Ex-Finanzminister Josef Pröll im großen trend-Interview

Ex-Finanzminister Josef Pröll verrät, warum die ersten Monate als Vorstandschef der Beteiligungsholding Leipnik-Lundenburger Invest ziemlich turbulent waren, was die Wirtschaft fundamental von der Politik unterscheidet und was er vom soeben geschnürten Sparpaket der Regierung hält.

Josef Pröll (zu seiner Assistentin): Für mich bitte auch noch einen Kaffee!

trend: Wie viel Kaffee aus den zur Leipnik-Lundenburger Invest (LLI) gehörenden Café+Co-Automaten müssen Sie jetzt täglich trinken?

Zumindest einen. Trinken Sie etwa einen anderen im Büro? Wenn ja, müssen wir was tun …

Unsere Saeco-Maschine hat vor Kurzem den Geist aufgegeben, nun sind auch wir Ihre Kunden. Damit trägt der trend zur Erfolgsbilanz von Café+Co bei: zuletzt 150 Millionen Euro Umsatz und laut Bilanz 11 Millionen Jahresüberschuss.

Ja, die Zahlen sind erfreulich, und wir sind dort weiter auf Wachstumskurs.

Weniger Freude bereitet Ihnen die deutsche LLI-Mehrheitsbeteiligung VK Mühlen. Im Oktober bekam diese börsennotierte Gesellschaft von den Behörden eine Kartellstrafe von 23,8 Millionen Euro aufgebrummt – wegen jahrelanger verbotener Preisabsprachen bei Weichweizenmehl.

Als ich mit 1. Juli 2011 angetreten bin, war klar: Wir wollen das Thema endgültig vom Tisch haben und nicht jahrelang mitschleppen. Manche Berechnungen sind ursprünglich von 60 Millionen Euro ausgegangen.

Aber Sie hatten nur 17 Millionen Euro dafür rückgestellt, also mit weniger gerechnet. Obendrein brauchen Sie diese Rückstellungen jetzt noch für Kartellverfahren in Frankreich und den Niederlanden.

Das in Frankreich ist eine skurrile Situation, weil wir dort mit Mehl nicht einmal tätig sind. Die Franzosen werfen uns vor, wir hätten indirekt ein Kartell gestützt, indem wir nicht auf den Markt gegangen sind. Wir müssen dennoch die Entscheidung der Behörden dazu abwarten.

Zur Finanzierung des Bußgelds soll die Hauptversammlung der VK Mühlen am 15. März Kapitalmaßnahmen von weiteren 20 Millionen Euro absegnen, damit die Zahlung gestemmt werden kann. Wird das durchgehen?

Wir haben mit der Kapitalaufstockung bereits die richtigen Maßnahmen gesetzt. Ich erwarte bei der Hauptversammlung auch für weitere notwendige Beschlüsse die entsprechende Zustimmung.

Wir kennen Sie als ehemaligen Finanzminister. Was machen Sie in dieser Causa als LLI-Vorstandschef? Lobbying bei den Kartellbehörden?

Das ist eine Aufgabe der operativen Vorstände und der Rechtsanwälte. Ich sehe meine Aufgabe an der Spitze der Holding – aber wenn Not am Mann ist, bringe ich mich da gerne ein. Bei VK Mühlen sitze ich ja auch im Aufsichtsrat.

Insgesamt hat Ihnen die Kartellgeschichte das LLI-Ergebnis im abgelaufenen Geschäftsjahr ordentlich verhagelt. Statt der erwarteten 40 Millionen Euro sind es nur 16,8 Millionen Euro Jahresüberschuss.

Addieren Sie dazu die Kartellstrafe von 23,8 Millionen, und wir sind genau dort, wo wir ursprünglich hinwollten. Wichtig ist für mich aber vor allem, dass wir die Ertragssituation im Mühlenbereich deutlich verbessern. Am Verkaufspunkt – vertriebsseitig – müssen wir stärker werden. Das Kartell ist Geschichte, jetzt müssen wir in den freien Markt starten, Kostenführerschaft erlangen, mit neuen Produkten an den Mann bzw. die Frau gehen, wie wir das jetzt in Ungarn und Tschechien tun. Mit „Fini’s Feinstes“ ist da in Österreich vor einigen Jahren schon viel gelungen.

Was wird von Ihren beiden operativen Hauptstandbeinen in den nächsten Jahren stärker wachsen? Café+Co oder das Mühlengeschäft?

