Anlagestrategie: Es muss nicht immer Euro sein

Anlagestrategie. Die Wahrscheinlichkeit, dass die europäische Währung untergeht, ist gering. Doch die Probleme der hoch verschuldeten Euroländer werden die Stimmung noch lang drücken. Für Anleger empfiehlt es sich daher, in ihrem Portfolio auch andere Währungen zu berücksichtigen.

Das in der britischen Finanzmetropole London beheimatete Unternehmen William Hill lockt derzeit mit einem bemerkenswerten Geschäft: Für jeden eingesetzten Euro winken zwei Euro Gewinn, auszuschütten Anfang 2013 – was einer Jahresverzinsung von grob gerechnet 200 Prozent entspricht. Problem dabei: Bei William Hill handelt es sich weder um eine Bank noch um eine Fondsgesellschaft und auch nicht um den Emittenten gefinkelter Zertifikate, sondern um – ein Wettbüro. Der Deal: Sollte der Euro bis Ende 2012 untergehen, erhalten jene, die darauf gewettet haben, den dreifachen Einsatz zurück. Bemerkenswert dabei ist, dass sich die Einschätzung der Chancen für ein Überleben des Euro in den vergangenen Monaten dramatisch verschlechtert hat. Als die Wette gestartet wurde, lag die Quote noch bei eins zu zehn – ein Indiz dafür, dass die Todeswahrscheinlichkeit der Europawährung damals wesentlich niedriger eingeschätzt wurde als jetzt.

Ist es also Zeit, seine Euros gegen andere Währungen zu tauschen? „Wir rechnen nicht mit einem Untergang des Euro“, ist Friedrich Strasser, Vorstandsmitglied und Chief Investment Officer des Bankhauses Gutmann, sicher, „aber eine Diversifikation in andere Währungen als den Euro macht für Anleger durchaus Sinn.“ Immerhin würde ja auch kein Anleger auf die Idee kommen, Aktieninvestments nur auf einen einzigen Titel zu beschränken.

Wer hat’s erfunden?

Der erste Gedanke bei Euro-Flüchtlingen gilt dabei meist jenem Land, das als Inbegriff des sicheren Hafens für Geldangelegenheiten gilt – nämlich der Schweiz. Für die Schweizer Währung bedeutete das in diesem Jahr massiven Aufwertungsdruck. Zwischen April und August legte der Franken um mehr als ein Viertel zu – sehr zum Missvergnügen der eidgenössischen Wirtschaft, die für ihre Produkte auf dem Weltmarkt einen spürbaren Wettbewerbsnachteil in Kauf nehmen musste. Als Reaktion beschloss die Schweizer Nationalbank eine spektakuläre Maßnahme: Sie erklärte einen Kurs von 1,20 Franken pro Euro als Wunschparität – man werde praktisch unbegrenzt Franken verkaufen, um dieses Ziel zu realisieren. Die Aktion war erfolgreich: Der Franken pendelt seither in einer engen Bandbreite um 1,20. „Der Schweizer Franken ist sicher eine prominente Fluchtwährung, aber das Aufwertungspotenzial ist derzeit eher begrenzt“, resümiert denn auch Valentin Hofstätter, Zins- und Währungsanalyst der Raiffeisen Bank International (RBI).

Bescheiden sind aber auch die Zinsen, die Schweizer Anleihen abwerfen. Da das Schweizer Budget als eines der solidesten weltweit gilt, stand die Bonitätshöchstnote AAA nie zur Debatte, und das wiederum rechtfertigt bei Schweizer Anleihen Renditen unter einem Prozent. Doch es könnte noch schlimmer kommen: Für den Fall einer weiteren Verschärfung der Euro-krise und eines Zunehmens der Kapitalflucht in die Schweiz könnte es sogar „Negativzinsen“ geben. Wer Kapital in die Schweiz bringt, würde somit nicht nur keine Zinsen erhalten, sondern müsste sogar eine Art Gebühr dafür entrichten. Entsprechende Pläne prüft eine von der Schweizer Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf eingesetzte Arbeitsgruppe. Ob davon auch bereits bestehende Investments betroffen sein sollen, steht noch nicht fest.

Fluchtwährung

Wem an Risikoverteilung im Portfolio gelegen ist, der sollte überdies die geografische Lage der Schweiz nicht vergessen: Das Land liegt im Zentrum Europas, mit dem es wirtschaftlich eng verflochten ist. Bricht die Eurozone mit nachfolgendem ökonomischem und politischem Chaos auseinander, dann hätte dies zumindest kurzfristig auch für die Schweizer Wirtschaft und den Franken negative Auswirkungen. Immerhin ist die EU der wichtigste Abnehmer für zahlreiche Schweizer Produkte.

