Charttechnik: Die Renaissance der technischen Finanzanalyse

Aktiencrash und der Einsatz von Computern machen die einst skeptisch betrachtete Methode salonfähig. Demnächst können auch Österreicher vom Fachwissen der prominentesten Vertreter der Zunft profitieren.

Charttechnik: Die Renaissance der technischen Finanzanalyse

Sie stehen an einer belebten Kreuzung, doch aus irgendeinem Grund können Sie die Fußgängerampel nicht sehen: Wie erreichen Sie dennoch gefahrlos die andere Straßenseite? Ist das überhaupt möglich, ohne das grüne Licht zu sehen? Natürlich ist es das, und in der Praxis würden Sie keine Sekunde lang darüber nachdenken. Sie beobachten einfach das Verhalten der übrigen Passanten. Dem ersten, der über den Zebrastreifen eilt, werden Sie vermutlich kaum folgen - er läuft hastig über die Straße, wahrscheinlich riskiert er es, bei Rot zu gehen, weil er es besonders eilig hat. Vielleicht ist er auch nur leichtsinnig. Erst wenn sich eine in Ihren Augen ausreichende Anzahl von Menschen in angemessener Gemächlichkeit in Bewegung setzt, werden Sie das als Signal werten, ebenfalls zu folgen. Da kann man nichts falsch machen, sicher ist jetzt Grün. Vielleicht verschlafen Sie diesen Zeitpunkt aber auch, weil Sie mit Ihren Gedanken gerade ganz woanders sind. Den letzten, die über die Straße hasten, werden Sie vermutlich auch nicht mehr folgen - wahrscheinlich ist ja schon wieder Rot, und Sie gehören nicht zu den Unvorsichtigen.

Gratisinformation

Wer diese Szene versteht, hat bereits eines der Grundprinzipien der Charttechnik erfasst: Das ist jener Bereich der Finanzanalyse, der versucht, aus der vergangenen Kursentwicklung von Aktien oder Rohstoffen auf die Zukunft zu schließen - und damit Profite zu erzielen. Damit ein Trend verlässlich ist, muss er entsprechend ausgeprägt sein, also von möglichst vielen Marktteilnehmern (in Analogie zu den Fußgängern) getragen werden - das ist eine Basiserkenntnis der technischen Analyse. "Wer sich mit Charttechnik beschäftigt, lässt andere für sich arbeiten. Jeder einzelne Anleger, der zum Beispiel eine Aktie kauft oder verkauft, liefert mir damit eine wertvolle Information, aus der ich für mich Schlüsse ziehe - und es sind Zehntausende solche Informationen, die ich gratis nutzen kann“, erklärt Robert Schittler, auf Charttechnik spezialisierter Analyst von Raiffeisen Research, "Charttechnik ist so etwas wie in statistische Maßzahlen gefasste Anlegerpsychologie.“

Jahrzehntelang betrachtete die "traditionelle“ Finanzszene die Charttechniker freilich eher argwöhnisch. Der Versuch, aus geometrischen Formationen die Zukunft herauslesen zu wollen, rangierte imagemäßig auf dem Niveau der Astrologie. Doch der Einsatz von Computern und zuletzt der Crash der Finanzmärkte 2008 brachte den technischen Analysten einen Imageschub. "Nehmen wir eine beliebige Börse. Die Nachrichtenlage ist verheerend, die Meldungen werden immer schrecklicher, die Marktteilnehmer reagieren immer hysterischer - aber wenn ich mir dann einen Langfristchart anschaue, dann erkenne ich vielleicht, dass sich die ach so schrecklichen Kursbewegungen als Puzzlesteinchen in einen langfristigen Trend einordnen lassen und dann schon lang nicht mehr so dramatisch aussehen“, beschreibt Schittler, was die Beschäftigung mit Charts und Trends leisten kann. "Charttechnik schafft Klarheit und Ruhe im Gemüt“, so Schittler. Demnächst werden österreichische Anleger diese "Klarheit“ aus erster Hand empfangen können. Die in New York beheimatete, renommierte Market Technicians Association (MTA), in der sich "Market Wizards“ wie Trading-Legende Ralph Acampora und John Bollinger - selbst Schöpfer eines oft verwendeten Indikators, des Bollinger-Bands - tummeln, eröffnet ein "Austrian Chapter“. Als dessen Präsident soll Robert Schittler fungieren. Ziel der in 88 Ländern tätigen Organisation ist es, Fachwissen über die technische Analyse auch unter Privatanlegern zu verbreiten und zu vertiefen. Zugänglich sind zumindest einige der in der Charttechnik verwendeten Indikatoren ohnedies jedem. Moving Average, Bollinger Bands, Stochastic und MACD (Erklärungen siehe Glossar) sind beispielsweise auf der Homepage der Wiener Börse für alle wichtigen Aktien gratis abrufbar. Die meisten Online-Broker stellen ebenfalls wichtige Indikatoren zur Verfügung.

