Feindbild Spekulant: Wer verbirgt sich tatsächlich hinter dem verpönten Wesen

Politiker und Protestler haben einen Sündenbock für die Verwerfungen auf den Kapitalmärkten ausgemacht: den Spekulanten. Doch wer verbirgt sich tatsächlich hinter diesem Begriff, und wie groß ist sein Einfluss?

Die Dachterrasse ist noch nass vom letzten Schauer, doch Geraint Anderson zieht die kühle Luft den gut besuchten Räumlichkeiten im Soho House in London vor. In den Privatklub wird nur hereingebeten, wer Mitglied ist – und darüber entscheidet der Name. Anderson, 39, ist der Autor des Romans „ Cityboy“, der das skrupellose Leben eines Investmentbankers beschreibt, das stark seinem eigenen ähnelt. Zwölf Jahre lang arbeitete er für französische und deutsche Banken in der britischen Metropole, verdiente zuletzt ein sechsstelliges Fixum plus einen Bonus von 500.000 Pfund.

Doch das viele Geld, das ihn verführt und von sich selbst entfernt hatte, stieß ihn irgendwann dermaßen ab, dass er sich zum Ausstieg entschied. Statt Designeranzügen trägt er heute Stangenware zu grasgrünen Socken. Seine Vorliebe für Wodka-Tonic hat er hingegen noch nicht abgelegt. Er braucht jetzt einen kräftigen Schluck, erklärt er, denn das Publikum, vor dem er am Vormittag einen launigen Vortrag über das Finanzsystem gehalten habe, konnte er nicht für sich gewinnen. „Ob mir das komische Naturell fehlt?“, fragt er sich. „Oder war es eher der Inhalt?“

Aus dem erfolgreichen Investmentbanker Anderson ist ein scharfer Kritiker des Finanzsystems geworden. Um seine Botschaft zu übermitteln, tritt er nicht nur als Redner nach dem Mittagsimbiss auf, er schreibt auch an weiteren Büchern, will seinen Erstling – in England ein Bestseller – verfilmen lassen. Jeder soll wissen, wie es wirklich um die City und ihre gierigen Banker, Trader und Händler bestellt ist. „Viele von ihnen sind Spieler, die nur auf das schnelle Geld aus sind. Dafür gehen sie hohe Risiken mit dem Kapital anderer Leute ein. Läuft ein Deal schief, verlieren sie höchstens ihren Job – und die Allgemeinheit muss zahlen.“

Mit seiner Kritik ist Anderson ungewollt zum Fürsprecher einer Bewegung geworden, die sich gegen die Macht der Finanzmärkte und die von ihr verursachten Krisen auflehnt. Von New York aus, wo die „Occupy Wall Street“-Proteste vor einigen Wochen mit einem Marsch über die Brooklyn Bridge begannen, erfasste die Bewegung immer mehr Länder. Mitte Oktober gingen schließlich in mehr als 80 Ländern weltweit die Menschen auf die Straße. In London, dem wichtigsten Finanzplatz Europas, hatte die Polizei die Börse weiträumig abgesperrt, sodass einige tausend Demonstranten auf den Platz der in unmittelbarer Nähe gelegenen St. Paul’s Cathedral ausweichen mussten.

Den Höhepunkt der friedlichen Kundgebung bildete der Auftritt des Wikileaks-Gründers Julian Assange, der nach seiner auf drei Minuten festgesetzten Redezeit Bonbons in die Menge warf – eine Geste, durch die die Veranstaltung kurz ins Groteske abzugleiten drohte. Auch in Wien zogen zeitgleich Demonstranten durch die Innenstadt.

Politisches Vakuum

Das Feindbild ist geortet: der Spekulant. Selbst Politiker wie US-Präsident Barack Obama und Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel beeilten sich, ihre Sympathie für die Demonstranten zu bekunden. Es ist populär, den bösen Zockern die Schuld zu geben, dass die Banken in den USA und Europa krachen, der Bestand des Euro in Zweifel gezogen wird und die Welt neuerlich in eine schwere Rezession hineinzuschlittern droht. Und es steht tatsächlich außer Zweifel: Es ist eine irre Welt, in der sich Wertpapierhändler oder Investmentbanker bewegen. Eine Welt, die sich nur um Geld dreht, um Reichtum und Luxus. Jeder Exzess ist erlaubt, wenn der Profit stimmt. Es bleibt keine Zeit, sich zu überlegen, welche Konsequenzen das Handeln haben könnte. Manchmal gleiten die Zocker auch ab ins Kriminal oder an dessen Grenze.

