Bankaktien sind derzeit billig zu haben

Zahlreiche Banken sind derzeit an der Börse weniger wert, als dies den Bilanzen entsprechen würde. Geschenkt sind die Papiere der Geldinstitute dennoch nicht.

Für Aktionäre der belgisch-französischen Großbank Dexia – in Österreich vertreten durch ihre aggressiv auftretende Tochter Denizbank – brachte der 15. Juli dieses Jahres eine beruhigende Nachricht. Die Bank hatte den europaweiten Stresstest anstandslos bestanden und verkündete an diesem sonnigen Freitag stolz auf ihrer Homepage: „No need for Dexia to raise additional capital“– das Institut benötige kein zusätzliches Kapital. Nicht einmal drei Monate später ging es weniger gemütlich zu. In einer für 9. Oktober hektisch einberufenen Krisensitzung verhandelten belgische und französische Regierungsvertreter noch rasch Details, um buchstäblich in letzter Sekunde den ersten europäischen Bankenkrach aufzuhalten. Am Abend dieses Sonntags waren Belgiens Steuerzahler vier Milliarden Euro los – um diesen Betrag übernahm der Staat die insolvente Bank –, weitere 90 Milliarden tragen Frankreich und Belgien seither an Garantien.

Der Fall demonstriert, wie dünn das Eis in der Finanzbranche derzeit ist. An den Kursen der Bankaktien lässt sich das deutlich ablesen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren diese noch nie so billig. Wer eine Bank an der Börse kaufen wollte, bekäme in vielen Fällen das halbe Institut praktisch geschenkt: Die Börsenkapitalisierungen der meisten westeuropäischen Banken entsprechen nicht einmal deren halben Buchwerten. Doch stellen die historisch niedrigen Notierungen auch eine historische Kaufgelegenheit dar? Und wird es das in Europa vor der Finanzkrise erfolgreiche Geschäftsmodell weiter geben? „Das Universalbankensystem hat sich in Europa bewährt. Ich glaube, dass dieser Ansatz weiterhin Zukunft hat“, argumentiert Stefan Maxian, Bankenanalyst in der Raiffeisen Centrobank (RCB). Allerdings bedrohen zahlreiche Risiken die Branche:

> Thema Nummer eins ist hier die Schuldenkrise. Staatsanleihen bildeten vor 2009 das stabile Rückgrat der Bankbilanzen. Die Bonitätsrückstufungen in Italien, Irland, Portugalund Spanien sowie die praktische Zahlungsunfähigkeit Griechenlands haben in die Bankbilanzen tiefe Löcher gerissen. UniCredit etwa hält rund 40 Milliarden an italienischen Staatsanleihen.

> Die von europäischen Politikern geforderte „Rekapitalisierung“ der Banken geht mit hoher Wahrscheinlichkeit zulasten der Altaktionäre. Maßstab ist die Kernkapitalquote („Tier 1 Ratio“, diese sagt aus, welcher Prozentsatz der Risikoposten in einer Bankbilanz durch unmittelbar haftendes Eigenkapital gedeckt ist), und diese sollte im Stresstest fünf Prozent nie unterschreiten – Ökonomen fordern aber bis zu neun Prozent, die entweder durch den Staat (Partizipationskapital) oder Kapitalerhöhungen aufgebracht werden müssten. Beides schmälert die Gewinne für Altaktionäre.

> Neue Steuern bedrohen die Gewinne der Geldinstitute. Bankensteuer (nach Ungarn hat Österreich hier den zweithöchsten Steuersatz) und möglicherweise eine Transaktionssteuer ziehen dringend benötigtes Kapital ab.

> Kommt es zu einer Wirtschaftskrise – sichtbar sind zumindest Anzeichen einer deutlich verlangsamten Konjunktur –, dann sinkt die Qualität des Kreditportfolios, der Abschreibungs- und Vorsorgebedarf in den Bilanzen steigt und nagt an der Profitabilität.

> Das Handelsergebnis, in guten Börsenzeiten ein verlässlicher Lieferant schwarzer Zahlen, wird zum zusätzlichen Risikofaktor – siehe die Schweizer Großbank UBS, die hier erst kürzlich einen Verlust von 2,3 Milliarden Dollar einstecken musste.

Gibt es aber auch Argumente für Bankaktien? Die gibt es tatsächlich.

> Erstens ein historisches: Banken waren immer einer der wichtigsten Sektoren an der Börse, und an der zentralen Rolle der Institute im Rahmen einer Volkswirtschaft hat sich nichts geändert. Die Kurse berücksichtigen, was die Verwässerung betrifft, weitgehend ein Worst-Case-Szenario. „Ein derzeitiges Preis-Buchwert-Verhältnis des europäischen Bankensektors von unter 0,5 impliziert jedenfalls, dass die Investoren mit deutlichen Rekapitalisierungen rechnen“, so Maxian. Fallen die Maßnahmen schonender aus als befürchtet, wird das die Kurse beflügeln.

> Jeder Schritt näher zur Lösung der europäischen Schuldenkrise wird sich direkt auf die Kurse der Bankaktien auswirken. Außerdem ist ein Teil der möglichen negativen Folgen von Staatspleiten in den Bankbilanzen bereits in Form von Wertberichtigungen enthalten.

> Die Banken sind von der Krise unterschiedlich betroffen, etwa die Institute aus Zentral- und Osteuropa (CEE): „CEE-Banken haben im Verhältnis zur Bilanzsumme einen deutlich höheren Anteil von Krediten als Westbanken“, erklärt Günter Hohberger, Bankenanalyst der Erste Group. Im Schnitt 68 Prozent der Bilanzsumme sind es bei CEE-Banken, bei den Banken Westeuropas hingegen sind es nur 40 Prozent – deren Anteil an derzeit riskanten Wertpapieren ist also höher.

Wie skeptisch Anleger dem Finanzsektor gegenüberstehen, zeigt ein überraschender Vergleich: Alle im Euro-Stoxx Bankaktienindex erfassten europäischen Banken sind nur unwesentlich mehr wert als der US-Computerkonzern Apple. Einerseits die Chance auf Verdoppelung der Kurse, andererseits aber auch schwer abwägbare Risiken – Bankaktien sind das derzeit spannendste Vabanquespiel an den Börsen.

Von Franz C. Bauer

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