Und welcher ist "der wichtigste“ Indikator? "Diese Frage lässt sich nicht beantworten“, so Franz Wanovits, Manager eines technisch geführten Hedgefonds, "dass die Sache funktioniert, ist erwiesen. Aber mit den Indikatoren muss jeder selbst experimentieren. Den aussagekräftigsten Indikator gibt es jedenfalls nicht“. Sein AI-1 CTA Euroinvest-Fonds weist seit dem Start 2003 eine durchschnittliche jährliche Performance von über acht Prozent auf - damit rangiert der Fonds unter den besten Publikumsfonds der Welt. Er selbst nutzt gern Bollinger-Bänder, Trendmodelle und Indikatoren, die über das "Momentum“, also die Stärke eines Trends, Auskunft geben. Auch gleitende Durchschnitte sind für Wanowits von Bedeutung. Seine Erkenntnis: "Die Märkte steigen nicht, weil eine Aktie oder ein Commodity billig oder teuer ist. Sie steigen einzig und allein, weil die Anleger, die Kauforders in den Markt geben, größere Volumina platzieren und energischer sind als diejenigen, die verkaufen. Die Motivation des einzelnen Marktteilnehmers ist vollkommen irrelevant.“ Ähnlich sieht das Chartanalyst Schittler. "Ich erinnere mich an eine Situation, da hat ein Fondsmanagement MAN-Aktien gekauft, weil sie fundamental billig waren. Nach einem Jahr waren sie immer noch billig - der Kurs hat sich aber erst nach einem weiteren Halbjahr bewegt. So lang mussten die Anleger also warten und nichts als Spesen tragen. Fundamental war die Kaufentscheidung gut begründet, aber das Timing war verheerend. Charttechnik hätte da ein zeitnäheres Kaufsignal geben können.“

Signalspiele

Wie sehen solche Signale aus? Spannend wird es zum Beispiel, wenn ein Kurs die 200-Tages-Durchschnittslinie durchbricht. Oft bildet dieses Ereignis den Auftakt für einen längeren Trend. Hilfreich ist es auch, die zeitlich nächstgelegenen Tiefpunkte eines Charts mit einer Linie - einer so genannten Unterstützung - zu verbinden. Durchbricht der Chart diese Unterstützung, dann ist das ein Verkaufssignal. Werden dann auch noch die Bollinger Bands enger, dann spricht das für einen nachhaltigen Ausbruch.

Interessant sind auch Dreiecksformationen: Hier bilden obere und untere Punkte eines Charts, der in immer kürzeren Abständen hin- und herpendelt, ein Dreieck. Nähert sich der Chart der Spitze des Dreiecks, wird ein Ausbruch immer wahrscheinlicher - die Richtung lässt sich freilich nicht vorhersagen.

Als verdächtig gelten besonders steile Anstiege bei Aktien. Typisch sind diese nämlich nur für Rohstoffe. "Aktien sehen ihre Preisspitze aufgrund von Hoffnung, Rohstoffe aufgrund von Panik“, doziert Wanovits. Auch hier ist wieder die Anlegerpsychologie im Spiel. Bei Rohstoffen ist es die Angst - oder sogar Panik - vor einer drohenden Verknappung, die zu einem Investment führt. Wer hingegen Aktien kauft, hofft auf ein dauerhaft freundliches Wirtschaftsumfeld, der Kursanstieg erfolgt daher typischerweise gemächlicher. Allzu steilen Anstiegen von Aktienindizes oder einzelnen Aktienkursen sollten Anleger daher mit Vorsicht gegenüberstehen.

In jedem Fall empfiehlt es sich, vor einem charttechnischen Investment ein "Trockentraining“ einzulegen und mit mehreren Indikatoren zu experimentieren, denn "ein Arzt wird auch nicht nur aufgrund einer Fiebermessung eine Diagnose stellen“, warnt Schittler vor übereilten Entscheidungen. Denn auch dazu kann die Chartanalyse verführen.

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