Aber sind sie deswegen an allem schuld? Sie nutzen Chancen, die ihnen ein System der globalen Ungleichgewichte bietet. Ungleichgewichte, die nicht selten von der Politik herbeigeführt wurden – siehe die europäische Schuldenkrise. Und wer hindert Regierungen eigentlich daran, Regeln vorzuschreiben, die eine entfesselte Finanzhybris in sozial und wirtschaftlich verträgliche Schranken weisen? Die Jongleure des Geldes nehmen, was man ihnen lässt. Also darf man ihnen nicht alles lassen. „Die Finanzmärkte reagieren einfach auf das politische Vakuum, das sie vorfinden“, konstatiert der britische Fondsmanager Jeffrey Taylor ungerührt. Folgerichtig appelliert Deutschlands Industriepräsident Hans-Peter Keitel: „Frau Bundeskanzlerin, bitte regulieren Sie die Exzesse auf den Finanzmärkten.“

Absurde Wetten auf die Zukunft

Aber wer steckt eigentlich hinter diesem nebulösen Begriff der Spekulanten? Wie ticken diese Menschen? „Eigentlich ist jeder ein Spekulant, der auf eine Kursentwicklung in eine bestimmte Richtung setzt“, sagt Jürgen Huber, Leiter des Instituts für Banken und Finanzen an der Uni Innsbruck. Insofern fällt also auch der Kleinanleger, der gelegentlich Aktien kauft, genauso unter diesen Begriff wie derjenige, der einen Fremdwährungskredit aufnimmt. Und staatlich garantierte Vorsorgeprodukte würden zum Beispiel nicht funktionieren, gäbe es keine Wertpapierderivate, die das Risiko absichern.

In der aktuellen Diskussion geht es aber um allerlei Profis, die in verschiedenen Berufszweigen das Geschäft der risikoreichen Geldvermehrung betreiben. Sie arbeiten als Investmentbanker, Trader, Broker oder Hedgefonds-Manager und spekulieren praktisch mit allem: Gold, Öl, Weizen, Aktien, Anleihen, Devisen – und einer Vielzahl von Derivaten. Hinter diesem Sammelbegriff verbergen sich Wertpapiere wie Optionen, Futures und Forwards. Diese werden nur zu einem geringen Teil über Börsen gehandelt, der Großteil des Geschäfts findet außerbörslich statt – und damit unreguliert.

Ursprünglich wurden Derivate erfunden, um reale Geschäfte in der Zukunft abzusichern (Hedging). Mit ihnen lässt sich aber auch spekulieren, indem das zugrunde liegende Geschäft einfach weggelassen wird. Gefährlich sind Derivate vor allem deshalb, weil sie einen hohen Hebel haben, wie Fachleute sagen. Spekulanten müssen wenig Geld einsetzen, um viel zu verdienen – oder eben viel zu verlieren. Und wenn die Verluste zu hoch sind, müssen sie von der Allgemeinheit übernommen werden. Das ist das Kernproblem, weswegen jetzt viel darüber debattiert wird, dass riskante Geschäfte mit mehr realem Kapital unterlegt werden sollen.

Anhand der Credit Default Swaps (Kreditversicherungen) für Anleihen von Euroländern wird das deutlich. Sie haben einen so großen Hebel, dass man mit viel kleinerem Einsatz gegen ein Land spekulieren kann, als wäre man auf die realen Anleihen angewiesen (siehe " Hochtoxische Instrumente ").

Die Absurdität dieser Zukunftswetten, die heute bereits den Großteil aller Finanzgeschäfte ausmachen, beschreibt der Berliner Literaturwissenschafter Joseph Vogl in seinem Buch „Das Gespenst des Kapitals“. Das sei so, als ob „jemand, der eine Ware nicht hat, sie weder erwartet noch haben will, an jemanden verkauft, der diese Ware ebenso wenig erwartet oder haben will und sie auch tatsächlich nicht bekommt“.

