Frau des Monats: Maria-Elisabeth Schaeffler

Maria-Elisabeth Schaeffler. Eine Österreicherin, die einst Nonne werden wollte und heute Herrin des zweitgrößten Wälzlagerherstellers der Welt ist, sorgt in Deutschland mit einer ziemlich durchtriebenen Übernahmeschlacht um den Automobilzulieferer Continental für Schlagzeilen.

Egoistisch, selbstherrlich, verantwortungslos und rabiater als manche Hedgefonds“ nennt sie der Chef des deutschen Weltkonzerns Continental, Manfred Wennemer, und deutsche Politiker diskutieren wegen ihr ernsthaft über eine Änderung von börslichen Meldepflichten. Kein Zweifel, die strahlend blonde, 67-jährige Österreicherin Maria-Elisabeth Schaeffler sorgt derzeit in Deutschland für mächtig viel Aufregung. Denn erstmals wurde ein Weltkonzern, der Automobilzulieferer Continental (151.000 Mitarbeiter, 16,7 Mrd. Euro Umsatz), gegen den erbitterten Widerstand des Managements mit einer feindlichen Übernahme bedroht – durch einen unterschätzten, weitaus kleineren und scheinbar biederen fränkischen Familienkonzern mit Sitz in Herzogenaurach. Der ist in Wahrheit ein ­aggressiver Konzern: Die Schaeffler-Gruppe ist mit 8,9 Milliarden Euro Umsatz und 66.000 Beschäftigten der zweitgrößte Wälzlagerhersteller der Welt; 60 Prozent der Umsätze werden als Automobilzulieferer erzielt, vierzig Prozent im Maschinenbau sowie in der Luft- und Raumfahrttechnik. Der Unterschied zu vielen anderen Konzernen: Dieser gehört nur zwei Personen, Maria-Elisabeth Schaeffler und ihrem 43-jährigen, in Dallas lebenden Sohn Georg. Geschätztes Gesamtvermögen: vier bis fünf Milliarden Euro.

Wer ist diese milliardenschwere Großindustrielle aus Wien? Die in Prag geborene Österreicherin, deren Urgroßvater Chef der Prager Tatra-Werke war und deren Vater es in Wien zum Generaldirektor der Ersten Allgemeinen Versicherung gebracht hatte, wollte eigentlich Nonne werden, studierte dann aber Medizin. Im Alter von 22 Jahren lernte sie den 24 Jahre älteren deutschen Industriellen Georg Schaeffler kennen und folgte ihm als Ehefrau nach Deutschland. Schaeffler, der von den Amerikanern wegen Kriegsverbrechen zu mehreren Jahren Haft verurteilt worden war, baute nach dem Krieg gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm ein Unternehmen auf, das ganz klein mit der Herstellung von Knöpfen begann und zu einem der größten Kugellagerhersteller der Welt avancierte.

Als Schaeffler 1996 starb , übernahm seine Witwe den Konzern, nahm sich einige Berater – darunter den jetzigen Aufsichtsratschef von Continental, der – welch Zufall – eine Übernahme begrüßt, und einen neuen CEO, den ehemaligen Europachef eines US-Autozulieferers, Jürgen Geissinger, den sie zufällig bei einer Messe in Hannover kennen lernte. Der änderte die Firmenstrategie radikal. Galt vorher organisches Wachstum und möglichst wenig Abhängigkeit von Banken, stand von nun an aggressives Wachstum am Programm. Die Schaeffler-Gruppe schluckte für 1,2 Milliarden Euro den Kupplungshersteller Luk, für 1,1 Milliarden den Wälzlagerkonkurrenten FAG Kugelfischer und erst im März dieses Jahres den weltgrößten unabhängigen Kupplungsbelagshersteller Raybestos.

Noch nie aber hat das Duo Schaeffler/Geissinger so hoch ge­pokert wie jetzt: Eine Übernahme von Continental würde 31 Milliarden Euro kosten, die Schaeffler-Gruppe selbst hat nur ein Eigenkapital von 4,4 Milliarden Euro. Vermutet wird daher, dass Schaeffler nach einem Take-over Continental zerschlagen und die Autoreifensparte lukrativ abstoßen wird. Auf jeden Fall hat sich die smarte Witwe, die seit April des Jahres auch im Aufsichtsrat der ÖIAG sitzt, trickreich und auf den Spuren des Wiener Inves­torenteams Ronny Pecik und Georg Stumpf, die Ähnliches in der Schweiz vorexerzierten, an Continental angeschlichen.

Eigentlich schreibt das deutsche Aktiengesetz vor , dass sich jeder Aktionär, der mehr als drei Prozent eines Unternehmens besitzt, zu erkennen geben muss. Schaeffler hingegen kaufte seit Feb­ruar bei einer Reihe von Banken Optionen auf Continental-Aktien. Die Investmentbanker erwarben für diese Optionen Continental-Aktien und müssen sie bei Einlösung an Schaeffler abgeben. Für die Geldhäuser ein blendendes Geschäft: Allein die Transaktionsspesen sollen 72 Millionen Euro betragen. Da keine Bank mehr als drei Prozent kaufte, blieb die Aktion lange geheim und der Kurs der Continental-Aktien lange spottniedrig. Tatsächlich besaß dann Schaeffler im Juli plötzlich acht Prozent der Continental-Aktien und wie aus dem Nichts Optionen auf weitere 36 Prozent. Gelingt der Coup (bei Redaktionsschluss gab es noch keine endgültige Entscheidung), wird aus dem einstigen kleinen Holzknopfhersteller einer der größten Automobilzulieferer der Welt mit mehr als 200.000 Mitarbeitern.

Von Karl Riffert

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