Fällt der Euro? Die zehn wichtigsten Fragen zum krisengeschüttelten Euro

Ein milliardenschwerer Rettungsschirm, Schulden in Billionenhöhe, Staaten am Rand der Pleite – wird das gut gehen? Wie können sich „kleine Sparer“ gegen die Katastrophe schützen – und kommt diese überhaupt? trend beantwortet die zehn wichtigsten Fragen zum Euro.

Von Franz C. Bauer und Michael Moravec

Dieser Tage eröffnen in Europa fünf neue Bankfilialen. An sich wäre das ja ein Non-Event, nicht wirklich berichtenswert. Auch, dass als Filialstandorte Amsterdam, Brüssel, Paris, Madrid und Mailand gewählt wurden, ist nicht weiter auffällig – in Frankfurt war das Institut ja bereits vertreten. Interessant ist aber der Finanzkonzern, der diesen Schritt im aktuell turbulenten Umfeld wagt: Es ist niemand Geringerer als die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), die größte Bank der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Unsicherheit über die Zukunft des Euro wieder zunimmt, setzt sich die ICBC demonstrativ in fünf Euro-Hauptstädten fest.

Der Sprung des mächtigen chinesischen Instituts ins Herz der Eurokrise hat Symbolcharakter. Damit beantworten die Chinesen jene Frage, die Anlegern derzeit besonders unter den Nägeln brennt, nämlich: „Wie geht’s weiter mit dem Euro?“, auf ihre Weise. Schwer vorstellbar, dass sich das Management dafür nicht das Okay der Staatsführung geholt hat. Und deren Botschaft lautet: Wir investieren in Euroland, wir vertrauen auf die Währung. China tut dies sogar mit direkten Investments. Als Käufer von Staatsanleihen angeschlagener Euroländer – unter anderem Spaniens – setzt die Volkswirtschaft mit den größten Devisenreserven mehrere Milliarden Dollar Richtung Euroland in Bewegung.

trend geht mit dieser Coverstory unter anderem der Frage auf den Grund, ob solche Aktionen geeignet sind, das Vertrauen in die europäische Gemeinschaftswährung wiederherzustellen. Die so häufig verwendete, eher diffuse Formulierung, „wie es denn nun mit dem Euro weitergeht“ und ob der Euro „umfällt“, haben wir in die zehn wichtigsten konkreten Fragen gefasst, die Sparer, Kreditnehmer und Politiker in diesem Jahr beschäftigen werden – unter anderem, was uns der Rettungsschirm kostet, was Fremdwährungskreditnehmer jetzt tun sollen und ob Österreich den Schilling wieder einführen kann.

Auffälligstes Merkmal des Vertrauensschwunds in die europäi­sche Währung ist deren Wertverlust gegenüber Franken und US-Dollar. trend geht in dieser Geschichte daher auch der Frage nach, warum das die Menschen im Euroraum eigentlich stören soll – und ob es sie überhaupt stören muss. Unübersehbar sind nämlich die positiven Folgen eines weicheren Euro: Deutschland als ökonomisches Zugpferd der EU und gleichzeitig ihr Hauptkreditgeber wird heuer voraussichtlich ein Wirtschaftswachstum von 2,4 Prozent erzielen. In einer Diskussion mit dem populistischen Schweizer Politiker und EU-Gegner Christoph Blocher erklärte der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, gleichzeitig Sprecher der Euro-Gruppe, es gebe keine Eurokrise, sondern eine Schuldenkrise. Ähnlich argumentierte auch der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy anlässlich seiner Neujahrsansprache: Er halte den Euro immer noch für überbewertet, ließ Sarkozy seine Landsleute wissen. Ein Blick auf die historische Entwicklung des Euro (siehe Chart) scheint dem Franzosen Recht zu geben.

Doch wurde die von Juncker angesprochene Schuldenkrise nicht längst zu einer Eurokrise? Und wird diese nicht doch zum Untergang der Europa-Währung führen? Provokante Thesen dazu formuliert der Schweizer Vermögensberater und ebenso prominente wie erfolgreiche Hedgefondsmanager Felix W. Zulauf. Er prognostiziert den Untergang des Euro binnen 15 Jahren nach dessen Start, sollten sich nicht bestimmte politische Rahmenbedingungen ändern.

Sogar für das Worst-Case-Szenario
– das die meisten europäischen Ökonomen für unwahrscheinlich halten – gibt es Lösungen, die es Anlegern und Sparern ermöglichen, wenigstens einen Teil des Ersparten über die Katastrophe zu retten. Kann dieses Szenario eintreten – und wer wünscht sich das? Immer wieder werden ja in Euroländern Austrittswünsche und der Ruf nach der „alten Währung“ laut. Politiker wie der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso wollen solchen Schritten mit der Vergrößerung des Euro-Rettungsschirms vorbeugen. Deutschland als Hauptzahler ist davon nicht begeistert. Bundeskanzlerin Angela Merkel vertritt hier die Linie ihres Finanzminis­ters, der befürchtet, solche öffentlich geäußerten Überlegungen könnten die Finanzmärkte weiter verunsichern.

