Das Geschäft mit Diamanten öffnet sich erstmals ein wenig dem freien Markt

Das Geschäft mit den edlen Steinen lag vier Generationen lang in den Händen einer einzigen Familie. Mit deren Rückzug öffnet sich die Branche nun dem Wirken der Marktkräfte. Die Erschließung neuer Käuferschichten in Asien wird die Nachfrage anheizen. Doch als Anlageform eignen sich die glitzernden Preziosen nur bedingt.

Rund acht Millionen Euro für 22 Gramm Kohlenstoff – ein stolzer Preis. Bezahlt wurde er am 15. November dieses Jahres in Genf, und zwar für einen exakt 110,3 Karat schweren, gelben Diamanten. Zwar hatte das Auktionshaus Sotheby’s, bei dem der edle Stein unter den Hammer kam, mit bis zu 14 Millionen für den weltweit größten gelben Diamanten gerechnet, doch schließlich zeigte man sich auch mit dem Erreichten zufrieden.

Ein Juwel anderer Art hatte Nicky Oppenheimer wenige Tage vor der spektakulären Auktion verscherbelt: Der Sprecher der Familie Oppenheimer, die über vier Generationen hinweg den weltweiten Diamantenhandel kontrolliert hatte, trennte sich von seinem 40-prozentigen Anteil an De Beers, dem größten Diamantenproduzenten der Welt. 5,1 Milliarden Euro waren die Anteile der Oppenheimers dem Bergbaukonzern Anglo American wert. Dieser bestimmt nunmehr mit 85 Prozent des Grundkapitals die Geschicke von De Beers –„Juniorpartner“ ist die Regierung von Botswana.

Diese beiden Meldungen lenken das Interesse der Öffentlichkeit auf eine Branche, die jede Form von Publicity scheut und gern hinter dem Glanz ihrer Produkte verborgen bleibt. Das Diamanten-Business lebt von Diskretion, und das hat gute Gründe: Kritische Berichte über in Sklavenarbeit geförderte „Blutdiamanten“, mit denen angeblich afrikanische Warlords ihre Rebellenarmeen finanzieren, Untersuchungen wegen unerlaubter Kartellabsprachen und der Verdacht weltweiter Preismanipulation rückten die Diamantenförderer in ein schiefes Licht.

Dann führte auch noch der Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise zu einem Preisverfall bei Rohdiamanten, der sich – freilich abgefedert durch „Pflegemaßnahmen“ von De Beers – auch bei den Preisen der geschliffenen Ware bemerkbar machte. Von Glanz war da keine Rede mehr. Doch die Branche hat sich erholt. „Die Krise hat zu einer Flucht in andere Anlageformen als Aktien geführt, und davon haben auch Diamanten profitiert“, meint Josef Stephan, Hauptschätzmeister des Auktionshauses Dorotheum, das zugleich Österreichs größter Schmuckhändler ist.

Freilich, „als Anlageform finde ich auch geeignetere Möglichkeiten. Man kann Diamanten nicht wie eine Goldmünze zur Bank tragen und dort verkaufen“, warnt der Experte. Eine Meinung, die auch Anton Heldwein, Juwelier und Sprecher des Diamant-Club Wien, bekräftigt. „Wer einen Diamanten kauft, sollte sich über zwei Dinge im Klaren sein: Diamanten bringen keine Zinsen, und sie sind im Gegensatz zu Gold mit Mehrwertsteuer belastet.“ Mehrwertsteuer und Handelsspanne – diese deckt unter anderem auch die Versicherung für den wertvollen Kohlenstoffkristall – können bis 40 Prozent des Kaufpreises ausmachen, die gleich einmal als Wertverlust zu verbuchen sind. Andererseits: „Wer beispielsweise Enron-Aktien gekauft hat, der musste einen Totalverlust hinnehmen. So etwas gibt es bei Diamanten nicht. Im Gegensatz zu Aktien wird ein Diamant niemals nichts wert sein“, so Heldwein.

Mehr Markt

Wie dieser Wert zustande kommt, war freilich jahrelang ein Geheimnis. Mehr als 80 Prozent des Handels kontrollierte die Familie Oppenheimer über De Beers und die Handelsstruktur Central Selling Organisation (CSO), die mit ihren legendären „Sights“ („Sichtungen“) den Markt steuerte. Das Zeremoniell war immer gleich: Die Abnehmer – Großhändler und große Schleifereien – erhielten auf den drei- bis viermal jährlich stattfindenden Sights ein diskretes Säckchen mit einer Mischung von Steinen unterschiedlicher Qualität und Größe. Die Spielregeln waren streng und von der CSO diktiert: Man hatte eine gewisse Zeit, um den Inhalt des Säckchens zu begutachten, und dann bestand nur die Möglichkeit, dieses anzunehmen oder abzulehnen – das Zurückweisen einzelner Steine war nicht möglich.