„Wer tatsächlich an das Worst-Case-Szenario für den Euro glaubt, liegt mit dem Dollar richtiger als mit dem Franken. Der Dollar wird dann gegenüber dem Euro wahrscheinlich die deutlich bessere Performance aufweisen“, glaubt Währungsanalyst Hofstätter. Zwar geriet auch die US-Währung im Zusammenhang mit der Drohung, die USA könnten wegen ihrer ausufernden Staatsschulden ihre Top-Bonitätsnote verlieren, in ein schräges Licht, doch „wenn die Eurozone ihre Probleme nicht in den Griff bekommt, dann kann man nicht für Dollar und Euro gleichzeitig pessimistisch sein“, so Hofstätter. An der Rolle des Dollars als weltweite Fluchtwährung Nummer eins habe sich nämlich auch nach der Finanz- und Wirtschaftskrise, die ja von den USA ihren Ausgang genommen hat, nichts geändert.

Anleger, die nicht mit dem Zusammenbruch des Euro rechnen, ihre Investments aber breiter aufstellen wollen, finden in Europa Alternativen zur Gemeinschaftswährung. Hier sind es vor allem die norwegische Krone und der polnische Zloty, die von Analysten immer wieder genannt werden. Polens Währung geriet im zweiten Halbjahr 2011 unter Druck. Es waren vor allem die politischen Auseinandersetzungen über den Wirtschaftskurs des Landes, die internationale Investoren veranlassten, ihre Zloty-Bestände zurückzufahren. Doch Polens Wirtschaft wird heuer voraussichtlich um vier Prozent wachsen – eine solide Basis für eine Erholung der Währung, die überdies mit beachtlichen Zinsen lockt.

Erdölspiel

Eine ganz andere Story steht hinter der norwegischen Krone. Norwegen verfügt über beachtliche Erdölvorkommen und profitiert vom Anstieg des Erdölpreises. Als Nichtmitglied der EU ist das Königreich von den politischen Querelen rund um Schuldenbremse und Eurorettung nur indirekt betroffen. „Norwegens Währung ist ein Spiel auf den Erdölpreis“, beschreibt Währungsanalyst Hofstätter die Stärke der norwegischen Krone, die zugleich aber auch ihre Schwäche ist: Die einseitige Ausrichtung auf einen einzigen Rohstoff stellt ein Risiko für Anleger dar.

Ebenfalls Rohstoffwährungen, aber mit weitaus breiterer Absicherung, sind der kanadische und der australische Dollar. Der kanadische Dollar profitierte zuletzt von der wieder positiveren Stimmung der Anleger für den Dollarraum, in dem er zu den stärksten Währungen zählt. Ähnliches gilt auch für den australischen Dollar. Erdöl (in Kanada umfangreiche Ölsand- und -schiefervorkommen), Industriemetalle, Diamanten und Gold – sowohl Kanada als auch Australien verfügen über reiche Bodenschätze, die den Höhenflug beider Währungen im heurigen Jahr rechtfertigen.

Gefahr droht hier allerdings durch eine sich bereits abzeichnende Abschwächung der chinesischen Konjunktur. „Sollte die chinesische Wirtschaft nicht so sanft landen, wie man das derzeit hofft, dann wäre das eine Belastung speziell für den australischen Dollar“, meint Hofstätter. Interessant für Anleger bleibt auch der Singapur-Dollar. Der kleine Stadtstaat in Südostasien zählt zu den international wichtigsten Finanzzentren und profitiert damit direkt vom Aufschwung der asiatischen Schwellenländer. Allerdings liegen die Renditen der Anleihen Singapurs unter einem Prozent.

Bleiben noch die Währungen der Schwellenländer. „Da sehe ich große Chancen, aber für private Anleger ist es fast unmöglich, hier direkt zu investieren. Daher empfehle ich Anleihenfonds in Fremdwährungen“, rät RBI-Währungsanalystin Veronika Lammer. Eines sollten Anleger, die ihr Portfolio in Fremdwährungen diversifizieren wollen, aber nicht vergessen: Wechselkurse lassen sich noch schlechter prognostizieren als Aktienkurse. Schwankungen um 15 bis 20 Prozent sind – siehe Schweizer Franken – selbst bei konservativen Währungen an der Tagesordnung. Die Chancen, hier längerfristig auf der Gewinnerseite zu stehen, dürften dennoch größer sein als jene der Wette gegen den Euro.

Von Franz C. Bauer

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