Ethik zwischen Konjunktur und Konjunktiv

Die Ethik-Diskussion liegt in jeder Hinsicht danieder. Soll man sie aufgeben oder mit neuer Ärztekunst wieder beleben? Von Helmut A. Gansterer

Dieser Essay mündet in den Vorschlag, Österreich als führendes Ethik-Denk-Land zu installieren, vielleicht sogar als führendes Ethik-Praxis-Land. Man würde eine Nische besetzen, die aller Ehren wert wäre. Sie gäbe internationalen Glanz. Sie würde zu einer Reputation führen, die anders gar nicht zu kriegen wäre. Reiner Wirtschaftserfolg kann Österreichs Ruf kaum noch steigern. Wir sind nah am Plafond des Möglichen. Die meis­ten ÖsterreicherInnen wissen es zwar nicht, doch „draußen in der Welt“ schätzt man Österreich ohnehin als tüchtig ein, als David unter den Top Ten der modernen Wohlstandsländer, als „Schweiz mit anderen Mitteln“ oder einfach als „das bessere Deutschland“ („manager magazin“, Hamburg).
Auch Kulturerfolg kann Österreichs Ruf derzeit kaum steigern. Kein Land, ausgenommen vielleicht Italien, ist derart perfekt in der Ausbeutung seiner genialen Ahnen bei gleichzeitiger Aushungerung seiner lebendig begrabenen jungen Künstler.

Ethik wäre die erstklassige, momentan vielleicht einzige Chance, als Lichtpunkt auf den Landkarten zu leuchten. Spätere Generationen, die noch lieber Englisch sprechen werden als die heutigen, würden sagen können: Ethics put Austria back on the map, in those early years of the new
century. Um das zu erreichen, schlage ich eine Art Ethikkommission vor. Sie dürfte halt nur nicht so heißen. „Austrian Ethics“ müsste als nichtmilitärische Eliteeinheit gegründet werden, besetzt mit Damen und Herren, die über persönlich-sittliche Vorzüge verfügen. Gefragt wären materielle und geistige Unbestechlichkeit, reifes Sozialempfinden und ein Bündel an raren Zivilisationstechniken: Schnelldenken, Bilddenken, Langsamsprechen, Kurzformulieren. Auch Flexibilität und die versunkene Kunst des Zuhörens wären kein Fehler. Weiters wären hohe Allgemeinbildung und wacher Sinn für politische Machbarkeit zu verlangen – und gründliche Wirtschaftskenntnisse. Denn die Ethik des „Unterbaus“ Ökonomie ist zwar nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts.

Angenommen, man fände ein kleines, effizientes und auf breiter Basis glaubwürdiges Rudel an Wunderwuzzis, müsste dieses auch noch beträchtliche Frustrationstoleranz einbringen. Es ginge zunächst nicht um ein lustiges Elfmeterschießen, also Antworten zu finden und die Zehn Gebote derart neu zu schreiben, dass sie selbst Atheisten, Schurken, Boulevardzeitungslesern und Anhängern von Blödparteien einleuchten. Das wäre nur die Krönung der Arbeit.

Ehe man diese Freuden der Hochebene ausleben könnte, wäre die Mühsal der Berge zu bewältigen. Beispielsweise die Abtragung der alt-philosophischen Schrotthalden. Viele bisherige Ethikdiskussionen erschöpften sich (bis zur auch körperlichen Erschöpfung und Lustlosigkeit) im Altgriechischen. Halten zu Gnaden: Wir wissen nun längst, dass wir Ethik von ethos ableiten dürfen als Gewohnheit, Brauch, Sittlichkeit. Wir wissen, dass Ethik in den mit Moral beschäftigten Teil der Philosophie fällt, und zwar erfreulicherweise in die „praktische Philosophie“, nicht in die „theoretische Philosophie“, die uns mit Erkenntnistheorie und Metaphysik belästigt. Wir haben bis zum Überdruss gehört, dass schon vor Aristoteles der Sokrates über Tugenden nachdachte („Sokratische Wende“) und später Cicero der Erste war, der für „ēthikē“ die Übersetzung „philosophia moralis“ fand.

