Fehde & Schuh: Shoe for you?

Der Verkauf von Stiefelkönig durch die Bawag könnte zu einem kleinen, feinen und höchst persönlichen Rachefeldzug in der Schuhhandelsbranche genutzt werden.

"Gisele, mehr Bein! Ja, das ist gut, und noch einmal, Schmollmund, Gisele, wunderbar! Danke! Das war’s! Fertig.“ Kristian Schuller, deutscher Top-Fotograf, legt erschöpft seine Kamera weg. Fred Koblinger, Agenturchef von PKP proximity, und Toni Kampelmüller, Geschäftsführer von Stiefelkönig, stürzen begeistert auf den Set. Schuller drückt noch ein paar Mal auf den Auslöser – Erinnerungsfotos für die Manager mit dem brasilianischen Supermodel –, und schon wird das Equipment im Pier 59 Studio in New York abgebaut.

Das Ergebnis der Foto-Session ist seit Mitte März auf allen Plakatwänden nicht zu übersehen. „Die Werbelinie ist großartig“, schwärmt Thomas Ridder in Betrachtung endlos langer Beine, die dem brasilianischen Topmodel Gisele Bündchen gehören, dessen Füße (bei einer Größe von fast 1,90 Metern trotzdem nur Schuhgröße 37), höchst werbewirksam, in High Heels von Stiefelkönig stecken. Der langjährige Vorstand des Handelsrivalen Leder & Schuh zollt dem einstigen Konkurrenten Stiefelkönig genüsslich Beifall. Verständlich. Wurde er doch vor einem Jahr unsanft aus seiner Position entfernt. Und im Zuge des bevorstehenden Verkaufs von Stiefelkönig könnte der unsanft von seinem Chefsessel beförderte Manager genüsslich die Chance auf Rache an seinem früheren Arbeitgeber nutzen.

Nach dem Closing, dem endgültigen Übergang der Bawag-Aktien an den neuen Eigentümer, den US-Fonds Cerberus, stehen nämlich die Firmenbeteiligungen der Bank zum Verkauf an. Und darunter befindet sich eben auch die Schuhkette, zu der 170 Filialen der Marken Stiefelkönig, Delka, Turbo und Geox zählen. Nach Turbulenzen steht Stiefelkönig seit 2003 im Bawag-Eigentum, ist – nach Leder & Schuh – die Nummer zwei am österreichischen Schuhmarkt und beschäftigt 1200 Mitarbeiter. Trotz einer Steigerung des Jahresumsatzes auf zuletzt 130 Millionen Euro schreibt das Unternehmen noch immer rote Zahlen.

Grazer gegen Grazer. Das war nicht immer so. Lange Zeit ging das Kräftemessen zwischen den beiden schuhaffinen jüdischen Grazer Familien Herzl und Mayer-Rieckh (Leder & Schuh, Humanic) zugunsten der Familie Herzl aus, dem damaligen Mehrheitseigentümer von Stiefelkönig.

„1994 war Stiefelkönig noch Marktführer. Ich hatte immer volle Hochachtung vor dem Mitbewerber. Und die Machtverhältnisse können sich jederzeit wieder ändern“, glaubt Ridder. Fünfzehn Jahre war er bei der Humanic-Konzernmutter Leder & Schuh tätig, zu der auch die Vertriebslinien Jello, Shoe 4 You, Topschuh und Dominici gehören. Nach zehn Jahren an der Vorstandsspitze, in denen er den Konzern zur Nummer eins der heimischen Schuhbranche machte, wurde Ridder, Ende 2005, als einziges Nicht-Familienmitglied mit zehn Prozent an Leder & Schuh beteiligt. Doch wenig später begann die Fehde im Schuhimperium. Ridders Beteiligung dürfte dem Aufsichtsratspräsidenten Michael Mayer-Rieckh, 71, offenbar wenig später doch nicht mehr so gut gefallen haben, denn schon Ostern 2006 wurde Ridder plötzlich von seinen Aufgaben suspendiert, nur vierzehn Tage bevor sein Vertrag ohnedies ausgelaufen wäre.

Vorgeworfen wird dem Exvorstand, die Aufnahme eines 4-Millionen-Euro-Kredits zu ungünstigen Konditionen erwogen zu haben. Was eine zumindest höchst seltsame Anschuldigung darstellt. „Erstens wurde ein solcher Kredit niemals aufgenommen, zweitens wäre ich dafür auch nicht zuständig gewesen“, so Ridder. Der Vorwurf wird – laut Klagsschrift – von Peter Mayer-Rieckh, dem jüngsten Sohn des Aufsichtsratspräsidenten, erhoben. Eigentlich wäre aber er für eine Kreditaufnahme zuständig gewesen, denn er leitet, wenn auch nur als One-Man-Show, die Finanzabteilung bei Leder & Schuh. Er selbst will jedoch nicht einmal seine Funktion im Konzern bestätigen: „Bei uns gibt es fixe Regeln, wer spricht, und ich bin das definitiv nicht.“ Und auch Leder & Schuh-Vorstandsvorsitzender Gottfried Maresch will für den Konzern mit Hinweis auf das schwebende Verfahren keine Stellungnahme abgeben.

