Grenzerfahrungen

Grenzerfahrungen

"Next Eleven“, "New Frontier“: Bei der Namensgebung für die kleineren Schwellenländer lassen Investmentbanker ihrer Fantasie freien Lauf. Wer dort investiert, muss einige Risiken in Kauf nehmen, kann aber rechtzeitig auf die Aktienperlen von morgen stoßen.

Ngozi Okonjo-Iweala ist sauer. "Es gibt Dinge, die mich wirklich frustrieren. Man muss den Mut haben, zu sagen: Einiges, was wir immer so gemacht haben, muss sich ädern“, wetterte die nigerianische Finanzministerin, bis vor Kurzem noch Kandidatin für den Chefposten der Weltbank. Ihre Frustration wird die topqualifizierte Dame aus Nigeria nicht so schnell loswerden, und die von ihr geplanten Reformen, die unter anderem eine stärkere Berücksichtigung der Schwellenländer-Interessen gebracht hätten, kann sie nicht umsetzen. Denn den Job bei der Weltbank bekommt der von Anfang an favorisierte US-Gesundheitsexperte Jim Yong Kim. "Die Schwellenländer sind uneinig und schaffen es nicht, ihre Anliegen mit einer Stimme vorzubringen“, beschreibt Monika Rosen, Chefanalystin im Bank Austria Private Banking, das Dilemma der langsam aufholenden Emerging Markets.

Wachstumspotenzial. Wirtschaftlich hingegen schlummert dort ein beachtliches Potenzial. Als "Frontier Markets“ bezeichnen Analysten solche Märkte gern, die US-Investmentbank Goldman Sachs, die für die großen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China bereits die Marke "BRIC“ kreierte, hat für die Staaten aus der zweiten Reihe der Schwellen- und Entwicklungsländer den Markennamen "Next Eleven“ (N-11) erfunden: die "nächsten Elf“, die in den Fokus von Investoren rücken werden. Die Auswahl erfolgte dabei nach rein demografischen Gesichtspunkten: Indonesien, Mexiko, Südkorea, der Iran, die Türkei, Vietnam, Ägypten, Bangladesch, Nigeria, Pakistan und die Philippinen sind sehr bevölkerungsreiche Staaten. Zu den "New Frontiers“ zählen die Analyseabteilungen der Banken aber auch Länder wie Südafrika, Malaysia, Thailand und Taiwan.

Gemeinsam ist ihnen die rasch zunehmende Bevölkerung, eine Wirtschaft, die schneller expandiert als jene der "alten“ Industrieländer Europas und der USA, und eine wachsende, konsumfreudige Mittelschicht. Laut einer Analyse von Goldman Sachs ("N-11 Equity Portfolio - Menschen Märkte Möglichkeiten“, Jänner 2012) wird sich das Bruttoinlandsprodukt der sieben größten Volkswirtschaften ("G7“) bis 2050 etwa verdoppeln. Für die N-11 rechnen die Investmentbanker hingegen mit einem Wachstum um rund 800 Prozent.

Analystin Rosen warnt freilich vor übereilten Schlüssen. "Bei aller Euphorie sollten Anleger nicht davon ausgehen, dass sich dieses Wachstum eins zu eins in Kursgewinnen manifestiert.“ Warum das so ist, erklärt Daniel Feix, Manager der Fondsgesellschaft C-Quadrat: "In den vergangenen eineinhalb Jahren hat man gesehen, dass das politische Risiko sehr hoch ist. Andererseits aber ist natürlich das Wachstumspotenzial größer. Auch der Verschuldungsgrad der Staaten ist im Vergleich zur Alten Welt weitaus geringer.“ Vor allem die politische Instabilität in zahlreichen "New Frontier“-Märkten macht den Anlegern zu schaffen. "Gerade die Börsen der Rohölproduzenten haben in den beiden vergangenen Jahren enttäuscht und praktisch keine Performance geliefert“, berichtet Günter Schwabl, Manager des von der Erste Sparinvest aufgelegten EMEA-Fonds, der in Mittelost und Afrika investiert.

