Geisterbau: Verwurstelter Prater

Die 32 Millionen teure Neugestaltung des Wiener Wurstelpraters wurde ohne ­Ausschreibung vergeben. Kritiker verspotten die Kitschfassade des mächtigen neuen Bauwerks und vermissen eine geeignete Zweckwidmung.

Grete Laska liebt es aufregend. Hochschaubahnen können ihr nicht wild genug sein. „Incre­dible Hulk“ in Orlando ist für sie das „absolute Megaerlebnis“. Zurück in der Heimat, fiebert die Wiener Vizebürgermeisterin dem Saisonstart im Frühling 2008 entgegen: „Da kommt eines meiner Lieblingsgeschäfte, das Sturmboot, frisch res­tauriert zurück in den Prater.“

Die mächtige Politikerin hat ihr Herz an den Wurstelprater verloren – und ist passenderweise für den traditionsreichen Vergnügungspark auch politisch verantwortlich. Zurzeit hat sie besonders viel mit ihrem lieb Kind zu tun – der Prater-Eingang, der „Riesenradplatz“, wird in großem Stil verändert. Die Baugrube ist enorm, graue Betonwände wachsen in den Novemberhimmel, und manchem Anrainer steigen angesichts der bedrohlichen Dimensionen schon die Grausbirnen auf. „Da werden enorme Kubaturen verbaut. Ich bin jeden Tag aufs Neue entsetzt, wie groß die Mauern werden“, jammert der Sprecher der Prater-Unternehmer, Alexander Meyer-Hiestand.

Zwölf Meter hoch, insgesamt 19.000 Quadratmeter verbaute Fläche – das Betonmonster neben dem Riesenrad wird Tag für Tag größer, die geplante Eröffnung am 27. April rückt unerbittlich näher. „Hätten wir nicht den Zeitdruck gehabt, bis zur Eröffnung der U-Bahn und der Fußballeuropameisterschaft fertig sein zu müssen“, wäre manches anders gelaufen – glaubt mittlerweile auch Grete Laska. Doch: „Das Wasser ist die Donau hinuntergeronnen.“

Gebaut wird mit enormem materiellem Aufwand, herauskommen wird eine städtebauliche und gestalterische „Tragödie“, wie etwa der Planer des angrenzenden Bahnhofs Praterstern, Boris Podrecca, empört kritisiert. „Das Projekt sieht nur sich selbst, ist populistisch, gaukelt eine falsche Vergangenheit vor und ist insgesamt eine Beleidigung des Bürgers“, klagt der Spezialist für die Gestaltung von öffentlichen Räumen – und bemerkt bitter, dass er „nicht einmal um seine Meinung gefragt“ wurde.

Die zählt für die verantwortliche Vizebürgermeisterin scheinbar ebenso wenig wie die Meinung der Architektenkammer und vieler anderer Experten. Was zählt, ist offenbar nur das Durchziehen eines von Anfang an verkorksten Projekts – und dafür sind scheinbar alle Mittel recht. „Die Entscheidung fiel „hinter verschlossenen Türen“ (Meyer-Hiestand) – und der glückliche Auftragnehmer Gerhard Frank erzählt entwaffnend offen davon, wie ihm das große Los zufiel: „Die Gretl (Laska, Anm.) hat gesagt, da ist der Masterplan. Ich will, dass ihr das umsetzts.“

Ihr: Das ist sein Unternehmen mit dem bedeutungsvollen Namen Explore 5 D, und Cheferforscher Frank schwebt seit dem Zuschlag nicht nur in der fünften Dimension, sondern im siebten Himmel. Laska rechtfertigt die Direktvergabe ganz simpel: Im Explore-Team gebe es eben einen Architekten, „der sich nicht verwirklichen will, sondern bereit war, sich an die thematischen Vorgaben zu halten“; ebenso gebe es dort einen für das Praterprojekt notwendigen „Kulissenbauer“.

Die Vergabe sei rechtens, da die Firmenkonstruktion dies zulasse: Das Projekt wird nämlich nicht von der Stadt direkt, sondern von der Riesenradplatz Errichtungs-GesmbH, einer 100-Prozent-Tochter der „Stadt Wien Marketing und Prater Service GmbH“, abgewickelt, wobei Letztere selbst wieder eine 100-Prozent-Tochter der Stadt Wien ist. Den Auftrag erhielt Explore dann formal von einer Leasing-Tochter der am Projekt betei­ligten Immoconsult.