Wer sein Kontingent zu oft nicht annahm, wurde ausgeschlossen. Mit ihrer Zuteilungspolitik verfolgten De Beers/CSO das Ziel, die Preise möglichst stabil zu halten und einerseits einen Preisverfall zu verhindern, andererseits aber auch hysterische Preissteigerungen und das Entstehen spekulativer Blasen zu bekämpfen.

Immer ist das nicht gelungen. 1979 führte eine weltweite Spekulationswelle zu Preissteigerungen, die bei „Anlagediamanten“ – reinweißen Einkarätern (Farbe: „River“ oder „D“) – eine Preisexplosion um 1000 Prozent auslöste. Anlageberater hatten Diamanten als vermeintlich sichere Anlageform entdeckt, vor allem in Japan finanzierten die Banken bereitwillig umfangreiche Diamantendepots. De Beers versuchte, durch Zusatzverkäufe die Preise zu drücken, was allerdings misslang.

Als die Blase platzte, sorgten gerade diese Zusatzverkäufe für den umso tieferen Absturz. Zu einer solchen Intervention wäre De Beers derzeit aber gar nicht mehr fähig. „Heute laufen nur noch 35 bis 40 Prozent des Geschäfts über die Sights“, erklärt Heldwein. Mit dem Markteintritt neuer Anbieter, unter anderem Russlands, verschoben sich die jahrelang sorgsam gepflegten Gleichgewichte. Es dürfte wohl nicht zuletzt dieser massive Verlust an Einfluss und Marktmacht gewesen sein, der die Familie Oppenheimer schließlich dazu bewog, aus dem Glitzerbusiness auszusteigen. Für das Geschäft mit den Diamanten bedeutet dies: Mehr und mehr beginnen Marktmechanismen zu wirken – und diese begünstigten zumindest bisher eine stabile Preisentwicklung.

„Wir beobachten seit 2009 einen leichten Aufwärtstrend“, konstatiert Hans Engel, Analyst der Erste Group. Alfred Grusch, Manager des Pioneer-Goldaktienfonds, rechnet für die kommenden Jahre mit einem Wachsen des Markts: „In Indien und China wächst eine Käuferschicht heran, die Hunderte Millionen Menschen umfasst. Das wird die Nachfrage in den nächsten Jahren bestimmen.“

Größe zählt

In der Vergangenheit profitierten von steigender Nachfrage freilich nicht alle Steine im gleichen Ausmaß. „Bei langjähriger Betrachtung haben sich die Einkaräter kaum bewegt“, berichtet Juwelier Heldwein vom Markt. Rund 30.000 Euro kostet ein 0,2 Gramm (entspricht einem Karat) schwerer Stein in der Farbe „D – River“, also hochfeinem Weiß – lupenrein und im klassischen Diamantschliff. Andere Formen, beispielsweise Tropfen oder Baguette, kosten weniger. Wer sich mit der optisch davon nicht unterscheidbaren Farbstellung „E“ zufriedengibt, bezahlt um ein Viertel bis ein Drittel weniger.

Im Verhältnis wesentlich teurer sind schwerere Steine (siehe Grafik oben). „Bei den Drei- oder Fünfkarätern gab es in den vergangenen Jahren Preissteigerungen um die 2,5 Prozent“, so Heldwein. Weitaus teurer als weiße Brillanten sind Farbdiamanten, so genannte „Fancy Diamonds“. Gefragt sind vor allem die Farben Blau und Rosa – da können die Karat-Preise in die Hunderttausende gehen. Billiger als weiße und bunte Steine sind bräunliche und bernsteinfarbene Diamanten, die zu Karatpreisen von teils deutlich unter 10.000 Euro gehandelt werden.

Wer einen Diamantkauf mit dem Anlagegedanken verbindet, sollte jedenfalls keine zu kleinen Steine kaufen. „Die Vorstellung, bei mehreren kleinen Steinen könnte man dann eben in kleineren Stückelungen verkaufen, ist falsch. Sinnvoll ist da erst eine Größe ab einem Karat“, rät Heldwein.

Viel billiger als derzeit dürfen die Brillanten in absehbarer Zeit nicht werden. Die Fördermenge – 2010 waren es 133 Millionen Karat – lässt sich nur langsam steigern, immerhin müssen für jedes Karat je nach Lagerstätte zwischen 30 und 200 Tonnen taubes Material bewegt werden. Nur rund ein Drittel der Weltproduktion eignet sich für die Weiterverarbeitung als Schmuck, der Rest sind Industriediamanten für Schneid- und Schleifwerkzeuge. Der Wert der Produktion beträgt zwölf Milliarden Dollar – mengenmäßig findet die Produktion aber auf nur eineinhalb Lastwagenladungen Platz. Und genau dafür stehen Diamanten: Sie sind die höchste Konzentration von Wert auf kleinstem Raum.

Von Franz C. Bauer

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