Erste Kritik an Banker Ludwig Scharinger:
Dennoch sieht er Raiffeisen gut aufgestellt

Die Erfolgsbilanz von Banker Ludwig Scharinger wird wegen einiger Probleme bei Beteiligungen erstmals in Zweifel gezogen. Dennoch sieht er Raiffeisen Oberösterreich besser aufgestellt als die Konkurrenz. Die Krise wird zeigen, ob Scharingers Art, eine Bank zu führen, den Methoden formalistischer Risikomanager überlegen ist.

Von Bernhard Ecker

Linz, 16. Juni, Brucknerhaus: eine Galanacht der „Ober­österreichischen Nachrichten“ („OÖN“), gesponsert von der Raiffeisenlandesbank (RLB). Wenige Sekunden vor der Eröffnung tätschelt der mit dem obligaten weißen Sakko bekleidete Verleger, den sie „Padrone“ nennen, am Saaleingang kurz den Ellbogen jenes Bankers, der den Beinamen „König Ludwig“ trägt. Dann trennen sich die Wege der beiden.

Die kleine Geste wurde diesmal aufmerksamer als sonst registriert. Denn in den Tagen davor war Unerhörtes geschehen. Ein Artikel in den „OÖN“, deren Verleger der gebürtige Italiener Rudolf A. Cuturi ist, hatte alle ersichtlichen – und vermeintlichen – Problemfälle des oberösterreichischen Raiffeisen-Chefs Ludwig Scharinger aufgezählt und mit einem höhnischen Titel versehen: „Er kann doch nicht übers Wasser gehen“. Mehr brauchte es nicht. Für Scharinger ist öffentliche Kritik in seinem Bundesland etwas völlig Neues. „Besser, sie hätten mich vorher gefragt, statt falsche Dinge zu schreiben“, empört er sich im trend-Interview (Seite 36). Und verbittet sich Jesus-Vergleiche: „Was soll das mit dem Wasser? Wir sind ja hier nicht am See Genezareth!“

Die Linzer Elite war schnell einig und wertete den „OÖN“-Artikel als Warnschuss Cuturis, weil Scharinger bei der Fusion von Moser Holding („Tiroler Tageszeitung“) und Styria (u. a. „Presse“, „Kleine Zeitung“) mitmischt. Es tauchten jedoch auch Gerüchte auf, Scharinger werde – freiwillig oder nicht – die RLB bald verlassen. Sonst hätte die regionale Zeitung keinen Angriff auf den mächtigsten Oberösterreicher gewagt. Zwar sind alle Nachfolgespekulationen in Bezug auf den 67-Jährigen und seinen Vertrag bis 2012 wieder vom Tisch. Die Frage, auf wie sicheren Beinen die RLB wirklich steht, wird aber weiterhin gestellt.

Scharinger führte die frühere Regionalbank unter seiner Ägide von Rekord zu Rekord. Zuletzt erzielte der Bankkonzern mit einer Bilanzsumme von 32 Milliarden Euro und einem Jahresüberschuss von 214 Millionen Euro erneut Traumwerte. Der begnadete Netzwerker und Querverbinder Scharinger, der auf Blasmusikfesten ebenso präsent ist wie bei den City-Empfängen des Wiener Teppichhändlers Ali Rahimi, sammelte Beteiligungen wie andere Leute Uhren: von der Voestalpine über zahllose Mittelständler bis zu den russischen Fertigteilhaus-Aktivitäten von Alexander Maculan. Über 500 Beteiligungen hängen am Bankhaus mit Sitz am Europaplatz in Linz, 146 davon sind in drei Privatstiftungen geparkt.

In der heimischen Finanzszene wird nun häufiger gemutmaßt, dass Scharinger zuweilen Problemkredite in Beteiligungen wandelt – und damit Risiken in die Zukunft verschiebt. Der Linzer Rechtsanwalt Gerhard Wildmoser, enger Vertrauter Scharingers und Aufsichtsratspräsident der Invest Beteiligungs AG, widerspricht: „Es gibt höchstens ein paar Probleme bei kleinen Firmen. Aber das Gerede von einer Gefährdung ist völliger Blödsinn.“

Die erste Großpleite aus seinem Portfolio konnte Scharinger allerdings gerade noch abwenden. Der Autozulieferer Polytec hatte sich im Herbst 2008 mit dem Kauf des größeren deutschen Mitbewerbers Peguform überhoben. Während alle anderen Banken die Weiterfinanzierung verweigerten, wollte Scharinger das Unternehmen, an dem er schon bisher mit drei Prozent beteiligt war, auf gar keinen Fall pleitegehen lassen.

