicht umgehend einigt?

Thieme : Dann würde erstens Amerika rasch in eine Rezession rutschen - und der Börse droht eine Baisse mit einem Minus von bis zu 20 oder 25 Prozent.

Hat Obama das Zeug, sich als Retter der Nation zu profilieren?

Thieme : Er ist als erster farbiger US-Präsident in die Geschichte eingegangen, hat obendrein einen Nobelpreis bekommen, aber trotzdem war die erste Präsidentschaft enttäuschend. Er hat ja Recht, wenn er den Minderbemittelten helfen will. Das Land braucht eine freie, aber soziale Marktwirtschaft. Obama sollte jedoch mit dem Klassenkampf aufhören und mit den Angriffen auf die Reichen. Er muss jetzt Amerika wieder zusammenführen - und zwar schnell.

Was sollte er Ihrer Meinung nach tun?

Thieme : Am besten wäre es, eine Flat Tax von 20 Prozent einzuführen, mit einem Freibetrag unten, aber ohne Ausnahmen und Schlupflöcher oben. Man könnte das als Steuersenkung für alle verkaufen. Obama wird jedoch anders handeln und vorderhand ankündigen, dass es für alle Familieneinkommen bis zu 250.000 Dollar keine Steuererhöhung gibt und dass man über die Spitzenverdiener später verhandelt. Damit wäre zumindest die große Verunsicherung weg. Allerdings lehnen die Republikaner diesen Vorschlag bisher ab.

Und was könnte man bei den Ausgaben tun?

Thieme : Da ließe sich sehr viel einsparen. Vor allem durch höhere Effizienz des Staats, die Obama jedoch nur schwer einschätzen kann. Er hat nämlich noch nie in der Privatwirtschaft gearbeitet. Und die Erfahrung schlafloser Nächte eines Unternehmers fehlt ihm völlig. Jedenfalls muss Amerika die Finanzklippe in den nächsten sechs Monaten in den Griff bekommen.

Was immer passiert - 2013 wird wohl kaum ein Jahr der Börsenhausse werden, oder?

Thieme : 2013 wird wohl ein Jahr der Konsolidierung, wenn nicht sogar eines der Schwäche. Die alte Höchstmarke des Dow Jones Industrial von über 14.000 im Jahr 2007 werden wir wohl verfehlen.

Aber bewegen sich die Unternehmensgewinne zurzeit nicht auf Rekordstand?

Thieme : Das stimmt schon, aber das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Unternehmen seit Jahren konsequent bei den Kosten abspecken. Sparen ist wunderbar, schafft aber kein weiteres Wachstum. Und wenn das Weltwirtschaftswachstum schrumpft, ist es mit dem Gewinnwachstum vorbei. Dann sind die Aktien, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, plötzlich gar nicht mehr so günstig.

Und was erwarten Sie sich 2013 von Europa?

Thieme : Europa wird sich weiter durchwursteln. Europas Politiker lernen langsam, aber sicher. Frau Merkel wird wiedergewählt, denke ich. Hätte sie übrigens seinerzeit rascher gehandelt, als die Griechenland-Krise ausbrach, hätte sich kein Hedgefonds dagegen gestemmt - und die hätten etliche Milliarden weniger verdient.

Kommt der Euro 2013 aus der Schusslinie?

Thieme : Möglicherweise. Ich habe allerdings Indizien, wenngleich keine Beweise, dass es Leute gibt, die den Euro unbedingt kaputt machen wollen. Wer aus der Dollar-Sphäre kommt, findet es doch herrlich, wenn der Dollar als Weltwährung unangefochten bleibt. Wer so denkt, für den ist der Euro eine unliebsame Konkurrenz.

Und was denken die Briten?

Thieme : Die hängen offenbar einem Traum nach, der eigentlich schon im Ersten Weltkrieg gestorben ist. Manche Briten haben den Verlust des Empires bis heute noch nicht verarbeitet. An Kontinentaleuropa haben sie gerade einmal als Handelspartner Interesse. Souveränität abzugeben ist für viele Briten undenkbar. Sollte das Vereinigte Königreich tatsächlich aus der EU austreten, wäre das nicht weiter tragisch - als Gast wäre es sicher weiter willkommen. Bloß mitstimmen könnten die Briten dann nicht mehr. Doch damit könnte Europa wahrscheinlich ganz gut leben.

Was soll man jetzt als Anleger mit Ihrer Beurteilung anfangen? Wie stellt man sich für 2013 optimal auf?

Thieme : Als Österreicher sollte man die Hälfte in europäische Aktien investieren - davon ein Drittel in Österreich, obwohl der ATX im Fall einer weltweiten Rezession 2013 zwischendurch auch auf 1800 absacken könnte. Weitere 25 Prozent sollte man in US-Aktien anlegen, 15 Prozent in solche aus den BRIC-Staaten - und schließlich je fünf Prozent in Edelmetalle und irgendwelche Spezialthemen. Aus Kostengründen sollte man vor allem den Index kaufen - also zum Beispiel über ETFs. Wem der Aktienanteil zu hoch ist, der beschränkt ihn mit 60 Prozent und legt das restliche Geld kurzfristig in Cash an.

Heiko Thieme, der Optimist vom Dienst, erwartet also für 2013 kein prächtiges Kursfeuerwerk?

Thieme : Das ist für die nächsten zehn, zwölf Monate wenig wahrscheinlich. Aber spätestens im September sollten die Tiefststände wieder überwunden sein. Denn sobald sich abzeichnet, dass Amerika die Finanzklippe meistern kann, wird etwas ganz anderes die Stimmung beherrschen: nämlich die Erkenntnis, dass Amerika beim Thema Erdöl und Erdgas in zehn Jahren zum Selbstversorger wird - und sogar zum Exporteur aufsteigt. Amerika wird dann im Außenhandel wieder Überschüsse verzeichnen, der Dollar wird steigen, und eines Tages wird man die 16 Billionen Staatsschulden getilgt haben, und es wird einem im Nachhinein wie ein Trinkgeld vorkommen. l

Zur Person
Heiko Thieme, 1943 in Leipzig geboren, studierte in Deutschland, Schottland und den USA Rechtswissenschaften und startete seine Karriere als Analyst bei einer britischen Brokerfirma. 1979 übersiedelte er zur Deutsche Bank Capital Corporation nach New York und übernahm dort die Verantwortung für den US-Aktienmarkt. 1990 etablierte er sich als unabhängiger Fondsmanager und Anlagestratege und baute rund um den American Heritage Fund eine kleine Finanzgruppe auf. Seit Jahren tritt der renommierte Anlageprofi weltweit im Fernsehen und bei hoch-karätigen Veranstaltungen als Interviewpartner und Speaker auf. Seit über 25 Jahren betreibt der passionierte Marathonläufer und Bergsteiger eine populäre Börsenhotline und einen wöchentlichen BLog in deutscher Sprache.

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