Faymann & Molterer: Duell im Frühherbst

Wahlen. Cowboy Werner Faymann gegen Sheriff Willi Molterer: So heißt der Wahlkampfwestern der Saison. Die Anführer der zwei verfeindeten Parteien trennt politisch nicht allzu viel, persönlich jedoch ziemlich alles. Ein Zwischenbericht, vor dem Showdown.

Wird es ein „Duell im Morgengrauen“? Das Lied vom Tod wird wohl nicht gespielt werden, und „Für eine Handvoll Dollar“ kriegt man heute auch keinen Wahlsieg mehr. Der Zuseher fragt sich besorgt, ob es, Pardon, um „Zwei glorreiche Halunken“ geht – oder doch um „Die Glorreichen Sieben“. Denn schließlich nehmen ja auch noch einige andere Heckenschützen am allgemeinen Gerangel teil. Und überhaupt ist noch nicht ganz klar, wer die Indianer und wer die Cowboys, wer die Gangster und wer die Lichtgestalten sind.

Wie auch immer: Der Austro-Politwestern hat begonnen, die Helden sind in die Arena eingeritten, die Wetten auf den Sieg werden angenommen. Meinungsforscher sehen rund fünf Wochen vor der Wahl die ÖVP deutlich vor der SPÖ – doch gleichzeitig, in der so genannten „Kanzlerfrage“, SPÖ-Spitzenmann Werner Faymann vor ÖVP-Boss Willi Molterer. Wenn das keine Garantie auf einen spannenden Showdown ist, was dann? Der Kampf des Jahres 2008 wird, so viel steht fest, jedenfalls völlig anders als jener des Jahres 2006 ablaufen. Nicht in schummrigen Saloons, nicht auf staubigen Wegen, nicht in mühsamen Straßenschlachten wird der Sieger gekürt. Sondern mehr denn je auf den Kampfplätzen des 21. Jahrhunderts: in den Medien. „Der Medienwahlkampf wird noch wichtiger, als das bisher der Fall war“, sagt der Politologe Peter Filzmaier klipp und klar. Früher wurden Wahlentscheidungen „am Boden“, getroffen – sprich im Bierzelt, am Stadtplatz, beim Hausbesuch des Gemeindesekretärs. Diesmal wird das kaum funktionieren, und zwar aufgrund der Kürze der Spielzeit. Aber auch deshalb, weil die Funktionäre beider Parteien nicht eben rasend motiviert sind.
Wenn sich die beiden Spitzenkandidaten doch unters Volk mischen, dann tun sie das vorwiegend, um telegene Bilder zu produzieren. „Das meiste läuft über Plakate, Inserate, Presse­aussendungen, Diskussionen, Interviews.

Kirtagsbesuche in größerer Zahl gehen sich einfach nicht aus“, glaubt der Politologe. Der sich im Übrigen auf keinerlei Prognosen des Wahlausgangs einlässt: Ein Wissenschafter sei kein Wahrsager, und überhaupt wären noch vierzig Prozent („Wenn Sie wollen: fast die Hälfte!“) der Wähler unentschlossen. Ein Scharlatan, wer da schon den Sieger zu kennen glaubt. Willi Molterer sucht bei seinen Touren aufs Land stets seine ruralen Wurzeln. „Am Land, da zählen Verlässlichkeit, Solidarität und Ehrlichkeit“, beschwört der gebürtige Oberösterreicher seine Herkunft. Redet aber nicht nur mit braven Bauersleuten, sondern auch, sehr ernsthaft, mit Arbeitern in der Amstettener Solarzellen-Fabrik. Unvermeidlich sind die Bundesländervisiten schon deshalb, weil auch die Regional- und Lokalmedien bedient werden müssen. Weil bunte Bilder von Jahrmärkten, Kirtagen und sonstigen Feuerwehrfesten immer Stoff hergeben. Wobei: Selbst der abgebrühteste Profi kommt beim Kontakt mit dem kleinen Mann bisweilen gehörig ins Schwitzen. Werner Faymann etwa war über allzu heftige feminine Herzlich- und Zudringlichkeit am Villacher Kirtag „really not amused“; er hatte, wie er erzählt, echte Angst vor später auftauchenden Kuss-Fotos mit spärlich bekleideten Blondinen. In höchster Not fiel er dann freiwillig einer zufällig im Weg stehenden siebzigjährigen Passantin um den Hals – um die Fotografenmeute abzuspeisen. Das Foto, auf dem er ein Lebkuchenherz mit der sinnigen Inschrift „A fescher Bua“ um den Hals trägt, entstand ebenfalls im gaudigen Kärnten. Magazinredakteure haben mit solcher Ware große Freude, Wahlkampfstrategen dagegen ­weniger.