Das Biotop der Rogue Trader

Wie viel Sprengsatz solche Derivate bergen, ist spätestens seit Mitte September klar. Da nahm die Londoner Polizei den 31-jährigen Händler Kweku Adoboli vorläufig fest, der die UBS um mindestens zwei Milliarden Dollar gebracht hatte. Das entspricht dem Betrag, den die Schweizer Bank durch einen geplanten Stellenabbau künftig einsparen will. Um aber überhaupt so viel Geld in den Sand setzen zu können, muss man über noch mehr verfügen können. Adobolis Handelsvolumen soll sich auf 15 Milliarden Dollar belaufen haben. Mit seinen Fehlspekulationen sichert er sich einen Platz in der Galerie der so genannten Rogue Trader, in bester Gesellschaft mit Jerome Kerviel, der 2008 bei der Société Générale 4,8 Milliarden Euro verzockte, und Nick Leeson, durch dessen Wetten die traditionsreiche Barings Bank 1995 in die Pleite schlitterte.

Bis zu seiner Festnahme führte Adoboli tatsächlich jenes luxuriöse Leben, das man Londoner Investmentbankern typischerweise unterstellt. Er wohnte in einem Loft für 1000 Pfund die Woche im angesagten Stadtteil Shoreditch, wo er regelmäßig große Partys mit eigenem DJ gab. War es dabei mal wieder zu laut gewesen, entschuldigte er sich am nächsten Tag mit einer Flasche Champagner bei seinem Nachbarn. Sein Verdienst soll bei rund 300.000 Pfund plus Boni gelegen haben, wobei diese erfolgsabhängigen Gehaltsbestandteile in guten Börsenjahren leicht ein Mehrfaches des Grundsalärs ausmachen können.

Auch heuer ist der Boni-Topf in der City wieder prall gefüllt – sieben Milliarden Pfund werden über die Investmentbanker, Trader und Broker ausgeschüttet werden. Geld, das häufig schnell wieder zurück in die Wirtschaft fließt. Ganz oben stehen in der testosterongesteuerten Welt natürlich Autos, vor allem die Marken Bentley und Ferrari. Aber auch Motoryachten und Flugzeuge gehören in den Fuhrpark eines erfolgreichen Finanzhais. „Ein hoher Bonus ist lediglich die Entschädigung für die viele Arbeit“, sagt einer von ihnen. Denn die Tage in der Square Mile sind lang, beginnen vor 7 Uhr morgens und dauern bis in den späten Abend, manchmal bis in die Nacht. „Wer es bei einer Londoner Bank zu etwas bringen will, kann sich morgens nicht nochmals umdrehen“, sagt Ex-Börsenjongleur Mike Lielacher, dessen Sohn in der City arbeitet.

Es herrscht eine „Hire and fire“-Mentalität. Da die Arbeitgeber gegenüber ihren Mitarbeitern keine Loyalität zeigen, fühlen diese sich auch nicht verpflichtet zu bleiben, wenn bessere Angebote winken. In ihrem Verhalten ähneln die Investmentbanker Profifußballern. Wie diese von Verein zu Verein, wechseln sie die Bank, sobald ein besseres Offert ins Haus flattert.

Wer in dem Job Erfolg hat, bleibt, solange er kann. „Wir sind ein bisschen wie in die Jahre gekommene Bankräuber, die sich sagen: Den einen Coup noch, dann ist endgültig Schluss. Aber wir machen dann doch weiter, weil wir süchtig sind nach dem Geld und dem gehobenen Lebensstil“, erzählt der Ex-Investmentbanker Anderson.

Falsche Anreize

Diese besondere Spezies der Finanzwelt hat Tom Wolfe bereits in den achtziger Jahren in seinem Roman „Bonfire of Vanities“ („Jahrmarkt der Eitelkeiten“) beschrieben. Er bezeichnet die jungen Trader, Broker und Banker als „Masters of the Universe“, die beflügelt sind vom Gefühl, zu den wirklichen Herrschern der Welt zu gehören. Nur noch sie können die immer komplizierteren Finanzprodukte durchschauen und mit ihnen gewinnbringend hantieren. Die nichtsahnende Mehrheit muss sich hingegen damit begnügen, die teuren Folgeschäden dieser Geschäfte zu bezahlen.

