Frankie’s Boys: Stronachs Rückzug sorgt
beim austrokanadischen Konzern für Unruhe

Erst Mitte September wird klar sein, ob sich Magna-Boss Siegfried Wolf wirklich zu Oleg Deripaska nach Russland verabschiedet. Grobe Umwälzungen stehen dem Konzern aber jedenfalls bevor.

Von Ingrid Dengg

Eigentümerwechsel sind immer eine heikle Phase im Lebenszyklus eines Unternehmens. Vor allem dann, wenn es sich um so straff geführte Firmen wie Magna handelt. Es ist deshalb kein Wunder, dass es hinter der Fassade des Weltkonzerns gärt, seit Firmengründer Frank Stronach bekannt gegeben hat, seine Stimmrechte gegen einen ansehnlichen Batzen Geld von 66 auf 7,4 Prozent zu reduzieren. Am 17. August wurde der Deal von einem kanadischen Gericht abgesegnet. Seither haben die Aktionäre 30 Tage lang Zeit für weitere Einsprüche. Passieren wird wohl nichts mehr. Trotzdem will Siegfried Wolf, der eine der beiden CEOs und Europa-Chef von Magna, das Closing dieses Deals Mitte September abwarten, bevor er sich über seine eigenen Zukunftspläne äußert. Wolf hat ein konkretes Millionenangebot des russischen Oligarchen Oleg Deripaska in der Tasche. Derzeit versichert er selbst engsten Vertrauten, dass er sich noch nicht entschieden hat. Aber das Stimmungsbarometer im Unternehmen deutet in die Richtung, dass er nach Russland abwandert.

Für Magna Europe, das von Österreich aus geführt wird, bedeutet schon Stronachs Rückzug einen raueren Wind, umso mehr gilt das, wenn auch Wolf geht. Und wie immer in solchen Situationen wird bereits über präsumtive Nachfolger spekuliert. Einer, dem – zumindest für einen weiteren Karriereschritt – das Potenzial nachgesagt wird, ist der Oberösterreicher Günther Apfalter, Sohn des verstorbenen Voest-Generals Heribert Apfalter und derzeit Chef der Magna-Steyr- Fahrzeugschmiede in Graz.

Aber es geht nicht nur um die Spitzenpositionen. Zwar kam Magna einigermaßen gut durch die Krise. Im ersten Halbjahr 2010 erwirtschaftete man einen Gewinn von 516 Millionen Dollar: nach 405 Millionen Minus im Vergleichszeitraum des Vorjahrs wahrlich ein kräftiges Erholungszeichen. Für das Gesamtjahr werden 23 Milliarden Dollar Umsatz erwartet. Tatsache ist allerdings auch, dass auf Magna in Europa, und auch in Österreich, einige Restrukturierungsschritte zukommen. So könnte die Europa-Zentrale in Oberwaltersdorf Kompetenzen und Personal verlieren. Aber auch die eine oder andere Werkszusammenlegung und Kapazitätskürzung steht laut Brancheninsidern zur Diskussion.

Machtverschiebung Richtung Kanada. Bis jetzt hatte der gebürtige Steirer Stronach stets seine schützende Hand über den Standort Österreich gehalten. Doch dieser Bonus fällt nun weg. Künftig werden Großaktionäre aus Kanada viel mehr Einfluss haben. Und die sehen in Magna keinen austrokanadischen, sondern einen kanadischen Konzern. Letztlich könnte das den Ausschlag geben, dass Wolf tatsächlich zu Deripaskas Autokonzern GAZ nach Russland wechselt.

Konzernintern heißt es, dass die Kanada-Fraktion Wolf auch das Scheitern der Opel-Übernahme ankreidet. In Zusammenhang damit steht nämlich der Verlust eines Großauftrags von Porsche für die Fertigung der neuen Boxster- und Cayman-Modelle, den Porsche mit Magnas Opel-Engagement begründete. Stronach, der sich persönlich um Opel bemüht hat, machte keine Schuldzuweisungen. Die Crew um Don Walker, Co-General von Wolf und Ex-Schwiegersohn Stronachs, könnte die Sache anders sehen. „Einen Schuldigen muss es immer geben“, meint ein mit den Vorgängen Vertrauter, „und in diesem Fall muss eben der Sigi Wolf herhalten.“ Dazu kommt, dass die Nordamerikaner derzeit auch bei den Ergebnissen die Nase vorn haben. Während Magna Europe im ersten Halbjahr nur 75 Millionen Dollar Betriebsergebnis erwirtschaftete, kam die Nordamerika-Division auf ein Ebit von 261 Millionen. Bezogen auf den jeweiligen Umsatz, ergibt das eine Ebit-Marge von 2,9 Prozent für Europa gegenüber 8,1 Prozent jenseits des Atlantiks.