Für die grüne Planungssprecherin Sabine Gretner ist die undurchsichtige Konstruktion noch lange kein Entschuldigungsgrund für die Nichtausschreibung. Sie will, dass das Kontrollamt der Stadt die Auftragsvergabe an die Firma Explore 5 D durchleuchtet und dabei, so steht es im Antrag, „untersucht, ob hierbei den Grundsätzen der ­Ordnungsmäßigkeit (insbesondere der Einhaltung der vergaberechtlichen Bestimmungen), Sparsamkeit, Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit entsprochen wurde“. Gretners Antrag wurde Anfang November vom Gemeinderat dem Kontrollausschuss zugewiesen, dort aber ohne Begründung fallen gelassen. Noch im Dezember wird die streitbare Mandatarin deshalb einen neuerlichen Antrag einbringen, der laut Geschäftsordnung nicht mehr abgewiesen werden kann. Ihre Argumentation: Obwohl das Bundesvergabegesetz ab einem Auftragsvolumen von 80.000 Euro Ausschreibungen zwingend vorsieht, wurde bei diesem 32-Millionen-Projekt freihändig zugeteilt. Sie ist sich ihrer Sache sicher: „Die Beauftragung von Explore 5 D widerspricht dem Bundesvergabegesetz.“

Unabhängig von der problematischen Rechtslage stellt sich auch die Frage, warum ausgerechnet Explore den fetten Auftrag ausfassen durfte. Das Unternehmen lieferte bis dato kaum herzeigbare Referenzprojekte ab, sondern hantelte sich in Wahrheit von einem Flop zum nächsten:

• Der vom Firmengründer Frank (damals noch als Unternehmen „Wechselspiel“) konzipierte Themenpark „Anderswelt“ im niederösterreichischen Heidenreichstein musste schon nach zwei Jahren seine Pforten schließen und Konkurs anmelden. Planungsfehler wie eine vergessene Entlüftungsanlage waren dafür ebenso verantwortlich wie sein inhaltlich offenbar nicht tragfähiges Mystik-Konzept.

• Der Blue Dome, eine Art Wassererlebniswelt am schönen Wolfgangsee, landete ebenfalls als Spezial-Bauchfleck: Der Konkursrichter musste auch hier Ende Oktober dieses Jahres seine traurige Arbeit aufnehmen. Der Prototyp einer „kybernetisch-wahrnehmungspsychologischen“ Belustigung, die dank Explore nun im Prater als revolutionäre Innovation Einzug halten wird, rostet im Blue Dome längst traurig vor sich hin.

Weitere größere Explore-Projekte floppten nicht – weil sie gleich gar nicht zustande kamen:

• Ein „dramatisches Aquarium“ im deutschen Rostock wurde aufgrund der frühzeitigen Pleite des Investors nicht realisiert.

• Auch die Dracula-Welt in Siebenbürgen wurde nie gebaut, da die Proteste dagegen zu laut geworden waren.

Laut Frank hielt sich sein Unternehmen in den letzten Jahren mit der Verfassung von Konzepten und der Durchführung von Firmenevents am Leben. Projekte in Prater-Dimensionen hat er überhaupt nicht vorzuweisen. Dafür aber will Explore, so erläutert Finanzchef Stephan Dorfmeister, mit dem Prater als herzeigbares Gesellenstück ins internationale Themenpark-Entertainment-Geschäft einsteigen.

Die Explore-Truppe bekam den Auftrag ohne Wenn und Aber, obwohl ihr Ansehen in der Branche nicht rasend hoch ist. Robert Hofferer, Geschäftsführer des An­dré-Heller-Unternehmens Art Event, das unter anderem die Swarovski-Kristallwelten plant und betreibt, hält das Prater-Ding „für nicht besonders klug. Am Stephansplatz baut ja auch nicht irgendein dahergelaufener Architekt aus Hollabrunn“, ätzt er und meint, dass es eine „internationale Größe“ gebraucht hätte, jemanden, „der über den Tellerrand blicken kann“, denn „der Prater hat wirklich großes Potenzial“.

Doch von internationalen Stars will man im Weltdorf Wien nichts wissen, hier setzt man lieber auf persönliche Kontakte, auf Wärme und freundschaftliche Zuneigung. So kennt Gerhard Frank, aber das ist nur ein Mosaikstein im komplizierten Beziehungsgeflecht, Wiens Bürgermeister Michael Häupl schon seit seligen Studienzeiten. „Ich habe über Frösche gearbeitet, er über Lurche, da lernt man sich kennen“, erzählt der gelernte Zoologe und Humanbiologe Frank. Seines wissenschaftlichen Fachs müde, begann er vor gut zwanzig Jahren nach spannenderen Erwerbsquellen zu suchen. „Ich habe alle anghaut, auch den Michl, und gesagt, wenns was habts, denkts an mich.“ Postwendend durfte Frank im Stadtpark eine innovative Wasser-Ausstellung konzipieren, gestaltete Jahre danach, neben diversen Projekten in Osttirol, fürs Wiener Kindermuseum die Schau „Nichts als Luft“ und, wieder von Häupl eingeladen, anno 1999 die Multimediaschau „Die Rückkehr des 3. Mannes“.