Es wird ein Medienwahlkampf: Da meint man gleich einmal, dass der fesche Werner-Bua zwingend bevorzugt sein müsste – und nicht nur seines fröhlichen Zahnpastalächelns wegen. Wie oftmals dargelegt, ist „Krone“-Boss Hans Dichand sein Übervater und Freund; „Österreich“-Herausgeber Wolfgang Fellner ein alter Kumpel, „Heute“-Geschäftsführer Wolfgang Jansky ein ehemaliger Mitarbeiter. Der ORF immerhin von roter Hand geführt. Und Faymann selbst der Großmeister der „Medienkooperation“. Was sollte da noch schiefgehen? Achtung!, sagt Peter Filzmaier, so einfach wäre die Rechnung auch nicht gemacht. „Kleine Zeitung“, „Kurier“, „Salzburger Nachrichten“, „Tiroler Tageszeitung“, „Vorarlberger Nachrichten“, „Niederösterreichische Nachrichten“ und namenlose Bezirksblätter seien im Zweifelsfall eher auf der konservativen Seite daheim – und erreichen in Summe auch „Krone“-„Österreich“-Reichweiten. Einen Vorteil scheint Faymann jedenfalls zu haben: „Er ist der Aufschläger“, wie Filzmaier sagt. Soll heißen: Er ist der unverbrauchte Herausforderer, das neue Gesicht, einer, der munter drauflosreitet. Während Molterer eher das Image des tapferen Verteidigers des bisher Erreichten anhaftet.

Zwei Prototypen stehen zur Auswahl: der Vorsichtige und der Unbekümmerte. Man kann 2008 zwischen zwei herzeigbaren Frontmännern wählen, zwei Protagonisten, die bei Freund und Feind als satisfaktionsfähig durchgehen. Der Unterschied zu 2006 ist signifikant, denn „da war der Spitzenkandidat kein Wahlmotiv“. Sagt der Politologe. Genau genommen war sogar das Gegenteil der Fall: Der Spitzenkandidat der einen Partei war Grund, für die anderen zu stimmen – und zwar wechselseitig. Alfred Gusenbauer gewann nicht die Wahl, sondern Schüssel verlor sie. Wahlentscheidend waren vor zwei Jahren die von der SPÖ besetzten Themen, nämlich Arbeitsmarkt, Bildung und Gesundheit. Dass die ÖVP aus der herben Enttäuschung gelernt hat, ist unschwer zu übersehen und zu überhören. Im August startete sie mit reinen Themenplakaten und besetzte mit ihrem provokanten „Ohne Deutschkurs keine Zuwanderung“ das wichtige Ausländerthema ganz zentral. Damit nahm sie der FPÖ Heinz-Christian Straches geschickt einigen Wind aus dem Segel – und verdrängte, wenigs­tens für einige Zeit, die von der SPÖ bediente Pensionisten-Schiene vollkommen. „Das Ausländerthema hat schon Siegfried Nagl in Graz genutzt und die Grünen letztendlich auch nicht von ­einer Koalition abgehalten“, analysiert Filzmaier den Schachzug der Konservativen.

Ach ja, die Themen! Nicht nur 2006 gab es sie, auch am 28. September 2008 wird ein mehr oder weniger großer Teil der Wähler darüber abstimmen, wem er eher zutraut, die besseren Rezepte gegen Benzinpreisexplosion und Lebensmittelwucher in der Aktentasche zu haben. Molterers Idee, Asfinag- und ÖBB-Tankstellen für die Allgemeinheit zu öffnen, ist da wohl noch nicht der letztgültige Stein der Weisen, ebenso wenig wie Faymann mit der vehement propagierten Halbierung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel die galoppierende Teuerung in den Griff kriegen dürfte. Soziales und Familien, Teuerung, Ausländer, dazu im Respektabstand noch ein bisschen Europa – die Themen sind am Tisch. Die Schule, ein Lieblingsthema Alfred Gusenbauers, wird, schon aus taktischen Überlegungen Faymanns („keine uneinlösbaren Versprechen!“), weit weniger Aufmerksamkeit finden als 2006.

