Fünf Schritte ins Verderben

Der Untergang der einst strahlenden Investmentbank Lehman Brothers erfolgte mit der unentrinnbaren Logik einer griechischen Tragödie. trend beschreibt die Stationen eines langsamen Todes.

Der 15. September 2008 wird als historisches Datum in die Geschichtsbücher eingehen: Es ist der Tag der größten Pleite aller Zeiten. Mit einer involvierten Bilanzsumme von mehr als 600 Milliarden US-Dollar musste Lehman Brothers, die innovativste Investmentbank der Wall Street, Insolvenz anmelden. Die Zahlungsunfähigkeit der einst hoch profitablen Wall-Street-Ikone überraschte selbst Insider, doch der Niedergang war absehbar, seine Wurzeln reichen weit zurück.

1 Am 11. August 1987 beruft US-Präsident Ronald Reagan Alan Greenspan zum Präsidenten des US-Zentralbankensystems Federal Reserve System (Fed). Zunächst betrachtet der Fed-Chef die Erhaltung der Preisstabilität als wichtigstes Ziel, Mitte der neunziger Jahre kommt die Kehrtwende. Nun steht für Greenspan nicht mehr Preisstabilität, sondern Wirtschaftswachstum im Vordergrund. Um dieses anzukurbeln, entschließt sich die Notenbank zur Niedrigzinspolitik. Für Investmentbanken wie Lehman ­Brothers beginnt das vermeintlich goldene Zeitalter: Während ­Geschäftsbanken auf Spareinlagen angewiesen sind, finanzieren sich Investmentbanken über den Kapitalmarkt. Das geht jetzt ­immer leichter. Es beginnt eine unentrinnbare Spirale: Die Finanzierung wird für Investmentbanken einfacher und billiger, weil die Zinsen tiefer sinken, daher werden auch immer riskantere Geschäfte finanziert. Die Gefahren bleiben noch verborgen, da die Fed, wann immer Probleme am Horizont erscheinen, die Zinsen weiter senkt. Es beginnt die große Zeit der Investmentbanken an der Wall Street – und der Mythos der Unbesiegbarkeit des US-Finanzsystems.

2 Mit dem Fall der Berliner Mauer am 19. November 1989 bricht ein neues Zeitalter an – was zu diesem Zeitpunkt noch niemandem bewusst ist. Russland, China und Indien liberalisieren die Wirtschaft. Der Prozess wird später „Globalisierung“ genannt. Plötzlich strömen drei Milliarden Menschen zusätzlich auf den Arbeitsmarkt. Für die USA eröffnet das zunächst enorme Chancen. Doch der Arbeitsmarkt gerät unter Druck. Mehr als Europa stehen die USA mit minderwertiger Massenproduktion im Wettbewerb mit China. Damit bringen die neunziger Jahre den Knick in der Lohnpolitik: Es gibt keine Reallohnerhöhungen mehr. Für die US-Wirtschaft wäre ein Ausfall der Nachfrage aber fatal. Jetzt beginnt die Niedrigzinspolitik zu wirken. Billigere Kredite erleichtern die Hausfinanzierungen. Als Folge der künstlich geschaffenen Nachfrage steigen die Immobilienpreise. Die Banken offerieren bestehenden Kreditkunden immer höhere und zugleich günstigere Kredite. Lehman Brothers spielt dabei eine Schlüsselrolle. Um Geschäfts- und Hypothekarbanken diese Finanzierungen zu ermöglichen, erfinden die Investmentbanker neue Instrumente (so genannte Kreditderivate), die alle damit entstehenden Risiken im Bankensystem verteilen. Credit Default Swaps – Versicherungen gegen Kreditausfälle – werden zum Riesengeschäft. Auch bei der so genannten Verbriefung der Kredite spielt Lehman eine wichtige Rolle: Hypothekarische Besicherungen von Privatkrediten werden in „Asset-Backed Securities“ (ABS) verpackt, zu Wertpapieren gebündelt und weiterverkauft. In Mode kommen „Collateralized Debt Obligations“ (CDO) – nicht regulierte Bündelung von Krediten unterschiedlicher Bonität. Lehman wird zur weltweiten Drehscheibe in diesem ­Geschäft. Die Gewinne sprudeln.

3 Im Jahr 2000 platzt die Technologieblase, 2001 zerstören Terroristen das World Trade Center, es folgt eine Börsenbaisse. Nun öffnet die Fed die Geldschleuse vollends. Als Alan Greenspan an die Spitze der Fed gelangte, belief sich die Geldmenge (M3, also inklusive Girokonten, Geldmarktkonten, Staatsanleihen und Dollar-Wertpapierbestände) in den USA auf 3614 Billionen US-Dollar. Am Ende der Amtszeit am 31. Jänner 2006 waren es 10.250 Billionen US-Dollar. Besondes profitieren davon die fünf Investmentbanken Morgan Stanley, Merrill Lynch, Goldman Sachs, Lehman Brothers und Bear Stearns. Die Geldflut führt zu einem Phänomen, das Ökonomen als „Asset Inflation“ bezeichnen. Alles wird teurer: Aktienkurse steigen wieder, Immobilien, Rohstoffe, zuletzt Gold erleben eine Hausse. Immer noch finanzieren die Amerikaner Haus- und Aktienkäufe mit immer höheren Hypothekarkrediten. Doch erste Zweifler melden sich zu Wort. Bereits 2002 bezeichnet der Investmentguru Warren Buffett die Kreditderivate als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“. Wegen wachsender Inflationsgefahr muss die US-Notenbank die Zinsen anheben. Das hat fatale Folgen. Am 9. Februar 2007 gerät der US-Hypothekenfinanzierer New Century in Schieflage. Niemand erkennt: Das ist der Vorbote für den Crash des Immobilienmarkts. Lehman bleibt auf dem Gaspedal: Im Mai 2007 übernimmt die Investmentbank den börsennotierten Hausbesitzer Archstone-Smith Trust. Es soll die letzte große Transaktion von Lehman sein, und sie steht unter keinem guten Stern: Die 80.000 Apartments kosten 15,7 Milliarden Euro. Aber der Kauf erfolgt am Höhepunkt der Immobilienblase. Im Sommer 2007 beginnen die Immobilienpreise auf breiter Front einzuknicken. (Derzeit sind die Archstone-Immobilien nur noch geschätzte zwölfeinhalb Milliarden wert.) Jetzt reißen die Hiobsbotschaften nicht mehr ab. Andere Banken verlangen immer höhere Aufschläge, wenn sie Lehman Kredite geben oder Credit Default Swaps übernehmen sollen. Am 10. September muss die Bank für das dritte Quartal einen Verlust von 3,9 Milliarden Dollar (2,8 Milliarden Euro) eingestehen – weit mehr, als Analysten befürchtet hatten. Der letzte Akt der Tragödie hat begonnen, aber noch hoffen die Anleger – mit vermeintlich gutem Grund.