„Geht ein Deal auf, profitiert man finanziell davon. Läuft das Spiel aus dem Ruder, riskiert man in der Regel lediglich, seinen Job zu verlieren, wird aber nicht zur Kasse gebeten“, erklärt Anderson. Er glaubt daher, dass Milliardenvernichter wie Adoboli, Jerome Kerviel und Nick Leeson ihre Wahnsinnswetten nur unternahmen, weil sie bei einem positiven Ausgang mit einem riesigen Bonus rechnen konnten. „Die Milliardenverluste sind die logische Folge des Bonussystems“, steht für ihn fest. Oder sind sie doch eher die Folge einer Persönlichkeitsstörung?

Diese Interpretation legt eine kürzlich abgeschlossene MBA-Arbeit an der Universität St. Gallen nahe. Hierfür verglichen ein Radiojournalist und ein Psychiater das Verhalten von 27 professionellen Tradern mit dem von Psychopathen. Die Resultate sind beunruhigend, schreibt die „NZZ“. Denn im Computerspiel verhielten sich die Händler rücksichtsloser als die unter der Persönlichkeitsstörung leidende Vergleichsgruppe. Dabei zeichnet sich deren Charakter bereits durch Empathie- und Verantwortungslosigkeit aus. Ob die Handelsabteilungen der Banken derartig veranlagte Leute anziehen oder diese erst dort so rücksichtslos werden, ließ die Studie leider offen.

Reale Gefahr?

Gierig sind sie also, die Spekulanten, aber sind sie auch gefährlich? Eine Gelegenheit, ihr zynisches Spiel zu spielen, bot vor einigen Jahren der Immobilien-Boom in den USA. Zuerst verpackten Investmentbanken faule Kredite in schwer durchschaubare Pakete, verkauften diese dann weltweit, um schließlich gegen sie zu wetten, wodurch die gigantische Spekulationsblase endgültig platzte. Die Folgen: Rezession der Weltwirtschaft, Hausbesitzer mussten Zwangsräumungen über sich ergehen lassen, Millionen Menschen verloren ihre Jobs. Oberprofiteur dieses Crashs war der Hedgefonds-Manager John Paulson, der mit CDS-Papieren auf den Zusammenbruch des Immobilienmarkts gewettet hatte.

Aber wieder hatte erst die Politik diese Geschäfte ermöglicht, indem die US-Administration enorme Summen billigen Geldes in den Wirtschaftskreislauf pumpte, um das Wachstum künstlich am Leben zu erhalten. Die daraus entstehenden Ungleichgewichte nutzten die Spekulanten beinhart aus.

Auch das geschwächte Griechenland bot gute Voraussetzungen, zum Spielball von Spekulanten zu werden. „Eigentlich ist schon lange klar, dass das Land insolvent ist und nur ein sehr deutlicher Schuldenschnitt eine Lösung bringen kann“, analysiert Finanzexperte Huber. „Die Politik verneinte dies aber bis vor Kurzem vehement. Für Spekulanten kommen solche Situationen Einladungen gleich, darauf zu wetten, wie lange die anderen Euroländer Griechenland wohl stützen.“ Wer mit einer baldigen Pleite rechnete, konnte CDS auf griechische Staatsanleihen kaufen – und durch den Preisanstieg einen Gewinn einfahren. Sein persönlicher finanzieller Vorteil ist allerdings zum Nachteil für das Land. Denn ein hoher CDS-Preis signalisiert eine hohe Ausfallswahrscheinlichkeit der Anleihen, sodass die Refinanzierungskosten für Griechenland steigen. „Spekulanten verursachen zwar keine Krisen, aber sie nutzen sie geschickt aus“, so Huber.

Das ist genau der Punkt: Die Krisen verursachen Staaten und Politiker selbst. Und Finanzhaie verdienen daran auf Kosten der Allgemeinheit. Die Regierungen haben noch kein Mittel gefunden, dieses Treiben zu unterbinden, ohne gleichzeitig die Finanzmärkte zu strangulieren.

