Aktien für stürmischen Zeiten

Aktien für stürmischen Zeiten

Analysten und Fondsmanager erklären, warum Unternehmensbeteiligungen gerade jetzt interessant sind, mit welchen Papieren Sie dem Zinsentief entkommen und wo das Risiko unterzugehen am geringsten ist.

Bevor Sie Ihre nächste Anlageentscheidung treffen, sollten Sie vielleicht Ihren gestrigen Tagesablauf Revue passieren lassen. Also: Aufstehen, duschen, Zähne putzen, beim Frühstück vielleicht ein kurzer Blick auf das iPad oder den Laptop, um Mails zu checken. Anziehen, ins Büro oder zum ersten Termin. Dazwischen: Einkaufen, ein Sprung in die Apotheke oder den Drogeriemarkt, am Abend vielleicht ein Bier. Und jetzt ganz ehrlich: Ändert sich an diesem Tagesablauf Nennenswertes, wenn die Wirtschaft schneller wächst oder vielleicht auch einmal schrumpft? Eben.

Konsumgüter sind top

In zahlreichen unserer Konsumgewohnheiten reagieren wir eher gelassen auf einen Wechsel des wirtschaftlichen Klimas. Und jetzt denken Sie einmal nach, wie viele Unternehmen da an Ihnen verdient haben. Duschgel, Haarshampoo und Deo: etwa von Unilever (Rexona, Axe) oder vielleicht vom deutschen Traditionsunternehmen Beiersdorf (Nivea). Die Mundspülung vom US-Paradekonzern Johnson & Johnson. Ein elektrischer Rasierapparat von Braun, der Lady Shaver oder der Nassrasierer von Gillette. Braun und Gillette sind Marken des US-Multis Procter & Gamble; ebenso die Zahnpflegelinie Oral B und die Duracell-Batterien, die Ihr Olympus-oder Philips-Diktiergerät betreiben. Den Zucker im Kaffee liefert wahrscheinlich Agrana, so wie auch das Mehl für die Frühstückssemmel. Der Anzug von Hugo Boss, das Kleid von Zara (Tochter des börsennotierten Inditex-Konzerns). Und über das abendliche Bier freut sich Heineken als Mutterkonzern der Brau AG, vielleicht auch die ebenfalls börsennotierte Brauerei Ottakringer.

"Natürlich gibt es Aktien, die in wirtschaftlich turbulenten Zeiten oder in einer Krise besser als der Markt abschneiden, also in Abschwungphasen weniger verlieren oder sogar gewinnen“, erklärt Christian Stocker, Chef-Aktienstratege von UniCredit Research in München. Im Anlageuniversum des Aktienindex Morgan Stanley Capital International (MSCI) sind dies in der aktuellen Krise Konsumgüter und der Gesundheitsbereich - in dem auf Europa bezogenen Stoxx-Index haben ebenfalls die Bereiche Nahrungsmittel und Getränke, Haushaltsartikel, Chemie und Gesundheit alle anderen Wirtschaftssektoren hinter sich gelassen.

Interessant dabei: Die in den jeweiligen Branchen größten Unternehmen schneiden meist noch besser ab als der Marktdurchschnitt. Deren Kurse bewegten sich vor Ausbruch der Krise eher träge, erst in jüngerer Zeit kam Schwung in die Branchenriesen. Die Erklärung dafür hat Monika Rosen, Chefanalystin im Private Banking der Bank Austria, parat: "Vor allem US-amerikanische Pensionisten, bei denen die Erträge aus ihrer Veranlagung einen wichtigen Teil ihrer Einkommen darstellen, haben erkannt, dass die Renditen von Anleihen im aktuellen Niedrigzinsumfeld nicht mehr ausreichen, um den Lebensstandard zu sichern. Sie schichten daher verstärkt in Blue-Chip-Aktien mit hohen Dividendenrenditen um.“

Traditionell reagieren die US-Anleger deutlich aktiver auf die aktuelle Situation an den Finanzmärkten als die Europäer. Rückläufige Umsätze an den europäischen Aktienbörsen signalisieren hier ein eher flaues Interesse an Beteiligungspapieren. Für Michael Martinek, den Vorstandsvorsitzenden des auf konservative Klientel spezialisierten Bankhauses Schelhammer & Schattera, ist das rational schwer nachvollziehbar. "Wenn mich jemand nach einem sicherheitsorientierten Portfolio fragt, dann zählen dazu aus meiner Sicht Immobilien, die aber bereits sehr niedrige Renditen abwerfen, etwas Gold, das aber auch keine unmittelbare Rendite bringt - und Aktien. Dann schauen die Kunden meist überrascht. Aber Aktien sind Beteiligungen an Sachwerten. Da kann es zwar vielleicht größere Kursverluste geben, aber die Unternehmen verfügen über Patente, Know-how, Markennamen: Das sind Werte, die auch eine Krise überdauern.“ Eine Meinung, die auch Portfoliomanager Michael Kukacka von der Ringturm KAG vertritt. "Aus unserer Sicht haben Aktien als Sachwerte gerade jetzt eine große Bedeutung in einem Portfolio. Wenn ich zum Beispiel eine Nestlé-Anleihe kaufe, dann muss ich ja an die Bonität dieses Unternehmens glauben und gehe davon aus, dass es die Anleihe in ein paar Jahren tilgen kann. Warum aber greife ich dann nicht gleich zur Aktie, deren Dividendenrendite höher liegt?“

Geduldsprobe

Gerade jetzt Aktien von starken, wenig krisenanfälligen Konzernen zu kaufen, die auch noch gute Dividenden zahlen, ist für Anleger jedenfalls zu überlegen. Kriterien für die Titelauswahl nennt Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Bank: "Zu bevorzugen sind solide finanzierte Unternehmen mit wettbewerbsfähigem Geschäftsmodell, die auch die Finanzkraft haben, durch Übernahmen zu wachsen.“

Vorsicht geboten ist dagegen bei Unternehmen, bei denen der Staat mitmischt, sei es als Beteiligter oder als Gestalter von Rahmenbedingungen. Das beste Beispiel dafür liefert die Versorgerbranche. Versorger galten einst als die typischen defensiven Werte mit hohen Dividendenrenditen und gemächlichem, aber sicherem Kursanstieg. Der gierige Zugriff des Fiskus und die in Deutschland geänderten Rahmenbedingungen - Stichwort: Atomausstieg - kosteten allerdings Milliarden. Fazit: Im europäischen Stoxx-Universum rangieren die Versorger mit einem Minus von knapp 60 Prozent innerhalb der vergangenen fünf Jahre an drittletzter Stelle. Das Schlusslicht bilden Banken mit minus 81 Prozent im Fünfjahresvergleich vor Grundstoffen mit minus 64 Prozent.

Was Anleger freilich beachten müssen: Die Eurokrise wird auch in den kommenden Jahren das Geschehen an den Finanzmärkten bestimmen und für heftige Kursschwankungen sorgen. Einstiege sollten daher in Schwächephasen erfolgen - und Geduld ist auch nötig. Christian Ramberger, Chef der Allianz KAG: "Wenn wir von Aktienengagements reden, dann gehen wir von Behaltefristen zwischen sieben und zehn Jahren aus.“ Für reine Zocker sind die hier empfohlenen Aktien nicht gedacht.

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