Urängste.
Krisen wie diese wecken Urängste. Der – zu Jahresbeginn ins Stottern geratene – Höhenflug des Goldpreises und der Immobilienboom sind untrügliche Anzeichen dafür, dass diese 2008 durch die globale Finanzkrise ausgelösten Ängste noch immer sehr präsent sind. Daran wird sich in den kommenden Jahren wenig ändern, befinden sich doch gleich mehrere Euroländer – neben Irland und Griechenland auch Spanien, Portugal und Italien (PIIGS-Länder) – in budgetärer Schräglage. Spaniens Ministerpräsident Zapatero erklärte vergangenen Dezember vor dem Parlament, sein Land werde fünf Jahre brauchen, um sich von der Schuldenkrise und dem Platzen der Immobilienblase zu erholen.

Allein 2011 benötigen die 17 Euroländer 1300 Milliarden Euro zur Refinanzierung ihrer Schulden, und 40 Prozent davon müssen in die PIIGS-Länder fließen. Harte Sparprogramme sollen dort Staatspleiten verhindern, lösen aber teils gewalttätige Demonstrationen gegen Steuererhöhungen und Sozialkürzungen aus. Karl Aiginger, Chef des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts, ist der Meinung, dass sich Schuldennachlässe für Länder, bei denen die Staatsverschuldung das Bruttoinlandsprodukt übersteigt, langfristig nicht vermeiden lassen. Aber kann ein Euroland überhaupt pleitegehen? Und was geschieht dann?

1. Kann ein Euroland pleitegehen?

Argentinien und russland haben es bereits vorexerziert: Nicht nur Privatpersonen und Unternehmen, auch Staaten können pleitegehen. Und selbstverständlich auch Euroländer.

Vorweg: Griechische Euromünzen werden auch weiter als Zahlungsmittel akzeptiert, selbst wenn Hellas in die Pleite schlittern sollte. Dass man ein Zahlungsmittel aus Griechenland in der Hand hält, wird dem Konsumenten ohnehin erst durch die nationale Rückseite der Münze klar. Aber: Selbstverständlich können auch Länder pleitegehen. Historische Beispiele auch aus jüngerer Vergangenheit gibt es genug – und stets sind sie voll Dramatik und unkontrollierbarer Wendungen. Zuletzt erwischte es Argentinien: Noch im Herbst 2001 erklärte Präsident Fernando de la Rúa, sein Land werde seinen Zahlungsverpflichtungen selbstverständlich nachkommen, und verkündete höhere Steuern und einen eisernen Sparkurs – ehe er am 21. Dezember zurücktrat. Zwar gab der Internationale Währungsfonds (IWF)noch rasch bekannt, dem südamerikanischen Land Schulden stunden zu wollen, doch vergebens. 13 Tage und vier (!) Präsidenten später verkündete Eduardo Duhalde am 3. Jänner 2002 die Zahlungsunfähigkeit. Die Argentinier konnten ihre Schulden nicht mehr begleichen. In der Folge kollabierten die Banken, und die Wirtschaft versank in einer schweren Rezession mit 23 Prozent Arbeitslosigkeit. Der Grund für das Desaster erinnert durchaus an Griechenland oder Portugal: Die Währung, der Neue Peso, war zu hart. 1989 wertete Brasilien den Real ab, wähend der Peso 1:1 an den US-Dollar gekoppelt blieb. Die Folge: Investitionen wanderten nach Brasilien, die Konkurrenzprodukte der Gauchos wurden im Ausland zu teuer. Die Konjunktur brach ein.
Selbst der Rohstoffriese Russland konnte 1998 seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen, was auch einige namhafte österreichische Banken an den Rand einer Existenzkrise gebracht hat. Sinkende Rohöl-Exporterlöse wegen deutlich niedrigerer Ölpreise belasteten den Staatshaushalt schwer. Investoren verloren ihr Vertrauen und zogen zeitweise mehr als eine Milliarde Dollar pro Woche aus Russland ab. Ein IWF-Kredit half nur kurzfristig, wenig später folgte die Zahlungsunfähigkeit, die im Falle Argentiniens wie Russlands mittels „Haircut“ gelöst wurde: Alle Investoren, von Staaten bis Privatanlegern, mussten Haare lassen. Je nach Gläubiger wurden vom Nennwert der Anleihen zwischen 20 und 80 Prozent wegrasiert.
Die Vorgänge klingen sehr vertraut, nur die Namen haben sich geändert: Auch das Euroland Griechenland ist de facto pleite, da es sich aus eigener Kraft nicht mehr refinanzieren kann und mithilfe der anderen Euroländer aufgefangen werden musste. Mittels dieser Garantie und Direktzahlungen kann sich Griechenland – unter harten Sparauflagen – weiterhin im Euroraum und beim IWF verschulden. Sonst stünde Griechenland heute dort, wo Argentinien und Russland bereits waren. Es gibt kaum Regeln für die Insolvenz von Staaten, unterstreicht Stefan Bruckbauer, Chefvolkswirt der Bank Austria. Es komme vor allem darauf an, ob ein Land von sich aus die Zahlungsunfähigkeit erkläre oder ob strukturierter vorgegangen werde. Im Falle Griechenlands sehe es derzeit danach aus, dass die Kreditgeber innerhalb der nächsten drei Jahre auf etwa 30 Prozent ihrer Außenstände verzichten müssten. Einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro hält Bruckbauer dagegen für sehr unwahrscheinlich: „Dann hätte Griechenland nur sehr wenig Solidarität von der EU zu erwarten.“ Dazu käme ein immenser Abfluss von Liquidität durch Unternehmen und private Sparer, was die Krise weiter verschärfen würde. Und auch ein bereits ins Gespräch gebrachter Rückschritt der Problemstaaten in die Vorstufe EWS (Europäisches Währungssystem) mit der Möglichkeit zur Abwertung schließt Bruckbauer aus: „Das wäre der Grundstein für das Ende des Euro.“ Auch der deutsche Star-Ökonom Hans-Werner Sinn hält den Euro für „nicht rückabwickelbar“. Das wäre allenfalls eine Lösung für Griechenland. Sonst für niemanden. Fazit Die EU wird weder Griechenland noch ein anderes Euroland in eine unstrukturierte Pleite schicken. Die Retter müssen dafür aber zahlen.