Folgenschwere Deregulierung

Wie sehr das ungezügelte Treiben der Spekulanten die Weltwirtschaft bereits im Würgegriff hat, zeigen ein paar Zahlen. 1990 betrug der Wert aller Güter und Dienstleistungen weltweit 22 Billionen US-Dollar. Die außerbörslich gehandelten Derivate machten damals gerade einmal zwei Billionen Dollar aus. Zwei Jahrzehnte später hat sich der Faktor 10 umgedreht: auf ein weltweites BIP im Jahr 2010 von 63 Billionen Dollar gegenüber einem auf 601 Billionen Dollar explodierten Derivatemarkt.

Eingeläutet wurde diese Entwicklung von der britischen Kanzlerin Margaret Thatcher, die 1986 den Banken den Einstieg ins Wertpapiergeschäft erlaubt hatte. 1999 schaffte US-Präsident Bill Clinton dann auch noch den Glass Steagall Act ab, der die strikte Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken vorgeschrieben hatte. 2004 wurden in Deutschland Hedgefonds erlaubt.

Und es wurde immer ungehemmter spekuliert. Bei Goldman Sachs, so berichtete das deutsche „Handelsblatt“ kürzlich, durften Händler zuletzt bis zu 245 Millionen Dollar täglich verwetten. Die Deutsche Bank, die bis Mitte der neunziger Jahre noch eine kleine Nummer im Investmentbanking war, ist heute weltweit die Nummer eins am Anleihenmarkt und im Devisenhandel. 85 Prozent des Vorsteuergewinns entfielen allein im vergangenen Geschäftsjahr auf den Bereich Investmentbanking. Und es wundert wenig, dass Investment-Chef Anshu Jain dem scheidenden Josef Ackermann auf den Chefsessel der Deutschen Bank folgen wird.

Neben der Liberalisierung gibt es einen weiteren Grund für das gigantomanische Wachstum der Finanzmärkte – nämlich die globalen Ungleichgewichte. Josef Zechner, international anerkannter Finanzmarktspezialist an der Wirtschaftsuni Wien: „Asien, allen voran China, produziert enorme Bilanzüberschüsse, die irgendwo investiert werden müssen.“ Gefragt sind möglichst risikolose Investments, also etwa US-Staatsanleihen. „Und weil es davon nicht genug gab, hat man über cleveres Financial Engineering (also kreative Anlageprodukte; Anm.) mehr davon zu schaffen versucht.“

Das Ergebnis waren komplizierte Produkte wie die berüchtigten Collateralized Debt Obligations (CDO), die aus zweitklassigen Hypothekarkrediten scheinbar bombensichere Anleihen mit Triple-A-Bonität zurechtschneiderten (siehe CDOs-Story ).

Spätestens seit der Lehman-Pleite im September 2008 ist klar, dass die Sache aus dem Ruder gelaufen ist. Wie bei einem Dominospiel riss eine Bank die nächste ins Verderben. Und es stellte sich heraus, dass auch Politiker kräftig mitgezockt hatten: Bürgermeister, Bundesländer, ja sogar ganze Staaten hatten ihre Bilanzen mithilfe der smarten Berater aus den Investmentbanken geschönt. Italien hatte sich Mitte der neunziger Jahre von JPMorgan eine Beauty-Kur für den Staatshaushalt verpassen lassen. Griechenland zahlte laut „New York Times“ 300 Millionen Dollar an Goldman Sachs und bekam dafür einen versteckten Milliardenkredit, der aufgrund komplizierter Transaktionen nicht ausgewiesen werden musste.

Gleichzeitig hatte Goldman Sachs offenbar keine Hemmungen, hinter den Kulissen zum Halali auf den Euro zu rufen. Am 16. August dieses Jahres verteilte Goldman-Sachs-Analyst Alan Brazil einen 54-seitigen Bericht an institutionelle Klienten, in dem er ein düsteres Szenario der Weltwirtschaft zeichnete und warnte, dass die Eurokrise Banken und Regierungen überfordern könnte. Deshalb schlug er Hedgefonds und anderen Kunden komplexe Wetten gegen den Euro und europäische Finanzaktien vor. Peinlich nur, dass das „Wall Street Journal“ diesen Bericht in die Finger bekam und große Teile daraus veröffentlichte.

