Fachhochschule oder Universität?

trend befragte Jobexperten, zu welcher Ausbildung sie raten würden.

Kunstgeschichte, Archäologie und Ägyptologie – eine für Österreich nicht gerade naheliegende Studienwahl. Trotzdem hat sich Evelin Mayr nach der Matura für genau diese Kombination entschieden. „Ich bin mit sehr viel Idealismus an die Sache herangegangen und habe vielleicht zu wenig den Realitäts­check gemacht“, sagt sie heute – als Personaldirektorin von Hewlett-Packard (HP) Österreich. Ihre Karriere hat sie bisher über zahlreiche Wege geführt, etwa ein Lehrgang für Öffentlichkeitsarbeit an der Uni Wien und ein Executive-MBA-Studium an der Donau-Universität Krems. Ihre Studienwahl bereut sie aber nicht.

Allein an den öffentlichen Universitäten in Österreich konnte man im Wintersemester 2007 zwischen 145 Diplomstudien, 246 Bachelorstudien und 246 Masterstudien auswählen. Dazu kommen noch zwölf Privatuniversitäten und 240 Studiengänge an 20 Fachhochschulen (FH) in Österreich. Wie sollen sich Studienanfänger bei diesem Angebot entscheiden? Der trend hat sich auf die Suche nach der Ausbildung der Zukunft gemacht und Bildungsexperten und Personalchefs gefragt, welche Jobs gerade besonders gefragt sind.

Klare Sieger sind die Techniker. „Über Jahre hinweg ist schon zu beobachten, dass Absolventen technischer Studienrichtungen vom Arbeitsmarkt fast aufgesaugt werden“, sagt Stefan Humpl, Geschäftsführer der Unternehmensberatung 3s. Von klassischen technischen Studienrichtungen wie Maschinenbau, Elektro- oder Verfahrenstechnik über moderne Studien wie Informatik bis hin zu allen Kombinationsmöglichkeiten von Technik und Wirtschaft, etwa Wirtschaftsingenieurwesen oder Technisches Vertriebsmanagement – jegliche Art von Techniker ist gefragt. In diesem Bereich haben sich in den letzten Jahren auch viele neue Berufe entwickelt. „In der Informatik hat eine sehr starke Differenzierung stattgefunden: IT-Consulter, Systemadministratoren, Datenbankprogrammierer und so weiter“, beschreibt Humpl die neuen Spezialistenjobs. HP-Personalchefin Mayr kann das für das weltweit größte IT-Unternehmen bestätigen. In erster Linie suche sie SAP-Programmierer – allerdings nicht ausschließlich Spezialisten. „Ich suche Leute, die vernetzt denken können, die über den Tellerrand ­hinausschauen, die neugierig und offen sind“, so Mayr. Auch Martin Lauer, Leiter des Human Resources Kompetenzzentrums der Telekom Austria, beobachtet derzeit einen „Mangel an vernetzten Generalisten“ am Markt. Nach den Nachfragespitzen bei SAP-Programmierern seien diese Spezialisten jetzt ausreichend vorhanden. „Generalisten sind in Mitteleuropa gefragt“, so Lauer.

Eine Zielgruppe ist in technikorientierten Unternehmen nach wie vor extrem unterrepräsentiert und daher besonders gefragt: Frauen. Mayr appelliert an Frauen, sich nicht abschrecken zu lassen. Gerade in Sachen Jobsicherheit und Karrieremöglichkeiten sei IT für junge Frauen attraktiv. Dass Techniker im Karrierewettlauf die Nase vorn haben, ist auch an ihren Gehältern zu erkennen. Conrad Pramböck, Gehaltsexperte von Neumann International, erklärt: „Wenn man sich die Einstiegsgehälter anschaut, profitieren die Techniker derzeit am stärksten, weil sie am meisten gefragt sind.“ An zweiter Stelle folgen die Wirtschaftsabsolventen. Dieses Studium empfiehlt Pramböck daher allen, die mit Technik nichts anfangen können. Die Möglichkeiten sind hier ebenso vielfältig wie im technischen Bereich: „Da kann ich ins Rechnungswesen gehen, um eine Karriere als kaufmännischer Leiter anzustreben; da kann ich ins Controlling oder in Richtung Marketing gehen und so weiter.“ Das traditionell höchste Gehalt könne man im Bereich Vertrieb aufgrund der Bonuszahlungen erwarten, so Pramböck.