Ein Beispiel dafür liefert Nigeria. Das Land verfügt mit rund 152 Millionen Menschen über eine Bevölkerung, die annähernd doppelt so groß wie jene Deutschlands ist. Als wichtiger Erdölexporteur profitiert Nigeria von den derzeit hohen Rohölpreisen. Doch die Kurse der nigerianischen Aktien gaben in den vergangenen beiden Jahren deutlich nach. Politische Unruhen nach der Präsidentenwahl 2011 sowie die hohe Inflation trübten die Stimmung.

Im Jänner dieses Jahres stabilisierte sich die Situation aber, seither legt der nigerianische Aktienindex langsam, aber stetig zu. Profitieren dürfte das Land unter anderem vom Interesse Chinas am Schwarzen Kontinent: Die Volksrepublik investiert allein im südlichen Teil Afrikas etwa halb so viel wie in Gesamtasien. Wie sehr die "Frontier“-Börsen auf politische Ereignisse reagieren, zeigt sich auch am Beispiel Ägyptens. Mit dem Sturz des Langzeitpräsidenten Hosni Mubarak stürzte auch der ägyptische EGX30-Aktienindex ab. Nach den Wahlen schlug die Stimmung um. "Seit Jahresbeginn hat die Börse Kairo 29 Prozent gewonnen“, freut sich Fondsmanager Schwabl. Ägypten ist damit eine der erfolgreichsten Positionen in seinem Fonds.

Rohstofffalle. Allerdings drücken nicht nur die politischen Risiken auf die Performance afrikanischer Aktien. Einige der "New Frontier“-Länder rückten vor allem als Rohstofflieferanten ins Visier der Anleger. Daher beeinflussen auch die Schwankungen der Rohstoffnotierungen die Börsenstimmung. So geschehen in Südafrika: Der JSE-40-Index verlor im ersten Quartal 2012 parallel mit der Goldnotierung an Boden. Anfang April hat sich die Lage allerdings wieder stabilisiert.

Ein Beispiel dafür, dass auch die "entwickelteren“ der N-11-Länder unter politischen Verwerfungen leiden können, liefert die koreanische Börse. Spannungen an der Grenze zu Nordkorea führen regelmäßig zu Kursverlusten. Als Exporteur von Fahrzeugen und hochwertigen elektronischen Produkten zählt Südkorea zu den weltweit wichtigsten Exportnationen. "Wir halten vor allem von den asiatischen ‚Frontier‘-Ländern sehr viel“, bestätigt Jürgen Maier, Manager des Global-Emerging-Markets-Fonds von Raiffeisen Capital Management. Nur rund 35 Prozent des Fondsvermögens sind in den BRIC-Ländern investiert, rund zwei Drittel hingegen in den Wachstumsländern aus der zweiten Reihe.

Dafür, dass die "New Frontier“-Länder auch in Zukunft flotte Performance-Beiträge beisteuern werden, spricht ein Vergleich des Wachstumsumfelds. Bewertet wird dieses durch den von Goldman Sachs ermittelten "Growth Environment Score“ (GES) - einen Index, der die Aussichten einzelner Länder und Regionen bewertet. Demnach verfügen die N-11-Länder über sechsmal bessere Wachstumsaussichten als die BRIC-Staaten. Das beachtliche Kurssteigerungspotenzial der Schwellenländer aus der zweiten Reihe zeigt wiederum eine Gegenüberstellung von Wirtschaftsleistung und Börsenkapitalisierung. Bereits jetzt tragen die N-11 rund acht Prozent zum globalen Wirtschaftswachstum bei. Deren Marktkapitalisierung beträgt allerdings nur drei Prozent der weltweiten Kapitalisierung aller Börsen - ein Missverhältnis, das geradezu zwingend zu weiteren Kursgewinnen führen sollte.

- Von Franz C. Bauer

Tip and Win

Börsespiel: Anlegen mit Strategie

Geld

Billigöl: Fluch oder Segen für die Weltwirtschaft?

Geld

Telekom Austria präsentiert Dienstag Jahresbilanz