2002 beteiligte sich Frank schließlich am Ideenfindungsprozess für den Wiener Prater. Obwohl nicht er, sondern Emmanuel Mongon den ertragreichen Auftrag zur Erstellung des Prater-Masterplans ausfasste, blieb er hart am Ball. Er ging regelmäßig mit dem Franzosen essen – in der Hoffnung, zu Subaufträgen zu kommen. Frank fand bei diversen Anlässen auch den heißen Draht zu Vizebürgermeisterin Laska, die er heute längst „Gretl“ nennt. Die zarten Bande gipfelten in einem gemeinsamen Besuch der Disneyworld in Orlando im Sommer 2006, bei dem auch seine Partner Martin Valtiner und Andreas Kornprobst Disney-Luft schnuppern durften.

Laska selbst sieht die Nähe zu Frank & Co gelassen: „Wenn man sich so intensiv wie ich mit einem Thema beschäftigt, lernt man eine Unmenge von Leuten kennen.“ Franks engagierte Lobbyingarbeit zeigte schließlich Erfolg: Explore wurde nach entsprechendem Gemeinderatsbeschluss noch im Dezember 2006 beauftragt, diverse Vorarbeiten zur Gestaltung des Riesenradplatzes durchzuführen. Dieser Auftrag erging direkt über die Errichtungsgesellschaft; der konkrete Vertrag wurde dann mit besagter Immoconsult-Tochter abgeschlossen.

Seit einem Jahr also haben Frank und Co nun alle Hände voll zu tun. Der Firmenname wurde auf Explore 5 D geändert, Kreative und Techniker aus allen Lagern und Ländern eingekauft. Explore fungiert als Generalunternehmer, der auch die Strabag mit dem konkreten Bauvorhaben am Riesenradplatz beauftragte. Explore koordiniert die Vergabe an die Pächter und vermittelt zwischen ihnen. Einer der neuen Untermieter ist, welche Überraschung, Explore selbst: Frank & Co werden im neuen Prater-Haus zwei Belustigungen – die Vienna Airlines und ein „5-D-Kinoerlebnis“ namens Mirakulum – betreiben, ein „modernes Kasperltheater“ (O-Ton Frank), in dem Wiener Sagen- und Märchengestalten vom Basilisken über Wolferl Mozart bis hin zu Falco zu neuem Leben erweckt werden sollen.

Auf Teufel komm raus wird nun auch in der kalten Jahreszeit gebaut; freilich auf – rechtlich – unsicherem Terrain: Der aus vier Einzelgebäuden bestehende Gesamtkomplex mit den be­stechend echten Las-Vegas-Fassaden, deren pseudoarchitektonische Wurzeln irgendwo ­zwischen den Werken von Otto Wagner und Lukas von Hildebrandt vermutet werden müssen (siehe Fotos Seite 49), wird nämlich ein ziemlich massives, möglicherweise zu großes Bröckerl. Mindestens 13.000 Quadratmeter Netto-Nutzfläche ergeben laut Prater-Kritikerin Gretner jedenfalls ein echtes „Großbauvorhaben“, das unter anderem ein Raumverträglichkeitsgutachten zwingend gebraucht hätte – freilich wurde ein solches niemals durchgeführt. Der gesamte Wurstelprater ist im aktuellen Flächenwidmungsplan lediglich als „Sondergebiet“ ausgewiesen – was ein Großbauvorhaben wie das aktuell laufende aber nicht zulässt. „Die Größe des Bauvorhabens liegt mehrfach über der relevanten Grenze von 2500 Quadratmetern“, klagt die grüne Planungssprecherin. Die ausgebildete Architektin sieht in dem opulenten, multifunktionalen Eingangsbauwerk jedenfalls keine simple Prater-Vergnügungsstätte. Der hinter Kitschfassaden versteckte Mix aus – bereits fix vergebenen – Souvenirgeschäften, Info-Pool und Shops, aus Großdisko, Unterhaltungs- und Restaurantbetrieben bräuchte, so glaubt Gretner, unbedingt eine Widmung als „Einkaufszentrum“ – doch auch diese ist nirgendwo zu finden.

Gretners Fazit: „Die Wiener Bauordnung wurde eindeutig missachtet. Dabei sollte die Stadt doch mit gutem Beispiel vorangehen und ihre eigenen Gesetze einhalten.“ Grete Laska sieht sich jedoch auch hier frei von jeder Schuld: „Das Bauvorhaben wurde eingereicht und genehmigt. Wir bauen ja nicht ins Blaue.“


Von Othmar Pruckner

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