Ein weiterer Bereich , der derzeit noch eher ein Geheimtipp ist, sind neue Sparten im Gesundheitswesen. „Dort sind es weniger die Mediziner, aber stärker die Pflegeberufe und dabei auch die mit entsprechenden akademischen Ausbildungen, die sich gerade etablieren“, so Humpl. Die Ausbildungen für Fachkräfte für gehobene medizinisch-technische Dienste – etwa biomedizinische Analytik, Ergotherapie, Physiotherapie oder Radiologietechnologie – sowie für Hebammen wurden auf Fachhochschulniveau gehoben. Außerdem steigt die Anzahl der Studienangebote im Bereich Gesundheitsmanagement.

Geisteswissenschaftliche Studien sind in der Wirtschaft am wenigsten gefragt. Trotzdem wählen in Österreich traditionell viele Studienanfänger ein solches Studium. Die Ausbildung ist breit angelegt und vielfältig. Um erfolgreich am Arbeitsmarkt einzusteigen, rät Humpl, sich abseits des Studiums bestimmte Zusatzqualifikationen anzueignen. Etwa im Bereich Projektmanagement oder Präsentationstechnik – Fähigkeiten, die man zum Beispiel bei Praktika erwerben kann. Außerdem braucht es ein hohes Maß an Eigen­initiative, um aus der Vielzahl an Abgängern hervorzustechen. Gudrun Biffl, Bildungsexpertin am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), sieht aber auch einen Nachholbedarf seitens der Wirtschaft beziehungsweise der Institutionen. Viele Jobs, die es in den Geisteswissenschaften geben könnte, seien schlichtweg noch nicht geschaffen. „Einerseits haben wir im internationalen Vergleich in Österreich ein sehr hohes Angebot an unterschiedlichen Geisteswissenschaften. Andererseits gibt es am Arbeitsmarkt nicht die Anzahl an Arbeitsplätzen und die Differenzierung, die es im Ausland gibt.“ Ein Beispiel: In nordischen oder angelsächsischen Ländern sei es im Schulsystem üblich, dass psychologische Berater Schüler und Lehrer unterstützen, etwa bei Problemen mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen. In Österreich sei dieser Beruf noch nicht im gleichen Ausmaß institutionalisiert, obwohl es hier ein Übermaß an Psychologiestudenten gibt. „Wir haben am Arbeitsmarkt nicht Vorsorge dafür getroffen, dass die Absolventen auch ausbildungsadäquat beschäftigt werden“, meint Biffl.

Auch im Bereich Gesundheitswesen sieht Unternehmensberater Humpl Potenzial zur Differenzierung und Spezialisierung: „Zum Beispiel Altenbetreuung, Heimhilfe oder Übergangsmanagement, das heißt die Begleitung von Patienten nach ihrer Entlassung in andere Betreuungsformen.“ Es seien aber eher neue Tätigkeiten als neue Berufe, die sich hier entwickeln würden, meint Humpl – auch im akademischen Bereich. „Die klassische Berufsbezogenheit wird eher abnehmen, außer dort, wo die akademische Ausbildung die Grundvoraussetzung für eine Berufstätigkeit ist: das Medizinstudium für Ärzte, das Jusstudium für Rechtsanwälte und Richter, das Lehramtsstudium für Lehrer an höheren Schulen.“

Der Trend geht daher auch im Personalmanagement dahin, dass nicht mehr ausschließlich Absolventen bestimmter Studienrichtungen für einen Job gesucht werden, sondern der passende Bewerber entsprechend seiner Kompetenzen ausgewählt wird. „Ich lege nicht nur auf die Ausbildung Wert, sondern schaue auch sehr stark auf den Typus des Kandidaten, ob er zum Unternehmen passt“, bestätigt Spar-Österreich-Personalchef Marco Cardona. Soft Skills – also Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, ­Flexibilität und Eigenständigkeit – sind heutzutage ebenso wichtig wie fachliche Kenntnisse. Für Cardona steht die Frage im Vordergrund, ob jemand praktische Lösungen erzielen kann: „Der Bewerber muss vor allem sein theoretisches Wissen sehr rasch in praktische Lösungen umsetzen und dabei einen Blick für das Gesamte wahren können.“