2. Wie stehen Portugal, Irland, Griechenland und Spanien wirklich da?

Sanierung nach maß. Die Krisenländer der EU sind völlig unterschiedlich positioniert. Deshalb sind die Wege aus der Krise – und auch deren Risiko – nicht vergleichbar.

Sie werden ein wenig despektierlich PIGS genannt: Portugal, Irland, Griechenland und Spanien. Manche erweitern diesen wenig angesehenen Kreis auf PIIGS und zählen noch Italien dazu. Gemeinsam ist diesen Euroländern, dass die finanzielle Situation mit der Beschreibung „wenig erfreulich“ zusammenzufassen ist. Mehr haben sie nicht miteinander zu tun. Die Ursachen für die Malaise sind völlig unterschiedlich. Griechenland hat durch das weitgehende Ignorieren der grassierenden Steuerhinterziehung bei gleichzeitig ständig steigenden Ausgaben enorme Staatsschulden angehäuft, die derzeit bei rund 110 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung liegen. Laut Berechnung des Magazins „Economist“ wird dieser Schuldenberg – trotz EU-Hilfen – in den nächsten Jahren auf 165 Prozent des BIP ansteigen. Eine Umschuldung mit einem substanziellen Verzicht der Gläubiger gilt daher unter Volkswirten als unumgänglich. Irland hingegen kämpft mit den Folgen einer Banken- und Immobilienblase. Allein die Generalgarantie des irischen Staates für seine maroden Geldinstitute macht heuer eine Neuverschuldung von 32 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes notwendig. Die Struktur der Ökonomie selbst gilt jedoch als weitgehend gesund. Portugal wiederum leidet an einer klassischen Wachstumsschwäche, während die finanzpolitischen Fundamentaldaten gar nicht so übel sind. Die Gesamtverschuldung wird sich in den kommenden Jahren wie bei Irland zwischen 80 und 100 Prozent des BIP bewegen – das AAA-bewertete Österreich ist da mit etwa 72 Prozent nicht so weit weg. Spanien liegt mit rund 60 Prozent Schuldenstand sogar noch viel besser. Doch gerade von Madrid geht nach Ansicht von Analysten und Fondsmanagern die wirkliche Gefahr aus: Denn während Griechenland, Irland und Portugal jeweils nur rund zwei Prozent zum Euro-BIP beitragen, sind es im Falle Spaniens immerhin schon elf Prozent. Die Staatsverschuldung liegt mit weniger als 60 Prozent deutlich unter der Österreichs. Das Problem des großen iberischen Landes ist eine gewaltige Immobilienblase, die viele kleinere Sparkassen – vor allem auf Provinzebene – mitreißen könnte. Jahre­lang haben Lokalpolitiker Druck auf die Ins­titute ausgeübt und Milliarden in Hotel- und Golf­anlagen, Flugplätze und Infrastruktur gepumpt – Anlagen, die nun, auch Jahre nach Projektbeginn, als Rohbau vor sich hin rosten und bröckeln und dementsprechend auch keine Einnahmen bringen. Die geplante Konsolidierung des Haushalts hat Spanien allerdings sogar übererfüllt: Das sollte also nicht das Problem sein, meinen Mildred Hager und Birgit Niessner in einer Analyse der Erste Bank. Schon mehr ins Gewicht fallen da die mit der Immobilienblase einhergehende hohe private Verschuldung, kombiniert mit einer Arbeitslosigkeit von rund 20 Prozent, die dem Staat immens hohe Sozialkosten aufbürden. Spanien habe also eher eine selbsterfüllende Prophezeiung zu befürchten als Probleme, die auf echten Schieflagen beruhen. „Erst wenn die internationalen Investoren befürchten, Spanien könnte ein Problem bei der Bedienung seiner Schulden bekommen, bekommt Spanien ein Problem mit seinen Schulden“, zitiert die Erste Bank den anerkannten Experten Jordi Gali. Fazit: Eine Griechenland-Krise sowie irische Überraschungen müssen sich bei klugem Schuldenmanagement nicht weiter auf Portugal oder gar Spanien ausweiten.

3. Wer zahlt fur den Rettungsschirm?

In letzter Minute. 750 Milliarden Euro stellten Eurostaaten, EU-Kommission und EU-Staaten für den Rettungsschirm zur Verfügung – ohne die Hilfen an Griechenland.