Wohl Café+Co, weil wir hier potenziell auch zukaufen können. Aber vorerst wollen wir in beiden Bereichen einmal organisch wachsen. Das Mühlengeschäft haben wir jetzt neu geordnet, mit klarer Länderverantwortung. Diese Struktur haben wir im letzten halben Jahr aufgesetzt. In Zukunft könnten bei den Mühlen auch neue Märkte interessant sein, etwa Russland, die Ukraine oder die Türkei. Konkrete Zukäufe sind aber derzeit nicht in Sicht. Auch neue Geschäftsfelder wollen wir fürs Erste nicht entwickeln.

Das hört sich nicht nach einer aggressiven Wachstumsstory an.

In Rumänien beliefern wird mit einer eigenen Bäckerei McDonald’s. Das heißt: Die Wertschöpfungskette zu verlängern, dem verschließen wir uns nicht.

Sie wollen Bäckereien zukaufen? In Deutschland gibt es mit Müller Brot gerade eine Großinsolvenz …

Da sollte man nicht sofort zugreifen, das müssten wir aus eigener Kraft heraus schaffen. Vielleicht ergibt sich in einigen Ländern Osteuropas etwas, auch im Tiefkühlbereich.

Was wird die LLI im am 30. September endenden Geschäftsjahr umsetzen – und wie stark muss sich ihr Ergebnis verbessern?

Wir rechnen nach dem ersten Quartal mit rund einer Milliarde Euro Umsatz. Wenn wir beim EGT das erreichen, was wir uns 2010/11 vorgenommen hatten – insbesondere im Hinblick auf das Verfahren in Frankreich –, dann wäre ich schon sehr zufrieden.

Also rund 40 Millionen Euro.

Ja.

Optimisten sagen, dass nach dem Facebook-Börsengang, der für Mai erwartet wird, eine weltweit günstige Stimmung für IPOs entstehen könnte. Ist nun die Zeit für den langjährigen Börsenkandidaten LLI gekommen?

Ich sehe das weder 2012 noch 2013. Aus zwei Gründen: Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit im Mühlenbereich vorantreiben – die absolute Erfolgsstory können wir dort noch nicht schreiben, auch wenn wir das Potenzial haben. Zweitens: Die Kapitalmärkte sind noch lange nicht so weit. Die Griechenland-Probleme sind nicht überwunden, die Kapitalmärkte kommen nicht so schnell zurück. Soll heißen: Arbeiten, Konzern weiterentwickeln, börsenfit werden – aber die Entscheidung für einen Börsengang sehe ich in den nächsten zwei, drei Jahren sicher nicht.

Ihre nicht operativen Beteiligungen, zu denen die Agrana, die deutsche BayWa, Südzucker, aber auch die Casinos Austria (Casag) gehören, haben im letzten Jahr Dividenden in Höhe von über elf Millionen Euro abgeworfen. Wie darf ich mir Ihre Rolle bei der Neuvergabe der Casino-Lizenzen vorstellen?

Ich will mit diesem Thema als ehemaliger Finanzminister, der fürs Glücksspiel zuständig war, nichts zu tun haben. Deshalb sitze auch nicht ich im Aufsichtsrat der Casinos Austria, sondern der Chef der RZB, Walter Rothensteiner.

Das heißt, Sie reden mit Ihrer Nachfolgerin Maria Fekter nicht über die Casino-Lizenzen?

Definitiv nein.

Sie sind jetzt seit acht Monaten in Ihrer neuen Funktion. Ist bisher alles so gekommen, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Es gibt einen großen Unterschied: In der Politik hat man permanente Öffentlichkeit. In einem Unternehmen kann man mit den engsten Mitarbeitern und mit dem engsten Führungskreis Optionen diskutieren und ausarbeiten – und dann auf guter Datenbasis entscheiden.

In der Politik kann man das nicht?

Nein, das fällt mir erst jetzt auf. In der Politik hast du, wenn du mit einem Zweiten sprichst, jeden Tag latent die Herausforderung, dass es demnächst in der Zeitung steht. Das verschlechtert die Qualität der Vorbereitung, und es verschlechtert die Qualität der Entscheidungen. Und von der Lebensqualität her ist man in der Wirtschaft viel selbstbestimmter, etwa in der terminlichen Planung. Wenn einem dann auch noch die Öffentlichkeit nicht fehlt, dann ist die Wirtschaft schon sehr, sehr schön.

Ihnen fehlt die Droge Öffentlichkeit nicht?