Schön, das zu wissen. Herzlichen Dank. Hilft aber heute nicht weiter. Die töricht so genannten „alten Griechen“, die ihre blutjungen Schülerinnen und Schüler gleich auch im Bett unterrichteten, sind kein Lineal für heutige Moralvermessungen. Und selbst Größen wie Epikur wussten relativ wenig über heutige Ethikprobleme wie: Shareholder Value und Stakeholder Value, kurzsichtige Gewinnmaximierung, Kolonialherrlichkeit grenzüberschreitender Großkonzerne, Headquarter-Präferenzen und Direktorenprämien, die nicht an Innovationskraft, sondern an Unmenschlichkeit gebunden sind. Die Weißbärte der vorchristlichen Zeit wussten ferner nichts von Umweltschutz und Hygiene, sie pinkelten an die Säulen ihrer Parlamente.

Erste Vorarbeit einer „Austrian Ethics – Gesellschaft mit voller Haftung“ also: zärtliche Stilllegung der Klassik. Zweite wichtige Vorarbeit: das bisher Erreichte zu fixieren, um „Kraft durch Zuversicht“ zu schaffen. Beispielsweise die sieben Humanisierungsschübe seit der Erfindung des Kapitalismus vor 233 Jahren (die ich hier aus Platzgründen nicht wiederhole) festzuhalten oder die auch bilanziell guten Erfahrungen ethischer Unternehmer, von den ersten „Grün-Unternehmern“ bis zur Schokolade-Manufaktur des Josef Zotter, der den ethisch sauberen Rohstoffeinkauf in Entwicklungsländern populär machte. Seine Kunden zahlen gern einen Aufpreis dafür.

So wie Ethik generell wieder als spannend empfunden wird. Zuletzt war dies in den 1970er Jahren der Fall, als man in Politik und Wirtschaft daran ging, das Führungsprinzip „Anschaffen und gehorchen“ zu zertrümmern. Dieser Schwung ging verloren. Seit 30 Jahren pendelt die Ethikdiskussion zwischen Konjunktur und Konjunktiv. In der Hausse wurde dar­über geredet, in der Baisse nicht. Bertolt Brecht behielt Recht: „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Es gab für Ethik keinen Wirklichkeitssinn, nur einen Möglichkeitssinn.

Meine Zuversicht, wir gingen nun in einen neuen Sonnenaufgang, wird durch einen der besten Ethik-Events der letzten Jahre unterstützt. Er war glänzend organisiert von den „Kiwanis“ von Ried im Innkreis, der oberösterreichischen Wirtschaftskammer und den frommen Herren des Augustinerstifts in Reichersberg. Er umrahmte eine glücklich besetzte Podiumsdiskussion. Sie zeigte verblüffende, bereichsüberschreitende Harmonien. Franz Küberl (Caritas-Kapo), Walter A. Stephan (Vorstandsdirektor FACC) und Johannes Jetschgo (Chefredakteur ORF-OÖ) fanden gemeinsame, ethische Zukunftspositionen. Selbst der trend-Botschafter als Vertreter der Printmedien fiel, so wird gesagt, nicht negativ ab.

Wichtiger: Von den 300 Zuhörern und Mitdiskutanten belebte die Mehrheit bis weit über Mitternacht den Sündenkeller des atemberaubend schön renovierten Stifts. Es gibt eine neue Ergriffenheit ad Ethik. Der erstklassige Wein der Augustiner Chorherren war dabei eine letzte, wenngleich wichtige Verbindung zur Lebensfreude der klassischen, hedonistischen Griechen.
Es war wie ein Gruß an Aristippos, dem wir einen der schönsten Ethik-Sätze verdanken: „Besser, das Geld geht durch mich zugrunde als umgekehrt.“

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