Auffallend ist, dass die Spitzenkandidaten ideologisch nicht allzu weit voneinander entfernt sind. Während der neoliberal inspirierte Wolfgang Schüssel und der linke Alfred Gusenbauer noch echte Antipoden waren, sind der „rechte“ Faymann und der „christlichsoziale“ Molterer einander so fremd nicht. Da muss Faymann schon auf Schüssel verweisen, um seine Ablehnung Molterers zu begründen. Und Molterer seinerseits die EU-Kurskorrektur Faymanns zur nationalen Tragödie hochstilisieren. Welche Schläge unter der Gürtellinie sind zu erwarten? Welche Skandale werden ausgepackt? Im Umfeld Faymanns herrscht Sorge, ob da nicht noch weitere „Medienkooperationen“ ans Tageslicht gezerrt werden. Nicht nur der ÖVP-Abgeordnete und Raiffeisen-Generalsekretär Ferry Maier verspricht, bis zuletzt die Abhängigkeit des roten Spitzenkandidaten von der „Krone“ zu thematisieren. Auf einer Website www.onkel-hans.at will er das innige Verhältnis zwischen den sehr unterschiedlichen Männern auf humoreske Art und Weise darstellen, Faymann als Marionette Dichands vorführen. Er plant, bei Veranstaltungen Pappfiguren von beiden auf die Bühne zu stellen – als Lachnummer. „Dirty campaigning“ sei das noch lang keines, sagt Maier augenzwinkernd, „ich verweise nur auf Fakten.“ Bei einer Pressekonferenz im seit vier Jahren leer stehenden Zaha-Hadid-Bau direkt neben dem Spittelauer Fernheizwerk verwies er auch polemisch auf Faymanns Tätigkeit als Wiener Wohnbaustadtrat – Faymann habe, so die Sicht der ÖVP, nichts als „Ruinen“ hinterlassen.

Doch um Wiener Baustellen wird es letzten Endes nicht gehen. Die Frage ist eher, ob Faymann im finalen TV-Duell (Dienstag, 23. September, 21.05 Uhr, ORF 2) den persönlichen Vorsprung auf Molterer festigen und in einen SPÖ-Fotofinishsieg verwandeln kann. Strahlende Vorbilder hätten es ihm jedenfalls vorgezeigt. Bruno Kreisky demolierte seinerzeit Josef Taus vor laufender Kamera, Vranitzkys knapper Wahlsieg über Alois Mock begründete sich, so die einhellige Analyse, vor allem auf dessen Überlegenheit in der TV-Konfrontation. Es wird darauf ankommen, wer von beiden die Polit-Verdrossenheit der Menschen noch am ehesten durchbrechen kann, wer von den beiden eher als Mut- und Muntermacher durchgeht.

Bis zu den direkten TV-Schlachten basteln beide Kandidaten noch eifrig an ihren Images. Molterer zieht seit einiger Zeit statt weißer Hemden vorwiegend gestreifte Polo-Shirts über, bemüht sich um ein freundliches Gesicht und um mehr Volksnähe, als Wolfgang Schüssel je aufbieten konnte und wollte. In puncto Ego-Marketing scheint Faymann, zumindest zur Wahlkampf-Halbzeit, jedoch eine Nasenlänge voraus. Während Molterer nach wie vor mit privaten Details geizt, redet Faymann gern über Persönliches, wobei sich bei ihm alles zu einer geschlossenen roten Corporate Identity fügt. Nicht unerschwinglicher Barolo ist es, den er mit Vergnügen trinkt. Faymann, der sich als „Nicht-Weinkenner“ von Gusenbauers Luxuswein-Faible absetzen möchte, präferiert eine rote Cuvée aus St. Laurent, Zweigelt, ­Cabernet Sauvignon und Merlot, gekeltert am Maurer Hauptplatz in Faymanns Polit-Heimat, dem 23. Wiener Gemeindebezirk. Der Winzer heißt Richard Zahel, einst von Bürgermeister Michael ­Häupl himself zum Lieferanten des Wiener Rathauses auserkoren und somit sakrosankt.

Selbst der Name des politisch korrekten Faymann-Tröpferls – „Antares“ – scheint aus Sicht des Wahlkämpfers ein Glückstreffer zu sein. Das aus dem Griechischen stammende Wort bezeichnet nämlich einen in hellem Rot strahlenden Stern im Sternbild des Skorpions. Eine ferne Sonne also, die in der Welt der Astronomen zu allem Überfluss als – nomen est omen! – „Roter Riese“ gilt.

Von Othmar Pruckner

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