Hinter der ganzen Angelegenheit dürfte das Bestreben von Michael Mayer-Rieckh stehen, alle Firmenanteile wieder in Familien- und, wenn möglich, in seinen persönlichen Besitz zu bringen. Was aber einige der insgesamt über 100 Familienmitglieder gehörig erbost. Erst kürzlich übernahm Michael Mayer-Rieckh Anteile des Familienzweiges Mayer-Heinisch. Um diese Anteilsübernahme zu finanzieren, wurde angeblich gegen den Syndikatsvertrag des gesamten Clans verstoßen. Ein Familienmitglied und Miteigentümer, Clemens Corti alla Cartene, Steuerberater in Graz, dessen Mutter aus der Familie Mayer-Heinisch stammt, hat deshalb geklagt. Außerdem sei der Bewertungsansatz des Schuhhandelsunternehmens viel zu niedrig gewählt worden.

„Ich musste meine Anteile viel teurer kaufen, als Mayer-Rieckh seine von den Verwandten übernahm“, gibt Ridder zu bedenken. Denn natürlich ist Mayer-Rieckh auch an Ridders Paket interessiert. Zwanzig Millionen Euro will der für seine Aktien. Gelingt Mayer-Rieckh jedoch der Nachweis, dass sich der ehemalige Vorstandschef schwere Verfehlungen zuschulden kommen ließ, kann er das Aktienpaket vermutlich wesentlich günstiger bekommen.

Familie und Manager. Die Kontroversen im Leder & Schuh-Imperium haben eine auffällige Parallele zu jenem Zwist, den der Wäschekonzern Palmers vor seinem Verkauf durchlebte. Da wie dort gab es in einem Familienunternehmen einen langjährigen und hoch geschätzten, aber familienfremden Manager, der auch einen Minderheitsanteil am Unternehmen hielt, dann aber offenbar schlagartig das Vertrauen einiger Familienmitglieder verlor. Die Rolle, die bei Leder & Schuh Ridder spielte, hatte bei Palmers Rudolf Humer inne. Teilweise sind in beiden Fällen sogar dieselben Personen involviert. So ist der Aufsichtsrats-Stellvertreter der Leder & Schuh International der Wiener Unternehmensberater Leopold Bednar, er saß auch im Aufsichtsrat der Palmers AG.

Dass Ridders Suspendierung rechtswidrig sei, ließ sich in einem Gutachten von Susanne Kalss bestätigen. Die Professorin der Wirtschaftsuniversität Wien war auch mit einem Gutachten rund um die Kalamitäten zwischen Humer und der Palmers-Familie im Fall des Kaufhauses Gerngross beauftragt worden.

Doch während die Kontroverse im Wäschekonzern zum Verkauf an einen Private-Equity-Fonds führte, könnte sich im Fall von Leder & Schuh ein anderes Ende des Familiendramas ergeben. In der Branche munkelt man, dass sich Exmanager Ridder am Konkurrenten beteiligen könnte. Er selbst will zu seinem Interesse an Stiefelkönig „wenig sagen. Aber Private-Equity-Fonds sind ja immer auch unter den Interessenten bei solchen Verkäufen.“

Der angestrebte Kaufpreis erscheint jedenfalls allen Interessenten zu hoch. Bawag-General Ewald Nowotny möchte „Stiefelkönig zu einem Preis verkaufen, der keine Abschreibungen verursacht“. Das Unternehmen hat bei der Bank 79 Millionen Euro unbesicherten Kredit.

„Die genannte Kaufsumme würde Salamander nie zahlen, weil das nie dem Wert des Unternehmens entspricht und Stiefelkönig auch strukturelle Probleme hat“, so beispielsweise Klaus Magele, Salamander-Einkaufsleiter, der das grundsätzliche Interesse am Konkurrenten aber außer Zweifel stellt: „Einige Standorte sind interessant und könnten in jedem Fall unser Wachstum fördern. Man müsste allerdings die Billigschiene Turbo infrage stellen.“ Branchenkenner gehen von einem maximalen Kaufpreis von 30 Millionen Euro aus, den man für Stiefelkönig lukrieren könnte.

Andere oft genannte Kaufinteressenten, die angeblich schon Schlange stehen, zeigen sich mittlerweile völlig desinteressiert. Die Schuhkette Deichmann etwa, Nummer drei am österreichischen Schuhmarkt, schließt definitiv jede Überlegung an einer Stiefelkönig-Übernahme aus. Und Branchenleader Leder & Schuh sieht auch keinen Anlass, sich um den Konkurrenten zu bemühen. Miteigentümer Corti alla Cartene befindet: „Die Immobilien sind ja bei Stiefelkönig nicht mehr dabei, und die Standorte sind schlechter als bei Leder & Schuh, man müsste viele Geschäfte schließen, das kostet viel und wäre nur im Sinne einer Kannibalisierung zu rechtfertigen.“ Leder & Schuh-Vorstand Gottfried Maresch stimmt dem vollinhaltlich zu: „Wir haben schon mehrfach erklärt, nicht interessiert zu sein, es würde für uns auch keinen Sinn ergeben, da wir so viele Standortüberschneidungen haben.“

Einer Übernahme von Stiefelkönig durch einen Konkurrenten oder gar durch den ehemaligen Vorstandskollegen Ridder sieht Maresch „aus heutiger Sicht gelassen entgegen. Es muss jeder für sich entscheiden, ob das Sinn macht.“ Zum Aufpolieren des schwer gekränkten Egos eines ehemaligen Managers würde es in jedem Fall Sinn machen. Denn Corti alla Cartene sieht den Grund für das Zerwürfnis zwischen Mayer-Rieckh und Ridder jedenfalls exakt in diesem Bereich: „Hier geht es um Vermögenswerte, vor allem aber um Eitelkeiten!“

VON MARTINA FORSTHUBER

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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