Der Rettungsschirm der Eurostaaten wurde für angeschlagene Mitgliedsländer der Währungsunion nach den Erfahrungen mit Griechenland errichtet. Vorerst gilt der Rettungsschirm bis 2013 und soll dann von einem ständigen Rettungsmechanismus abgelöst werden, an dem zurzeit aber noch gearbeitet wird. Von den nominell 750 Milliarden Euro tragen die EU-Staaten je nach Größe zusammen 440 Milliarden, der Internationale Währungsfonds 250 Milliarden und die EU-Kommission 60 Milliarden bei. Österreich ist derzeit nominell mit 2,86 Prozent, also 12,24 Milliarden an den Haftungen beteiligt. Allerdings stehen die 750 Milliarden nicht uneingeschränkt zur Verfügung: Da nicht alle EU-Staaten über das Top-Rating AAA verfügen, muss ein Teil des Geldes bei Kreditaufnahme als Sicherheit hinterlegt werden, um auch für die Kredite die niedrigstmöglichen Zinssätze zu erhalten. Experten gehen davon aus, dass von den 440 Milliarden der Euroländer faktisch nur 250 Milliarden zur Verfügung stehen, was die Gesamtsumme auf 560 Milliarden Euro verringern würde. Noch nicht in dieser Rechnung enthalten sind die 110 Milliarden Euro, die aus den Euroländern nach Griechenland flossen. Auf Österreich entfielen bisher 790 Millionen Euro, die letzte Rate wurde diesen Jänner überwiesen, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums. Man gehe davon aus, dass es sich wie vereinbart um Darlehen handle. Ein „Haircut“ in der Höhe von 30 Prozent würde Österreich allein aus diesem Titel 240 Millionen Euro kosten. Experten gehen davon aus, dass zusätzlich auch einige österreichische Banken noch ordentliche Abstriche von ihren Forderungen machen müssten sowie die Oesterreichische Nationalbank, die als Hilfsmaßnahme griechische Anleihen in unbekanntem Ausmaß gekauft hat. Insgesamt könnten so die Kosten einer Griechenland-Pleite für Österreich locker auf mehr als eine Milliarde Euro anschwellen, meinen Experten. Einer Ausweitung des Rettungsschirms steht Österreich – wie Deutschland – negativ gegenüber. Fazit: So wie derzeit von der Regierung dargestellt, wird vor allem die Griechenland-Pleite (nicht im Rettungsschirm enthalten) Österreich doch einiges kosten. Im Falle Irlands ist das noch nicht absehbar.

4. Wem schadet ein schwacher Euro?

Eine Frage des Standpunkts. Es mag stimmen, dass der Euro im Zuge der Eurokrise gegenüber dem Dollar an Wert verloren hat. Doch längerfristig betrachtet ist er weiter ein Muskelpaket.

Als die ersten Euros zum Jahreswechsel 2001/2002 aus den Bankomaten kamen, bekam man für einen Euro nicht ganz einen Dollar – ein Wert, der auch zu Schilling-Zeiten oft erreicht und übertroffen wurde, ohne dass der Alpendollar deswegen als „weich“ bezeichnet wurde. Heute bekommt man trotz Krise im Schnitt pro Euro 1,30 bis 1,40 Dollar – also eine Aufwertung der Einheitswährung von 75 Prozent. Bei der „Konstruktion“ des Euro waren die Notenbanker von einem „idealen“ Wechselkurs von 1:1 zwischen Dollar und Euro ausgegangen – plus/minus 30 Prozent an Schwankungen, jeweils entsprechend den wirtschaftlichen Entwicklungen dies- und jenseits des Atlantiks. Die US-Notenbank war und ist immer an einem weichen Dollar interessiert: Das erleichtert den Export der dadurch billigeren Waren – eine Wohltat für die chronisch defizitäre Leistungsbilanz der Amerikaner. Die Praxis, die Washington Peking vorwirft – nämlich die eigene Währung künstlich tief zu halten –, verfolgen die US-Finanzminister und Notenbanker gegenüber Europa schon seit Jahrzehnten. Was den Exporteuren aus dem Euroraum hilft – ein schwächerer Euro, was seinen externen Wert betrifft –, kann sich allerdings für die Konsumenten zum Teil negativ auswirken. So wird vor allem Energie – also Rohöl und Erdgas – in Dollar abgerechnet. Wird der Euro „billiger“, wird ­Energie teurer. Und diese „importierte Inflation“ zieht sich dann durch alle Lebensbereiche, denn die Kosten für den Transport von Gütern finden so gut wie in alle Kalkulationen ihren Eingang. Ebenso wichtig ist aber der „innere Wert“ des Euro: Als schwache Währung könnte er auch gelten, wenn er durch hohe Inflation an Kaufkraft verliert. Trotz hoher Geldmengen im Umlauf sehen Experten diese Gefahr allerdings derzeit nicht. Fazit: Das Gerede vom schwachen Euro ist Unsinn. Trotz Krise ist er gegenüber den meisten ausländischen Währungen im Wert gestiegen, und Inflation ist derzeit ebenfalls keine in Sicht.

5. Wer profitiert vom Währungskrieg?

Devisen. Trotz internationalem Druck weigert sich China standhaft, den Yuan aufzuwerten. Der Euro ist nur Nebenfront – und indirekter Gewinner.

