Gold, Silber und Platin haben für langfristig orientierte Anleger ihren Glanz nicht verloren

Von ihren Höchstständen im vergangenen Jahr sind die Notierungen der Edelmetalle teils weit entfernt. Kurzfristig überwiegen derzeit die Risiken, doch längerfristig rechnen Analysten mit steigenden Preisen.

Römische Legionäre waren gut beraten, immer einen Denar bei sich zu tragen. Überkam sie in der Fremde die Lust auf einen Drink, dann war das Geldstück höchst hilfreich - allerdings keineswegs um, wie man vermuten könnte, Geprägtes gegen Gegorenes zu tauschen. Die Silbermünze (heutiger Gegenwert: etwa 20 Euro) diente vielmehr dazu, um Wasser genießbar zu machen. Aufmerksame Beobachter hatten nämlich festgestellt, dass das kostbare Nass, das bei den Feldzügen eher seltener aus sauberen Aquädukten, häufiger hingegen aus ziemlich üblen Krügen floss, im Gedärm der wackeren Kämpfer weniger Schaden anrichtete, wenn darin zuvor ein Silberstück versenkt worden war. Eine Erklärung dafür liefert die Biochemie rund zwei Jahrtausende später nach: Silber verfügt über eine ausgeprägt antimikrobielle Wirkung, die heute wissenschaftlich erforscht und genutzt wird.

In Verbandmaterial beispielsweise verhindert Silber gefährliche Infektionen. "Die Verwendung von Silber in der Medizin hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Einsatzmöglichkeiten von Silber sind äußerst vielfältig, die Nachfrage steigt“, so Ronald-Peter Stöferle, Rohstoffanalyst der Erste Group.

Doch das allein erklärt den rapiden Preisanstieg des einst hoch geschätzten Münzmetalls noch lange nicht. Im Gleichklang mit den anderen Edelmetallen Gold und Platin erlebt Silber seit 2005 eine beispiellose Kursrally. So verdreifachte sich der Silberpreis zwischen 2005 und 2011, der Platinpreis verdoppelte sich, und Gold wurde um das Dreieinhalbfache teurer. Gründe dafür sind leicht zu finden: Jahrelang verharrten die Notierungen der Edelmetalle in Lethargie. Doch 2001, mit dem Platzen der Dotcom-Blase an den Börsen, begannen die Anleger, sich nach alternativen Investmentmöglichkeiten umzusehen. Als erstes Edelmetall profitierte davon Gold, dessen Preis sich - vorerst noch gemächlich - in Bewegung setzte und im vergangenen September bei 1895 Dollar je Unze seinen vorläufigen historischen Höchststand erreichte. Seither allerdings verliert die Edelmetallrally an Schwung, die Notierungen tendieren seitwärts. Einstiegsmöglichkeit oder erstes Signal einer Trendwende?

Pessimismus

Über wachsenden Pessimismus berichtete der jeweils dienstags veröffentlichte COT-("Commitment of Traders“-)Report der amerikanischen Commodity Futures Trading Commission (CFTC) bereits Mitte Februar dieses Jahres. Bei den Gold-Großspekulanten ("Non-Commercial-Traders“) registrierte die CFTC in der Woche bis 14. Februar einen Rückgang der "Long“-Positionen, mit denen die Marktteilnehmer auf steigende Notierungen setzen, um beachtliche 5,5 Prozent. Manuel Tenekedshijew, Analyst in der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS, gibt den Pessimisten zum Teil Recht. "Die Maßnahmen der EZB haben dafür gesorgt, dass an den Finanzmärkten eine Entspannung eingetreten ist. Das wird dafür sorgen, dass der Goldpreis in den nächsten sechs bis neun Monaten die alten Höchststände nicht übertreffen wird.“ Auch die Förderkosten rechtfertigten seiner Meinung nach die aktuellen Goldpreise nicht. "Selbst wenn man die Produktionskosten hoch ansetzt, sind es nicht mehr als 1200 Dollar je Unze. Der Abstand zum Unzenpreis beträgt da über 500 Dollar, das ist sehr hoch.“ Längerfristig sehe die Sache allerdings schon anders aus: Inflationsbereinigt lagen die historischen Höchststände bei 2200 bis 2300 Dollar. "Dieses Niveau können wir längerfristig durchaus wieder sehen“ (Tenekedshijew).

Goldenes Indien

Einen noch eindrucksvolleren Vergleich hat Alfred Grusch, Manager des Pioneer-Austria-Fonds "Gold Stock“, parat. "Wir blicken immer gespannt nach Griechenland und glauben, wenn sich die Griechenland-Krise wieder zuspitzt, dann ist das ein Argument für höhere Goldpreise. Doch Europa und die USA machen höchstens 17 Prozent des Goldmarkts aus. Mehr als 80 Prozent des Golds gehen in die Schwellenländer. Denen ist Griechenland egal.“ Unter den Emerging Markets dominiert Indien als wichtigster Goldkäufer, wird aber demnächst von China abgelöst. Für Inder und Chinesen erscheint Gold aber billig. "Sie bekommen eine Unze Gold, an der Kaufkraft gemessen, zu rund einem Fünftel des Preises von vor 30 Jahren.“