„Ein Skandal ist das“, schimpft der deutsche Börsenprofi Dirk Müller, der in den Eurospekulationen der vergangenen Monate nicht nur einzelne Zocker, sondern organisierte Angriffe gegen die Europäer vermutet. Der Wiener Ex-Börse-Vorstand Stefan Zapotocky spricht sogar von einem „Wirtschaftskrieg zwischen Amerika und Europa um die Vormachtstellung der Währung“. Denn in den vergangenen Jahren habe der Euro dem Dollar ordentlich Konkurrenz gemacht. Kritiker halten dem entgegen, dass Spekulanten letztlich nur dort erfolgreich sind, wo sie tatsächliche Schwächen im System aufspüren. „Das stimmt“, sagt der Wiener Asset-Manager Wolfgang Matejka, „nur wenn ein Markt angeschlagen ist, kann er mit einer Shortstellung (Wetten auf fallende Kurse, Anm.) zum Kippen gebracht werden, und das ist nicht gut.“

Matejka findet es jedenfalls bemerkenswert, dass Länder wie die USA und Großbritannien es offenbar viel besser als die Euroländer verstehen, ihre Währungen vor Spekulation zu schützen: „Die ökonomischen Daten Englands sind fast so schlecht wie die Portugals, trotzdem ist ein CDS auf eine portugiesische Staatsanleihe deutlich teurer als auf eine britische“.

Hinter dieser Ungleichbehandlung von Schuldnerstaaten durch die Märkte steckt auch ein Gutteil Unvermögen der europäischen Politik. Während die USA beispielsweise gleich nach der Lehman-Pleite eine Reihe von Regulierungsmaßnahmen für die Finanzmärkte in Angriff nahmen, darunter die neuerliche Trennung von Investmentbanken und normalem Bankgeschäft oder das Verbot für Banken, auf eigene Rechnung Wertpapiere zu handeln, reagierten die Europäer erst, als ihnen die Eurokrise immer mehr zusetzte.

Mitte Oktober einigten sich Rat und EU-Parlament endlich auf das längst überfällige Verbot so genannter Leerverkäufe von Kreditversicherungen, Credit Default Swaps. Wer künftig eine Staatsanleihe via CDS besichern will, muss diese Anleihe spätestens bis Ende desselben Handelstags auch vorweisen können. Das ist neu. Bislang sollten nämlich ausgerechnet die Wettpapiere auf Staatsanleihen von jeder Regulierung ausgenommen bleiben, weil die Staaten fürchteten, dass sich das negativ auf ihre Refinanzierung auswirken könnte. Die neue Regel soll im November nächsten Jahres in Kraft treten. Die berüchtigten Hedgefonds bleiben aber auch in Zukunft weitgehend ungeschoren.

Im Headquarter des Feindes

Doch was sind eigentlich Hedgefonds? Eine Antwort auf diese Frage findet, wer sich ins Headquarter des „Feindes“ begibt, nach Mayfair, unweit der Londoner Oxford Street. Hier logiert der Hedgefonds Armajaro in einem denkmalgeschützten Gebäude mit einem von Säulen getragenen Eingang. Das Ambiente im Inneren ist entsprechend gediegen: Marmorböden, schwere Eichentüren, Stuckdecken. Im großen Konferenzsaal im Erdgeschoß werden Gäste und Kunden empfangen, die sich für ein Investment in einem der sechs hauptsächlich im Rohstoffbereich tätigen Fonds interessieren. Michel Danechi, ein freundlicher Anzugträger mit Brille, leitet den einzigen Fonds, der nichts mit Kakao, Kaffee, Gold oder Platin zu tun hat. Sein Anlageschwerpunkt sind die Emerging Markets. „Wir investieren vor allem in große Länder wie Russland, Polen, Türkei, aber auch in einige kleinere wie Österreich“, erklärt er. Aktuell hat er in die Erste Bank und Raiffeisen Geld gesteckt.