Es herrscht Krieg auf dieser Welt. Die AG Kriegsursachenforschung der Universität Hamburg zählte 2010 immerhin 32 Konflikte, die mit Waffengewalt ausgetragen wurden. Aber es gibt auch einen globalen Weltkrieg, der täglich still und leise auf den Bildschirmen der Handelsräume großer Banken und Börsen stattfindet: Immer häufiger berichten auch die Medien über den globalen Währungskrieg. Leicht möglich, dass dieser lang eingespielte Gleichgewichte verändert und
zu einer dramatischen Umverteilung der Macht führt.
Hauptakteure dieses Währungskriegs sind die USA und China, ein wichtiger Nebenschauplatz ist Europa. Jahrelang befanden sich die USA in einer höchst komfortablen Position: Sie konnten sich praktisch unbegrenzt verschulden, da der Dollar als unbestrittene Weltwährung galt. Praktisch alle Länder hielten ihre Währungsreserven in Dollar. Rohstoffe, Edelmetalle und Energieträger wie etwa Erdöl werden (bis heute) in Dollar abgerechnet. Zwar führte das ständige Drucken von Dollars zu einer laufenden Abwertung der Währung, den USA aber war das egal, da das Land bis in die siebziger Jahre nur einen sehr geringen ­Außenhandel betrieb. Immer höhere Budgetdefizite waren da kein Problem, man konnte diese ja leicht finanzieren.
Doch die Lage hat sich radikal geändert. Der Außenhandel und damit entsprechende Exporterfolge werden immer wichtiger, seit die aufkommende Konkurrenz durch China den US-Finanzministern immer größere Sorgen bereitet. Das Reich der Mitte ist für die USA nicht nur Hauptlieferant für importierte Konsumgüter, es stieg auch zum wichtigsten Schuldner der USA auf. Per Ende September 2010 besaßen die Chinesen bereits 2200 Milliarden US-Dollar – überwiegend US-Staatsanleihen – als Währungsreserve, Tendenz: weiter steigend. Gleichzeitig aber halten die Chinesen ihre Währung bewusst niedrig, um dadurch auf dem Weltmarkt billiger anbieten zu können. Dies ist für sie kein Problem, weil der Yuan nicht zu den frei konvertiblen Währungen zählt, auf den Devisenmärkten im Gegensatz zu Euro und Dollar also nicht gehandelt werden kann. Vielmehr dekretiert die chinesische Zentralbank den jeweiligen Wechselkurs – und der ist, so die Kritik der USA, viel zu tief. Daher überschwemmen die Chinesen die USA dank niedrigstem Lohn- und Währungsniveau mit billigen Waren, vergrößern deren Handelsdefizit, schaden US-Produktionsunternehmen und zwingen die USA, zur Finanzierung der Folgen dieses Währungskriegs weitere Anleihen zu begeben, die die Chinesen dann wieder kaufen. Damit ist China der Hauptprofiteur dieser nur scheinbar virtuellen Schlacht: Die Exporte florieren, und als größter Gläubiger der USA wächst auch die politische Macht der Volksrepublik China.
Europa spielt hier eher eine Nebenrolle: Im Schatten des Gigantenkampfs Dollar gegen Yuan verlor der Euro gegenüber den meisten anderen Währungen – neben dem Dollar auch gegenüber dem Schweizer Franken und japanischen Yen – an Boden. Auslöser dafür war einerseits die Bankenkrise, aber auch die hohen Staatsschulden von Griechenland, Portugal, Spanien, Irland und Italien. Die Meinungsverschiedenheiten der europäischen Finanzminis­ter über den Umgang mit der Krise – und wohl auch die Befürchtung, der Euro-Rettungsschirm könne nicht reichen – schwächten die Europa-Währung zusätzlich. Das allerdings hat einen höchst positiven Nebeneffekt: Es stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der exportorientierten Euroländer. Davon profitiert vor allem Deutschland und in weiterer Folge – als Zulieferer, aber auch als Anbieter hier produzierter Waren – Österreich. Unternehmen wie Andritz, AT&S, Mayr-Melnhof und Semperit zählen damit zu den Währungsgewinnern. Fazit: China wird aus dem weltweiten Währungskrieg als mächtigstes Land der Erde hervorgehen. Der schwache Euro ermöglicht Industrieunternehmen aus dem Euroraum nie da gewesene Exportrekorde.