Ergebnis: Peguform wird abgetrennt, die RLB gewährt Polytec 50 Millionen Schuldennachlass und erhält dafür eine Beteiligung von über 20 Prozent (aktueller Wert: rund zehn Millionen); eine Beteiligung an einem Autozulieferer, dessen Zukunft ungewiss ist. „Oberbank, Bank Austria und Investkredit wechseln mit ihrem Kreditvolumen zur Peguform, weil sie das für die weniger riskante Variante halten“, sagt ein involvierter Banker. Völlig konträr beurteilt Scharinger die Lage: „Im Gegensatz zu Peguform ist Polytec nicht zu hundert Prozent von der Autokonjunktur abhängig.“ Warum die RLB mehr Bewegungsspielraum hat, erklärt er so: „Wir dotieren die Risikovorsorge stets höher als die anderen, deshalb können wir im Ernstfall auch Zusatzliquidität zur Verfügung stellen.“

Banking à la Scharinger heißt, dass in große Entscheidungen Faktoren einfließen, die von keinem Controller registriert werden: Instinkt und Sympathie zum Beispiel. Wer ihn über den Polytec-Gründer Friedrich Huemer reden hört, weiß, dass der Bauernsohn Scharinger den Arbeitersohn und Selfmademan Huemer nicht fallen lassen konnte. „Der Huemer ist ebenso wie seine Frau unglaublich fleißig, die sind Tag und Nacht in der Firma“, schwärmt er. „Und er hat auch wirklich großes Pech gehabt.“ Auf dieser Basis kommt der RLB-Chef zu einer optimistischen Fortbestehensprognose: „Die Autoaufträge kommen wieder. Und die Autohersteller werden sich dann auf gute Zulieferer wie Polytec verlassen.“

„König Ludwig“ Scharinger ist fast so etwas wie die Symbolfigur für einen Systemwechsel im Bankgeschäft. Immer mehr Angehörige seiner Generation beklagen, dass die Software der Risikomanager zusehends wichtiger wird als die Urteilsfähigkeit eines Kreditvorstands, der seine Kunden persönlich kennt. Spielraum für Entscheidungen bleibe kaum noch. Solche Einschränkungen kennt Scharinger nicht. Was er für gut befindet, passiert auch. Doch wird sich diese instinktgetriebene Methode auch in der Krise als tauglich erweisen? Eine Antwort auf die Frage, ob das System Scharinger oder die Zahlenkorsette der modernen Risikomanager mehr Erfolg versprechen, wird sich erst nach dem Ende der Krise herauskristallisieren.

Ein schmerzlicher Flop ist das Biodieselwerk in Enns: eine 45-Millionen-Euro-Investition. Die Betreibergesellschaft, an der die RLB mit 49 Prozent beteiligt war, ging 2008 pleite. Der Mehrheitsgesellschafter, ein Schweizer Finanzinvestor, hatte es nicht geschafft, ausreichend Rapsöl heranzuschaffen. Scharinger beauftragte daraufhin seinen Freund aus Ausbildungstagen, den „Hühnerbaron“ Karl Latschenberger, mit der Rohstoffbesorgung in Rumänien. Auch das funktionierte nicht. Selbst Scharingers persönliche Vorsprache beim ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko Ende Mai verlief wenig erbaulich. Frühestens 2010 kommt Rapsöl aus der Ukraine. Die Investition liegt brach. „Aber“, sagt der Raiffeisenbanker, „die Gesellschaft ist ausfinanziert, es fallen keine Zinsen an.“

Die Biodiesel GmbH ist mittlerweile in die RLB-nahe Privatstiftung für Standorterhaltung eingebracht. Auch das Private-Equity-Vehikel der RLB, die Invest AG (die einige Firmen in Problembranchen wie Autozulieferung, Maschinenbau oder Möbelindus­trie hält), oder Unternehmen wie das Linzer Großkaufhaus Passage, der erfolgreiche Nahrungsmittelriese Vivatis oder der Gurkerlhersteller Efko befinden sich in Stiftungen, deren Kapital ursprünglich von der RLB stammt. Weil diese Beteiligungen aber nicht in der RLB-Bilanz konsolidiert sind, sind auch mögliche ­Risiken schwer sichtbar. Die Finanzmarktaufsicht könnte eine Konsolidierung künftig aber verlangen. „Diese Frage stellt sich aufgrund der Fremdfinanzierung der Stiftungstöchter durch die RLB“, räumt auch Advokat Wildmoser ein. „Wir prüfen gerade, was zu tun ist, damit das nicht notwendig wird. Eventuell stocken wir das Eigenkapital auf.“

Leichter wird es für Scharinger nicht. Denn im industrielastigen Oberösterreich wird in den nächsten Monaten die Insolvenzrate besonders stark steigen. „Sie können sich gar nicht vorstellen, was da noch bevorsteht“, sagt ein Aufsichtsrat einer oberösterreichischen Bank. Umso verblüffender ist Scharingers Erwartung, dass es in seinem Reich zu keinen nennenswerten Ausfällen kommen wird: „Unsere Unternehmen sind allesamt gesund finanziert.“ Auch die Risikovorsorge für wackelnde Kredite (135 Millionen Euro per Ende 2008) wird die RLB nicht erhöhen.
Gänzlich andere Schlüsse aus der aktuellen Wirtschaftslage zieht dagegen Scharingers oberösterreichischer Konkurrent, Oberbank-Chef Franz Gasselsberger: „Natürlich ist das Kreditausfallsrisiko jetzt größer.“ Die Oberbank hat ihre Risikovorsorge im ersten Quartal deshalb um fast 40 Prozent erhöht. Auch Volksbank-Chef Albert Wagner rechnet für sein Haus mit einer höheren Dotierung. Der chronisch optimistische Ludwig Scharinger lässt sich davon nicht von seinem Weg abbringen.

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