Nein. Die Öffentlichkeit geht mir nicht ab – ich meide sie aber auch nicht. Ich hatte acht Jahre die Chance, es besser zu machen, etwas zu bewegen – jetzt sind die Nächsten dran. Kommentar von meiner Seite brauchen meine Nachfolger deshalb nicht.

Wenn Politik so kompliziert und belastend geworden ist, müsste man Politiker im Verhältnis zu Top-Managern wohl besser bezahlen.

Eine indirekte Antwort darauf: Wenn die Rasanz dieser Entwicklung, das Fehlen von Rückzugsräumen, die extreme Medialisierung, so weitergeht, frage ich mich, wer in Zukunft noch in die Politik einsteigen will, wenn er Top-Erfahrungen in der Wirtschaft hat. Die Durchlässigkeit in beide Richtungen müsste viel größer werden, sonst gehen nur mehr jene in die Politik, die alle Sicherheiten der Rückkehr haben, also Beamte. Das halte ich für eine falsche Entwicklung. Ich habe den Umstieg in die Wirtschaft geschafft, ich kenne aber sehr viele, die das nicht konnten.

Was braucht es also?

Mehr Mut zur Wahrheit und Klarheit in der Politik, ein selbstbewussteres Auftreten. Hintreten und sagen: Ich mache meine Arbeit, ich bemühe mich für Österreich, und ja: Ich treffe manchmal auch Fehlentscheidungen. Und umgekehrt braucht es auch Akzeptanz in der Wirtschaft selbst, dass Politiker in Sachen Netzwerkerfahrung und Durchschlagskraft ein Gewinn sein können.

Hat sich die Politik wirklich schon so weit von den Menschen entfernt, wie Sie das neulich konstatiert haben?

Durch den täglichen Druck und das ständige Dazwischenschalten der Medien ist man vom Bürgerkontakt oft weit entfernt. Das habe ich damit gemeint.

Geht das jetzt präsentierte Sparpaket der Regierung in die Richtung, die Sie mit Ihrer großen Rede über das „Projekt Österreich“ am 14. Oktober 2009 skizziert haben?

Schade war, dass da schon am nächsten Tag die Lösung erwartet wurde. Ich habe es für mich selbst nicht schaffen können bei der Regierungsklausur in Loipersdorf. Aber die Ansprüche gelten nach wie vor, und man ist diesen Ansprüchen nun ein Stück nähergekommen. Ein deutliches Stück näher.

Das Sparpaket ist nicht die „größte Mogelpackung“ aller Zeiten, wie manche Medien kommentiert haben?

Absolut nicht.

Wird die Staatsschuldenkrise optimal gemanagt?

Nach Lissabon, das wissen wir, ist es schwieriger geworden, international Führungskompetenz zu zeigen. Da muss sich Europa überlegen, wie man Verantwortung und stärker Flagge zeigen kann. Kapitalmärkte nehmen jeden Zwiespalt zwischen Führungspersonen sofort wahr. Seit dem Anfang der Krise ist man in Europa aber geeinter geworden. Ich halte es freilich für gefährlich, wenn Deutschland und Frankreich ihre Rolle noch weiter zulasten derer stärken, die mit ihnen in der EU sind.

So eine neue Entscheidungsarchitektur kann ich ja kaum zimmern, wenn ich noch bei einer laufenden Operation bin.

Und genau deshalb müssen die Chefchirurgen ja mit einer Stimme sprechen und ständig abgestimmt nach außen auftreten.

Zu Ihrer künftigen Rolle: Sie sitzen in den Aufsichtsräten Ihrer Töchter und auch bei Siemens Österreich. Kommt da noch etwas dazu?

Ich bin in den Vorstand der Industriellenvereinigung eingezogen, und damit schließt sich ein Kreis: Als Umweltminister hatte ich mit diesem Vorstand ja heftigste Auseinandersetzungen.

Sie ziehen in den Aufsichtsrat der Austria Wien ein, werden Landesjägermeister …

… sofern ich die Zustimmung der Jägerinnen und Jäger am 14. April bekomme …

… und Raiffeisen-Generalanwalt als Nachfolger von Christian Konrad?

Ich bin in dieser Nachfolge nicht im Spiel. Ich habe meine LLI-Aufgabe, ich habe meine Aufgabe in den Aufsichtsräten der Töchter und im Raiffeisen-Revisionsverband Niederösterreich-Wien. Und damit hat sich’s – ich habe auch diesbezüglich keine weiteren Ambitionen.

Interview: Bernhard Ecker

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