6. Was tun mit Fremdwährungskrediten?

Die Sache hat erfolgversprechend begonnen. Wer 2002 ein Haus oder eine Eigentumswohnung erwarb, finanzierte diese meist mit einem Fremdwährungskredit. Manche Geldinstitute berichten, dass mehr als 80 Prozent des Geschäfts auf diese Weise liefen. Die Zinsen für so einen Kredit lagen – je nach Bonität – um zwei bis drei Prozent unter jenen eines Eurokredits, an Änderungen der Wechselkurse oder gar Währungsspekulation dachte niemand. Bis 2008 ging die ­Sache gut. Weder Zinsabstand noch Währungsparitäten von Franken oder Yen zum Euro änderten sich nennenswert.
Doch dann stürzte der Euro gegenüber dem Franken ab – manche Kreditnehmer standen plötzlich mit einem Viertel höheren Schulden da. Das Ungemach kam gleich von zwei Seiten: Die meisten dieser Kredite wurden endfällig abgeschlossen: Statt der Rückzahlung sparen die Kreditnehmer hier auf einen so genannten „Tilgungsträger“ an – in der Hoffnung, dass dieser (meist ein Anleihen- oder Mischfonds) durch seinen Wertzuwachs die Schulden weiter verkleinert. Doch auch hier machte die Krise einen Strich durch die Rechnung. Die meisten Tilgungsträger entwickelten sich unter den Planrechnungen. Die Folge: Nationalbank und Finanzmarktaufsicht haben den Banken mehr als dringend empfohlen, keine Fremdwährungskredite mehr zu vergeben. Aber was sollen nun jene tun, die schon einen laufen haben?
Reinhard Aumann, Leiter der Vertriebsdirektion Wohnbau in der Erste Bank, rät erst einmal zu einer Bestandsaufnahme: „Da muss man drei Fragen stellen: Wann sind Sie eingestiegen? Wie lang läuft der Kredit schon, sprich wie lange genießen Sie bereits den Zinsvorteil? Und wie hat sich der dahinter liegende Tilgungsträger entwickelt?“
Kreditnehmer sollen zunächst einmal berechnen lassen, wo sie tatsächlich stehen. Wer im Plus ist oder nur leicht im Minus, solle Aumanns Meinung nach aussteigen – ein Rat, den auch zahlreiche andere Banken geben. „Dabei sind aber Währungsentwicklung und Zinsvorteil zu berücksichtigen. Wer den Zinsvorteil schon lang lukriert, hat einen entsprechend größeren Spielraum, die Währungsverluste aufzufangen“, so der Kreditexperte. Doch nach seiner Beobachtung sind zahlreiche Kredite „unter Wasser“. Auch hier rät Aumann keineswegs zu überstürztem Rückwechseln. Drei Strategien bieten sich an:
Erstens: die Umstellung endfälliger Kredite auf Ratenkredite mit laufender Rückzahlung. Damit sinkt die Fremdwährungsschuld ständig, durch die kontinuierliche Rückzahlung kommen die Kreditnehmer zusätzlich in den Genuss von Durchschnitts-Wechselkursen, die unangenehme Zacken ausgleichen. Eine ähnliche Strategie wenden Anleger mit umgekehrtem Ziel bei Fondssparprogrammen an. Zweitens: Läuft der Tilgungsträger gut, kann auch die Ansparleistung erhöht werden. Den Spielraum dafür liefern die auch in Franken und Yen gegenüber dem Zeitpunkt der Kreditaufnahme deutlich gesunkenen Zinsen. Schließlich können Kreditnehmer aber auch ein Limit festsetzen, also einen Wechselkurs, bei dem sie in die eigene Währung zurückwechseln würden, wenn der Verlust nicht mehr allzu groß ist. Angenehm niedrig sind nämlich auch die Eurozinsen. „Ich glaube nicht, dass sich das bald ändern wird“, meint Valentin Hofstätter, Zinsanalyst der Raiffeisen Bank International. Da der 3-Monats-Euribor – jener Zwischenbank-Zinssatz, an dem sich die Verzinsung zahlreicher Kredite orientiert – dem von der Europäischen Zentralbank festgelegten Leitzins meist sklavisch folgt, gilt diese erfreuliche Prognose auch für die Kreditzinsen. Fazit: Wer mit seinem Fremdwährungskredit noch im Plus liegt, soll zurückwechseln. Umstellung auf Raten oder höhere Ansparleistung im Tilgungsträger sind andere Varianten. Nur Risikofreudige sollten auf eine Gegenbewegung im Franken spekulieren.

7. Gold, Immobilien, Sparbuch - was schützt vor einem Euro-Crash?

Euro-Auswege. Dass Staatsanleihen nicht immer sicher sind, zählt zu den bitteren Erfahrungen der Krise. Doch es gibt sehr interessante Alternativen.

So sicher wie ein Sparbuch. Oder wie eine Anleihe. Vor drei Jahren hätte sich bei diesen Sätzen niemand etwas gedacht. Dann kamen Lehman-Konkurs, Bankenkrise, Griechenland-Pleite. Als sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Konkurs der US-Investmentbank Lehman Brothers dann noch mit der Wortspende, die Sparbücher seien nicht gefährdet, meldete, brachen die Dämme. „Die Leute haben wie die Verrückten Geld abgehoben und sind mit riesigen Beträgen nach Haus gelaufen. Wenn die Nationalbank nicht ständig Bargeld angeliefert hätte, dann hätten wir nicht mehr auszahlen können“, erinnert sich ein Banker an die bisher kritischsten Tage des europäischen Finanzsystems. Das war im Oktober 2008. Die eilig ausgesprochene unbeschränkte Staatsgarantie für Sparbücher verhinderte das Schlimmste, doch geblieben ist die Frage: Was ist in diesem Umfeld „sicher“? Eine Antwort der Anleger findet sich im Verlauf des Goldpreises. Der Unzenkurs weist seit Ausbruch der Krise steil nach oben. Für Christoph Kraus, den Vorstandsvorsitzenden des Bankhauses Kathrein, ist das aber keine Lösung: „Gold war über Jahrzehnte eine ausgesprochen schlechte Anlageform.“ Allerdings, so räumt Kraus ein, sollte die Katastrophe in Form einer Währungsreform eintreten, behalte diese Anlage immerhin einen Wert. „Mit einer solchen Katastrophe rechnen wir zwar nicht, aber man versichert sich ja auch gegen Diebstahl und bleibt in den meisten Fällen verschont.“ Gerade für die von Kathrein beratenen großen Vermögen und Stiftungen hat ­Sicherheit höchste Priorität, und so findet sich in deren Asset Allocation – die übrigens im Kathrein Arche-Noah-Fonds abgebildet ist – eben auch Gold. Ähnliches wie für edle Metalle gelte auch für Immobilien. „Sollte es tatsächlich zu einer größeren Krise kommen, dann ist mit einer strengen Regulierung der Mieten zu rechnen. Damit geraten die Immobilien-Renditen weiter unter Druck“, so Kraus. Dennoch sollten Immobilien in einem „Krisenportfolio“ nicht fehlen. Kathrein deckt diese Komponente im Portfolio über ausländische Immobilienfonds ab. Die selbst genutzte Eigentumswohnung stellt in diesem Zusammenhang immer noch die beste Investition dar. Auch zu Wertpapieren rät der Experte: „Wir veranlagen zu 75 Prozent in Anleihen und zu 25 Prozent in Aktien.“ Bei den Anleihen dominieren einerseits Papiere von wenig verschuldeten Staaten außerhalb des Euroraums wie etwa Norwegen, Kanada, der Schweiz und Australien. Auch österreichische und deutsche Staatsanleihen finden sich im Portfolio. Zahlreiche Vermögensberater setzen aber auch auf Aktien. Gefragt sind vor allem solide Blue Chips, also große Unternehmen mit prominenten und daher wertvollen Markennamen. Hier dürfen es durchaus Konzerne aus den Industrienationen sein: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es nach einem Euro-Crash kein Coca-Cola mehr geben sollte oder dass ­Nestlé, Unilever, Pfizer, Siemens, Microsoft und zahlreiche andere Multis von der Bildfläche verschwinden. Solche Unternehmen überdauern – wie ja auch die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre gezeigt hat – selbst schwerste Turbulenzen. Bevorzugen sollten Anleger vor allem Unternehmen, die in den BRIC-Staaten Brasilien, Indien, China oder Russland vertreten sind. Fazit: Gold und Immobilien sollten eher als „Versicherungsanteil“ im Portfolio betrachtet werden. Ausgewählte Aktien und Anleihen können sich hingegen als gute Krisenwährung erweisen.