Die Nachfragesituation spreche ebenfalls für eine Fortsetzung der Goldhausse. Allein rund 500 Tonnen Gold werden jährlich in Indien bei Hochzeiten verschenkt. Klassisches Präsent dort ist ein "Set“, bestehend aus acht Gramm Gold. Gäste bringen je nach Finanzkraft ein oder mehrere solche Sets mit. Bei acht bis zehn Millionen Hochzeiten jährlich kommt da schon einiges zusammen. Unter den Käufern fand sich vergangenes Jahr vermutlich auch die chinesische Nationalbank. Offizielle Bestätigungen gibt es zwar nicht, doch Marktteilnehmer wollen beobachtet haben, dass über Hongkong mehr als 400 Tonnen Gold diskret ins Reich der Mitte geschleust wurden. Bei einem Jahresgesamtangebot von rund 2800 Tonnen und weiteren 1600 Tonnen, die aus dem Recycling kommen, sind das bereits höchst marktrelevante Größenordnungen. So verwundert es nicht, dass Erste-Analyst Stöferle in einer umfangreichen Studie über den Goldmarkt ein optimistisches Kursziel prognostiziert: "Längerfristig halte ich einen Goldpreis von 2300 Dollar je Unze für durchaus realistisch.“

Schmuckes Industriemetall

Wird der Goldpreis hauptsächlich vom Investmentgedanken beeinflusst, so waren es bei Platin zumindest in der Vergangenheit die industriellen Einsatzmöglichkeiten, die zu den heftigsten Kursausschlägen führten. Das markanteste Beispiel dafür lieferte das Jahr 2009. Im Gefolge der Wirtschaftskrise kam es zu einem dramatischen Einbruch der Autoverkäufe. Da Platin in Katalysatoren verwendet wird, geriet der Markt in Panik - der Preis für eine Unze krachte von über 2100 Dollar innerhalb weniger Tage auf unter 900 Dollar. Bis 2010 kletterte der Unzenpreis dann aber wieder bis in die Region von 1750 Dollar. Seither tritt er allerdings auf der Stelle. Das seltenere Platin kostet derzeit sogar weniger als das wesentlich häufigere Gold.

Vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten des silbrig glänzenden Metalls: Es dient als Reaktionsbeschleuniger in der Chemie, wird zu Schmuck verarbeitet und findet sich in jedem Mobiltelefon in Displays und Speicherkarten. Zwar versucht die Industrie, den teuren Werkstoff durch billigere Metalle aus der Platingruppe - vor allem Palladium - zu ersetzen, doch die Nachfrage bleibt hoch. Dünn ist hingegen das Angebot: 80 Prozent der jährlich rund 240 geförderten Tonnen kommen aus Südafrika und Russland, beides Länder, die keineswegs als verlässliche Lieferanten gelten. Daher investiert die Industrie hohe Summen, um Platin zu ersetzen.

Dabei spielt Silber eine große Rolle. Die Universität Kyoto führt Versuche mit Silber, Rhodium und einer geringen Menge Platin durch, die in den Katalysatoren Verwendung finden könnten. "Silber spielt bei zahlreichen Zukunftstechnologien eine wichtige Rolle“, erklärt Fondsmanager Grusch, "das ist eine Nachfragestory.“ Die Textilindustrie schätzt Silber ebenso wie die Medizin wegen seiner antibakteriellen Wirkung, Silber wird für Solaranlagen verwendet, in der Wasseraufbereitung und in der Nanotechnologie. Die Jahressilberproduktion liegt derzeit bei rund 23.000 Tonnen. Recycling spielt wegen des im Vergleich zu Gold niedrigen Preises kaum eine Rolle. Für Anleger interessant: "In einem inflationären Umfeld entwickelt sich Silber meist besser als Gold“, weiß Erste-Analyst Stöferle. Sollte sich die Geldentwertung beschleunigen, dann wäre das ein Kaufsignal. Andererseits rufen die industriellen Einsatzmöglichkeiten immer mehr Produzenten auf den Plan: In den kommenden Jahren ist mit einer Ausweitung der Produktion zu rechnen. Anleger, die auf Silber setzen, sollten außerdem über starke Nerven verfügen: Kein anderes Edelmetall wies in der Vergangenheit so hysterische Kursausschläge auf.

Goldschwemme

Schwächere Kursschwankungen sind jedenfalls bei Gold zu beobachten. Eine Bedrohung für dessen Preis könnte allerdings der technische Fortschritt liefern. Zahlreiche Menschen baden nämlich buchstäblich in Gold: Jeder Kubikmeter Meerwasser enthält bis zu 0,01 Milligramm des wertvollen Metalls. Gelänge es, eine Methode zu finden, dieses Gold aus dem Meerwasser zu holen, würde der verfügbare Goldvorrat der Erde abrupt auf mehrere Millionen Tonnen in die Höhe schnellen. Eine preisgünstige Technologie, die Gold-Ionen aus den Ozeanen zu fischen, ist derzeit freilich - noch - nicht in Sicht.

Von Franz C. Bauer

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