Feuerwehreinsatz

Vorbeugen kommt billiger als Löschen. Eine wichtige Erkenntnis bei der Planung des Wiederaufbaus der Finanzmärkte. Von Reginald Benisch

Das waren zweifelsohne aufregende Tage: US-Banken und -Versicherungen taumelten Richtung Abgrund, manche fielen, einige wurden aufgefangen. Und als passende Begleitmusik rasselten ab 15. September die Aktienkurse vier Tage lang in die Tiefe. Bis dann die US-Regierung gemeinsam mit der Notenbank eine dramatische Rettungsaktion proklamierte – was die Börsen am Freitag, dem 19. Oktober, mit einem fulminanten Kursfeuerwerk begrüßten.

Werden Präsident George W. Bush, Fed-Chairman Ben Bernanke und Finanzminister Henry Paulson die Welt retten? Bisher haben sie bloß eine Schlagzeile geliefert. Die Story selbst steht noch aus. Ich fürchte, dass die Story vielen Leuten sauer aufstoßen wird. Und das Kernstück der Aktion, jener ominöse Sonderfonds, der Banken und Versicherungen faule Wertpapiere abkaufen soll, wird den US-Bürgern wohl noch lange im Magen liegen. Kein Zweifel, dass diese Sonderdeponie für verbriefte Forderungen an fragwürdige Kreditnehmer die Banken, Versicherungen und Pensionskassen gewaltig entlasten würde. Aber woher soll das Geld dafür kommen?

Klar, der Staat wird sich zusätzlich verschulden – um 700 bis 1000 Milliarden Dollar, heißt es. Genauer lässt sich das derzeit nicht beziffern – denn wer weiß, wie viel die Regionalbanken der USA in den nächsten Monaten noch an faulen Forderungen zu entsorgen haben.

Die Amis sollten sehr, sehr nett zu den Chinesen sein, wenn sie ihnen diese Bürde – wie gewohnt – in Form von Staatsanleihen umhängen wollen. Aber selbst wenn die Chinesen die Bonds übernehmen, ist das nicht mehr als eine Zwischenfinanzierung. Am Ende des Tages werden die amerikanischen Steuerzahler die Zeche begleichen – und das mag sich nicht unbedingt konjunkturbelebend auswirken. Ich finde, Bush, Bernanke und Paulson sollten übrigens auch erklären, warum sie so lange zugewartet haben. Die Hoffnung, dass die Banken die selbst verschuldete Kreditkrise selbst bereinigen könnten, war wohl ziemlich naiv. In Amerikas liberalen Finanzmärkten pflegen sich über kurz oder lang blutrünstige Hyänen auf Verwundete zu stürzen – gierige Baisse-Spekulanten, die mithilfe von Leerverkäufen oder Credit Default Swaps sowohl die Börsenkurse als auch die Kreditwürdigkeit von Unternehmen vernichten und diese damit in den Ruin hetzen. Genau das ist eingetroffen und hat die Sache um ein Vielfaches verteuert. Wenigstens wurde das Short-Selling per Regierungsdekret bis auf Weiteres drastisch eingeschränkt. Und allein das ist bemerkenswert.

Amerika ist zurzeit nicht wiederzuerkennen. Heute finden es alle ganz normal, wenn Bear Stearns zwangsweise einer J. P. Morgan zugewiesen wird, Fannie Mae, Freddie Mac und A.I.G. kurzerhand verstaatlicht werden, Lehman Bro­thers per Regierungsentscheid in die Pleite verabschiedet wird und Merrill Lynch in letzter Sekunde noch bei der Bank of America unterschlüpfen muss. Erstaunlich, wie rigoros das liberale Amerika verstaatlicht, zwangsfusioniert, dekretiert, verbietet und herumkommandiert. Wladimir Putin könnte sich da noch eine Menge abschauen.

Aber wenn es brennt, wird man mit der Feuerwehr wohl kaum über deren Zutrittsberechtigung streiten. Wünschen wir den Rettern also viel Erfolg, damit künftige Generationen weiterhin 1929 als Mutter aller Finanzkatastrophen zitieren – und nicht das Jahr 2008. Doch mit dem „Brand aus!“ ist die Aufgabe der Regierungen noch lange nicht erfüllt. Denn jene Vorschriften, die das heikle Bankgeschäft regeln, funktionieren schon lange nicht mehr und können leicht umgangen werden. Höchste Zeit also für eine umfassende Reform. Möglicherweise ist aber nicht bloß eine Anpassung, sondern ein Paradigmenwechsel angesagt. Die Banker werden die ungeheuren Freiräume des jüngsten Turbokapitalismus zwar nur ungern aufgeben, aber sie haben keine Chance, falls das Pendel nun in die Gegenrichtung ausschlägt und die Wirtschaft einen Klimawandel erlebt. Unwahrscheinlich? Nicht wirklich, meine ich. Der Schock sitzt dafür tief genug.

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