8. Kommt die Europa-Anleihe?

Gemeinsamer markt. Was wäre, wenn alle Euroländer ­zusammen eine Anleihe begäben? Es gibt gute Gründe, die für so eine Lösung sprechen. Man könnte diese auch originell gestalten.

Die Welt ist ungerecht. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, lässt sich aber mit simplen Zahlen untermauern – zum Beispiel mit den Renditen von Staatsanleihen Deutschlands und der USA. Die Vereinigten Staaten zählen zu den hoch verschuldeten Ländern, importieren mehr, als sie exportieren und leiden unter einem chronischen Handelsbilanzdefizit. Deutschland übt hingegen größere Budgetdisziplin und fährt überdies einen Handelsbilanzüberschuss ein. Die Renditen deutscher Staatsanleihen liegen bei 3,2 Prozent, jene der Ami-Papiere bei 3,4 Prozent – praktisch gleichauf.
Ein Grund dafür liegt in der unterschiedlichen Dimension der beiden Anleihenmärkte – jener der USA ist wesentlich größer. Eine besondere Rolle spielen aber auch die unterschiedlichen Wachstumsaussichten: auf der einen Seite die USA mit positiven Prognosen, auf der anderen Seite die Eurozone mit weit auseinanderklaffenden Konjunkturszenarien und ganz unterschiedlichen Zinsniveaus. Eine von Politikern und Notenbankern noch nicht in Erwägung gezogene, aber originelle Lösung, die einerseits alle Staaten zu mehr Budgetdisziplin zwingen würde und andererseits die Zinsen für die „Euro-Sünder“ wie Griechenland, Irland und Portugal drücken könnte, wäre die Einführung einer „bevorrechteten Euro-Anleihe“ mit für Anleger besonders sicheren Haftungen. ­Diese könnte sogar länderweise Unterschiede berücksichtigen, indem alle Euroländer die Europa-Anleihe eben als „bevorrechtete Forderung“ akzeptieren würden. Für zusätzliche Schulden wären dann aber höhere Zinsen zu bezahlen. Damit würde sich das Zinsniveau in Deutschland und Österreich vermutlich kaum ändern. Doch Politiker beider Länder befürchten das Gegenteil – daher wird es die globale Euro-Anleihe nicht geben. Fazit: Eine gemeinsame Anleihe aller Eurostaaten könnte auch so konstruiert werden, dass nicht die Länder mit hoher Budgetdisziplin für die Sünder bezahlen. Sie wird aber dennoch am Widerstand Deutschlands scheitern.

9. Können wir den Schilling wieder einführen

Währungsnostalgie. Viele träumen von einer Rückkehr zum Schilling. Dessen aktuelle Kaufkraft würde allerdings für so manche Überraschung sorgen.