Das hat nicht nur mit der unterschiedlichen Autokonjunktur zu tun. In einer Telefonkonferenz mit Analysten Anfang August erklärte der Kanadier Don Walker: „In Nordamerika sind wir mit den Restrukturierungen im Wesentlichen durch. In Europa haben wir uns in den letzten sechs Monaten genau angeschaut, was wir tun wollen, um einige unserer Divisionen zu verbessern. Im Moment sind die Verkäufe relativ gut. Aber wenn sie nachlassen, und selbst wenn sie nicht nachlassen, müssen wir etwas tun. Da sind ein paar drastische Restrukturierungsschritte nötig.“ Konkret bezieht sich Walker auf die Aktivitäten in Russland sowie „einige Akquisitionen, die wir teuer erworben haben“. Auch in der Europa-Zentrale in Oberwaltersdorf, die 120 Mitarbeiter in der Verwaltung beschäftigt, werden Einschnitte befürchtet.

Neue Aufgaben für Demel. Wolfs Position wird dadurch nicht eben gestärkt. Stronach bleibt bei Magna zwar mit 7,4 Prozent der größte Aktionär (siehe Kasten „Der Deal“ auf Seite 28). Doch die Fonds McLean Budden Ltd. und Tradewinds Global Investors sind ihm mit 6,7 Prozent bzw. 5,4 Prozent der Aktien dicht auf den Fersen. Und die institutionellen Investoren, die mit Protesten gegen die üppige Stronach-Abfindung bereits ein Zeichen setzten, sind nur an den Zahlen interessiert. Was künftig zählt, sind nicht persönliche Vorlieben oder Visionen des alten Patriarchen, sondern Rendite. „Investitionen, die emotional bedingt nach Österreich gegangen sind, wird es dann außer beim Elektroauto, das bei Stronach bleibt, nicht mehr geben“, sagt ein Betroffener.

Falls Wolf tatsächlich geht, wird sein Nachfolger, wie immer er heißt, sicher nicht seine Machtfülle erben. Trotzdem bringen sich die Alphatiere in der Magna-Führungscrew bereits in Position. So soll Herbert Demel, den Magna ursprünglich an die Spitze von Opel setzen wollte, bereits deponiert haben, dass ihm sein derzeitiger Strategiejob bei Magna auf Dauer zu wenig sei. Demel könnte künftig die schwierige Asien-Expansion des Konzerns leiten. Die Unterbesetzung in China und Indien gilt derzeit als einer der größten Schwachpunkte Magnas.

Als kommender Mann gilt Magna-Steyr-Chef Günther Apfalter. Der gelernte Agrartechniker begann seine Laufbahn 1985 bei der Traktorsparte der damals noch verstaatlichten Steyr Daimler Puch AG. „Ich selbst habe ihn damals zum Traktor-Chef gemacht“, erinnert sich der frühere SDP-Chef Rudolf Streicher, der Apfalter als „unglaublich gescheit, fleißig, kreativ, durchsetzungsfähig und extrem loyal“ bezeichnet. Nach der Übernahme der Steyr Landmaschinentechnik durch Case New Holland avancierte Apfalter dort zum Vizepräsidenten, bis er 2001 zu Magna wechselte. Im November 2007 wurde er Vorstandschef von Magna Steyr, wo er seither über 8500 Mitarbeiter weltweit und „zwischen vier und fünf Milliarden Dollar Umsatz“ (Magna-Sprecher Daniel Witzani) gebietet.

Womit Apfalter punktet.
Für den gebürtigen Linzer spricht, dass sich die Autoproduktion in Steyr zurzeit besser als geplant entwickelt. Apfalter hat außerdem ein paar neue Aufträge in Aussicht. Und das Engineeringgeschäft , in dem Magna weltweit für Kunden Entwicklungsaufträge übernimmt, läuft ebenfalls gut. So erhielt Magna Steyr im Februar einen größeren Entwicklungsauftrag für das SUV-Programm von Guangzhou Automobile.

Apfalter ist auch für die Akquisition des insolventen deutschen Autodachspezialisten Karmann zuständig. Die japanischen Karmann- Aktivitäten hat Magna bereits übernommen. Der Kauf der deutschen und polnischen Werke wird derzeit noch vom Kartellgericht blockiert. Doch Magna-Sprecher Witzani ist zuversichtlich, dass dieser Deal klappen wird. „Für Magna wäre das industriepsychologisch gesehen ein wichtiger Zug“, sagt Phillip A. Thompson, Ex-Vorstand des Autodachspezialisten Webasto und heute Dozent an der Hochschule München. „Denn die damalige Magna-Intention, Opel zu kaufen, hat große Unruhe bei den Kunden hervorgerufen. Mit Karmann aber signalisiert der Magna- Konzern, dass er sich nun wieder voll aufs Zuliefergeschäft konzentriert.“

Magna Steyr wird auch bei Stronachs Elektroauto-Plänen eine größere Rolle spielen. Das weltweite Kompetenzzentrum der Elektroaktivitäten ist in Graz, wo auch die ersten E-Flitzer für Testzwecke gebaut werden. Der Standort in der Nähe von Güssing im Burgenland hat obendrein gute Chancen, doch noch den Zuschlag für das geplante Batteriewerk zu bekommen. Papa Stronach wird also weiter dafür sorgen, dass die Jobs in Österreich nicht ausgehen. Nur die Dimensionen haben sich geändert. Und Sigi Wolf wird möglicherweise in Russland arbeiten.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente