Familienstand erledigt

Deadline-Junkies sollten irgendwann erwachsen werden. Denn das Leben an der toten Linie lässt einen auf Dauer nicht jünger aussehen, findet Angelika Hager.

Es war eine jener Nächte, in denen man innerhalb weniger Stunden um Jahre altert. Der Schreibtisch ein deprimierendes Endzeit-Szenario aus energiespendenden Limonadendosen, zerknüllten Zigarettenpackungen und einem Mundspray, der einem für wenige Sekunden die Illusion von Frische vermittelt. Während der Rest der Menschheit längst junge Weine verkostet, Salsa-Kurse besucht und mit seinen Partnern die Mülltrennungsproblematik diskutiert hatte, tippte ich den letzten Satz der Geschichte und stellte mir die Frage: „Warum?“ Man hätte diesen Auftrag nämlich, und zwar ohne größere Probleme, zu einem zivilisierten Zeitpunkt erledigen können – wenn man nur einen Hauch früher begonnen hätte. Die Psychologie zählt Typen wie mich zu den Opfern des Prokastinismus. Prokastinisten sind scharf auf diesen „Jetzt oder nie“-Zustand. Um ihn zu erreichen, zögern sie das Anstehende so lange wie möglich hinaus. Ich habe schon Bankbelege chronologisch geordnet und Fenster geputzt, um mich vor dem Dringlichsten zu drücken. Dinge allesamt, die man ansonsten nur unter Androhung von bösen Grobheiten ausüben würde. Der Tick, erst dann in die Gänge zu kommen, wenn man eine mentale Pistole an seiner Schläfe verspürt, gehört vor allem zum Krankheitsbild der Krea­tiven. Die Seelenforscher behaupten, dass wir Deadline-Junkies auch deswegen dermaßen Raubbau an unseren Stressressourcen betreiben, weil sie neben den Adrenalinstößen die beste Ausrede für mögliches Versagen präsentiert. So kann man sich später glaubhaft suggerieren, dass man die Angelegenheit um Qualitätsklassen besser über die Bühne gebracht hätte, wenn nur ein bisschen mehr Zeit gewesen wäre. Die Kulturgeschichte ist voll von genialen Prokastinisten: Mozart, F. Scott Fitzgerald, Fjodor Dostojewski, John Lennon, Manfred Deix.

Da ich nicht genial, sondern nur müde bin, stellte ich dem Universum in dieser heure bleue doch die Frage: „Wie lange hält man diese lustigen Adrenalin-Spielchen eigentlich so im Durchschnitt aus? Und ist es wirklich Zeit, erwachsen zu werden?“ Das Universum gab mir lakonisch die Lebenszeit von Mozart und Fitzgerald durch und flüs­terte dann: „Downshifting, Baby, der neue Trend der Arbeitswelt.“ „Hä?“ „Kurzzeitiges, aber häufigeres Aussteigen aus dem Produktionsprozess – bei verringerten Einnahmen, aber zugunsten von Lebensqualität, Sauerstoffversorgung und überhaupt. Und nichts steht einem Slobbie-Dasein mehr im Wege.“ „???“ „Slower, but better working people. Burn-out-Wracks fällt doch nichts mehr ein.“

Im Gegensatz zu den mehrjährigen Aussteigern, die in den neunziger Jahren voll im Trend lagen und von denen manche vor lauter ausufernder Selbstsuche nie mehr den Weg zurück gefunden haben, bleiben „Downshifter“ am Ball und im Blickfeld. Klingt eigentlich verdammt verlockend. Aber wie pflegen Wiens Taxler immer zu keppeln, wenn sie an Riesenbaustellen vorbeituckern: „Gnädigste, ich frag’ Sie: Wer soll des ollas bezahlen?“ Und die Gnädigste überlegte, dass vielleicht auch für ihre Pilates-Trainerin, den Psychotherapeuten des Vertrauens und die oft so leichtfertig eingesetzte Raumpflegeperle „Downshifting“ voll im Trend liegen könnte.

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