Jaja, der gute alte Schilling. Wer hat nicht noch da und dort in Laden und Fächern Münzen aus der „alten Zeit“? Können wir die nicht wieder zum Zahlungsmittel machen? Die klare Antwort darauf lautet: Theoretisch ja – aber sollten wir uns das wirklich wünschen? Technisch gesehen ist ein Austritt aus der Währungs­union kein Problem. Da ein direkter Austritt in den Maastricht-Verträgen nicht vorgesehen ist, die EU-Verträge einen solchen aber kennen, müsste Österreich zunächst aus der EU austreten und dann gleich wieder einen Aufnahmeantrag stellen. Dieser müsste mit einem Euro-Vorbehalt versehen sein, wie ihn etwa Dänemark hat, da die Teilnahme an der gemeinsamen Währung bei Erfüllung der Kriterien an sich obligatorisch ist. Als Nettozahler wären wir dort sicher trotzdem willkommen. Und dann? Der Schilling wäre nicht wiederzuerkennen. Der deutsche Versicherungskonzern Allianz ermittelte kürzlich die Kaufkraft eines Euro im Vergleich zum Start der Währung. Demnach wäre der deutsche Euro nur noch 78 Cent wert – für Österreich sieht es vermutlich ähnlich aus. Die Inflation eingerechnet, würde das bedeuten, dass ein ehemaliger Alpendollar nur noch den Gegenwert von rund fünf Cent besäße. Das neue alte Zahlungsmittel wäre aber sofort bedroht: Als „kleine“ Währung würde es zum bevorzugten Ziel von Spekulanten und Hedgefonds. Heftige Schwankungen, die der exportierenden Industrie schaden würden, wären die unvermeidliche Folge. Fazit: Theoretisch ließe sich ein Umstieg ­zurück zum Schilling bei gleichzeitiger EU-Mitgliedschaft verwirklichen. Damit würde der Schilling allerdings zum leichten Spielball von Währungsspekulanten.

10. Ist auch Österreich pleitegefährdet?

zeitbombe. Mit dem jüngst vorgelegten Budget haben
die Regierungsparteien den Zeitzünder zwar etwas nach hinten gedreht, doch entscheidend sind die nächsten Jahre.

Die Antwort auf diese letzte und für uns alle wohl wichtigste Frage lautet: theoretisch ja, praktisch nein. Bernhard Felderer, Chef des ­Instituts für Höhere Studien (IHS), präzisiert: „Die Probleme, die wir in Europa sehen, rühren daher, dass es einige Länder mit der Verschuldung nicht ernst genommen haben, und Österreich zählt ja auch zu den notorischen Sündern. Wir haben es aber zum Glück nicht so weit getrieben wie andere. Die Regierung hat ein Budget vorgelegt, das die Finanzmärkte für drei bis vier Jahre beruhigen wird.“ Aber – was geschieht in weiterer Zukunft? Eine wenig beruhigende Prognose kommt von der Bonitätsbewertungsagentur Standard & Poor’s. Noch zählt Öster­reich ja zum exklusiven Klub jener 14 Staaten, die sich des Top-Ratings „triple A“ erfreuen und daher für ihre Schulden die niedrigsten Zinsen zahlen müssen. Doch S&P warnte Österreich Ende vergangenen Jahres, spätestens in zehn Jahren drohe der Verlust des Spitzen-Ratings AAA. Explizit nannte S&P das Pensionssystem, das zum Mühlstein für das Budget werden könnte. Tatsächlich steht Österreich mit seiner Verschuldung im internationalen Vergleich gar nicht schlecht da. 2008 belief sich diese auf 176,8 Milliarden Euro oder 62,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also nur knapp mehr als die im Maastricht-Vertrag geforderten 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. 2009 waren es dann aber schon 185,2 Milliarden oder 68,5 Prozent, und nach Schätzungen des Finanzministeriums dürften unsere Schulden 2010 bereits 198,4 Milliarden erreicht haben, heuer wächst der Schuldenberg auf 208,9 Milliarden. Und ­diese Zahlen spiegeln leider noch nicht einmal die ganze Wahrheit wider. Neben dem ständig wachsenden Betrag, den der Staat zuschießen muss, damit das Pensionssystem nicht kollabiert, gibt es zwei weitere Sünder, die das Land in die Tiefe ziehen könnten: die ÖBB und die Autobahn-­Finanzierungs-gesellschaft Asfinag. Beide sind ausgegliederte Wirtschaftskörper, ­deren Schulden sich nicht in der Defizit­berechnung finden, für die aber der Bund haftet. In konkreten Zahlen sieht das so aus: Zwischen 2002 und 2008 stiegen die Bundeszuschüsse zu den Pensionen um insgesamt 1,3 Prozent. Zwischen 2008 und 2014 werden es voraussichtlich bereits 40,8 Prozent sein. Ohne scharfe Einschnitte würde allein dieser Budgetposten zur letztlich unfinanzierbaren Belastung. Hinzu kommen die außerbudgetären Schulden des Bunds. Der Schuldenstand der ÖBB dürfte heuer auf 20 Milliarden Euro anwachsen, die Asfinag trägt zu diesem Schuldenberg weitere rund zwölf Milliarden bei, und die Bundesimmobiliengesellschaft steht mit weiteren rund 3,7 Milliarden in der Kreide. Bundeshaftungen eingeschlossen, bewegt sich der Schuldenstand der Republik damit auf 100 Prozent des BIP zu – womit wir griechische Dimensionen erreicht hätten. Um die Pleitegefahr Österreichs abschätzen zu können, reicht es also, aufmerksam die Medien zu verfolgen. Wann immer Politiker oder Manager Lösungen für das Pensionssystem hinausschieben und der Bundeszuschuss schneller wächst als die Wirtschaft und wann immer die Schulden von Asfinag und ÖBB weiter wachsen, sind wir der Staatspleite einen Schritt näher ­gekommen. Fazit: Akut besteht keine Gefahr. Doch ­Pensionssystem, ÖBB und Asfinag sind die Totengräber unserer Spitzenbonität, wenn wir nicht rasch gegensteuern.

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