4 Denn drei Tage vor der Bekanntgabe dieser Horrorzahlen, am 7. September 2008, verkündet US-Finanzminister Henry Paulson, dass der Staat die beiden in Schieflage geratenen US-Hypothekarinstitute Fannie Mae und Freddie Mac auffangen werde. Ein Rettungsplan mobilisiert bis zu 25 Milliarden US-Dollar aus Budgetmitteln, um die Insolvenz zu vermeiden. Die Börsen reagieren darauf mit massiven Kursgewinnen auf breiter Front. Auch die Aktien der Investmentbank Lehman Brothers – die Papiere befinden sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf einer einjährigen nur kurz unterbrochenen Talfahrt – können noch einmal zulegen. Ein hörbares Aufatmen geht durch die Financial Community: Der Staat lässt die Ikonen der US-Finanzbranche also doch nicht fallen. Diese Annahme wird sich bald als verhängnisvoller Fehlschluss erweisen. Was zu diesem Zeitpunkt nämlich niemand bedenkt: Fannie Mae und Freddie Mac werden aus rein politischen Gründen gerettet. Innenpolitisch wäre die Pleite der weltgrößten Hypothekaranstalten ein Desaster, weil rund die Hälfte aller US-Hypothekarkredite über die Bücher der beiden Institute gehen. Noch schlimmer wären aber die außenpolitischen Folgen einer Insolvenz. Fannie Mae und Freddie Mac hängen am Tropf der chinesischen Außenhandelsüberschüsse. Das Geld, das die Chinesen in den USA verdienen, legen sie zu einem großen Teil wieder in Dollar-Anleihen an, unter anderem in Papieren von Fannie Mae und Freddie Mac, die sich auf diese Weise zu rund zwei Dritteln refinanzieren – China ist deren größter Gläubiger. Die beiden US-Institute borgen sich im großen Stil Geld vom chinesischen Staat und chinesischen Unternehmen und geben dieses klein gestückelt in Form von Immobilienkrediten an die Amerikaner weiter. Wären Fannie und Freddie pleitegegangen, dann hätte dies zweifellos massiven Druck aus China ausgelöst und überdies die Finanzierung des US-Budgetdefizits gefährdet, denn die Chinesen zählen auch zu den wichtigsten Käufern von US-Staatsanleihen. All das gilt für Lehman Brothers nicht, doch daran denkt zu diesem Zeitpunkt niemand. Zwar hätten Anleger jetzt noch Zeit, Lehman-Aktien und -Anleihen zu verkaufen, nach der Rettungsaktion für die beiden Immobilienfinanziers unterschätzen aber alle die lauernde Gefahr. Nur einige wenige Mitarbeiter der Investmentbank kennen den Ernst der Lage. Hinter den Kulissen beginnen fieberhafte Verhandlungen mit dem US-Finanzministerium, dem Zentralbankensystem und anderen Banken. Ziel ist es, die Zahlungs­fähigkeit der Bank um jeden Preis aufrechtzuerhalten.

5 Am Montag, dem 15. September, müssen die Lehman-Manager ihr Scheitern eingestehen: Die Bank erklärt ihre Zahlungsunfähigkeit und beantragt Gläubigerschutz, nach Abschnitt 11 („Chapter 11“) der US-Insolvenzordnung. Gläubiger dürfen ab jetzt keine Forderungen fällig stellen. Ein New Yorker Gericht genehmigt wenige Tage später den Verkauf der Kernsparten Investmentbanking und den Handel mit Aktien und festverzinslichen Wertpapieren an die Barclay’s Bank. Doch Lehman befürchtet zusätzliche Abschreibungen von 7,8 Milliarden Dollar. Probleme machen wird auch das 60 Milliarden Dollar schwere Portfolio an Immobilienkrediten. Dessen Volumen übertrifft den Unternehmenswert deutlich. Das Ende der einst glänzenden Investmentbank ist kaum aufzuhalten. Am Wochenende 19./20. September fällt in den Chefetagen der beiden verbliebenen Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley die Entscheidung, das Geschäftsmodell einer rein über den Kapitalmarkt finanzierten Investmentbank aufzugeben und sich als normale ­Geschäftsbank über Einlagen zu finanzieren – der Schlusspunkt unter eine Ära, die als Erfolgsstory begann und in einem Milliardengrab endete.

Von Franz C. Bauer

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