Deren Entwicklung beobachtet Danechi von einem Großraumbüro im dritten Stock aus. Sechs Bildschirme, ein Telefon – das ist seine Ausrüstung, um 200 Millionen Dollar ertragreich zu navigieren. Unterstützt wird er dabei von einem Analysten und einem Trader, die neben ihm sitzen. Die Atmosphäre ist unaufgeregt, man beobachtet die Märkte, man tätigt Trades, mal sechs Stück an einem Tag, mal mehr als 30. „Wir sind ein aktiver Fonds“, erklärt Danechi. Heißt: Im Schnitt werden Anlagen nicht länger als einen Monat gehalten. Zum Einsatz kommen vor allem Futures, also Termingeschäfte, weil die sehr liquide sind und sich hebeln lassen.

Um auch von fallenden Kursen profitieren zu können, nutzt der Fonds Leerverkäufe (Short Selling), ein Instrument, das im Zuge der europäischen Schuldenkrise schwer in die Kritik geraten ist und von einigen Staaten verboten wurde. „Das Problem sind nicht wir, die Hedgefonds, sondern vielmehr die schlechte wirtschaftliche Lage in Ländern wie Griechenland und die verspätete Reaktion der Politik“, sagt Danechi. Mit seiner Anlagestrategie erzielte der Fonds in den Jahren 2009 und 2010 eine Rendite von jeweils 15 Prozent. Ein Fünftel des Profits bleibt Danechis Fonds als erfolgsabhängige Gebühr, den Rest kassieren die Investoren.

Die berüchtigten Hedgefonds, die sich neuerdings gern hinter der Bezeichnung „alternative Investments“ verstecken, sind eine sehr inhomogene Gruppe. Laut einer brandneuen Studie von Panthera Solutions managt ein Prozent der Fonds 70 Prozent aller Assets. Genau dieses eine Prozent ist es auch, das für die Weltwirtschaft wirklich gefährlich werden kann.

Wie gefährlich, zeigte das Beispiel Long Term Capital Management (LTCM) im Jahr 1998. LTCM-Chef John Meriwether verlor damals durch die Rubelabwertung innerhalb weniger Wochen Milliardenbeträge. Das wäre nicht weiter tragisch gewesen, hätte es nur Meriwether und seine Investoren betroffen. Doch: Hedgefonds arbeiten mit hohen Kredithebeln vom bis zum 30- oder 40-Fachen des eingesetzten Kapitals, und diese Kredite werden bei Banken aufgenommen, die dadurch im Fall einer Krise selbst ins Wanken kommen. Im Fall LTCM war die Situation so ernst, dass der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan die führenden Investmentbanker in einer Krisensitzung zu Unterstützungszahlungen von insgesamt 3,7 Milliarden US-Dollar für LTCM vergatterte.

Trotzdem sollte es weitere zwölf Jahre dauern, bis sich die US-Regulatoren dazu durchringen konnten, für Hedgefonds im Rahmen des „Dodd-Frank Acts“ gewisse Registrierungs- und Informationspflichten einzuführen – ein Gesetz, das nebstbei sofort wieder umgangen wurde. Weil es nämlich eine Ausnahme für Familienstiftungen gibt, verkündete Hedgefonds-Gigant George Soros im Juli dieses Jahres, er wolle seine Investoren bis Jahresende auszahlen und seinen Fonds künftig als Familienunternehmen weiterführen. Die Investoren erhalten bei diesem Deal rund eine Milliarde Dollar retour, dem „Familienunternehmen“ verbleiben stattliche 24 Milliarden zur Veranlagung.

Solidarität mit den Kritikern

Aber es gibt erste Anzeichen, dass den Spekulanten das Pflaster, auf dem sie agieren, langsam selbst zu heiß wird. Auch Großinvestor Warren Buffett warnt lautstark vor dem unregulierten und unberechenbaren Derivatemarkt und bezeichnet komplexe Finanzprodukte als „Massenvernichtungswaffen“. Und Hedgefonds-Chef George Soros, der Mann, der einst erfolgreich gegen das Pfund spekulierte, plädiert leidenschaftlich für eine strenge Regulierung jener CDS, die jetzt den Euro in so große Bedrängnis gebracht haben. Und er solidarisiert sich öffentlich mit der mittlerweile weltweiten Protestbewegung „Occupy Wall Street“.

Verrückt wird die Welt der Spekulanten trotz solcher Selbstkritik vorerst bleiben – es sei denn, die Politik findet bald die Stärke, zu Systemreformen zu schreiten.

Von Ingrid Dengg und Vanessa Voss

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