Können Universitäten diese Kompetenz fördern? In Österreich haben derzeit eher die Fachhochschulen den Ruf, praxisorientiert auszubilden. Finden Personalchefs diese Ausbildungsform daher besser als ein universitäres Studium? „Für uns direkt in der Wirtschaft Stehende ist momentan zu erkennen, dass FH-Absolventen leichter zu integrieren sind, weil viel mehr Praxisbezug vorhanden ist“, meint Personalchefin Mayr. Cardona bestätigt: „Die FH-Absolventen finden schneller den Einstieg ins Berufsleben. Wenn es um die praktische Umsetzung geht, haben sie meistens die Nasenspitze vorn.“ Grund dafür sind in erster Linie die verpflichtenden Praktika, die wichtige Einblicke in die Berufswelt ermöglichen.

Doch ganz so düster sieht es für die Jungakademiker doch nicht aus, relativiert Cardona ihre Jobeinstiegschancen: „Bei jemandem, der von einer Universität kommt, ist für Personalchefs klarer erkennbar, was er gemacht hat. Bei den Fachhochschulen gibt es bereits sehr viele, sehr unterschiedliche Programme. Hier ist es für das Unternehmen schwerer evaluierbar, was der Bewerber konkret gelernt hat und wie gut diese Ausbildung ist.“ Fachhochschulen gibt es in Österreich erst seit 1994 – im Vergleich zu manchen Uni-Studien ist das ein sehr kurzer Zeitraum.

Personalentscheidungen werden , so die Erfahrung von Neumann-Experten Pramböck, meis­tens konservativ getroffen, „das heißt, man entscheidet sich lieber für die sichere Seite“. In puncto Gehalt machen die Unternehmen heutzutage keine großen Unterschiede mehr. „Die Einstiegsgehälter von Uni- und FH-Absolventen sind in ihrem jeweiligen Bereich sehr ähnlich“, sagt Pramböck. In der Gunst der Personalverantwortlichen ist das Match zwischen Universitäten und Fachhochschulen also derzeit unentschieden. Die Entscheidung liegt demnach beim Studierenden selbst. Grundsätzlich sind Uni-Studien breit angelegt, während Fachhochschulen auf Spezialisierung abzielen. „Wenn Sie genau wissen, das möchte ich machen und nichts anderes, machen Sie eine Fachhochschule“, rät Pramböck. „An der Uni sind Sie in vielen Fächern, etwa Wirtschaft, einer von vielen und brauchen ein hohes Maß an Eigeninitiative, um sich durchzukämpfen.“ Als einfache Hilfe, um herauszufinden, ob man eher spezialisiert oder generalistisch arbeiten will, empfiehlt Personalist Lauer von der Telekom folgende Über­legung: „Haben Sie ein einziges Hobby, bei dem Sie wirklich gut sind – oder sind Sie jemand, der heute surfen, morgen bergsteigen und übermorgen rollerbladen geht?“

Wie aber soll man unter all den Studienanbietern den besten finden? Auch hier hat Lauer einen Tipp: „Wenn man sich für ein Studium entschieden hat, sollte man schauen, wo das überall angeboten wird und wie dort die Erfahrungen von Absolventen sind. Unter welchen Bedingungen haben sie mit dem Studium begonnen, und wie schaut es heute im Berufsumfeld aus?“

Sich bei der Studienwahl aber nur auf Karrieremöglichkeiten, Gehaltstabellen und Absolventenmeinungen zu stützen, davon ­raten alle Personalexperten ab. Die grundsätzliche Entscheidung sollte von persönlichen Stärken und Interessen abhängen. „Wenn mehrere Interessen da sind – und das ist in der Regel der Fall –, dann erst sollte man sich die Frage stellen, wo es möglicherweise nach dem Studium gute Jobmöglichkeiten gibt“, sagt Humpl. Außerdem gilt es zu bedenken, dass das, was heute am Markt gefragt ist, sich relativ schnell ändern kann. „Ein Studium dauert in der Regel vier bis fünf Jahre, und in dieser Zeitspanne kann sich ein Trend auch umkehren“, meint Cardona. „Ich würde eher auf die eigenen Stärken setzen, das ist der sicherere Weg.“

Von Regula Troxler

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